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Publikationsbias führt zu mehr Tierversuchen

Unter einem Publikationsbias versteht man die Präferenz von wissenschaftlichen Zeitschriften, bestimmte Forschungsarbeiten zu veröffentlichen, andere jedoch nicht. In letzter Zeit wird zunehmend deutlich, dass es eine solche Präferenz zugunsten von Tierversuchen gibt, welche von den Autoren sogar durch die Zeitschrift selbst oder die Editoren verlangt werden. Auch die Gutachter, welche von den Zeitschriften beauftragt werden, um die Qualität von eingereichten Manuskripten zu prüfen, verlangen häufig Tierversuche, bevor sie die Publikation eines Manuskripts befürworten.

Die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse ist fundamentaler Bestandteil der Forschungsarbeit. Sie ermöglicht es erst, die gewonnenen Erkenntnisse bekannt und dauerhaft auch für andere nutzbar zu machen. Zudem dient die Publikationsleistung, also die Anzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und das Ansehen der Zeitschriften, in denen veröffentlicht wurde, als Maß für die Leistungsfähigkeit des betreffenden Wissenschaftlers. Als solches Qualitätskriterium hat die Publikationsleistung entscheidenden Einfluss auf wissenschaftliche Karrieren, Aufstiegschancen und die Möglichkeit zur Einwerbung von Fördergeldern. Kein Wunder also, dass die Forschenden bemüht sind, möglichst viele Artikel in möglichst prestigeträchtigen Zeitschriften zu veröffentlichen.

Tierversuchsstudien werden bevorzugt

Wenn Wissenschaftler ihre tierversuchsfreien Arbeiten zur Veröffentlichung einreichen, kommt es immer wieder vor, dass sie von den Gutachtern dazu aufgefordert werden, ihre Ergebnisse in einem sogenannten Tiermodell zu „validieren“. Im Publikationsprozess kommt es üblicherweise zu mehreren Begutachtungsrunden, in denen die Autoren als Reaktion auf die Anmerkungen der Gutachter das Manuskript anpassen, um eine Publikationsempfehlung zu erhalten. So kommt es auch vor, dass für eine ursprünglich tierversuchsfreie Forschungsarbeit nachträglich - auf Gutachterwunsch - Tierversuche durchgeführt werden. Dadurch werden Tierversuche im Publikationsprozess nicht nur bevorzugt veröffentlicht, sondern sogar verlangt und verursacht. Bisher war dies lediglich aus Einzelberichten bekannt, jedoch gab es keine Zahlen zum Umfang dieses Publikationsbias.

Erste Zahlen zum Publikationsbias

In ihrer in ALTEX veröffentlichten Studie haben Krebs et al. eine 33 Fragen umfassende Umfrage erstellt und an Wissenschaftler aus verschiedenen biologischen und biomedizinischen Disziplinen geschickt. 68 Wissenschaftler beantworteten die Fragen und erfüllten die Kriterien, um in die Studie aufgenommen zu werden. 31 der Antwortenden gaben an, dass sie von Gutachtern bereits aufgefordert worden seien, Tierversuche durchzuführen. Von diesen Wissenschaftlern hielten lediglich 3 die Forderung nach Tierversuchen für gerechtfertigt und 11 konnten die Forderung von Tierversuchen überhaupt nicht nachvollziehen. Von den Wissenschaftlern, von denen Tierversuche verlangt wurden, gaben 45 % an, aufgrund von Forderungen von Gutachtern bereits Tierversuche durchgeführt zu haben. Von denen, die die geforderten Tierversuche nicht durchführten, wurde berichtet, dass sie die Manuskripte stattdessen bei anderen Zeitschriften zur Veröffentlichung eingereicht oder aber zurückgezogen haben. Einer der Befragten gab an, dass Tierversuche insbesondere von hochangesehenen Zeitschriften verlangt werden würden, woraus er schlussfolgert, dass Forschende, die Tierversuche durchführen, als „bessere“ Wissenschaftler gelten würden.

Zudem gaben 31 % der Forscher an, Tierversuche mit dem Ziel durchgeführt zu haben, den zu erwartenden Forderungen der Gutachter zuvorzukommen. So werden die Forschungsprojekte bereits so gestaltet, dass sie Tierversuche enthalten, nicht etwa, weil der Forschende sie für unumgänglich halten würden, sondern damit die Chancen einer späteren Veröffentlichung der Ergebnisse verbessert werden.

Neben ersten Zahlen zum Umfang des Publikationsbias zugunsten von Tierversuchen wird von den Teilnehmern der Studie von Krebs et al. auch ein weiterer Bias beschrieben: Auch bei der Beantragung von Fördermitteln werden Forschungsprojekte, die Tierversuche beinhalten bevorzugt.

Warum Gutachter Tierversuche fordern

Krebs et al. fragten die an ihrer Studie beteiligten Wissenschaftler auch nach ihren Erfahrungen als Gutachter. Von 57 Wissenschaftlern, die bereits Erfahrungen als Gutachter gemacht hatten, gaben 15 an, bereits Tierversuche von den Autoren der von ihnen begutachteten Arbeiten verlangt zu haben. Als Gründe dafür gaben sie neben dem Wunsch der Editoren und einer generellen Bevorzugung von Tierversuchen vor allem an, dass sie keine tierversuchsfreien Methoden zur Beantwortung der jeweiligen Forschungsfrage kennen würden. Zusätzlich zu diesem Unwissen kommt sicherlich auch ein psychologischer Effekt: Viele der Gutachter führen selbst Tierversuche durch, so dass sie sich eher von Tierversuchen begeistern lassen als von tierversuchsfreien Methoden.

Fazit

Auch wenn die Studie von Krebs et al. aufgrund der geringen Anzahl von Teilnehmern und der gewählten Distributionswege für den Fragebogen nicht repräsentativ sein mag, zeigt sie deutlich die Problematik des Publikationsbias auf: Tierversuche werden von Forschenden im Publikationsprozess verlangt, selbst wenn sie für die jeweilige wissenschaftliche Fragestellung nicht notwendig oder zielführend sind. Dies führt dazu, dass Tierversuche weiter durchgeführt werden, obwohl es tierversuchsfreie Methoden gibt. Zudem wird so die weitere Verwendung von nicht aussagekräftigen Tierversuchen gefördert, wodurch der Fortschritt in der Wissenschaft behindert wird. Aufgrund der mangelnden Translation aus den sogenannten Tiermodellen in den Menschen kann dies auch zu widersprüchlichen Ergebnissen führen und die Forscher selbst sowie die Leser ihrer Veröffentlichungen in die Irre führen.

Zusammenfassung: Dr. rer. nat. Johanna Walter

Quelle

Krebs, C.E. et al.: A survey to assess animal methods bias in scientific publishing. ALTEX 2023; 40(4): 665–676