Medizinischer Fortschritt ist wichtig - Tierversuche sind der falsche Weg!
1. Allgemeine Fragen
1.1. Wo erhalte ich tierversuchsfreie Kosmetik?
Seit 2013 dürfen laut EU-Richtlinie keine kosmetischen Rohstoffe und Produkte mehr im Tierversuch getestet und nicht in die EU eingeführt werden. Allerdings betrifft das nur die Stoffe, die ausschließlich für Kosmetik verwendet werden – und das sind nur wenige. Der größte Teil der Inhaltsstoffe kommt auch in anderen Produkten vor und kann so an Tieren getestet werden. Das bedeutet, dass es trotz Tierversuchsverbots im Kosmetik-Bereich Sinn macht, auf zertifizierte Produkte zurückzugreifen. Wir haben die bekanntesten Siegel übersichtlich in einer Tabelle zusammengestellt: Kosmetik ohne Tierversuche >>
1.2. In welchen Bereichen werden Tierversuche durchgeführt?
In folgenden Bereichen werden Tierversuche durchgeführt:
- Medizinische und biologische Grundlagenforschung
- Entwicklung, Erprobung und Wirksamkeit von Arzneimitteln
- Schädlichkeits- und Verträglichkeitsprüfung von chemischen Substanzen des täglichen Bedarfs, wie Reinigungsmitteln, Farben, Lacken usw. sowie Industriechemikalien
- Giftigkeitstests von „Schädlings“-Bekämpfungsmitteln
- Erkennung von Umweltgefährdungen, z.B. Abwassertests
- Gentechnik (fällt zum großen Teil unter Grundlagenforschung)
- Aus-, Fort- und Weiterbildung
- Bundeswehr
- Gerichtsmedizin
- Herstellung von Impfstoffen und Seren
- Überprüfung jeder Produktionseinheit (Charge) von Impfstoffen, Infusionslösungen und anderen biologischen Arzneimitteln
- „Aufbewahrung“ von Viren, Bakterien und Parasiten, um diese Organismen für Forschungszwecke dauerhaft zur Verfügung zu haben
- Diagnostik verschiedener Menschen- und Tierkrankheiten
- Versuche zur Erhöhung der „Leistung“ (mehr Milch, Eier, Fleisch) und zur Anpassung der landwirtschaftlich „genutzten“ Tiere an die Massentierhaltungssysteme.
1.3. Woher stammen die Tiere?
Viele tierexperimentelle Einrichtungen, wie pharmazeutische Unternehmen und Universitäten, züchten ihre Tiere selbst. Andere bestellen bei kommerziellen „Versuchs“tierzuchten. So wie man bei einem Versandhandel Bücher oder Kleidung aus einem Katalog aussucht, werden bei den Zuchtfirmen lebende Tiere als Ware feilgeboten. Im Internet oder im Katalog können Experimentatoren aus einer großen Auswahl verschiedenster Arten und Züchtungen auswählen. Es werden sogar voroperierte Tiere angeboten, z.B. Ratten und Mäuse mit abgebundenen Blutgefäßen oder Nerven, einoperierten Messgeräten, mit entfernter Milz oder Niere usw. Oder auf die unterschiedlichsten Arten genmanipulierte Tiere, z.B. „humanisierte Mäuse“, denen ein bestimmtes menschliches Gen „eingepflanzt“ wurde. Dabei ist nicht einmal mehr von Tieren die Rede, sondern von „Produkten“ und „Forschungsmodellen“.
Das amerikanische Jackson Laboratory bietet Tausende verschiedener Mäusestämme an, deren Erbgut so manipuliert wurde, dass die Tiere bestimmte Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Fettleibigkeit bekommen.
Der weltweit größte „Versuchs“tierzüchter, der amerikanische Konzern Charles River Laboratories, unterhält in Sulzfeld im Landkreis Karlsruhe eine Zucht für Nagetiere und Kaninchen. In Köln gibt es eine Filiale der amerikanischen Firma Taconic, die genmanipulierte Mäuse züchtet.
Affen werden zum Teil im deutschen Primatenzentrum DPZ in Göttingen für die Forschung gezüchtet. Rund 95% der Affen stammen aber von außerhalb der EU. Größter Exporteur ist China, gefolgt von Mauritius. Dort werden freilebende Affen gefangen und in Zuchtanstalten unter unsäglichen Bedingungen vermehrt. Die Jungen werden nach Europa und Amerika verschickt, um im Labor zu sterben.
1.4. Warum werden Tierversuche durchgeführt?
- Bei den Konsumenten soll ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in neue chemische und pharmazeutische Produkte geweckt werden. Tierversuche erfüllen somit eine Alibi-Funktion: Sie spiegeln eine Unbedenklichkeit von Produkten vor, die in Wahrheit nicht gegeben ist.
- Tierversuche dienen der Risikoabsicherung des Arzneimittelproduzenten. Kommt es zu Zwischenfällen wie unerwünschten Nebenwirkungen bei menschlichen Patienten, ist der Hersteller nicht haftbar, wenn er entsprechende tierexperimentelle Studien vorweisen kann.
- Eine Reihe von Rechtsvorschriften wie Chemikalien-, Biozid- und Pflanzenschutz-Verordnung, das Arzneimittelgesetz sowie das Europäische Arzneibuch schreiben die Durchführung von Tierversuchen vor.
- Zur Erlangung akademischer Titel sind Tierversuche gang und gäbe. Viele Wissenschaftler wachsen im Laufe ihrer Ausbildung mit Tierversuchen auf und stellen sie deshalb meist nicht in Frage.
- Wer als Forscher Karriere machen will, muss viele Artikel in möglichst hochrangigen Fachzeitschriften mit hohem Impactfaktor veröffentlichen. Journals mit den höchsten Impactfaktoren nehmen vor allem tierexperimentelle Studien an.
- Viele Tierversuche werden aus wissenschaftlicher Neugier, Forscherdrang oder aus Profilierungssucht gemacht. Der Zwang, möglichst viele Veröffentlichungen zu schreiben, treibt so manchen Forscher dazu, immer abwegigere Versuchsanordnungen zu erdenken.
- Auch die bevorzugte finanzielle Förderung tierexperimenteller Forschungsvorhaben durch Bund, Länder und verschiedene Einrichtungen, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sind eine Triebfeder zur Durchführung immer wieder neuer Tierversuche.
- Eine tierversuchsfreie Methode wird nur dann behördlich anerkannt, wenn ihre Ergebnisse „validiert“ sind, das heißt, wenn sie mit denen des entsprechenden Tierversuchs übereinstimmen. Der Tierversuch selbst wurde allerdings nie validiert. Er wird einfach akzeptiert, obwohl die Ergebnisse ungenau und nicht auf den Menschen übertragbar sind. Die Qualität neuer, sinnvoller Testsysteme wird also an einer schlechten, veralteten Methode gemessen. Aussagekräftige In-vitro-Systeme haben es daher schwer, behördlich anerkannt zu werden.
- Gewohnheit und Routine sind weitere Gründe für das Festhalten an der Methode „Tierversuch“. Die eingefahrenen Gleise sind bequemer als das Beschreiten neuer Wege.
- Eine ganze Industrie profitiert vom Tierversuch. Züchter, Händler, Futterlieferanten, Hersteller von Käfigen und Zubehör, Wissenschaftler, Institute usw. – sie alle verdienen an Tierversuchen.
1.5. Wo werden Tierversuche durchgeführt?
Tierversuche werden in Deutschland an praktisch allen Universitäten durchgeführt sowie an zahlreichen Bundes- und Max-Planck-Instituten. Hinzu kommen Unternehmen der Pharma- und Chemie-Industrie sowie private Auftragslabore. Eine (unvollständige) Adressliste von rund 900 tierexperimentellen Einrichtungen in Deutschland finden Sie – nach Städten geordnet – hier. Es werden dort keine Privatadressen von Experimentatoren genannt, sondern ausschließlich Institutsadressen.
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1.6. Ist es nicht besser, die Tierversuche in Deutschland/der EU weiter zu erlauben, bevor sie ins Ausland exportiert werden, wo es den Tieren noch schlechter geht?
Wir sollten bei uns anfangen und Vorbild sein. So erlauben wir in Deutschland z.B. auch keine Kinderarbeit. Wenn wir darauf warten wollen, bis auch im letzten Winkel der Welt unsere Maßstäbe eingeführt werden, wird sich nie etwas ändern. Experimentatoren, die drohen, wegen zu vieler Hindernisse ins Ausland zu gehen, schrecken anscheinend nicht davor zurück, deutsches Gesetz zu brechen, sobald sie sich im Ausland befinden. Man muss sich hier die Frage stellen, ob der Forschungsstandort Deutschland Forscher braucht, die offensichtlich bereit sind, demokratisch erlangte Rechtsvorschriften zu ignorieren.
Es gibt sogar Hinweise, dass Tierversuche aus dem Ausland nach Deutschland exportiert wurden, weil hier die Umsetzung des EU-Rechts so lasch erfolgt ist. So sind Giftigkeitsprüfungen nach deutschem Recht nur anzeigepflichtig, obwohl sie nach EU-Recht einen Genehmigungsprozess durchlaufen müssten.
1.7. Beruhen nicht alle wichtigen medizinischen Erkenntnisse der Vergangenheit auf Tierversuchen?
- Auch früher galt schon: Aus Versuchen an Tieren kann man immer nur etwas über die jeweiligen Tiere lernen. Eine Übertragung auf den Menschen ist Spekulation.
- Es ist mehr als fraglich, ob die Erkenntnisse, die aus Versuchen gewonnenen wurden, tatsächlich etwas zum Fortschritt der Medizin beigetragen haben. Oft wird deren Bedeutung stark über- und gleichgerichtete menschenbasierte Forschung unterbewertet. Beispiele sind die funktionelle Magnetresonanztomographie und die Tiefe Hirnstimulation (Hirnschrittmacher), die gar nicht – wie oft behauptet – durch Tierversuche entwickelt worden sind. In beiden Fällen wird die Forschungszeit vor den ersten Tierversuchen von den Befürwortern totgeschwiegen.
- Man muss die Tierversuche der Vergangenheit betrachten wie ein Geschichtsbuch, in dem Kriege und Gräueltaten beschrieben werden. Es sind Tatsachen, die passiert sind. Die Uhr kann man nicht zurückdrehen. Heutige oder gar zukünftige Tierversuche mit angeblich erfolgreichen Tierversuchen der Vergangenheit rechtfertigen zu wollen, ist eine unlogische Schlussfolgerung.
- Man weiß nicht, wie sich die Medizin entwickelt hätte, wären Tierversuche schon vor 100 oder 50 Jahren verboten worden. Wir sind der Überzeugung, dass die Medizin schon viel weiter wäre, wenn die Milliarden an Steuergeldern und der ganze Forschergeist nicht jahrzehntelang in eine fehlgeleitete Forschung gesteckt worden wären und falsche Tierversuchsergebnisse den Fortschritt nicht aufgehalten hätten. Letztendlich ist dies aber Spekulation. Genauso ist es Spekulation zu behaupten, ohne Tierversuche hätten wir diese oder jene Errungenschaft nicht.
- Die Tiere, die in vergangenen Versuchen gelitten haben und gestorben sind, kann man nicht wieder lebendig machen, aber wir können aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Allerdings steht die tierexperimentelle Forschung auf dem Standpunkt, dass alles was gestern gut war, heute und morgen auch noch gut ist. Die tierexperimentelle Forschung ist ein Relikt, das längst vergangenen Zeiten nachhängt, anstatt Platz zu machen für eine moderne Wissenschaft.
1.8. Sind viele Tierversuche denn nicht weniger schmerzhaft als eine kleine Injektion?
Der Öffentlichkeit zu suggerieren, Tierversuche seien nicht schlimm und den Tieren würde es gut gehen, ist eine der perfidesten Maschen der Tierversuchslobby, um Tierversuche in der Öffentlichkeit zu verharmlosen. Ein Tierversuchslabor ist kein Streichelzoo. Tatsächlich werden Tiere vergiftet, verbrüht, ertränkt, genmanipuliert, erstickt, verstümmelt, süchtig gemacht, ihre Beine werden zersägt, sie müssen bis zur Verzweiflung schwimmen, bei ihnen werden Krebs, Rheuma und andere schmerzhafte Krankheiten erzeugt. Tierversuche bedeuten immer Leid, Qual, Schmerz, Angst und Stress für die Tiere. Das Leid der Tiere fängt sogar schon lange vor dem Versuch an: Bei Zucht, Handel, Transport und Haltung. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass allein schon das Hochheben einer Maus bei dem Tier eine Reihe von Körperreaktionen hervorruft. Stresshormone im Blut steigen, der Puls rast, der Blutdruck geht in die Höhe. Diese Symptome sind noch nach einer Stunde nachweisbar. Auf Routineeingriffe, wie Blutentnahmen und Zwangsfütterung mit einer Magensonde, reagieren die Tiere mit Angst und Panik. Die massive Stressreaktion hat eine verminderte Immunabwehr zur Folge, was die Ergebnisse des Versuchs erheblich beeinflusst. Allein dadurch sind die tierexperimentellen Resultate von vornherein wertlos.
Selbst eine vermeintlich harmlose Injektion bedeutet für ein Tier also schon Angst und Schmerz. Was danach kommt, ist meist jedoch noch erheblich schlimmer. Die Spritze kann Krankheitserreger, Krebszellen oder Giftstoffe enthalten. Entsprechend qualvoll sind die Folgen für das einzelne Tier. Die millionenfache Tierqual im Labor als „kleine Injektion“ zu verharmlosen, kann nur mit hochgradiger Abgestumpftheit erklärt werden.
Einer wissenschaftlichen Studie zufolge wurde das Leid der Tiere von der Mehrzahl der Experimentatoren als zu niedrig eingestuft. Auf den Formularen zur Genehmigung von Tierversuchen wurden „keine“ oder „geringe Schmerzen“ angegeben, obwohl erhebliche Schmerzen zu erwarten waren. In der Studie heißt es, zwei Drittel der Experimentatoren setzte den Belastungsgrad zu niedrig an, kein einziger zu hoch.
1.9. Kann ich mir einmal einen Tierversuch ansehen?
Nein, bei Tierexperimenten darf niemand zusehen, obwohl sie größtenteils durch unsere Steuergelder finanziert werden. Tierversuche finden hinter hermetisch abgeriegelten Türen statt. Als Gründe werden Firmengeheimnisse genannt oder der Schutz der Tiere. Besucher könnten Krankheitserreger einschleppen oder die Tiere erschrecken. Mitunter wird bestimmten Personengruppen, z.B. Schulklassen oder auch Journalisten, Einlass gewährt. Solche Führungen werden gern zur Gehirnwäsche der Besucher genutzt. Was ihnen präsentiert wird, entspricht in keiner Weise der Realität. Allenfalls bekommen sie einige umherwuselnde Mäuse oder an Bananen knabbernde Äffchen zu sehen. Bei den Tierversuchen darf jedoch niemand zuschauen. Zu groß ist die Angst der Experimentatoren, die Besucher könnten anschließend zu Tierversuchsgegnern werden.
Das Leid der Tiere öffentlich zu machen, ist eine der Hauptaufgaben der Tierversuchsgegner-Organisationen. Ein Teil der Informationen kommt dabei ungewollt von den Experimentatoren selbst, wenn sie Studien mit Details und Ergebnissen ihrer Versuche in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichen. Unter www.datenbank-tierversuche.de dokumentieren wir Zusammenfassungen Tausender Versuchsbeschreibungen aus solchen Fachpublikationen.
Außerdem gewähren mit versteckter Kamera gemachte Foto- und Filmaufnahmen Einblicke in die Realität des Tierversuchs. Viele Versuche werden jedoch nie bekannt, denn ihre Genehmigung wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgenommen, und misslungene Versuche werden meist erst gar nicht veröffentlicht.
1.10. Warum finde ich auf Ihrer Seite keine Argumente für Tierversuche, damit ich mir ein objektives Bild machen kann?
Tierversuche und Propagandaaktionen für Tierversuche werden vielfach mit öffentlichen Mitteln durchgeführt. Selbst Tierversuchsgegner finanzieren dies über ihre Steuern ungewollt mit. Durch die staatliche Unterstützung stehen der Pro-Tierversuchslobby beträchtliche finanzielle, politische und medienwirksame Mittel zur Verfügung. Ihr Einfluss auf den Gesetzgeber und die Öffentlichkeit ist enorm und sie lässt keine Gelegenheit aus, Tierversuche in der Öffentlichkeit als 'notwendig' hinzustellen. Immer wieder erscheinen Meldungen über die angeblich bahnbrechenden Errungenschaften, die uns die tierexperimentelle Forschung in Kürze bescheren wird, auch wenn sich diese bei genauerem Hinsehen als 'heiße Luft' erweisen. Die ethischen und wissenschaftskritischen Argumente der Tierversuchsgegner haben gegen die übermächtige Lobby einen schweren Stand. Daher bieten wir der Befürworterseite auf unserer Internetseite bewusst kein Forum.
1.11. Würden Sie lieber Ihr Kind sterben lassen als ein paar Ratten zu opfern?
Diese Frage kann schon deshalb nicht beantwortet werden, weil es keinen Tierversuch gibt, bei dem sich diese Frage stellt. Eine direkte Beziehung zwischen einem Tierversuch und der Rettung eines Menschen existiert nicht. Auf der einen Seite steht das ursprünglich gesunde Tier, welches sicher zu Tode gequält wird. Daraus resultiert aber nie die Rettung eines konkreten Menschen. Vielmehr stirbt das Tier für die vage Hoffnung eines Experimentators, der behauptet, es könnten sich daraus möglicherweise für den Menschen wichtige Erkenntnisse ergeben. Von daher stehen sich hier also zwei vollkommen unterschiedliche Werte gegenüber, als die Tierversuchslobby uns häufig glauben machen will.
Die Frage unterstellt Tierversuchsgegnern auch eine Menschenfeindlichkeit, die keineswegs gegeben ist. Im Gegenteil – wir möchten weder die Medizin noch Medikamente abschaffen, sondern wir fordern eine Medizin und Forschung, welche mit zuverlässigen und ethisch akzeptablen Methoden zu ihrem Ziel, nämlich der Heilung von Krankheiten und, noch besser, deren Vermeidung, führt. Die Frage „Wollen Sie lieber ein Kind oder eine Ratte retten?“ ist deswegen nicht nur bewusst falsch gestellt, sondern auch ethisch nicht zu akzeptieren. Es geht nicht darum, sich zwischen einem Menschen oder einem Tier zu entscheiden – es geht nur um die Entscheidung zwischen guter Wissenschaft und sinnloser Grausamkeit.
1.12. Warum regen Sie sich über wenige Millionen „Versuchs“tiere auf, während erheblich mehr Tiere in der Fleischproduktion sterben?
Ein Unrecht kann nicht mit einem anderen aufgewogen werden. Die Tatsache, dass andere Tiere, für welche Zwecke auch immer, Jahr für Jahr, Tag für Tag leiden und getötet werden, kann keine Rechtfertigung für Leid und Tod weiterer Tiere sein. Auch mit der reinen Quantität der für Nahrungszwecke oder zur „Schädlingsbekämpfung“ getöteten Tiere gegenüber den Tieren im Labor zu argumentieren, ist vom ethischen Standpunkt aus betrachtet irrelevant, da es für das einzelne Tier keine Rolle spielt, ob es sein Schicksal noch mit zwei oder mit 500 Millionen anderen Tieren teilt. Im Übrigen engagieren sich Tierschützer und Tierrechtler eben auch gegen die Ausbeutung von Tieren in diesen Bereichen (Massentierhaltung, Zirkus, Zoo u.a.).
1.13. Sind Tierversuche in der Tiermedizin sinnvoll, weil das Problem der Übertragbarkeit nicht gegeben ist?
Zunächst muss mit der gängigen Vorstellung aufgeräumt werden, Tierversuche in der Tiermedizin würden nur zum Wohle von Tieren durchgeführt. Tatsächlich ist meist das Gegenteil der Fall, und tatsächlich profitieren von solchen Experimenten fast immer die Tiernutzer. Das Ziel des Einsatzes von Arzneimitteln und Impfstoffen im landwirtschaftlichen Bereich, von Zuchtprogrammen und dem Einsatz der Gentechnik ist, die Leistung der Tiere zu erhöhen und die wirtschaftlichen Schäden durch die bekannten qualvollen Haltungsbedingungen zu begrenzen. Gesundheit wird hier statt am Wohlbefinden der Tiere in Litern Milchproduktion oder täglicher Gewichtszunahme gemessen. Tierarzneimittel und veterinärmedizinische Forschung ermöglichen in der Landwirtschaft erst die grenzenlose Ausbeutung der „Nutz“tiere. Doch auch für „Heim“tiere sind Tierversuche der falsche Weg.
Bei der Entwicklung von Tierarzneimitteln werden üblicherweise zunächst Nagetiere wie Mäuse oder Ratten verwendet, erst später erfolgen Untersuchungen mit der „Zielspezies". Diese Tiere werden in den Laboren unter völlig unnatürlichen, „standardisierten“ Bedingungen gehalten. Krankheiten, die man untersuchen will, werden meist bei jungen, gesunden Tieren künstlich hervorgerufen. Beides führt dazu, dass sie nicht als Stellvertreter ihrer außerhalb eines Labors lebenden Artgenossen angesehen werden können, selbst dann nicht, wenn sie der gleichen Spezies angehören. Die Übertragung von Ergebnissen aus einem Tierexperiment auf ein „normales“ Tier ist ähnlich problematisch wie die Übertragung auf den Menschen. Die durch Haltungsbedingungen, Ernährung, Umweltfaktoren sowie soziale und psychische Einflüsse geprägten Verhältnisse, in denen „Heim“tiere leben, können im Tierversuch nicht nachgeahmt werden. Noch weniger kann ein komplexes Krankheitsgeschehen bei Tieren unter Laborbedingungen erforscht werden.
Erst am Ende stehen - wie beim Menschen - klinische Tests, bei denen an (Uni-)Kliniken oder Tierarztpraxen Patienten rekrutiert werden. Dies ist - ebenfalls wie beim Menschen - kritisch zu sehen, da die „Vorversuche" keine wirkliche Sicherheit für die Patienten bringen.
Auch für die Entwicklung von Tierarzneimitteln kann man im 21. Jahrhundert auf vielfältige innovative Methoden zurückgreifen, die ohne Tierleid sinnvolle Forschung ermöglichen. Denn Multi-Organ-Chips und Organoide lassen sich auch aus Zellen von bestimmten Tierarten herstellen, ohne den Tieren zu schaden, und Computerprogramme können mit Daten von Tieren gefüttert werden.
1.14. Wie stehen Sie zu vermeintlich „harmlosen“ Tierversuchen wie Besenderung von Wildtieren?
Markieren und Besendern wird oft erhebliches Leid und manchmal sogar der Tod von Tieren billigend in Kauf genommen. Allein schon der Fang ist für die betroffenen Tiere mit enormem Stress und Angst verbunden. Die Marken und Peilsender beeinträchtigen das Verhalten der Tiere oft massiv und verursachen mitunter den Tod. Ein möglicher Erkenntnisgewinn wiegt das Leiden der Tiere keinesfalls auf. In der heutigen Zeit ist es möglich, Informationen etwa zu Wanderrouten von Wildtieren auf andere Weise zu erlangen. So kann der genetische Fingerabdruck von Tieren aus Kot, Urin, Haaren, Hautschuppen, dem Blas von Walen und sogar aus Spinnennetzen oder Wasser bestimmt werden. Computergestützte Erkennungsmethoden wie die sogenannte Photo-ID und künstliche Intelligenz können zum Einsatz kommen, um einzelne Individuen zu identifizieren. Innovationen, die Tieren nicht schaden, können und müssen auch in diesem Bereich Einzug halten. Ausführlicher Artikel zu diesem Thema >>
1.15. Ist es nicht sinnvoll, Tierversuche vorerst nur zu reduzieren und zu verbessern, damit weniger Tiere leiden müssen?
Beim sogenannten 3R-Konzept sollen Tierversuche durch nicht oder weniger leidensfähige Systeme ersetzt werden (Replace), ihre Anzahl verringert (Reduce) oder verfeinert/verbessert werden, z.B. durch weniger Schmerzen für die Tiere oder bessere Haltungsbedingungen (Refine). Dieses Prinzip beruht jedoch auf der irrigen Annahme, der Tierversuch sei eine prinzipiell sinnvolle Methode. Eine Abkehr vom Tierversuch wird bei diesem Konzept nicht in Erwägung gezogen.
Für Ärzte gegen Tierversuche dient das 3R-Konzpt lediglich dazu, Tierversuche für alle Zeiten zu zementieren. Tierexperimente sind prinzipiell kein geeignetes Mittel des Erkenntnisgewinns für die biomedizinische Forschung und darüber hinaus moralisch verwerflich. Maßnahmen, bei denen die Zahl oder das Leid der Tiere verringert werden, stellen lediglich kosmetische Korrekturen eines falschen Wissenschaftssystems dar.
1.16 Was wäre, wenn alle Tierversuche abgeschafft wären?
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2. Zahlen und Gesetze
2.1. Wie viele Tiere müssen für die Forschung leiden und sterben?
Statistische Angaben über Art und Anzahl der jährlich verwendeten „Versuchs“tiere finden Sie unter Tierversuchsstatistik.
2.2. Welche Tierarten werden für Tierversuche benutzt?
Es gibt im Grunde kaum eine Tierart, die nicht im Tierversuch verwendet wird. Das Gros machen Ratten und Mäuse aus (zusammen ca. 85%). Der Grund für die Verwendung von Nagetieren: Sie sind handlich, zäh, billig und aufgrund ihrer schnellen Generationsfolge leicht in Massen zu züchten. Außerdem regt sich gegen Versuche mit Mäusen und Ratten vergleichsweise wenig öffentlicher Widerstand, denn nicht jeder weiß, dass sie ebenso leidensfähig sind wie andere Tiere. Daneben werden in den Laboratorien Fische, Katzen, Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen, Affen, aber auch Vögel – vor allem Zebrafinken, Wachteln und Hühner –, außerdem Goldhamster, Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde, Rinder und viele andere Tierarten eingesetzt. Sogar exotische Tiere wie Fledermäuse, Nacktmulle oder Axolotl (Salamander) müssen mitunter für Experimente herhalten.
2.3. Was kosten Tierversuche?
Wir Steuerzahler subventionieren Tierversuche ungewollt jedes Jahr mit Milliardensummen. Konkrete Angaben von offizieller Seite über die Höhe der öffentlichen Gelder, mit denen Tierversuche finanziert werden, gibt es nicht. Unsere Recherchen belegen, dass über 99% in Tierversuche fließen, während weniger als 1% Steuergelder für moderne tierversuchsfreie Forschung ausgegeben wird.
2.4. Warum sind Tierversuche nach dem Tierschutzgesetz überhaupt erlaubt?
Nach §1 Tierschutzgesetz werden Tiere als „Mitgeschöpfe“ anerkannt und das Zufügen von Schmerzen, Leiden oder Schäden ohne vernünftigen Grund verboten. Doch diese hehren Worte werden wenige Paragraphen später ad absurdum geführt. Als „vernünftiger Grund“ gilt nämlich alles, was dem Menschen irgendeinen Nutzen verspricht. Laut §7 dürfen Tieren Schmerzen, Leiden und Schäden zu folgenden Zwecken zugefügt werden:
- Grundlagenforschung
- Sonstige Forschung zum Vorbeugen, Erkennen oder Behandeln von Krankheiten
- Prüfung von Stoffen oder Produkten auf ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit
- Verbesserung der Haltungsbedingungen landwirtschaftlicher Nutztiere
- Schutz der Umwelt
- Prüfung von Schädlingsbekämpfungsmitteln
- Aus-, Fort- und Weiterbildung
- Gerichtsmedizinische Untersuchungen.
Anders ausgedrückt: praktisch alle denkbaren Tierversuche sind erlaubt.
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2.5. Muss nicht jeder Tierversuch von einer „Ethikkommission“, der auch Tierschützer angehören, genehmigt werden?
Das Tierschutzrecht unterscheidet zwischen Genehmigungs- und Anzeigepflicht. Letztere Tierversuche z.B. im Bereich der besonders qualvollen Giftigkeitsprüfungen müssen der zuständigen Behörde lediglich angezeigt werden. Genehmigungspflichtige Tierversuche - dies sind im Wesentlichen Tierversuche im Bereich der Grundlagen- und Arzneimittelforschung - müssen von der zuständigen Behörde, meist das Regierungspräsidium, genehmigt werden. Der Genehmigungsbehörde steht eine Kommission beratend zur Seite, die in der Regel zu zwei Dritteln aus den Reihen der Wissenschaft und zu einem Drittel aus Tierschutzvertretern besteht. Die Kommission hat aber nur beratenden Charakter. Die Entscheidung liegt bei der Genehmigungsbehörde. Und selbst die kann laut dem aktuellen Tierschutzgesetz nur kontrollieren, ob der Antrag richtig ausgefüllt ist. Denn nach §8 ist ein Versuchsvorhaben zu genehmigen, wenn der Experimentator dessen Unerlässlichkeit und ethische Vertretbarkeit wissenschaftlich begründet und der Antrag ordentlich ausgefüllt wurde. Dies führt dazu, dass derzeit praktisch jeder Tierversuchsantrag genehmigt wird, und sei er auch noch so abwegig. Die Ablehnungsquote liegt bundesweit bei unter 1%.
Die Kommission wird korrekt als „§15-Komission“ oder „Tierversuchskommission“ bezeichnet. „Ethikkommissionen“ gibt es tatsächlich an Universitäten. Diese sind für die Planung und Beurteilung von Forschung am Menschen zuständig, also z.B. Versuche mit menschlichem Gewebe oder klinische Studien.
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3. Helfen / Verein
3.1. Was kann ich gegen Tierversuche tun?
Tipps, wie Sie aktiv zur Abschaffung der Tierversuche beitragen können, finden Sie hier.
3.2. Können nur Ärzte Mitglied bei Ärzte gegen Tierversuche e.V. werden?
Ärzte, Tierärzte, Zahnärzte, Psychologen und im medizinischen Bereich tätige Wissenschaftler können Mitglied bei ÄgT werden. Alle anderen Berufsgruppen können uns als Fördermitglied unterstützen. Je mehr wir sind, desto stärker ist die Stimme, mit der wir für die Tiere sprechen können! Die Jahresmitgliedschaft beträgt 72 € bzw. 36 €.
Infos zur Förder-/Mitgliedschaft >>
3.3. Was macht Ihr Verein mit den Spenden?
Die Einnahmen unseres Vereins setzen sich im Wesentlichen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und (naturgemäß stark schwankenden) Nachlässen sowie zu einem sehr geringen Teil aus dem Shop zusammen. Mehr als 80% der Einnahmen werden für Öffentlichkeitsarbeit (Kampagnen, Veranstaltungen, Vorträge, Presse, Internetseiten, soziale Netzwerke, Filme, Arbeitsgruppen) und wissenschaftliche Arbeit (Recherchen, Stellungnahmen, Artikel, Datenbank) verwendet. 14% gehen in die Verwaltung/EDV, 3% werden für den Shop aufgewendet (Infomaterial, Versand) und 1% für das Osteuropa-Projekt.
Weitere Infos zu den Ausgaben >>
3.4. Sie sind ja gar keine Ärzte/Wissenschaftler!
Der 5-köpfige Vorstand des Vereins besteht aus Human- und Tiermedizinern, ein 3-köpfiger erweiterter Vorstand aus Humanmedizinern. Das angestellte Wissenschaftsteam besteht aus Tierärzten und Naturwissenschaftlern. Unterstützt wird der Verein durch ein wissenschaftliches Referententeam bestehend aus Human-, Tier- und Zahnmedizinern sowie Naturwissenschaftlern. Unsere Mitglieder setzen sich zusammen aus rund einem Drittel medizinisch-wissenschaftlichen Mitgliedern, d.h. Ärzten, Tierärzten, Zahnärzten, im medizinischen Bereich tätigen Naturwissenschaftlern und Psychologen, sowie zwei Dritteln Fördermitgliedern anderer Berufsgruppen.
Weitere Infos zur Struktur des Vereins >>
3.5. Bis wann müssen volle Unterschriftenlisten eingereicht werden?
In einer Übersicht unserer laufenden Online-Petitionen und Unterschriftenlisten erfahren Sie auch etwas über ggf. bestehende Einsendeschlüsse. Bei Listen ohne Datumsangabe steht noch kein Einsendeschluss, bzw. Übergabetermin fest.
3.6. Haben die Tierversuchsgegner eigentlich schon etwas erreicht?
Ja, es wurde bereits sehr viel erreicht. Die Zahl der Tierversuche nahm von den Anfängen der offiziellen Statistiken Ende der Achtziger Jahre bis zum Jahr 1997 aufgrund einer wachsenden Bewegung an Tierversuchsgegnern kontinuierlich ab. Nach diesem Tiefpunkt stieg die Zahl jedoch leider wieder an. Doch, dass Tierversuche ein Thema in der Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik sind, und dass immer mehr Wissenschaftler sich Gedanken über andere Forschungsmethoden machen, ist einzig und allein der jahrzehntelangen Arbeit der Tierversuchsgegner zu verdanken.
Für die Entwicklung und den Einsatz von Miniorganen aus menschlichen Zellen und anderen tierversuchsfreien Methoden war die Tierversuchsgegnerbewegung der Katalysator. Ohne den unermüdlichen Kampf der Tierversuchsgegner gäbe es Einrichtungen wie ZEBET (Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden in Berlin) und das europäische Gegenstück ECVAM (European Center for the Validation of Alternative Methods in Ispra, Italien) nicht. Dies sind zwei Institutionen, die sich für die Etablierung tierversuchsfreier Testmethoden einsetzen. Dass heute in Deutschland an der Hälfte der humanmedizinischen Fakultäten tierversuchsfrei studiert werden kann, ist ein Erfolg von Studentenprotesten und der Tierversuchsgegnerbewegung.
Dass der Stellenwert des Tierschutzes auf politischer Ebene zugenommen hat, zeigt das EU-Vermarktungsverbot von Tierversuchs-Kosmetik - ein erfolgreiches Resultat jahrelanger Arbeit von Tierversuchsgegnern. Auch Firmen, die von grausamen Tierversuchen auf tierversuchsfreie Testverfahren umsteigen, machen das meist nicht aus Tierschutzgründen, sondern aufgrund des öffentlichen Drucks (Beispiel Botox).
3.7. Muss ich auf Medikamente verzichten?
Wir sind nicht gegen Medikamente. Natürlich ist es schon der eigenen Gesundheit zuliebe ratsam, gesund zu leben und so wenig Medikamente wie möglich zu nehmen. Wenn es aber unumgänglich ist, sollten die Tierversuche, die zuvor für dieses Produkt durchgeführt worden sind, Sie nicht von der Einnahme abhalten. Es würde keinem einzigen Tier helfen, auf ein solches Produkt zu verzichten.
So gut wie alle Medikamente, Behandlungsmethoden, Operationstechniken usw. sind im Tierversuch getestet worden. Als Tierversuchsgegner muss man trotzdem nicht auf Medikamente und medizinische Versorgung verzichten, wie das ja oft von der Gegenseite verlangt wird. Bei der Ernährung und bei Kosmetika haben wir die Möglichkeit auf Tierqualprodukte zu verzichten, bei Medikamenten, Operationen und anderen medizinischen Maßnahmen haben wir diese Wahl kaum oder gar nicht.
Dass praktisch alle Medikamente an Tieren erprobt wurden, ist kein Argument dafür, dass es diese Medikamente ohne Tierversuche nicht gäbe und dass wir womöglich ohne Tierversuche alle an schrecklichen Krankheiten sterben würden, wie gern behauptet wird. Im Gegenteil, ohne Tierversuche wäre die Medizin schon viel weiter, denn Tierversuche halten, wegen der falschen Ergebnisse, die sie liefern, den medizinischen Fortschritt nur auf. Andere Methoden (z.B. im In-vitro-Bereich), klinische Forschung sowie Prävention von Krankheiten würden wahrscheinlich - wenn Tierversuche verboten wären - im Vordergrund stehen, was zu einer Verbesserung der Gesundheitslage führen würde.
- Die beste Medizin, um einen Großteil der Zivilisationskrankheiten vorzubeugen, ist eine gesunde, vegetarische oder besser vegane Ernährung, verbunden mit einem bewussten Lebensstil (Verzicht auf Suchtmittel, wenig Stress, Bewegung an frischer Luft usw.).
- Auch naturheilkundliche Verfahren können in vielen Fällen hilfreich sein.
- Um die forschenden, tierexperimentell arbeitenden Pharmakonzerne möglichst nicht zu unterstützen, kann man auf so genannte Generika-Präparate zurückgreifen. Medikamente können nach Ablauf einer Patentfrist von 20 Jahren von anderen Firmen hergestellt werden. Diese Generika-Firmen produzieren dann die Medikamente meist zu einem sehr viel günstigeren Preis. Wenn man auf diese Nachahmerpräparate ausweicht, hat man zwei Vorteile: man unterstützt die forschenden Firmen nicht und man verwendet Medikamente, deren Wirkungsweise seit langem gut bekannt ist. Unliebsame Überraschungen, wie schwere Nebenwirkungen, sind bei diesen also nicht so wahrscheinlich. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Generika früher im Tierversuch getestet worden sind. Auch sind Generika-Hersteller mitunter Tochterfirmen von forschenden Unternehmen.
Wir kämpfen dafür, dass Tierversuche abgeschafft werden, und dass es bald tierversuchsfreie Medikamente und Behandlungsmethoden gibt. Unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit für eine tierversuchsfreie Medizin und Forschung!
3.8. Wie kann ich Tierversuchs-Produkte boykottieren?
Einzig bei Kosmetika ist ein Boykott machbar und sinnvoll. Ein vollständiger Boykott aller tiergetesteten Stoffe ist jedoch nicht möglich. Denn nicht nur Medikamente, auch alle Stoffe des täglichen Lebens, die Farbe in der Kleidung, der Kunststoff unseres Computers, die Zusatzstoffe in unseren Nahrungsmitteln, ja sogar Wasser, wurden schon an Tieren getestet. Alle Tierversuchs-Produkte zu boykottieren, ist nicht nur unmöglich, sondern auch sinnlos. Es würde kein einziges Tier gerettet werden. Wir können die Tierversuche der Vergangenheit nicht rückgängig machen, wir können nur dafür sorgen, dass es in Zukunft keine mehr geben wird.
Siehe auch die Frage Muss ich auf Medikamente verzichten?
3.9. Ich suche einen Job in der tierversuchsfreien Forschung.
Auf www.invitrojobs.com des Bundesverbands Menschen für Tierrechte e.V. finden Sie Adressen von im In-vitro-Bereich arbeitenden Arbeitsgruppen und Firmen sowie eine Jobbörse.
3.10. Ich schreibe ein Referat für die Schule und suche Informationen.
Auf unserer Website sind umfangreiche Informationen zum Thema Tierversuche erhältlich. Basisinfos, die sich für die Schule eignen, gibt es hier.
3.11. Wie kann ich als Lehrer das Thema „Tierversuche“ im Unterricht behandeln?
Auf der Seite unseres Schul-Projekts www.tierschutz-in-der-schule.de finden Sie ausführliche Infos, wie Sie als Lehrer das Thema in Sekundarstufe I und II behandeln können. Unsere Website „Harry hilft Tieren“ richtet sich gezielt an Kinder und Jugendliche im Alter von 8-12 Jahren. Für Kinder im Grundschulalter haben wir ein Bilderbuch, in dem das Thema kindgerecht vermittelt wird. In verschiedenen Regionen Deutschlands können unsere geschulten Tierschutzlehrer auch in Ihre Schule kommen.
4. Tierversuchsfreie Forschung
4.1. Woran soll man denn sonst testen?
Sehr viele wichtige Erkenntnisse in der Medizin wurden nicht durch den Tierversuch, sondern durch Beobachtungen z. B. in Bevölkerungs- und Patientenstudien, aber auch durch Obduktionen gewonnen. Hinzu kommt heutzutage die Möglichkeit der Nutzung von modernen Computerprogrammen mit künstlicher Intelligenz, hochsensiblen Analyseverfahren und bildgebenden Verfahren wie MRT oder CT.
Tierversuchsfreie Testsysteme, die auf menschlichen Zellen basieren, liefern im Gegensatz zum Tierversuch für den Menschen relevante Ergebnisse. Solche In-vitro-Modelle reichen von dreidimensionalen Zellkulturen über Organoide (Mini-Organe) bis hin zu Multi-Organ-Chips, auf denen mehrere Organmodelle kombiniert und mit einem simulierten Blut- und Urinkreislauf miteinander verbunden werden. Diese humanen Zellmodelle lassen sich aus induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSCs) züchten, die aus Haarwurzel- oder Hautzellen gewonnen werden, sowohl von gesunden Spendern als auch von Patienten. Vor allem als Krankheitsmodelle und für die Entwicklung von Medikamenten oder die Testung von giftigen Substanzen sind sie im Gegensatz zu Versuchen an künstlich krank gemachten Tieren hochrelevant.
Ausführliche Infos: Tierversuchsfreie Forschung im 21. Jahrhundert >>Und in der Broschüre „Woran soll man denn sonst testen?“ PDF >>
4.2. Können alle Tierversuche durch tierversuchsfreie Verfahren ersetzt werden?
Tierversuche können und müssen vollständig abgeschafft werden. Wir sprechen aber nicht von „ersetzen“, denn der Begriff impliziert, dass der Tierversuch im Prinzip eine geeignete Methode für die medizinische Forschung sei, die lediglich ersetzt zu werden braucht. Dies ist aber nicht der Fall. Tatsächlich sind Tierexperimente nicht nur aus ethischen Gründen abzulehnen, sondern auch, weil es sich um eine aus wissenschaftlicher Sicht ungeeignete Methode handelt, die falsche oder nicht übertragbare Ergebnisse liefert.
Wir wollen also keinen „Ersatz“ von Tierversuchen, sondern einen Paradigmenwechsel, bei dem der Tierversuch nicht länger „Goldstandard“ ist. Wir brauchen eine moderne, humane Medizin und Wissenschaft ohne Tierversuche, die sich am Menschen orientiert und bei der Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten sowie der Einsatz tierversuchsfreier Forschungsmethoden im Vordergrund stehen.
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4.3. Soll man denn gleich am Menschen testen?
Keineswegs! Wir fordern vielmehr, dass man aufhört, Menschen unkalkulierbaren Gefahren auszusetzen. Das Arzneimittelrecht schreibt vor, dass ein neues Medikament nach den Tierversuchen an Menschen getestet wird. Dies wird als Klinische Prüfung in vier Phasen bezeichnet:
- Phase I: Die Arznei wird an einer kleinen Anzahl von gesunden Freiwilligen gegen Honorar getestet.
- Phase II: Das neue Medikament wird einer kleinen Gruppe von Erkrankten gegeben.
- Phase III: Diese Stufe umfasst einige Tausend Patienten, wobei die eine Hälfte das neue Produkt erhält und die andere ein Scheinmedikament (Placebo).
- Phase IV: Nach der Zulassung werden die behandelten Patienten systematisch beobachtet.
Dabei handelt es sich um Menschenversuche. Studien dieser Art sind nicht nur für den Teilnehmer riskant, sondern auch ethisch fragwürdig. In Phase I wird die Notlage der „freiwilligen Probanden“, oft einkommensschwache Menschen, ausgenutzt. Manche Probanden arbeiten für mehrere pharmazeutische Unternehmen gleichzeitig, so dass es zu Wechselwirkungen der eingenommenen Stoffe kommen kann.
Zudem ist eine zuverlässige Einnahme der Medikamente durch die Probanden, die ja nur am Honorar interessiert sind, nicht garantiert, die Ergebnisse deswegen von vornherein in Frage zu stellen. Auch die Versuche der Phase II und III sind kritisch zu sehen. Oftmals werden Patienten ohne ihr Wissen in Studien eingebunden, oder sie werden nur unzureichend über die Risiken aufgeklärt. Die kranken Menschen erklären sich zu dem Test bereit, in dem Glauben, der Fortschritt der Medizin habe etwas Neues und damit Gutes hervorgebracht. Die neuen Medikamente sind jedoch aufgrund der zuvor durchgeführten Tierversuche keineswegs als sicher einzustufen. Immer wieder kommt es bei den Probanden, aber auch in den folgenden Phasen, zu unvorhergesehenen Zwischenfällen, zu schweren Schädigungen, mitunter sogar zu Todesfällen. Meistens werden neue Wirkstoffe aber nicht weiterverfolgt, weil sie nicht wirken. Tatsächlich fallen 95% der im Tierversuch als sicher und wirksam eingestuften neuen Medikamente durch die klinische Prüfung am Menschen und werden nicht zugelassen.
Aber selbst, wenn ein Medikament zugelassen wird, heißt das nicht, dass es sicher für den Menschen ist. Etwa ein Drittel muss später aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen vom Markt genommen oder mit Warnhinweisen versehen werden. Seit 2013 warnt ein schwarzes Dreieck im Beipackzettel von neuen, noch nicht vollständig ausgetesteten Medikamenten den Patienten; offiziell steht das Medikament dann „unter besonderer Beobachtung“.
Doch wie sollen Medikamente dann getestet werden? Umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen müssen vor der Marktzulassung eines neuen Medikamentes getroffen werden, um Arzneimittelkatastrophen zu verhindern. Als Erstes muss auf Tierversuche verzichtet werden, da sie keine relevante Methode darstellen, um die Reaktion eines kranken Menschen auf unbekannte Substanzen vorherzusehen. Die neuen Wirkstoffe sind zunächst ausführlich mit zuverlässigen humanrelevanten In-vitro-Tests zu überprüfen. Die anschließende Erprobung an sorgsam ausgewählten, freiwilligen Personen muss erheblich vorsichtiger geschehen als bisher. Eine Möglichkeit ist das sogenannte Microdosing. Dabei werden Wirkstoffe an Probanden in so winzigen Mengen verabreicht, dass sie keinerlei Wirkung haben. Mit hochempfindlichen Messmethoden können aber trotzdem, die Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung der Substanz, der Um- und Abbau in den Organen sowie Wechselwirkungen mit anderen Mitteln detailgenau verfolgt werden.
Auch die Studien mit vollständig informierten Patienten haben wesentlich langsamer und sorgfältiger zu erfolgen. Mögliche Risiken und Nebenwirkungen des neuen Stoffes müssen jahrelang in umfangreichen Studien beobachtet werden, bevor er auf den Markt kommt und damit massenhaft Verbreitung findet. Der Gesetzgeber muss hierzu die erforderlichen Grundlagen schaffen. Trotz bzw. gerade aufgrund eines umfangreichen Tierversuchssystems bleibt bei der derzeitigen Gesetzeslage das Hauptrisiko bei der Entwicklung von Medikamenten letztendlich beim Patienten, da aus Tierversuchen oft Rückschlüsse mit fatalen Folgen für Menschen gezogen werden.
4.4. Braucht man nicht einen ganzen Organismus?
Natürlich muss ein Blick auf den Organismus als Ganzes geworfen werden, aber die Frage dabei ist: auf welchen Organismus beziehen wir uns? Die Ratte in ihrer Gesamtheit als Lebewesen ist nicht als gleich zu betrachten wie der Hund oder der Mensch in ihrer Gesamtheit als Organismus. Denn es bestehen vielfältige Unterschiede hinsichtlich Körperbau, Organfunktionen, Stoffwechsel und Lebensgewohnheiten. Das bedeutet: Menschen sind keine 70 kg schweren Ratten. Man testet ja auch keine Medikamente für Kaninchen an Pferden.
Sogar Schimpansen, unsere evolutionär gesehen engsten Verwandten, erkranken nicht an AIDS, Hepatitis und Malaria, drei für den Menschen tödliche Erkrankungen. Wenn also Schimpansen das beste „Tiermodell“ sind, das wir haben, was sagt uns das dann über Ratten, Mäuse und Hunde, die meist für Arzneimitteltests verwendet werden?
Tierversuche haben eine äußerst schlechte Vorhersagekraft. Erst, wenn man ein neues Medikament mit einem unkalkulierbaren Risiko am Menschen probiert hat, weiß man, ob der Mensch gleich, anders oder entgegengesetzt wie die „Versuchs“tiere reagiert.
Aus menschlichen Zellen generierte Mini-Organe und Multi-Organ-Chips sind zwar auch kein „ganzer Organismus“, aber besser ein inkomplettes human-relevantes System als ein komplettes, aber falsches „Modell“.
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4.5. Müssen für die Nährlösungen in der Zellkulturforschung nicht auch Tiere leiden?
Um Zellen in Kulturen am Leben zu halten und zum Wachsen zu bringen, benötigen sie ein Nährmedium, d.h. eine Flüssigkeit in der verschiedene Nährstoffe enthalten sind. Standardmäßig wird dafür Blutserum von ungeborenen Kälbern genutzt. Dessen Gewinnung ist extrem grausam. Direkt nach der Schlachtung einer schwangeren Kuh wird ihr der Fötus aus der Gebärmutter herausgeschnitten. Dem noch lebenden Kalb wird ohne Betäubung eine Nadel ins noch schlagende Herz gestochen und alles Blut abgesaugt, bis das Tier stirbt.
Ärzte gegen Tierversuche lehnt die Verwendung von fetalem Kälberserum (FKS) ab. Es gibt längst FKS-freie Nährmedien, die aus abgelaufenen Blutspenden gewonnen oder synthetisch hergestellt werden. Der Einsatz von FKS-freien Nährmedien erfolgt allerdings schleppend. Forscher, selbst solche im In-vitro-Bereich greifen gern auf Altbewährtes zurück, denn seit den 60er Jahren gilt das fetale Kälberserum als „Goldstandard“.
Für moderne Organ-Chip-Systeme wird meist kein FKS eingesetzt, sondern vorzugsweise Humanseren.
Ausführliche Infos: FKS-frei – Nährmedien ohne Kälberserum >>
4.6. Inwieweit werden die tierversuchsfreien Methoden schon eingesetzt?
Zahlreiche tierversuchsfreie Tests konnten sich inzwischen im Bereich der Forschung, Giftigkeitsprüfungen und Diagnostik etablieren. Einige Beispiele gibt es in unserer Broschüre „Woran soll man denn sonst testen“, S. 13-14. In die OECD-Richtlinien (Zusammenschluss der größten Industrienationen) wurden ebenfalls eine Reihe tierversuchsfreier Verfahren aufgenommen (Woran soll man denn sonst testen, S. 26-27).
Bei der behördlichen Anerkennung von tierversuchsfreien Methoden und Aufnahme in Gesetze ist die sogenannte Validierung eine große Hürde. Es kann 10-15 Jahre dauern, bis eine tierversuchsfreie Methode anerkannt wird, und selbst dann wird der Tierversuch oft immer noch durchgeführt.
Bei der Validierung werden die Ergebnisse einer tierversuchsfreien Methode mit denen des entsprechenden Tierversuchs verglichen. Nur, wenn die Ergebnisse übereinstimmen, kann der tierversuchsfreie Test anerkannt werden. Dieses Vorgehen ist völlig absurd, da tierversuchsfreie Methoden im Gegensatz zum Tierversuch genaue und vor allem humanrelevante Ergebnisse liefern. Und der Tierversuch selbst als Methode nie validiert worden ist.
Tierversuchsfreien Methoden wird es unglaublich schwer gemacht, sich weiterzuentwickeln und Erfolge vorweisen zu können, während der Tierversuch als „Goldstandard“ akzeptiert wird, auch wenn er keine für den Menschen relevante Ergebnisse liefert.
In nicht gesetzlich vorgeschriebenen Bereichen wie der Arzneimittelentwicklung kommen tierversuchsfreie Systeme wie Organchips immer stärker zum Einsatz. Die Pharmaindustrie entwickelt solche Technologien auch selbst, weil sie verlässlichere Ergebnisse liefern als künstlich krank gemachte Tiere.
Es gibt immer mehr Firmen – oft aus Universitäts-Instituten gegründete Start-Ups – die der Industrie Multi-Organ-Chips und andere Systeme anbieten. Beispiele sind Firmen wie TissUse aus Berlin und Emulate aus Boston, USA. Die Firma Spherotec aus München hat eine Mikro-Tumor-Technologie entwickelt, bei der Tumorproben von Patienten untersucht werden, um herauszufinden, welche Krebstherapie dem individuellen Patienten am besten hilft.
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Stand: 04.01.2023
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11.10.2018
Verschlissene Hüft-, Knie- oder Schultergelenke werden beim Menschen häufig durch künstliche Gelenke ersetzt. Die Testung dieser sogenannten Endoprothesen erfolgte bislang in Tierversuchen. Um Faktoren wie z.B. die mechanische Abnutzung oder Materialermüdung solcher künstlicher Gelenke oder den Einfluss von Körperflüssigkeiten auf das Material zu untersuchen, werden die Prothesen gesunden Tieren, vor allem Schafen, implantiert und bis zu einem Jahr lang auf diese Weise getestet. Da sich Mensch und Tier hinsichtlich Ihrer Statik und des gesamten Bewegungsapparates drastisch unterscheiden, sind solche „Tiermodelle“ ungeeignet und die experimentellen Befunde nicht auf den Menschen übertragbar.
Ein Forscherteam bestehend aus Wissenschaftlern der TU Dortmund und der National University of Science and Technology in Moskau hat nun ein Verfahren entwickelt, das einen zuverlässigen In-vitro-Belastungstest für neuentwickelte Gelenkprothesen bzw. Biomaterialien ermöglicht. Weitere Vorteile gegenüber Tierversuchen sind eine deutlich kürzere Versuchsdauer und die Möglichkeit der exakten experimentellen Standardisierung.
Aufgrund der ständigen Weiterentwicklung von Biomaterialien wie Metall, Keramik oder Polymere für Endoprothesen ist ein zuverlässiges Modellsystem essentiell, um unter streng definierten Versuchsbedingungen aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten.
Bei der neu entwickelten LIT-Verfahren (engl. Load Increased Tests) kommt ein hochentwickeltes servo-hydraulisches System zum Einsatz, mit dem das künstliche Gelenk definiert belastet wird, sowie eine synthetisch hergestellte, auf Körpertemperatur erwärmte Flüssigkeit, die das menschliche Blutplasma simulieren soll - ohne den Einsatz von fetalem Kälberserum (FKS), das an dieser Stelle häufig verwendet wurde. Auf diese Weise wird der Einfluss der physiologischen Umgebung einer Endoprothese auf die Materialabnutzung mitberücksichtigt. Als Testmaterial wurde das Polymer UHMWPE (engl. Ultra-high molecular weight polyethylene) eingesetzt, das sich bei Gelenkprothesen bereits medizinisch bewährt hat.

Versuchsaufbau des In-vitro-LIT-Systems zur Untersuchung der Abnutzung von Biomaterialien unter Verwendung von SBF. 1: Servo-hydraulisches Testsystem, 2: Peristaltische Pumpe, 3: SBF (simulierte Körperflüssigkeit), 4: Thermostat, 5: Korrosionszelle, 6: Biomaterial-Probe.
Der Belastungstest des Biomaterials dauert bis zu 8 Tage und umfasst über 110.000 Testzyklen, wobei die Kompressionskraft exakt definiert und stetig erhöht werden kann. Der Zustand des Materials wird hinsichtlich diverser Parameter nach 1, 2, 5 und 8 Tagen mit verschiedenen Analyseverfahren untersucht.
Die Forscher konnten in Ihrer Studie zeigen, dass die Kombination des servo-hydraulischen Systems und der Flüssigkeit, die das humane Blutplasma simuliert, wichtig ist, um zuverlässige Messergebnisse zur Materialabnutzung zu erhalten. Im Gegensatz zu Tierversuchen stellt diese In-vitro-Methode ein innovatives Testsystem dar, mit dem die Abnutzung von Gelenkprothesen im menschlichen Körper präzise untersucht werden kann.
Originalartikel:
Scholz R et al.: Development of biomimetic in vitro fatigue assessment for UHMWPE implant materials. J Mech Behav Biomed Mater. 2018; 85: 94–101
Das Cochlea-Implantat ist ein kleines Gerät, das bei Menschen mit schwerer Schallempfindungsschwerhörigkeit eingesetzt wird und ihnen wieder ermöglicht zu hören. Es besteht aus einem Mikrofon, das den Schall aufnimmt, einem Sprachprozessor, der die Schallwellen in elektrische Impulse umwandelt, die dann über die Sendespule an die Elektroden in der Hörschnecke (Chochlea) übertragen werden. Diese Elektroden stimulieren dann den Hörnerv, der die Impulse ans Gehirn weiterleitet. Mikrofon, Sendespule und Sprachprozessor werden außerhalb am Körper getragen. Das Cochlea Implantat (CI) umgeht also die beeinträchtigten Innenohrstrukturen und leitet die Schallinformationen als elektrische Impulse direkt an den Hörnerv. (1)
Pioniere
1800: Alessandro Volta (1745-1827), ein italienischer Physiker und Erfinder der Batterie, wagte ein Selbstexperiment, in dem er Batterien mit zwei Metallstäben verband. Diese führte er sich in sein Ohr ein, dabei bemerkte er ein Rütteln in seinem Kopf und nahm ein Geräusch wahr. In den darauffolgenden Jahren führten unterschiedliche Wissenschaftler an sich selbst Versuche mit verschiedenen Stromstärken durch. (1)
1855 verwendete Duchenne de Boulogne erstmals Wechselstrom für diese Art des Versuchs. Im späteren Verlauf wurden noch andere Stromquellen eingesetzt. (2)
Erste Versuche
1957 entwickelten der Elektrophysiologe André Djourno (1904-1996) und der Otologe Charles Eyriés in Paris das erste funktionierende Cochlea Implantat. Am 25. Februar 1957 wurde es einem gehörlosen Patienten implantiert, woraufhin dieser in der Lage war, Geräusche und einfache Worte zu erkennen. Außerdem wurde seine Fähigkeit des Lippenlesens verbessert. Die Arbeit von Djourno und Eyriés wurde nur in Frankreich veröffentlicht. (2, 3)
1963 starteten Fritz Zöllner, Otologe aus Freiburg, und Wolf-Dieter Keidel, Sinnesphysiologe aus Nürnberg, ein eigenes Projekt, das vorsah, die Elektroden in der Cochlea zu platzieren. Zöllner und Keidel erbrachten wichtige Erkenntnisse, die später verwirklicht werden konnten. (1)
1964 implantierte Blair Simmons von der Stanford University ein Implantat mit 6 Elektroden. Er zeigte mit diesem Versuch erfolgreich, dass mit verschiedenen Stimulationen verschiedene Empfindungen einhergehen. (2)
Das Cochlea Implantat wird einsatzreif
1960er Jahre: William F. House erfuhr von der Arbeit der beiden Wissenschaftler Djourno und Eyriés. In Zusammenarbeit mit den Brüdern John Doyle, Neurochirurg, und James Doyle, Elektroingenieur, entwickelte House ein Cochlea-Implantat aus Golddraht, das er den beiden ersten Patienten einsetzte. Die Resultate waren vielversprechend, wurden aber durch lokale Infektionen beeinträchtigt. (3, 4)
House arbeitete mit dem Elektroingenieur Jack Urban zusammen. Urban entwickelte ein Operationsmikroskop und löste die bei der Entwicklung der Implantate auftretenden mechanischen und elektronischen Probleme. Anfangs wussten weder Urban noch House, welche Art Strom sie verwenden sollten, um den Patienten das Hören zu ermöglichen, „so we just had to experiment“. Der erste freiwillige Patient war Charles Graser, ein Hochschullehrer, der schwere Verbrennungen erlitten hatte und durch die Einnahme des Antibiotikums Streptomycin vollständig ertaubt war. 1972 war Graser der erste Patient, der mit einem Langzeitmplantat das Testlabor verließ. (4) Das von House entwickelte Implantat hatte nur eine Elektrode, um die Informationen zum Hörnerv zu leiten und war dadurch kostengünstiger, aber genauso gut und auch für die Armen in aller Welt erschwinglich. (5)
1978: Graeme Clark von der Universität Melbourne implantiert weltweit das erste mehrkanalige intracochleäre System mit transkutaner (über die Haut) Übertragung und tragbarem Sprachprozessor. (2)
Die Rolle der Tierversuche
In den frühen 1970er Jahren gab es sehr kontroverse Diskussionen um das Cochlea Implantat. Man bezweifelte den Sinn und Erfolg dieser Methode und forderte angesichts einer solch rigorosen Methode die Überprüfung in „Tiermodellen“. (3) Deshalb führte House einige seiner Studien zum Cochlea Implantat an Patienten und Tieren durch. (6)
Eine Gruppe Wissenschaftler an der Universität von San Francisco unter Leitung von Michael Merzenich und Robert Schindler überprüften in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre die Sicherheit und Anwendbarkeit von Langzeitimplantaten im sogenannten „Katzenmodell“. (3) Üblicherweise wird dabei gesunden jungen, teilweise neugeborenen Katzen eine hörschädigende Substanz wie Neomycin ins Innenohr oder unter die Haut gespritzt. Nach der Ertaubungsphase werden den Katzen Elektroden implantiert, um die Hörfähigkeit zu testen. (7, 8)
Alle Tierversuche wurden erst nach der eigentlichen Erfindung des Cochlea-Implantats durchgeführt und dienten nur der Bestätigung der Ergebnisse der klinischen Forschung. Sie waren zu keinem Zeitpunkt an der Entwicklung beteiligt. Entscheidend für die Entwicklung waren erfindungsreiche, experimentierfreudige und mutige Wissenschaftler, vertrauensvolle Patienten und Ingenieure, die entsprechende Geräte wie das Operationsmikroskop, die Batterie und verträgliche Materialien entwickelten. Angesichts der Tatsache, dass es um ein Gerät geht, das von menschlicher Sprache verursachte Schallwellen in elektrische Impulse umwandelt und über den Hörnerven zum Hörzentrum leitet, fragt man sich doch, wie man auf die Idee kommen kann, dieses Gerät an Tieren zu testen, die einerseits ein vielfach empfindlicheres Hörorgan haben, andererseits nicht sprechen können. Die Entwicklung des Cochlea-Implantats ist ein weiteres Beispiel für die Absurdität des Tierversuchs.
3.9.2018
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quellen
(1) Kapek, Claudia: Die Geschichte des Cochlea-Implantats, Ein technisches Wunderwerk erobert die Welt. Historisches 29.03.2017
(2) Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Informatik und Gesellschaft – Gruppe EE; Elektronische Ersatzteile für den Körper: Das Cochlea Implantat
(3) Niparko, John K.; Nager, George T.: Cochlear Implants: Principles & Practices. 2nd Edition 2000, Philadelphia; London: Lippincott Williams & Wilkins
(4) Smaka, Carolyn: Audiology online: Interview with William House, 29. August 2011
(5) Martin, Douglas: Dr. William F. House, Inventor of Pioneering Ear-Implant Device, Dies at 89, The New York Times 15. Dezember 2012 (abgerufen am 3.9.2018)
(6) Jung, Ute; Die geschichtliche Entwicklung des Cochlear-Implants (PDF, abgerufen am 3.9.2018)
(7) Kral, A. et al.: Postnatal cortical development in congenital auditory deprivation. Cerebral Cortex 2005; 15(5): 552-562
(8) Dinse, H. et al.: Optical imaging of cat auditory cortex cochleotopic selectivity evoked by acute electrical stimulation of a multi-channel cochlear implant. European Journal of Neuroscience 1997; 9: 113-119
In den 1920er Jahren bemerkten Farmer in Kanada und den USA, dass in ihren Viehherden Tiere durch innere Blutungen qualvoll verendeten. Wie sich herausstellte, hatten sie Klee gefressen, der von Schimmelpilz befallen war. Diese Schimmelpilze produzierten eine gerinnungshemmende Substanz, die isoliert werden konnte und den Namen „Dicumarol“ erhielt.
Im Jahr 1948 kam eine synthetische Form namens „Warfarin“ als Rattengift auf den Markt. Die damit vergifteten Ratten sollten wie die Rinder verbluten.
1951 versuchte ein Mitglied der US Navy, sich mit Warfarin das Leben zu nehmen – doch er erholte sich vollständig. So entdeckte man, dass Warfarin für den Menschen nicht toxisch war und sogar lebensrettende Eigenschaften besaß. Man konnte damit der Entstehung von Blutgerinnseln vorbeugen und Krankheiten wie Infarkte, Thrombosen und Embolien behandeln.
1955 erhielt der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower nach einem Herzinfarkt Warfarin. Danach hieß es: „Was für einen Kriegshelden und den Präsidenten der Vereinigten Staaten gut ist, muss für jedermann gut sein, auch wenn es Rattengift ist!“
3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quelle
Dobson M: Die Geschichte der Medizin, National Geographic History 2013; Band 373: S.183
„Juli 1846. Nächste Woche trete ich meine Stelle als ‚Herr Doktor' auf der ersten Station der Entbindungsklinik im Allgemeinen Krankenhaus von Wien an. Ich war entsetzt, als ich vom Prozentsatz der Patienten hörte, die in dieser Klinik sterben. In diesem Monat starben dort sage und schreibe 36 von 208 Müttern, alle an Kindbettfieber. Ein Kind zur Welt zu bringen ist genauso gefährlich wie eine Lungenentzündung ersten Grades.“ (1)
Diese Zeilen aus dem Tagebuch von Ignaz Semmelweis (1818-1865) illustrieren die verheerenden Auswirkungen des Kindbettfiebers, einer ansteckenden Krankheit, an der im vorletzten Jahrhundert viele Frauen nach der Geburt eines Kindes starben. Die Ärzte, darunter auch Semmelweis, tappten in Bezug auf die Ursache des Kindbettfiebers völlig im Dunkeln. Semmelweis schrieb in sein Tagebuch: „Dezember 1846. Warum sterben so viele Frauen nach einer völlig problemlosen Geburt an diesem Fieber? Seit Jahrhunderten lehrt uns die Wissenschaft, es handle sich um eine unsichtbare Epidemie, die Mütter tötet. Als mögliche Ursachen gelten Veränderungen in der Luft, irgendwelche außerirdischen Einflüsse oder eine Bewegung der Erde selbst, ein Erdbeben.“ (1)
Heutzutage würde kaum jemand außerirdische Einflüsse oder ein Erdbeben als mögliche Ursachen für Fieber in Erwägung ziehen. Zu Lebzeiten von Semmelweis taten dies allerdings viele, auch Wissenschaftler. Semmelweis ließ es aber nicht dabei bewenden, sondern sammelte Daten über die Todesfälle auf Grund von Kindbettfieber und stellte fest, dass Ärzte und Medizinstudenten, die vor der Untersuchung der Wöchnerinnen Leichen seziert hatten, offensichtlich eine Art „Leichengift“ übertrugen. Er führte die Händedesinfektion ein und reduzierte damit die Zahl der Erkrankungen drastisch. Obwohl noch niemand etwas von krankmachenden Bakterien ahnte, hatte Semmelweis das Problem durch sorgsame Beobachtung erkannt und Abhilfe geschaffen. Doch statt Anerkennung erntete er die Feindschaft seiner Fachkollegen, die nicht wahrhaben wollten, dass sie selbst jene Krankheit verursachten, die sie heilen wollen. Die Opposition der Wissenschaftswelt war derart hartnäckig und feindselig, dass Ferdinand Hebra, einer der wenigen Befürworter der Semmelweis'schen Theorie, schrieb: „Wenn man dereinst die Geschichte menschlicher Fehler erzählt, wird man nur schwerlich ein so machtvolles Beispiel finden, und man wird verblüfft sein, wie derart fähige und spezialisierte Menschen in ihrer eigenen Wissenschaft so blind und so dumm sein konnten.“ (2)
Semmelweis erlebte die Bestätigung seiner Erkenntnisse nicht mehr. Er starb 1865, zwei Jahre bevor der schottische Arzt Joseph Lister (1827-1912) Desinfektion und Hygiene in die Chirurgie einführte und damit die Todesrate im Operationssaal massiv senkte. Semmelweis und Lister gelangten zu ihren Erkenntnissen durch Beobachten und Vergleichen.
3.9.2018
Dr. med. vet. Corina Gericke

Quellen
(1) OECD Programme for International Student Assessment: Pisa 2000, Beispielaufgaben aus dem Naturwissenschaftstest
(2) Di Trocchio, F: Newtons Koffer - Geniale Außenseiter, die die Wissenschaft blamierten, Campus-Verlag, Frankfurt, 1998
Schon ca. 1780 v. Chr. wurden in Ägypten Wunden durch das Aufbringen von schimmeligem Brot und anderen verschimmelten Lebensmitteln (Mais, Obst) behandelt.
1640 erklärte der Londoner Apotheker und königliche Kräuterarzt John Parkington, Schimmel habe eine heilende Wirkung bei Infektionen.
Am 3.9.1928 kehrte der Schotte Alexander Fleming aus dem Urlaub in sein Labor zurück. Er war 47 Jahre alt und Professor für Bakteriologie am St. Mary‘s Hospital in London. Ungewaschene Petrischalen waren auf seinem Labortisch stehen geblieben, in denen er Staphylococcus aureus (Erreger verursacht z.B. Geschwüre, Abszesse, Pneumonien) kultiviert hatte. Eine Petrischale fiel ihm auf: in dieser Schale waren um einen grünlichen Schimmelflecken herum keine Staphylokokken gewachsen! 1929 gab er dem Schimmelpilz den Namen „Penicillin“ und schickte Proben davon an Laboratorien in USA und Europa.
Erst 10 Jahre später, im Jahr 1939 bestätigte ein Forscherteam aus Oxford (Howard Florey, Ernst Chain und Norman Heatley), die schon bekannte Wirkung im Tierversuch. Sie verabreichten weißen Mäusen eine hohe Dosis virulenter Streptokokken. Die Hälfte der Mäuse wurde anschließend Penicillin gespritzt. Am nächsten Morgen waren die unbehandelten Mäuse tot, die behandelten überlebten.
1941 litt der 43-jährige Oxforder Polizist Albert Alexander an einer schweren Sepsis infolge einer infizierten Kratzwunde. Anfänglich half das verabreichte Penicillin, der Zustand besserte sich. Leider war man nicht in der Lage, trotz erfindungsreicher Methoden (Schimmelpilze in Bettpfannen und Milchkannen, Rückgewinnung des mit dem Urin ausgeschiedenen Penicillins) genügend Penicillin zu beschaffen. So konnte man die Therapie nicht fortsetzen, Alexander starb 4 Wochen später.
Das Produktionsproblem wurde von Norman Heatley gelöst. Er entdeckte in Illinois in einem Agrarlabor eine Methode, den Schimmelpilz mittels Fermentation heranzuziehen. Schon bald stellten etliche pharmazeutische Unternehmen Penicillin her.
1943 brachten Feldversuche bei den Verwundeten der Schlachtfelder Nordafrikas spektakuläre Erfolge. Soldaten, die ansonsten Gliedmaßen verloren hätten oder an Wundbrand gestorben wären, überlebten dank Penicillin.
1945 erhielten Fleming, Florey und Chain den Nobelpreis für Medizin „für die Entdeckung des Penicillins und seiner heilenden Wirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten“. Der eigentliche Entdecker war jedoch Fleming.
Nach der heutigen Art der Wirkstofftestung, die eine Palette von Tierversuchen vorschreibt, wäre Penicillin nie auf den Markt gekommen, da es tödlich für Meerschweinchen, Kaninchen, Hamster und Chinchillas ist. Das Mittel tötet die lebensnotwendigen Darmbakterien, die Tiere sterben an Dauer-Durchfall.
3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quelle
Dobson M: Die Geschichte der Medizin, National Geographic History 2013; Band 373: S. 186 ff
Frühjahr 1929. Der junge Assistenzarzt Werner Forßmann arbeitete unter Sanitätsrat Richard Schneider in der chirurgischen Abteilung des Auguste-Viktoria-Heims in Eberswalde.
Schon während des Studiums war ihm die Ungenauigkeit und Unsicherheit der Herzdiagnostik aufgefallen. Perkussion, Auskultation, Röntgenuntersuchung und EKG (Elektrokardiogramm) waren die Standardmethoden, wovon Perkussion und Auskultation so weitgehend von den Sinnesorganen der jeweiligen Untersucher abhingen, dass sie einer subjektiven Deutung viel zu großen Spielraum ließen. Immer wieder erlebte Forßmann, „dass unsere klinischen Diagnosen in einem nicht vertretbaren Maße von dem abwichen, was der Pathologe auf dem Obduktionstisch demonstrierte.“ Das war besonders für diejenigen schmerzlich, denen eine rationelle Herzchirurgie vorschwebte. (1)
Denn wenn, wie sein Zeitgenosse Geheimrat Ferdinand Sauerbruch es einmal ausgedrückt hat, die Chirurgie die Heilmethode ist, die mechanisch angreifbare Krankheitszustände mit mechanischen Mitteln beseitigt, lag es auf der Hand, dass dieser Schritt gegangen werden musste! (1)
Forßmann: „Ich glaubte, dass das Problem gelöst werden könnte, wenn man einen Weg fände, auf dem man gefahrlos in das Herz eindringen konnte, ohne die komplizierten Druckverhältnisse im Thorax zu stören, ohne vegetative Reflexbahnen anzutasten und ohne wichtige Lebensfunktionen durch eine Narkose zu verändern.“ (1)
Seit über 70 Jahren war diesen Fragestellungen schon in Tierexperimenten nachgegangen worden. Forßmann hatte während seines Studiums alte Abbildungen der Arbeiten von Claude Bernard, Chaveau und Marey gesehen, ihm erschien aber der bei den Tierversuchen verwendete Zugang über die große Halsvene oder auch die oberflächlichen Halsvenen als ungeeignet. Er wählte wegen des gradlinigen Verlaufs, der geringeren Komplikationen und der Anordnung der Klappen den Zugang über die Venen in der Ellenbeuge. (1)
Im Frühsommer 1929 trug Forßmann Sanitätsrat Schneider seinen Plan vor und erbat dessen Zustimmung zur Ausführung des Experiments. Schneider lehnte ab, nicht weil er den Plan für schlecht hielt, im Gegenteil! Er hielt den Plan für gut und richtig, traute sich aber nicht, Experimente an seinem kleinen Hause durchzuführen, die nicht an großen Kliniken erprobt waren. Der von Forßmann vorgeschlagene Selbstversuch wurde ihm ebenfalls verboten. Forßmann war aber so besessen von seinem Plan, dass er beschloss, diesen Selbstversuch heimlich durchzuführen.
Schwester Gerda Ditzen, die sich bereit erklärt hatte, den Versuch bei sich durchführen zu lassen, wurde im letzten Moment von Forßmann „übertölpelt“ und musste zusehen, wie er sich den Katheter selbst legte, für sie waren nur kleine Hilfsleistungen vorgesehen.
Forßmann schob einen Ureteren-Katheter durch seine eigene freigelegte Ellenbogenvene, erreichte unter Röntgenkontrolle bei 30 cm seinen Oberarmkopf, schob den Katheter bis zur 60 cm-Marke weiter und „jetzt zeigte der Spiegel den Katheter im Herzen und mit seiner Spitze im rechten Ventrikel, genau wie ich es mir vorgestellt hatte.“ (1)
Sanitätsrat Schneider warf Forßmann anschließend Wortbruch und Vertrauensmissbrauch vor, wurde aber durch die Röntgenfilme überzeugt und gratulierte Forßmann mit den Worten: „Sie haben etwas ganz Großes entdeckt!“ Am 5. November 1929 erschien Forßmanns Arbeit „Über die Sondierung des rechten Herzens“ in der „Klinischen Wochenschrift“.
1956 erhielt Werner Forßmann den Nobelpreis für Medizin. In einem Radio-Interview aus diesem Jahr berichtete er, dass er selbst auf vorausgehende Tierversuche verzichtet hat, um die Ungefährlichkeit dieser Methode am Menschen zu beweisen! (2) Die später von ihm durchgeführten Tierversuche zeigten, dass Tiere (Kaninchen und Hunde) die Kontrastmittelgabe „gar nicht so gut“ vertragen wie der Mensch. Forßmann hätte den Selbstversuch nicht gewagt, wenn er die Tierversuche vorangestellt hätte.
Jahre später erfuhr Werner Forßmann von Prof. Dr. Hans Schadewaldt von einer Veröffentlichung von H. Stürzbecher mit dem Titel „Die Cholera, Dieffenbach und Catheterisierung des Herzens 1831“ (Deutsch. Med. Journal 1971; 22: 470-471). Demnach hatte jemand vor ihm bereits einen Herzkatheter gelegt. Johann Friedrich Dieffenbach hatte einen Katheter über eine Arterie in das linke Herz eingeführt, um bei einem sterbenden Cholerakranken durch mechanische Reize die Herztätigkeit anzufachen. (1)
3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quellen
(1) Forßmann, Werner: Selbstversuch - Erinnerungen eines Chirurgen. Verlag Dr. Köster Berlin, 4. Auflage 2009; S. 99 -115
(2) SWR2: Selbstversuche in der Naturwissenschaft und Medizin, 8.8.2017
Die Geschichte des Herzschrittmachers zeigt beispielhaft, wie Fortschritt in der Medizin zustande kommt. Am Anfang steht die Not eines Arztes, der Wunsch nach besseren diagnostischen oder therapeutischen Möglichkeiten, vielleicht auch nur einfache Neugier. Dann fehlen noch die entsprechende Technik und das Genie der Ingenieure, die diese Technik beherrschen.
Im Fall des Herzschrittmachers kam noch ein weiteres Problem hinzu: das Herz galt Jahrhunderte lang als Sitz der Seele, und der Stillstand des Herzens bedeutete das Ende des Lebens. Wer versuchte, hier einzugreifen, machte sich des Frevels schuldig.
Die Pioniere
Diese Denkweise bekommt auch der australische Anästhesist Mark C. Lidwell zu spüren. 1926 erweckt er ein totgeborenes Kind durch elektrische Stimulation des Herzens zum Leben. Aufgrund von massiven Anschuldigungen führt er keine weiteren Experimente an Menschen durch.
1930 konstruiert der New Yorker Kardiologe Alfred Hyman einen 7,2 kg schweren Apparat zur künstlichen Elektrostimulation des Herzens. Kommt es zu einem Herzstillstand, wird eine Nadel durch die Brust in den rechten Vorhof gestochen. Mit Hilfe eines geringen elektrischen Stroms wird das Herz wieder in Gang gebracht. Die Frequenz der elektrischen Impulse pro Minute können dabei gesteuert werden. Nichts anderes macht der natürliche Taktgeber im Herzen, der Sinusknoten. Er sendet winzige elektrische Impulse an den Herzmuskel und bewirkt so das Schlagen des Herzens. Bis März 1932 setzt Hyman seinen Schrittmacher 43 Mal bei Patienten ein, in 14 Fällen mit Erfolg. Die Reaktion der Fachwelt und der Presse ist verheerend. Hyman wird vor Gericht gezerrt, man beschuldigt ihn der „frevelhaften Einmischung in die göttliche Vorsehung“. Daraufhin verzichtet Hyman auf eine Publikation seiner Reanimationsversuche bei Menschen und veröffentlicht nur die Ergebnisse von Tierversuchen. Er fälscht sogar – vermutlich absichtlich - eine Literaturangabe, um den Kollegen Lidwell zu schützen. Seine Arbeit ist Hyman bekannt, er zitiert den Kollegen jedoch unter dem Namen „Gould“. Dieser erfundene Kollege hat nachweislich nie existiert, ist aber noch heute in der Darstellung der Frühgeschichte des Herzschrittmachers zu finden.
Unblutige Methoden
1949 graben die beiden kanadischen Herzchirurgen John Callaghan und Wilfred Bigelow Hymans Methode wieder aus. Sie entwickeln zusammen mit dem Elektroingenieur John A. Hopps eine Elektrode, mit deren Hilfe ein Herzstillstand von einem externen Schrittmacher reanimiert werden kann.
Paul M. Zoll vom Beth Israel Hospital in Boston kommt 1952 auf seiner Suche nach einem unblutigen Weg zur Erkenntnis, dass eine Elektrostimulation des Herzens auch durch den Brustkorb hindurch mit 2 Plattenelektroden möglich ist. 1952 kann Zoll zum ersten Mal bei einem 75jährigen Mann mit einer schweren Herzrhythmusstörung für 25 Minuten eine wirksame Stimulation des Herzens durchführen. Versuche mit 2 weiteren Patienten sind erfolgreicher. Zoll veröffentlicht seine Ergebnisse im „New England Journal of Medicine“. Auch er bekommt den Zorn der Kollegen zu spüren, die ihm „Handeln wider Gottes Willen“ vorwerfen.
Zolls Methode hat Nachteile: sie ist schmerzhaft und zeitlich nur begrenzt anwendbar. Seymour Furman, Chirurg am Montefiore Hospital in New York, bastelt 1958 aus einem handelsüblichen Herzkatheter, einem Stahldraht und etwas Stanniol seine erste, über eine Vene einführbare Elektrode.
Implantierbarer Herzschrittmacher 1958
Im Karolinska Hospital in Stockholm liegt der 43 Jahre alte Arne Larsson, der infolge einer akuten Myokarditis an einer schweren Herzrhythmusstörung (totaler AV- Block) leidet und nur durch wiederholte Faustschläge auf die Brust und Injektionen ins Herz reanimiert werden kann. Åke Senning, Chirurg am Karolinska Hospital, und Ingenieur und Erfinder Dr. Rune Elmquist arbeiten schon länger an der Entwicklung eines implantierbaren Schrittmachersystems. Die von ihnen durchgeführten Tierversuche konnten besonders die technischen Probleme nicht lösen. Gedrängt von der verzweifelten Ehefrau des Patienten baut Elmquist den ersten implantierbaren Schrittmacher, der nur 3 Stunden hält. Das 2. Aggregat hält etwas länger. 1961 erhält Arne Larsson einen Schrittmacher mit Quecksilberbatterien. Beim 7. Internationalen Schrittmacherkongress 1983 ist Larsson, der inzwischen den 23. Schrittmacher trägt, lebendiger Zeuge für 25 Jahre erfolgreiche Schrittmacherbehandlung. Er stirbt 2001 mit 86 Jahren.
In den Jahren nach diesem ersten Einsatz werden immer kleinere und leistungsstärkere implantierbare Schrittmacher entwickelt, die heute zahlreiche Leben retten.
3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quellen
Mannebach, Hermann: Hundert Jahre Herzgeschichte - Entwicklung der Kardiologie 1887-1897. Springer Verlag 1988; S. 74-84
Beating heart is revived by electrified needle. In: Popular Mechanics Magazine, 1933, S. 360
GEO Chronik: 100 Triumphe der Medizin, Verlag Gruner + Jahr GmbH & Co KG, Hamburg 2017, S. 95
