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Warum wir gegen Tierversuche sind

Dr. med. Holger Schleip

Augenarzt aus Birkenfeld

schleip holger Schwester Tier und Mutter Erde,
euer Recht geachtet werde;
Mensch sein in des Geistes Licht
schenkt und Kenntnis unsrer Pflicht.

Zuschauen, wie wehrlose Tiere Schritt für Schritt umgebracht werden, nur damit die Vorlesung interessanter wird - da packte mich kaltes Grausen. Dies war der Einstieg in meine Tierversuchs-Gegnerschaft. Angesichts meines dürftigen Fachwissens half mir bei meiner Meinungsfindung folgendes Schema, das eine Übersicht über die vielen Meinungen zum Thema Tierversuche ermöglicht, indem es diese Meinungen entsprechend ihrer Nähe zu vier Grundpositionen (zwei „und“-Positionen und zwei „aber“-Positionen) einordnet:

  • Position (1): Tier und Mensch sind einander ähnlich und deswegen auch ethisch ähnlich zu behandeln. Dass Tierversuche für die Humanmedizin sinnvoll seien, erscheint aus dieser Sicht plausibel. Allerdings sind Tierversuche demnach ethisch auch ähnlich zu bewerten wie entsprechende Menschenversuche, nämlich als verbrecherisch. Woraus folgt: Tierversuche sind abzulehnen.
  • Position (2): Tier und Mensch sind sehr verschieden und deswegen auch ethisch sehr verschieden zu behandeln. Hieraus lässt sich eine ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen ableiten, ebenso jedoch deren Unsinnigkeit für die Humanmedizin. Woraus folgt: Tierversuche sind auch gemäß Position (2) abzulehnen.
  • Position (3): Tier und Mensch sind zwar sehr verschieden, aber ethisch sollten sie dennoch ähnlich geachtet werden. Demnach sind Tierversuche wissenschaftlich unsinnig, und ethisch verwerflich. Woraus folgt: Tierversuche sind abzulehnen.
  • Gibt es überhaupt eine Position, aus der heraus Tierversuche gutgeheißen werden können? Ja! Es ist dies die Position (4): Tiere sind uns Menschen zwar so ähnlich, dass wir an ihnen z.B. die Wirkung von Schmerzmitteln auf uns testen können, aber ethisch ist Umgang mit Tieren etwas völlig anderes als Umgang mit Menschen. Woraus folgt: Tierversuche sind vertretbar.


Dieses Schema zeigt zweierlei:
Erstens: Es gibt drei grundsätzlich verschiedene Wege zur Ablehnung von Tierversuchen, und wenn ich einem Weg nicht folgen kann, dann gilt es den nächsten zu erkunden.

Und zweitens: Der einzige Weg zur Rechtfertigung von Tierversuchen beruht auf der von unseren Gerechtigkeits-Vorstellungen am weitesten abweichenden Position, nämlich Wesen, die uns ähnlich sind, Würde und Rechte abzusprechen.

Aber auch andere Positionen haben ihre Schwächen. Während etwa von der klassischen Tierversuchsgegner-Position (3) ausgehend es leicht ist, Tierversuche ohne jedes wenn und aber abzulehnen, wird dies bei der mir nahe stehenden Position (1) schwieriger, u.a. weil sich hier Probleme des Abwägens zwischen Nächsten- und Fernsten-Liebe stellen. Einem Arzt steht der Patient vor ihm nun mal näher als das Versuchskaninchen wer weiß wo - und das ist auch gut so! Andererseits rechtfertigt Abstand keine Misshandlung. Und bedenken wir: Es gibt Abstand nicht nur zwischen Menschen und Mäusen, sondern auch zwischen Menschen und Menschen.

Als Beispiel ein sehr aktuelles Problem der medizinischen Versorgung, das leider so wenig öffentlich diskutiert wird wie Tierversuche noch zu meiner Studentenzeit: Immer öfter klagen (Kassen-)Patienten über die Verständigungs-Unmöglichkeit mit ausländischen Ärzten in deutschen Krankenhäusern. Sowohl Verständnis für diese Patienten wie auch Verständnis für die Situation ausländischer Kollegen ist naheliegend. Weit weg liegend hingegen ist für uns die Situation von Kranken in den Ländern, aus denen die nach Deutschland migrierenden Ärzte stammen - und dies sind meist Länder mit erheblich schlechterer Ärzte-Versorgung. Deutsche, die Medizin studieren wollen, gibt es mehr als genug. Aber unseren Ärztemangel nicht mittels ausreichend Studienplätzen, sondern mittels Abwerben von Ärzten aus ärmeren Ländern zu bekämpfen, dies lässt sich als Misshandlung der in ihrer Heimat gebliebenen Ausländer verstehen. Und selbst wenn es stimmen sollte (m.E. nicht!), dass am materiellen Interesse Deutschlands orientierte Einwanderung letztlich für Deutschland besser ist, als hier Ärzte auszubilden, die dann vielleicht in die Schweiz oder die USA abwandern: Abstand rechtfertigt keine Misshandlung!

Für die Nähe reicht das Herz, um moralisch zu handeln. Je weiter entfernt die Folgen unseres Handelns liegen, desto mehr müssen wir unser Hirn einschalten, wobei das Hirn unzuverlässiger arbeitet als das Herz. Deswegen ist es nicht weise, mittels Abbau von Grenzen den Horizont unseres Handelns so zu erweitern, dass der Horizont unseres Herzens dem nicht folgen kann. Denken wir z.B. daran, dass die Globalisierung von Pharma-Firmen zu einer Verlegung der Tierversuche in jene Länder führt, in denen diesbezüglich besonders viel erlaubt und besonders wenig hingeschaut wird. Aber wie die Welt auch umgebaut werden mag: Wir sollten uns bemühen, unsere Verantwortung so weit reichen zu lassen, wie die Folgen unseres Handelns reichen. Dies gilt gegenüber Menschen und Tieren.

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