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27.02.2013

Ein alter Traum soll endlich wahr werden: Tausende Menschen sollen durch unbegrenzt verfügbare Ersatzteile vor dem sicheren Tod gerettet werden. Die Xenotransplantation verspricht, den Mangel an Organspendern auszugleichen. Doch ist es gerechtfertigt für diese Vision, unzähligen Tieren entsetzliches Leid zuzufügen und Menschen einem unkalkulierbaren Risiko auszusetzen? Dürfen wir Tiere zu beliebig manipulierbaren Versuchsobjekten und Ersatzteillagern degradieren für einen vermeintlichen Nutzen? Oder soll uns nur wieder einmal glauben gemacht werden, mit tierexperimenteller Forschung könne man die medizinischen Probleme der Menschheit lösen? Wäre es nicht besser, die Anzahl der potentiellen Transplantatempfänger durch geeignete Präventionsmaßnahmen zu senken anstatt kranke menschliche Organe durch unnatürlich und unter Qualen in Tieren gezüchtete Ersatzteile auszutauschen?

Definition

Unter Xenotransplantation (von griechisch »xenos« = fremd) versteht man die Verpflanzung artfremder Organe, also von einer Tierart zur anderen oder vom Tier auf den Menschen. Im Unterschied dazu steht die Allotransplantation, bei der Organe innerhalb einer Art verpflanzt werden.

Skrupellose Menschenversuche

Erste Versuche zur Xenotransplantation sind aus dem Jahr 1906 dokumentiert. Der französische Arzt Mathieu Jabolay verpflanzte Schweine- und Ziegennieren auf Patienten mit Nierenversagen.(1) Alle starben nach kurzer Zeit. 1910 operierte der deutsche Chirurg Ernst Unger zwei Nieren eines Affen in die Leiste einer Frau mit Nierenversagen. Zwei Tage später war sie tot.(2) Seit den 1960er Jahren gab es zahlreiche weitere Versuche, die alle tödlich für die betroffenen Patienten – und natürlich auch für die Tiere - endeten.

Eine breite öffentliche Diskussion über medizinische Ethik und skrupellose Menschenversuche löste der Fall von »Baby Fae« im Jahr 1984 aus. Die neugeborene Stephanie Fae Beauclair aus Los Angeles litt unter einem schweren, angeborenen Herzfehler. Der Chirurg Leonard Bailey tauschte das Herz des Säuglings gegen das eines Pavians aus. Das Kind starb nach 20 Tagen.(3) Der Operateur Bailey hatte zuvor jahrelang mindestens 160 Transplantationen zwischen verschiedenen Tierspezies, meist Schaf, Ziege und Pavian, vorgenommen. Keines der Tiere überlebte länger als einige Wochen. Da es ihm weder gelang, Gelder für seine Forschungen einzutreiben, noch nennenswerte Artikel in Fachzeitschriften unterzubringen, finanzierte er seine Forschung größtenteils selbst.(4) Monatelang hatte er mit der örtlichen Ethik-Kommission gerungen und nachdem er endlich die Genehmigung für einen Menschenversuch erhalten hatte, auf ein geeignetes Versuchsobjekt gewartet. Trotz seiner zuvor erfolglosen Tierversuche, obwohl es seit 1979 bereits ein Verfahren zur chirurgischen Behebung des Herzfehlers gab und obwohl auch damals schon bekannt war, dass das Pavianherz aufgrund der Abstoßungsreaktion nur kurze Zeit schlagen würde, nahm der Chirurg die Operation vor.(4) Baby Fae war dem Forscherdrang des Leonard Bailey zum Opfer gefallen.

Das Beispiel zeigt, mit welcher Skrupellosigkeit oftmals in der medizinischen Forschung vorgegangen wird. In erster Linie geht es um wissenschaftliche Neugier und Karrieren.

Immense medizinische Probleme

  • Größe, Bau und Funktion des Spenderorgans müssen der des Menschen möglichst ähnlich sein. Während man in früheren Jahren auf Affenorgane zurückgegriffen hat, wird heute das Schwein als »Spender« bevorzugt. 
  • Schon bei einer Transplantation von Mensch zu Mensch kommt es zu massiven Abstoßungsreaktionen des Körpers, die nur durch lebenslange Gabe von die Immunabwehr unterdrückenden Medikamenten in Schach zu halten sind. Bei Übertragungen von einer Tierart auf eine andere ist diese Abwehrreaktion weitaus heftiger. Die hyperakute Abstoßung tritt innerhalb von Sekunden bis Minuten ein. Das Immunsystem des Empfängers attackiert das fremde Gewebe, es kommt zu massiven Blutungen, zu einem Aufblähen des Organs durch Ödembildung und schließlich zur vollständigen Zerstörung des Gewebes. Diese hyperakute Abstoßung versucht man durch „Vermenschlichung“ des Spendertiers zu beherrschen. Den Schweinen wird menschliches Erbgut eingeschleust. Die Organe dieser so genannten transgenen Tiere sollen von der Immunabwehr des Empfängers nicht erkannt werden. Die gefürchtete hyperakute Reaktion ließe sich möglicherweise so vermindern, doch gibt es auch noch eine verzögerte Abstoßungsreaktion oftmals erst nach Jahren, so dass ein Transplantatempfänger auf jeden Fall lebenslang immunsenkende Mittel einnehmen muss. Die Schwächung der körpereigenen Abwehr hat eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen zur Folge, die wiederum medikamentös behandelt werden müssen. 
  • Durch Verpflanzung von Schweineorganen auf den Menschen besteht eine potentielle Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung von bislang unbekannten Krankheiten. Ende der 1990er Jahre kam die Fremdorganforschung fast zum Erliegen, als entdeckt wurde, dass Schweine-Retroviren (PERV) menschliche Zellen im Reagenzglas infizieren können. PERV ist im Erbgut von Schweinen eingebaut und für diese harmlos. In Tierversuchen wurde eine Übertragung des Virus bislang nicht nachgewiesen. Doch Ergebnisse aus Tierversuchen sind wohl kaum ein Garant dafür, dass es nicht zu einer unberechenbaren Epidemie kommen kann. AIDS ist ein Beispiel dafür, wie tierische Krankheitserreger auf den Menschen übergesprungen sind. Es folgten unzählige Tierversuche, um dem PERV-Problem gentechnisch oder auf andere Weise beizukommen. Experimentatoren der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München setzen auf neuseeländische Schweine, da deren Erbgut kein PERV aufweist.(5) Doch wer garantiert, dass sich nicht andere Krankheitserreger im Gewebe oder Erbgut der Borstentiere verbergen? 
  • Die psychischen Folgen für einen Menschen, bei dem z.B. ein Schweinherz in der Brust schlägt, sind überhaupt nicht abschätzbar. Die Schaffung von Mischwesen, so genannten Chimären, aus Mensch und Tier wirft möglicherweise Identitätsfragen und andere ungeklärte Probleme auf. 
  • Selbst wenn die enormen Hürden bei der Abstoßung überwunden werden sollten, wer weiß, wie ein Schweineorgan auf den menschlichen Lebenswandel reagiert. Die gegenüber dem Schwein sehr viel höheren Cholesterinwerte des Menschen können zur Verstopfung der Blutgefäße führen. Bis heute weiß niemand, ob tierische Organe überhaupt von menschlichen Hormonen reguliert werden können.(6) Zudem ist unbekannt, inwieweit sich die sehr viel kürzere Lebensspanne des Schweins auf das transplantierte Organ auswirkt.

Unvorstellbares Tierleid

Oftmals wird die Verwendung von Schweineorganen damit gerechtfertigt, für Nahrungszwecke würden sehr viel mehr Schweine getötet werden. Doch ist es ethisch äußerst fragwürdig, ein Unrecht mit einem anderen zu rechtfertigen. Für das einzelne Schwein spielt es keine Rolle, zu welchem Zweck es getötet wird. Außerdem stellen sich bei der Erforschung der Xenotransplantation weit mehr ethische Probleme, als »nur« die Tötung der Schweine. Die Genmanipulation und die Klonierung transgener Tiere ergeben häufig nicht die gewünschten Resultate, so dass ein Großteil der Tiere als »Ausschuss« getötet wird. Auch ist unbekannt, ob bei der Erzeugung der transgenen Tiere gesundheitliche Schäden auftreten.(7) Zudem werden die Tiere unter spezifisch-pathogenfreien, d.h. unter sterilen, unnatürlichen Bedingungen gehalten.

In der Xenotransplantationsforschung werden nicht-menschliche Primaten, hauptsächlich Paviane, Rhesus- und Javaneraffen, als Organempfänger verwendet. Die Xenotransplantation bedeutet unvorstellbares Leid für die betroffenen Tiere: vom Fang in der Wildnis, der Zucht unter katastrophalen Bedingungen, den oft tagelangen Transporten rund um den Globus über die unsäglichen Haltungsbedingungen im Labor oftmals in Einzelhaft bis hin zum Tierexperiment selbst. Die Primaten erleben die Abstoßungsreaktion, d.h. die Zerstörung des transplantierten Organs, bei vollem Bewusstsein. Sie sterben alle qualvoll innerhalb weniger Tage nach der Operation.

Xenotransplantationsforschung stellt eine krasse Missachtung des Eigenwertes der Tiere dar. Selbst ohne die zahlreichen noch offenen Fragen in technischer und gesellschaftlicher Hinsicht, wären weder die extrem qualvollen Tierversuche an Primaten noch die Instrumentalisierung von Lebewesen zu beliebig manipulierbaren Ersatzteillagern moralisch zu rechtfertigen.

Xenotransplantation in Deutschland

Am Lehrstuhl für molekulare Tierzucht und Biotechnologie der LMU in Oberschleißheim wird seit ca. 1995 Xenotransplantationsforschung an Schweinen betrieben. Laut Bebauungsplan aus dem Jahr 2010 und Auskunft der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag vom Februar 2014 wurde die Schweinezuchtanlage erweitert. Es handelt sich um ein Gebäude mit 11 Ställen, wovon 10 neu gebaut wurden und im Frühjahr 2014 in Betrieb genommen werden. Die Haltungskapazität umfasst Plätze für 488 Zuchtsauen, 540 Aufzuchtferkel und 76 Eber. Außerdem sind in zwei Ställen 73 Rinderplätze sowie eine Kleintierhaltung in einem weiteren Gebäude untergebracht. Die Gesamtkosten betragen 5,2 Mio. Euro und wurden 2011 vom Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen des Bayerischen Landtags genehmigt.

LMU München

Auch das Institut für Chirurgische Forschung am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München ist berüchtigt für seine Xenotransplantationsversuche an Schweinen und Affen, die dort seit mindestens Ende der 1990er Jahre betrieben werden.

Einige Beispiele: 

  • Transgenen Schweinen werden die Herzen entnommen und sechs Pavianen eingepflanzt. Die Tiere erhalten Immunsuppressiva. Mit einer speziellen Kamera werden die Blutgefäße in der Schleimhaut unter der Zunge beobachtet. Alle Affen sterben innerhalb von 5 Stunden bis 4 Tagen an der Abstoßungsreaktion oder Herzversagen.(8) 
  • Die Herzen von zwei nicht-transgenen Schweinen werden zwei Pavianen zusätzlich zu dessen eigenen Herzen transplantiert. Es kommt zu einer hyperakuten Abstoßungsreaktion, das fremde Herz bläht sich auf. Beide Affen werden getötet.(9) 
  • Um die Schädigung von transplantierten Organen zu untersuchen, werden bei 19 Javaneraffen (Langschwanzmakaken) unter Narkose beide Arme und beide Beine abgebunden. Alles Blut aus den Gliedmaßen wird abgelassen und durch menschliches Blut ersetzt. Die kleinen Blutgefäße in den Muskeln werden mit einem Mikroskop beobachtet. Schließlich werden die Affen getötet.(10)
  • Die Herzen von vier transgenen Schweinen werden Pavianen in den Bauch einoperiert. Die Tiere erhalten Immunsuppressiva, um die Abstoßung zu unterdrücken. Die Transplantate schwellen auf fast das Doppelte ihrer Größe an, sind voller Blutungen und werden innerhalb von zwei bis acht Tagen abgestoßen. Es wird nicht erwähnt, ob die Affen an der Abstoßung sterben oder getötet werden.(11)

Andere Institute, die Xenotransplantationsforschung betreiben

Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie, Medizinische Hochschule Hannover: Sechs Javaneraffen werden Schweinenieren mit einer menschlichen Vene als Zwischenstück eingepflanzt. Die Überlebenszeit der Primaten beträgt zwischen zwei und 19 Tagen. Die Tiere versterben durch die Abstoßungsreaktion, schwere Sepsis, Thrombose oder Herzrhythmusstörungen.(12)

Institut für Nutztiergenetik, Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Mariensee: Genmanipulierten Schweinen werden in regelmäßigen Abständen Gewebeproben aus dem Ohr entnommen, um festzustellen, ob sie das PERV-Virus in ihrem Erbgut tragen. Im Alter von drei Jahren werden die Tiere getötet.(13)

  • Lehrstuhl für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie, Labor für Funktionelle Genomanalyse (LAFUGA), Genzentrum und Diabetes-Zentrum, medizinische Klinik, Campus Innenstadt, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München: Bei Mäusen wird durch Injektion eines Giftes, das die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse zerstört, Zuckerkrankheit ausgelöst. Gewebe der Bauchspeicheldrüse von genmanipulierten, geklonten, neugeborenen Ferkeln wird den Mäusen unter die Nierenkapsel verpflanzt. Nach 29 Tagen werden die Nager getötet.(14)
  • Robert-Koch Institut, Berlin: Mit Immunsuppressiva behandelte Rhesusaffen, Schweinsaffen und Paviane werden mit dem Schweinevirus PERV infiziert, um zu untersuchen, ob eine Übertragung möglich ist. Nach bis zu einem Jahr werden die Tiere getötet.(15)
  • Universitätsherzzentrum, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Um die Wirksamkeit einer Immunabwehr schwächenden Wirkstoffkombination zu testen, werden Stücke der Hauptschlagader (Aorta) von Hamstern auf Ratten transplantiert. Die Nager erhalten die Medikamente mit einer Schlundsonde eingegeben. 14 Tage später werden die Tiere getötet.(16)

Ausführliche Darstellung aller Beispiele >> 

Human-ethische Aspekte

Es ist fraglich, ob der extrem hohe Forschungsaufwand, der - wenn überhaupt - nur relativ wenigen Menschen zugute käme, gerechtfertigt ist. Die ohnehin ins Uferlose steigenden Gesundheitskosten würden durch die immensen Forschungs- und Entwicklungskosten bei der Xenotransplantation noch weiter erhöht. Ob die Krankenkassen für eine solche Operation mit ihren lebenslangen Folgekosten aufkommen würden, ist noch völlig unklar. Es besteht die Gefahr einer Zweiklassenmedizin von Menschen, die sich den Eingriff leisten können und jenen, die finanziell nicht dazu in der Lage sind. Wie soll die Verteilung geregelt werden, d.h. wer bekommt ein menschliches Organ und wer ein tierisches?

Falsche Versprechungen der Tierversuchsindustrie

Die Tierversuchsindustrie ist bekannt dafür, ihre angeblichen »Erfolge« bei Tierversuchen als große Durchbrüche bei der Bekämpfung menschlicher Krankheiten medienwirksam zu vermarkten. AIDS, Krebs, Parkinson, Arterienverkalkung und viele weitere Krankheiten wurden im Tierversuch schon unzählige Male »geheilt«, doch dann hört man von den angeblichen Wundermitteln nie wieder etwas, weil sich herausstellt, dass sie beim Menschen nicht wirken.

Auch die Xenotransplantationsforschung verspricht seit Jahren den serienmäßigen Austausch defekter Organe. Als 1992 Astrid, das erste für die Organübertragung geschaffene Genschwein das Licht der Welt erblickte, prophezeiten ihre Schöpfer erste klinische Versuche am Menschen innerhalb von drei Jahren.(17) Der Schweizer Pharmariese Novartis prognostizierte im Jahr 1999, dass ab 2010 bis zu 300.000 Menschen jährlich Herz, Leber, Niere oder Bauchspeicheldrüse vom Tier erhalten könnten.(18) Die Firma PPL Therapeutics kündigte nach ihrer Erzeugung von geklonten, genmanipulierten Schweinefünflingen im Jahr 2002 klinische Versuche, d.h. Menschenversuche, in vier bis fünf Jahren an.(17) Im Jahr 2006 war bei einer Tagung am Berliner Robert-Koch-Institut von vier bis fünf Jahren bis zum Einsatz am Menschen die Rede.(19)

Heute ist die Xenoforschung immer noch weit vom klinischen Einsatz entfernt. Die kolossalen Probleme lassen sich auch durch noch so viel Gentechnik nicht in den Griff bekommen.

Ein Riesengeschäft

Enorme Summen werden in die Xenotransplantation gepumpt. So startete im Juni 2012 ein weiteres, auf vier Jahre angelegtes, 13 Millionen Euro teures Forschungsprojekt des Experimentators Bruno Reichart vom Institut für Chirurgische Forschung am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).(20) 

Sollte die Verpflanzung von Tierorganen auf den Menschen jemals Realität werden, würden erhebliche Kosten auf das Gesundheitssystem zukommen. Hauptprofiteur ist die Pharmaindustrie. Allein die lebenslange Unterdrückung der körpereigenen Abwehr schlägt pro Patient mit jährlich 15.000 Euro zu Buche.(21) Für ein entsprechend vorbereitetes Schweineherz werden Preise von bis zu 50.000 Euro erwartet.(18) Der Pharmariese Novartis schätzt den Xeno-Markt auf fünf Milliarden Euro und erhofft sich einen Anteil von mehr als der Hälfte.(18)

Die in die Xenotransplantation investierten Gelder und personellen Ressourcen wären sinnvoller in Ursachenforschung und einer am Patienten orientierten Präventivmedizin aufgehoben.

Gesunde Lebensführung und sinnvolle Forschung

Die Xenotransplantationsforschung verspricht eine einfache Lösung für komplexe Probleme. Der verengte Blick auf den Austausch defekter Organe versperrt aber die Sicht auf die vielen Facetten des Phänomens »Krankheit«: Ernährung, Arbeits- und Lebensumstände, psychische und soziale Faktoren werden bei dieser mechanistischen Betrachtungsweise ausgeblendet. Dabei weiß man aus umfangreichen Bevölkerungsstudien, dass ein Großteil unserer heutigen Zivilisationskrankheiten hausgemacht ist. Es ist zu befürchten, dass die Menschen bei unbegrenzt zur Verfügung stehenden Ersatzteilen noch sorgloser mit ihrer eigenen Gesundheit umgehen. Die Xenotransplantationsforschung entfernt die Medizin immer weiter von ihrer eigentlichen Aufgabe, Krankheiten vorzubeugen, zu behandeln und zu heilen und dabei den Patienten in seiner Gesamtheit in den Mittelpunkt zu stellen. Durch eine gesündere Lebensführung, z.B. ausgewogene vegetarische oder besser noch vegane Ernährung, Reduzierung des Alkohol- und Nikotinkonsums, weniger Stress und mehr Bewegung könnten Dreiviertel aller Herz-Kreislauftodesfälle und Zweidrittel der Diabeteserkrankungen eingedämmt werden. Sinnvolle, für den Menschen relevante Forschung lässt sich darüber hinaus mit menschlichen Zellkultursystemen, Mikrochips, Bevölkerungs- und klinischen Studien betreiben.

Fazit

Abgesehen von den zahlreichen methodischen Mängeln und Risiken gehört die Xenotransplantation zu den schlimmsten Auswüchsen der heutigen biomedizinischen Forschung mit ihrem Machbarkeitswahn. Fühlende, leidensfähige Lebewesen werden auf eine entwürdigende Weise zur gewinnbringenden Organfabrik degradiert. Selbst, wenn diese Forschung irgendeinen Nutzen für die Menschheit hätte, darf nicht alles erlaubt sein, was machbar ist.

Wir fordern auf dem Weg zu einer vollständigen Abschaffung aller Tierversuche einen sofortigen Stopp der Xenotransplantationsforschung!

27.02.2013
Dr. med. vet. Corina Gericke

Quellen

(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Mathieu_Jaboulay, abgerufen am 26.03.2013
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Unger_(Mediziner,_1875), abgerufen am 26.03.2013
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Baby_Fae, abgerufen am 26.3.2013
(4) Kenneth B. Stoller: Baby Fae: The Unlearned Lesson, Americans for Medical Advancement, 1990, https://www.curedisease.net/reports/Perspectives/vol_2_1990/BabyFae.html, abgerufen am 26.3.2013
(5) Schweine als Lebensretter. TZ, 23. Juni 2012
(6) Mikhail Stein: Xenotransplantation um jeden Preis? Research.eu, Nr. 62, Febr. 2010, S. 12-13
(7) Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz: Medizin- und tierethische Probleme der Xenotransplantation. Deutsches Tierärzteblatt 2002, Nr. 8, S. 827
(8) Andreas Bauer et al.: Microcirculatory alterations after orthotopic pig-to-baboon heart transplantation. Xenotransplantation 2011: 18, 232-238
(9) Andreas Bauer et al.: First experience with heterotopic thoracic pig-to-baboon cardiac xenotransplantation. Xenotransplantation 2010: 17, 243-249
(10) Daniel Chappell et al.: In vivo visualization of the effect of polyclonal antithymocyte globulins on the microcirculation after ischemia/reperfusion in a primate model. Transplantation 2006, 81, 552-558
(11) P. Brenner et al.: Combination of hDAF-transgenic pig hearts and immunoadsorption in heterotopic xenotransplantation of immunosupressed baboons. Transplantation Proceedings 2005: 37, 483-486
(12) Monica E. Winkler et al.: Analysis of pig-to-human porcine endogenous retrovirus transmission in a triple-species kidney xenotransplantation model. Transplantation International 2005: 17, 848-858
(13) Marrwan Semaan et al.: Long-term effect of PERV-specific RNA interference in transgenic pigs. Xenotransplantation 2012; 19: 112-121
(14) Nikolai Klymiuk et al.: Xenografted islet cell clusters from INSLEA29Y transgeneic pigs rescue diabetes and prevent immune rejection in humanized mice. Diabetes 2012: 61; 1527-1532
(15) Volker Specke et al.: No in vivo infection of triple immunosuppressed non-human primates after inoculation with high titers of porcine endogenous retroviruses. Xenotransplantation 2009: 16, 34-44
(16) Sonja Schrepfer et al.: FK778 in experimental xenotransplantation: A detailed analysis of drug efficacy. The Journal of Heart and Lung Transplantation 2007: 26, 70-77
(17) Waiting for a Miracle. Editorial, New Scientist, 12.01.2002, S. 3
(18) Hoffnungen, Enttäuschungen und Kritik: Xenotransplantationen werfen viele Fragen auf. VetImpulse, 15.04.1999, S. 1-3
(19) Nicole Siegmund-Schultze: Ein Herz von der Dreikomponenten-Sau. Sueddeutsche.de, 12.06.2006
(20) Schweine als Lebensretter. TZ 29.6.2012
(21) Mikhail Stein: Immuntoleranz – eine Gratwanderung. Research.eu, Nr. 62, Febr. 2010, S. 110-11 

Ergänzung zu Schweine- und Rinderherzklappen

Häufige erhalten wir eine solche Aussage zum Thema Xenotransplantation: „Schweine- und Rinderherzklappen werden ja bereits erfolgreich transplantiert. Das funktioniert so gut, dass man nicht einmal Immunsuppressiva einnehmen muss. Vielleicht klappt das ja dann auch eines Tages mit Schweineherzen!" 

Unsere Antwort

Eine Herzklappentransplantation ist lediglich eine Gewebe- und keine Organtransplantation. Da gegen JEDE Transplantation (auch von Mensch zu Mensch) eine Abstoßung stattfindet, muss, sofern das Gewebe oder Organ durchblutet ist, das Immunsystem mittels Immunsuppressiva unterdrückt werden. Bei einer Transplantation von Mensch zu Mensch funktioniert das z.T. recht gut. Eine Nierentransplantation kann bis zu 20 Jahre oder etwas länger halten, bis es dann letztlich doch zum Organversagen kommt. Sofern das Gewebe nicht durchblutet ist (Augenhornhaut), müssen keine Immunsuppressiva eingenommen werden. Allerdings besteht hier die Gefahr von Degeneration, von Entzündungen durch Infektionen oder Unverträglichkeiten sowie die Gefahr der Thrombenbildung. Bei einer zwischenartlichen Transplantation (=Xenotransplantation) ist diese Abstoßungsreaktion regelmäßig so heftig, dass bereits nach wenigen Stunden bis Tagen der Tod eintritt. Auch gegen eine Schweine- oder Rinderherzklappe würde eine heftige Abstoßungsreaktion stattfinden. Daher müssen die Klappen „denaturiert“ werden, z.B. mittels Formalin, wodurch die Eiweiße inaktiviert werden. Somit erkennt das Immunsystem des Empfängers die fremden Eiweiße nicht und attackiert sie nicht. Die Herzklappenzellen sind dann nicht mehr durchblutet und lebendig. Das geht, da es sich bei einer Herzklappe nicht um ein ganzes Organ handelt. Das ist auch der Grund, weshalb keine Immunsuppressiva eingenommen werden müssen, und nicht etwa die gute Verträglichkeit. Allerdings gibt es bei der xenogenen Herzklappentransplantation folgende Komplikationen: Verkalkung, Degeneration und Thrombenbildung.

Derzeit versucht der Bereich des Tissue Engineerings Abhilfe zu schaffen. Hierbei werden Herzklappengerüste aus Polymeren oder aus menschlichen Spenderklappen mit körpereigenen Zellen besiedelt. Das Problem: als Gerüst werden auch oft noch xenogene Materialien verwendet. Außerdem werden diese Klappen wohl wiederum im Tierversuch getestet. Fazit: die tierischen Spenderklappen sind aus genannten Problemen keineswegs der Weisheit letzter Schluss. Moderne, biotechnologische Forschungsansätze bieten hier sinnvolle, tierfreie Ansätze zur Weiterentwicklung (siehe auch Artikel im Ärzteblatt).