Mediale Berichterstattung zu unserer Taubenkampagne ignoriert Tierversuchsproblematik
Während international verstärkt auf tierversuchsfreie humanrelevante Forschung gesetzt wird, hält die Ruhr-Universität Bochum (RUB) weiterhin an tierexperimentellen Forschungsansätzen fest, auch an den Taubenversuchen. Unsere wiederholten Gesprächsangebote und detaillierten Fragenkataloge ließ die Universität bislang unbeantwortet. Gleichzeitig vermittelt die aktuelle Berichterstattung in den Medien ein überwiegend unkritisches Bild tierexperimenteller Forschung, ohne zentrale wissenschaftliche Kritik ausreichend zu beleuchten.
Fehlender Dialog mit der Ruhr-Universität Bochum
Seit Juli 2025 bemühen wir uns um einen Austausch mit der Ruhr-Universität Bochum (RUB) zu Taubenversuchen, Tierversuchen allgemein sowie zu tierversuchsfreier humanrelevanter Forschung mit sogenannten New Approach Methodologies (NAMs), etwa Organoiden, Organ-on-Chip-Systemen oder computergestützten Modellen. Dazu haben wir der Universität mehrfach Fragenkataloge zu Tierversuchen sowie zum Einsatz und zur Förderung von NAMs in Forschung und Lehre übermittelt. Bis heute blieben sie unbeantwortet (1-3).
Im Januar 2026 starteten wir dann unsere Kampagne „Stoppt Taubenversuche – Für eine tierversuchsfreie Ruhr-Universität Bochum“. Zu einzelnen unserer Fragen finden sich seitdem inzwischen Teilantworten in Veröffentlichungen der RUB oder in Medienberichten. Kürzlich hat die RUB einem Journalisten der WAZ Einblicke in die Taubenhaltung und die Veröffentlichung von Bildmaterial im Rahmen der Berichterstattung ermöglicht (4). Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass die RUB nur das gezeigt hat, was sie zeigen wollte. Dass die RUB selektiv Einblicke in ihre Tierhaltung gewährt, ist eine PR-Strategie, die Transparenz suggeriert, den kritischen wissenschaftlichen Fachdialog jedoch gezielt umgeht.
Die meisten unserer Fragen bleiben weiterhin offen, insbesondere Fragen zur Forschung mit NAMs und dazu, in welchem Umfang diese an der RUB stattfindet. Ebenso unbeantwortet sind Fragen zum Einsatz von Tieren in der Lehre sowie zur Vermittlung tierversuchsfreier Methoden im Studium.
Dass bislang kein Austausch zustande kommt, könnte darauf hindeuten, dass die Universität ihre Forschung an Tieren derzeit nicht hinterfragen möchte. Warum jedoch auch zu NAMs kein Dialog geführt wird, obwohl deren Etablierung und Weiterentwicklung der zentrale Schlüssel für eine langfristig tierversuchsfreie humanrelevante Forschung ist, bleibt fraglich. Auch die Lehre von NAMs im Studium ist ein wichtiger Ansatzpunkt, um nachhaltig Veränderungen zu schaffen.
Problematische Schwerpunktsetzung in der Berichterstattung
Neben der aus unserer Sicht einseitigen inhaltlichen Berichterstattung, in der unsere wissenschaftliche Perspektive kaum oder gar nicht berücksichtigt wurde, richtete sich die mediale Aufmerksamkeit teilweise auf Hasskommentare unter unseren Beiträgen in den sozialen Medien zu den Taubenversuchen an der RUB (5). Wir distanzieren uns entschieden von jeglicher Art von Hass und Gewalt – online wie offline. Für unsere Kanäle gilt eine klare Netiquette.
Wie alle Nutzende sozialer Medien stehen auch wir vor der Herausforderung, dass Kommentare nicht jederzeit in Echtzeit moderiert werden können. Beiträge, die gegen unsere Grundsätze verstoßen, werden von uns gelöscht, sobald wir davon Kenntnis erhalten.
Arbeiten im Artenvergleich: Ein wissenschaftlicher Trugschluss
Die Berichterstattung in den Medien vermittelt wiederholt den Eindruck, dass erkrankten Menschen mithilfe von Tierversuchen, wie den Versuchen an Tauben, geholfen werden könne. Dabei wird betont, dass diese Forschung „im Artenvergleich“ stattfinde.
Die Annahme: Trotz erheblicher Unterschiede zwischen Vogel- und Säugetiergehirnen sucht man nach mechanistischen Gemeinsamkeiten, die vermeintlich ähnlichen Denkweisen zugrunde liegen.
Hier liegt jedoch der entscheidende Fehler: Ähnliche kognitive Leistungen basieren nicht automatisch auf den gleichen biologischen Mechanismen. Sie können ebenso auf völlig unterschiedlichen Prozessen beruhen. Genau solche Unterschiede zwischen Tieren und Menschen sind ein zentraler Grund der fehlenden Übertragbarkeit tierexperimenteller Forschungsergebnisse auf den Menschen.
Diese fehlende Übertragbarkeit, zeigt sich beispielsweise in der Medikamentenentwicklung. Über 90 % potenzieller neuer Medikamente schaffen es nicht bis zur Marktzulassung – meist wegen mangelnder Wirksamkeit oder Sicherheitsbedenken beim Menschen, obwohl sie zuvor im Tierversuch als erfolgreich galten (6–9).
Im Bereich der Grundlagenforschung, zu der auch die Taubenversuche zählen, zeigt sich ein weiteres strukturelles Problem: Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung fließen lediglich in 0,3 % der Fälle in klinisch orientierte Forschung ein (10) und münden in nur 0,024 % der Fälle in eine klinische Anwendung (11).
Um den Anschluss an internationale Entwicklungen nicht zu verlieren, muss die RUB ihren bislang starken Fokus auf tierversuchsbasierte Forschung grundlegend überdenken, sich weiter auf moderne tierversuchsfreie Forschung einlassen und diese stärken. Dazu gehört auch ihre feste Verankerung im Studium, um den wissenschaftlichen Nachwuchs frühzeitig im Umgang mit humanbasierten Verfahren auszubilden.
Wir fordern daher weiterhin ein Ende der Taubenversuche und aller Tierversuche an der RUB, sowie die Abschaffung von Tierverbrauch in der Lehre und die konsequente Integration tierversuchsfreier Forschungsmethoden in die Ausbildung.
12.05.2026
Dr. rer. nat. Leah Haut
Quellen
- Fragenkatalog: Tierverbrauch und New Approach Methodologies (NAMs) an der Ruhr-Universität Bochum. Ärzte gegen Tierversuche, Versand an die RUB, 22.07.2025
- Fragenkatalog: Tierverbrauch und New Approach Methodologies (NAMs) in der Lehre an der Ruhr-Universität Bochum. Ärzte gegen Tierversuche, Versand an die RUB 22.07.2025 und 08.04.2026
- Fragenkatalog - aktualisiert: Tierverbrauch und New Approach Methodologies (NAMs) an der Ruhr-Universität Bochum. Ärzte gegen Tierversuche, Versand an die RUB, 08.04.2026
- Instagram-Beitrag der WAZ-Bochum und WAZ-Ruhrgebiet vom 01.05.2026
- Wichmann O. Hasskommentare gegen Forscher an der Ruhr-Uni Bochum: “Werden bedroht und beleidigt”. WAZ, 01.05.2026
- Thomas D. W. et al. Clinical development success rates 2006-2015. BIO, Biomedtracker, Amplion, Juni 2016
- Thomas D. W. et al. Clinical development success rates 2011-2020. BIO, Informa, QLS Advisor, Februar 2021
- Arrowsmith J. Phase II failures: 2008-2010. Nature reviews Drug discovery 2011; 10(5): 328-329
- Arrowsmith J. Phase III and submission failures: 2007-2010. Nature reviews Drug discovery 2011; 10: 1
- Lindl T. et al. Tierversuche in der biomedizinischen Forschung. ALTEX 2005; 22(3): 143-151
- Contopoulos-Ioannidis D. et al. Translation of Highly Promising Basic Science Research into Clinical Applications. The American Journal of Medicine 2003; 114(6): 477-484