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Warum wir gegen Tierversuche sind

Dr. med. Andreas Ganz

MHA Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Berchtesgaden

Bereits in meiner Kindheit hatte ich das Glück in meiner Familie Tiere als einen Teil unseres Zusammenlebens zu erleben und wie selbstverständlich mit Ihnen Freude und Leid zu teilen. Rückblickend kann ich sagen, daß ich damals bereits zu begreifen begann, daß sich (zumindest) der Mensch im „Du“ wiedererkennt – und daß dieses „Du“ nicht zwingend auf zwei Beinen zu gehen braucht…

Im Verlauf der Schulzeit wurde ich immer wieder mit der Kontroverse um Tierversuche konfrontiert. Ungeachtet meiner tiefgehenden gefühlsmäßigen Abneigung gegen dieses Vorgehen fiel mir bei rationaler Betrachtung auf, daß Tierversuchsbefürworter auch bei bemüht auf der Sachebene geführten Argumentationen oftmals bereits nach kurzer Zeit zu Totschlagargumenten griffen („Willst Du, daß Menschen dann sterben?“, „Willst Du stattdessen Menschenversuche?“ etc…) – ein rhetorischer Notausstieg, wenn Sachargumente nicht mehr für die eigene Position verwendbar sind.

Mein erster persönlicher Kontakt mit Tierversuchen geschah während des Physiologiepraktikums vor dem Physikum. Damals herrschte Anwesenheitspflicht, letztlich führte daran kein Weg vorbei, wollte man seine Zulassung zum Physikum erreichen. Zur Demonstration der Funktionsweise des Herzens wurde dieses einem Meerschweinchen entnommen (vor dem Praktikum). Der zusätzliche Erkenntnissgewinn war gleich null (die Funktionsweise war aus den Fachbüchern und dem Anatomiekurs bereits bekannt) – das Bild des leeren Käfigs, der noch im Raum stand blieb mir dafür dauerhaft als Sinnbild von Sinnlosigkeit und mangelnden Respekts vor Leben im Gedächtnis.

Mein persönlicher studentischer und beruflicher Werdegang wurde neben persönlichem Interesse unter anderem auch von der Auswahl tierversuchsfreier Bereiche bestimmt. Letztlich entwickelte sich im Rahmen meiner Facharztausbildung auch ein ausgeprägtes naturwissenschaftliches Interesse an Pharmakologie. Ein wesentlicher Teil der Psychiatrie ist pharmakologisch geprägt – ein nicht unerheblicher Teil der Behandlungskosten ist der medikamentösen Mitbehandlung zuzurechnen. Bereits in meinem ersten Assistenzarztjahr fiel mir die auffällig niedrige Responserate der meisten Antidepressiva – und deren verhältnismäßig starkes Nebenwirkungsspektrum auf. Da ich zu diesem Zeitpunkt an meiner Dissertation mit einem pharmakologischen Thema schrieb, stieg ich tiefer in deren Entwicklungsgeschichte und deren Funktionsmechanismus ein. Hatte ich bis dahin Tierversuche als eine wenigstens auf der handlungspraktischen Ebene in Teilen rechtfertigend notwendige Sache betrachten können – so konnte ich das jetzt schlichtweg als nutzlosen, verrohten und letztlich gefährlichen Unfug bezeichnen…

Die Anmaßung, biochemische und physiologische Prozesse von Spezies, deren evolutionärer Stammbaum sich zum Teil schon vor mehreren hundert Millionen Jahren bereits aufgespalten hat auf den Menschen übertragen zu wollen ist meines Erachtens mit den Standards aufgeklärten wissenschaftlichen Arbeitens unvereinbar, da die Erkenntnisse nicht zielführend verwendbar sind. Hierbei handelt es sich nicht um einen Vergleich von Äpfeln und Birnen, Menschen und Mäusen – sondern ein Vergleich zwischen Birnen und Menschen, Mäusen und Äpfeln… Leben zu opfern ist eine schwere ethische Entscheidung – Leben wissentlich sinnlos und qualvoll zu verschwenden… (dazu vervollständige der Leser den Satz für sich selbst…).

Die Früchte dieses Handelns durfte ich oft genug an meinen Patienten feststellen – Substanzen deren Nebenwirkungsspektrum von lästig (Durchfall, Übelkeit) bis lebensbedrohlich (Krampfneigung, Herzrhythmusstörungen etc.) reicht. Um zu sehen, daß es immer noch schlimmer geht genügte ein Blick in benachbarte Disziplinen als Konsilarzt auf der Onkologie oder Neurologie…

Durch mein ergänzendes Studium im Bereich Gesundheitswissenschaften wurde ich zudem mit den gesundheitswirtschaftlichen Dimensionen des Pharmaindustrie-Tierversuchskomplexe konfrontiert – die letzte Legitimationsgrundlage dieses Phänomens ging damit in meinen Augen endgültig verloren: Die Kosten für (in Teilen inkompatiblen da tierexperimentell entwickelten) Pharmaka, die Therapie der Nebenwirkung und der zusätzlich erhöhten Behandlungskosten und Behandlungsdauer inklusive der Spätfolgen sind m.E. nicht unwesentlich für gesundheitsökonomische Fehlsteuerungen verantwortlich. Alternative Ansätze mit einer zum Teil beachtlichen prospektiven Effizienzreserve (Biochips etc…) werden von den etablierten Kreisen ignoriert, bestenfalls belächelt und mantraartig mit den jahrzehntealten Totschlagargumenten (s.o.) weggedrückt.

Es gibt viel zu tun – der größte Fehler, den jemand jedoch begehen kann, ist, nichts zu tun, weil er glaubt, es sei zu wenig!


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