facebook
twitter
youtube
instagram

Warum wir gegen Tierversuche sind

Stephanie Gräwert

Stephanie Gräwert, Assistenzärztin am Institut für Rechtsmedizin, Leipzig


 


…weil Spiderman das nicht verdient hat


Kurz bevor ich ihm begegnete, hatte ich alle drei Spiderman-Filme gesehen und da fiel mir dieser Name eben als erstes ein. Bescheuerter Name, ich weiß. Selbst für eine Ratte. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass er mir das nie vorgehalten hat.

Eine Tierarzthelferin hat mir mal gesagt, dass sie keine Ratten hält, weil diese dank massenhafter Tierversuche praktisch alle verfrüht an Krebs sterben. Ich hab so gehofft, dass sie nicht Recht behält.

Einen Monat bevor Spidy starb, bekam er Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch etwas zu sich nehmen und magerte immer mehr ab. Als Ärztin war mir klar: Krebs. Wahrscheinlich ein Hirntumor, das würde die Gleichgewichtsstörungen erklären. Es war grausam, ihn so leiden zu sehen.

Ich hab Tiere schon immer geliebt und dennoch muss ich gestehen, dass ich mir selten Sendungen über Tierversuche anschaue oder Bücher darüber lese. Der Grund ist einfach: ich kann die Bilder nicht ertragen. Ich bin wirklich nicht zimperlich; ich arbeite in der Rechtsmedizin und sehe dort immer wieder Dinge, bei denen die meisten Menschen eine ungesunde Gesichtsfarbe annehmen und sich panisch auf die Suche nach der nächsten Kotztüte begeben. Aber die Bilder von Ratten, die sich nur noch kriechend fortbewegen können, weil ihnen riesige Tumoren wachsen oder Hunden, die vor Schmerzen nur noch winseln, weil sie unter den Nebenwirkungen eines »supertollen« neuen Medikamentes leiden, sind für mich schwer zu ertragen.

Ich wollte trotzdem immer Ärztin werden, obwohl ich wusste, dass die Medizin wahrscheinlich für genau so viele Tierversuche verantwortlich ist wie die Kosmetikindustrie. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem ich im Studium das erste Mal mit dieser Tatsache konfrontiert wurde: in einer Biochemie-Vorlesung im zweiten Semester erzählte die Dozentin von einem Experiment, an dem sie gearbeitet hat. Dabei veränderte sie die Gene eines Kaninchens so, dass man es fortan bei Bedarf auch als Nachtlicht verwenden konnte. Mit anderen Worten: es konnte im Dunkeln leuchten. Damit wurde es zu einem Gegenstand ohne Empfindungen und ohne Verstand degradiert. Auf die Frage eines Kommilitonen, warum denn solche Experimente gemacht werden, antwortete die Dozentin: »Diese Frage stellen wir uns hier nicht. Wir können es und deshalb machen wir es.« Ich packte daraufhin meine sieben Sachen zusammen und ward nie wieder in einer Biochemie-Vorlesung gesehen. An dem Tag war ich panisch auf der Suche nach einer Kotztüte. Auch wenn es sich hier scheinbar um ein eher »harmloses« Eingreifen in die Natur handelte, sind solche Experimente doch nur der Anfang. Und der Kommentar der Dozentin spiegelt die grenzenlose Ignoranz und Arroganz wider, die so viele Mediziner und auch andere Wissenschaftler an den Tag legen, wenn es um Tiere geht.

Weiter studiert hab ich trotzdem, schon allein, um mal eine bessere Ärztin zu werden, eine mit Gewissen, die nicht glaubt, der Mensch wäre des Planeten großartigste Erfindung und könne sich deshalb alles erlauben. Selbst wenn wir die Krone der Schöpfung sein sollten - was ich, nebenbei bemerkt, ernsthaft bezweifele - haben wir umso mehr die Pflicht, andere Lebewesen, egal ob Goldfisch, Kaktus oder Ratte zu schützen. Und wir haben nicht das Recht unser Wohl über das anderer Lebewesen zu stellen, denn wir sind nicht besser als sie.

Spidy starb, wie so viele seiner Artgenossen viel zu früh, weil Ratten seit Generationen für Tierversuche, vor allem in der Krebsforschung, missbraucht werden. Ihnen werden zum Beispiel Krebszellen eingeimpft, damit sogenannte „Forscher“ den Tumoren beim Wachsen zuschauen können. Dass die Tiere dadurch auf unvorstellbare Weise leiden, ist ihnen dabei ziemlich egal. Krebsforschung ist nicht die Entschuldigung für alles und der Zweck heiligt noch lange nicht die Mittel.

Diese Wissenschaftler verändern das Erbmaterial der Tiere, damit sie besonders anfällig für Krebs werden und wirken somit nicht nur auf die Tiere ein, die gerade im Moment vor ihren Augen qualvoll sterben, sondern auch auf deren Nachkommen und somit letztendlich auf eine ganze Tierart. Meine Ratte musste, wenn auch indirekt, unter dem leiden, was die Menschen seiner Art in Jahrzehnten mit Tierversuchen angetan haben. Und das, obwohl er selbst nie ein Tierversuchslabor von innen gesehen hat.

Kein Lebewesen der Welt, und sei es noch so klein und scheinbar unbedeutend, hat ein solches Schicksal verdient und Spidy schon gleich gar nicht.

<< Zurück zur Übersichtsseite "Warum ich gegen Tierversuche bin"

Drucken