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Warum wir gegen Tierversuche sind

Dr. med. Christina Gerlach-Schweitzer

altÄrztin aus Bonn


Mit etwa sechs Jahren trug ich weiße Mäuse in einem Labor in Glaszylindern gelegentlich zu dem Platz, an dem sie mit einem getränkten Wattebausch eingeschläfert wurden. Es waren Mäuse für die Forschung. Ich machte das sehr bewusst und vorsichtig. Man lege sie schlafen sagte man mir. Hellhörig wurde ich erst, als eine Mitarbeiterin sagte, wie könnt ihr das Kind das machen lassen?

Ich wuchs dann auf mit der Maxime: Was du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Im Medizinstudium, in den achtziger Jahren in Bochum und Bonn, habe ich an Tierversuchen teilgenommen. Für uns Studenten wurden Kröten von dazu ausgebildeten Hiwis geköpft. Anschließend maßen wir die Aktivität der noch zuckenden Muskeln. Ich akzeptierte damals, dass Tiere Versuchsobjekte waren, denn schließlich konnte es den Kröten ja egal sein ob sie zu Versuchszwecken starben oder als Futtertiere. Außerdem ist das eben so im Medizinstudium, redete ich mir gegen das kleine Unbehagen ein, das mich beschlich. Unsere Versuchsreihe klappte nicht besonders. Die besten Ergebnisse lieferte unser Nachbartisch ab, der die Daten aus dem Skript vom letzten Jahr abgeschrieben hatte. Ich bedauerte den Tod unserer Kröte, er erschien mir jetzt sinnlos. Meine Mitstudenten, hätten den Versuch auch lieber als Film auf einer Großleinwand gesehen. Trotzdem glaubten wir zu der Zeit noch, dass unsere Experimente dem Wohl unserer späteren Patienten dienen könnten.

Dann sollten wir Ratten beobachten, denen man Alkohol und Psychopharmaka in den Bauch spritzte, bis der Muskeltonus so hoch war, dass man die wehrlosen Tiere verbiegen konnte. Ich fragte, ob die Ratten nicht Tage später noch Muskelkater haben würden, aber darauf gab es keine Antwort. Man wollte uns demonstrieren, dass Psychopharmaka die Wirkung des Alkohols potenzieren. Ja, ich habe dieses Wissen ins Berufsleben gerettet, aber hätte es ein Film nicht auch getan? Vielleicht ein Film über einen intoxikiert aufgefundenen Menschen mit seinen Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten, oder wäre gar der Besuch mit einem guten Lehrer bei stationären Alkoholikern nicht besser gewesen?

Ein Kaninchen bekam Zyankali. Wir sollten lernen, dass einige Menschen den Bittermandelgeruch riechen, andere nicht. War es wirklich nötig dafür ein Tier zu töten? Es müsse sowieso getötet werden, hieß es. Ich weiß nicht mehr, was man als Grund angab. Überzeugt war ich nicht. Diente all das wirklich dem Wohl meiner späteren Patienten? Aber ich verdrängte die Tierversuche weitgehend, bis mir eine Freundin erzählte, dass Doktoranden in Süddeutschland an Schweineherzen operiert hätten, obwohl die Narkosen der Schweine nur oberflächlich waren, weil keiner sich mit Schweinenarkosen auskannte. Ein Tierarzt war nicht dabei. Es ist wahrscheinlich nie öffentlich geworden.

Erst nach meinem Studium wurde mir wirklich bewusst, wie häufig Tierversuche sind. Sie finden millionenfach hinter schweigenden Mauern statt. Heute bin ich dafür, dass alle Tierlabore mit Webcams überwacht werden, zum Schutz der Tiere. Die Tierquälerei muss öffentlich werden. Es soll niemand mehr sagen können, das hätte er nicht gewusst. Ich kann heute noch nicht begreifen, dass die Pharmaindustrie immer noch diese unsäglichen LD50 Versuche macht. Die Hälfte einer Population von Tieren wird zu Tode gespritzt und stirbt unter Qualen. Damit legt man Toxizitätsgrenzen für den Menschen fest. Warum aber sterben 50% der Tiere und die anderen 50 % nicht? Wie willkürlich ist die LD 50, wie unfair und wie grausam. Man nimmt meistens kleine, wehrlose Tiere für die Versuche: Mäuse, Ratten, Meerschweinchen. Das ist feige, aber billig. Man behandelt empfindsame Tiere für die Versuche als rechtlose Wesen, als Messgeräte. Manchmal ergeben die Vergiftungen der Tiere Ergebnisse, die sich auf den Menschen übertragen lassen, manchmal nicht. Niemand hat je wirklich untersucht warum Mäuse manchmal so anders reagieren als Ratten und diese anders als Hamster, die wieder anders als Meerschweinchen, Kaninchen, Schafe, Hunde, Walfische oder Menschen. Wann also kann man die Ergebnisse von Tierversuchen gefahrlos auf die Spezies Mensch übertragen, wann nicht?

Mit Tierversuchen misst man nicht was man eigentlich messen will, nämlich die Wirkung von Substanzen am Menschen. Damit sind die Ergebnisse der Tierversuche für den Menschen Augenwischerei unter dem Deckmantel exakter Messungen. Dazu kommt, dass unerwünschte Tierversuchsergebnisse einfach unterschlagen werden können. Trotz im Vorfeld durchgeführter Tierversuche werden heutzutage viele Medikamente kurz nach Markteinführung zurückgezogen, weil es dennoch zu teils tödlichen Zwischenfällen bei Menschen kam.

Auch die so genannten Tiermodelle, die menschliche Erkrankungen nachahmen sollen, gehen an der Realität menschlicher Erkrankungen teilweise weit vorbei. Auch hier werden für den Menschen falsche Schlussfolgerungen gezogen. Haben Tierversuche die Forschung über Antidepressiva, Multiple Sklerose und Krebsmedikamente nicht eher behindert? Dafür quälen wir Tiere?

Auch was Wissenschaftler Tieren in der so genannten Grundlagenforschung antun ist ungeheuerlich. Rochen und Skorpione werden an Brettern festgenagelt, Katzen wochenlang in Stroboskoplicht gehalten, durstige Affen in Fixierstühlen. Ratten werden verbrüht, Eulen getötet um ihre Ohren zu untersuchen und es wird untersucht welche Schmerzleitung Nacktmulle haben. Ja, es wäre spannend all das zu erforschen, aber es ist Unrecht wenn man für diese Neugierde andere Wesen quält und tötet. Es ist verantwortungslos gegenüber dem Schwächeren. Es ist ethisch verboten. Trotzdem werden damit Doktoranden gemacht und Professoren. Gute Ärzte werden das nicht.

Weil Tierversuche Tierquälerei sind, weil sie unwissenschaftlich sind, weil sie eine Pseudosicherheit vorgaukeln und weil sie zu oft den Fortschritt bei der Arzneimittelforschung behindern sind sie sofort einzustellen. Ich fordere intelligente, verantwortungsvolle Wissenschaftler auf, tierversuchsfreie Toxizitätsprüfungen auf guter wissenschaftlicher Grundlage zu erstellen. Nur so kann zukunftsweisend geforscht werden. Ich glaube, ich spreche damit auch im Namen von jährlich über 100 Millionen leidenden und sterbenden Versuchstieren. 

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