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1847 - Hygiene in der Geburtshilfe und Chirurgie

„Juli 1846. Nächste Woche trete ich meine Stelle als ‚Herr Doktor' auf der ersten Station der Entbindungsklinik im Allgemeinen Krankenhaus von Wien an. Ich war entsetzt, als ich vom Prozentsatz der Patienten hörte, die in dieser Klinik sterben. In diesem Monat starben dort sage und schreibe 36 von 208 Müttern, alle an Kindbettfieber. Ein Kind zur Welt zu bringen ist genauso gefährlich wie eine Lungenentzündung ersten Grades.“ (1)

Diese Zeilen aus dem Tagebuch von Ignaz Semmelweis (1818-1865) illustrieren die verheerenden Auswirkungen des Kindbettfiebers, einer ansteckenden Krankheit, an der im vorletzten Jahrhundert viele Frauen nach der Geburt eines Kindes starben. Die Ärzte, darunter auch Semmelweis, tappten in Bezug auf die Ursache des Kindbettfiebers völlig im Dunkeln. Semmelweis schrieb in sein Tagebuch: „Dezember 1846. Warum sterben so viele Frauen nach einer völlig problemlosen Geburt an diesem Fieber? Seit Jahrhunderten lehrt uns die Wissenschaft, es handle sich um eine unsichtbare Epidemie, die Mütter tötet. Als mögliche Ursachen gelten Veränderungen in der Luft, irgendwelche außerirdischen Einflüsse oder eine Bewegung der Erde selbst, ein Erdbeben.“ (1)

Heutzutage würde kaum jemand außerirdische Einflüsse oder ein Erdbeben als mögliche Ursachen für Fieber in Erwägung ziehen. Zu Lebzeiten von Semmelweis taten dies allerdings viele, auch Wissenschaftler. Semmelweis ließ es aber nicht dabei bewenden, sondern sammelte Daten über die Todesfälle auf Grund von Kindbettfieber und stellte fest, dass Ärzte und Medizinstudenten, die vor der Untersuchung der Wöchnerinnen Leichen seziert hatten, offensichtlich eine Art „Leichengift“ übertrugen. Er führte die Händedesinfektion ein und reduzierte damit die Zahl der Erkrankungen drastisch. Obwohl noch niemand etwas von krankmachenden Bakterien ahnte, hatte Semmelweis das Problem durch sorgsame Beobachtung erkannt und Abhilfe geschaffen. 

Doch statt Anerkennung erntete er die Feindschaft seiner Fachkollegen, die nicht wahrhaben wollten, dass sie selbst jene Krankheit verursachten, die sie heilen wollen. Die Opposition der Wissenschaftswelt war derart hartnäckig und feindselig, dass Ferdinand Hebra, einer der wenigen Befürworter der Semmelweis'schen Theorie, schrieb: „Wenn man dereinst die Geschichte menschlicher Fehler erzählt, wird man nur schwerlich ein so machtvolles Beispiel finden, und man wird verblüfft sein, wie derart fähige und spezialisierte Menschen in ihrer eigenen Wissenschaft so blind und so dumm sein konnten.“ (2)

Semmelweis erlebte die Bestätigung seiner Erkenntnisse nicht mehr. Er starb 1865, zwei Jahre bevor der schottische Arzt Joseph Lister (1827-1912) Desinfektion und Hygiene in die Chirurgie einführte und damit die Todesrate im Operationssaal massiv senkte. Semmelweis und Lister gelangten zu seinen Erkenntnissen durch Beobachten und Vergleichen. 

Quellen

(1) OECD  Programme for International Student Assessment: Pisa 2000, Beispielaufgaben aus dem Naturwissenschaftstest
(2) Di Trocchio, F: Newtons Koffer - Geniale Außenseiter, die die Wissenschaft blamierten, Campus-Verlag, Frankfurt, 1998

3.9.2018
Dr. med. vet. Corina Gericke

Auszug aus dem Artikel von Gericke, C: „Vorbeugen ist besser als Heilen“ >>

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