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Tierversuche Allgemein

Tierversuche und Ethik

Warum Tierversuche moralisch verwerflich sind

Tierversuche sind der Bereich, in dem die Interessen von Mensch und Tier am deutlichsten in Konflikt zu geraten scheinen. Einerseits wollen wir alle bei Krankheit eine bestmögliche medizinische Behandlung, und Forscher sind bestrebt, diese zu entwickeln. Andererseits müssen dafür Tiere geopfert werden. Ein Landwirt würde kaum behaupten, es sei unmoralisch von ihm, die Fleischproduktion einzustellen. Tierversuchsforscher meinen jedoch, dass es unethisch sei, keine Tierversuche zu machen. Denn ohne Tierversuche könne man sich kein Wissen aneignen und deshalb auch keine Menschenleben retten. 

Doch handelt es sich tatsächlich um ein solches Dilemma, in dem die Forschung steckt? Muss tatsächlich die Gesundheit des Menschen gegen das Leid der Tiere abgewogen werden? 

Dazu müssen zwei Fragen diskutiert werden: 

  • Sind Tierversuche tatsächlich unumgänglich für die Erforschung unserer Krankheiten und die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden?
    Die Antwort ist ein klares ‚Nein‘ – Tierversuche sind nicht nur nicht nötig, sondern sogar kontraproduktiv für die medizinische Forschung und Produkttestung. Dies belegen zahlreiche unserer Schriften, z.B.:
    Wissenschaftliche Argumente gegen Tierversuche >>
    Warum Tierversuche nicht nötig sind >> 

  • Und hat der Mensch das Recht, Tiere für die biomedizinische Forschung zu verwenden und zu töten? 
    Im Folgenden soll auf diese Frage mit diversen Teilaspekten eingegangen werden. 

Die Befürworter verteidigen Tierversuche oft mit der Übertragbarkeit der Versuchsergebnisse mit Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier. Die moralische Rechtfertigung dagegen wird unter der Berufung auf die Verschiedenheit, d.h. die Vorrangstellung des Menschen, begründet. Eine solche Argumentation ist widersprüchlich. Entweder, Tiere sind uns ähnlich, dann verbieten sich Tierversuche aus moralischen Gründen oder sie sind uns nicht ähnlich, dann machen die Ergebnisse keinen Sinn. 

1. Haben wir das Recht, Tiere für unsere Zwecke, in diesem Fall für die Forschung, zu nutzen?

Tiere können fühlen, Freude und Angst empfinden, Schmerz und Qualen erleiden wie wir. Das Quälen und Töten von Tieren muss daher genauso als moralisch unzulässig angesehen werden wie das eines Menschen. Tieren muss ein grundlegendes Recht auf Schutz vor Willkür und Gewalt durch den Menschen eingeräumt werden. Tieren Rechte zuzugestehen, bedeutet jedoch nicht eine Verpflichtung zur Gleichbehandlung von Mensch und Tier in jeder Beziehung. So haben beispielsweise das Recht auf freie Berufswahl oder Religionsausübung für Tiere keine Bedeutung. Tiere haben ihre eigenen Bedürfnisse, die bei der Anerkennung ihrer Rechte zu berücksichtigen sind. Für sie steht das Recht auf Leben in Unversehrtheit und Freiheit an erster Stelle. 

Im Tierversuch werden die Tiere nicht nur ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubt, sie werden zu Messinstrumenten degradiert, die nach Gebrauch weggeworfen werden. Doch zu glauben, man könne Gesundheit und Wohl des Menschen auf dem Rücken von Milliarden geschundener Tiere aufbauen, ist widersinnig. Ein solcher Umgang mit leidensfähigen Lebewesen steht einem respektvollen Umgang mit Leben und der Entwicklung von Mitgefühl entgegen. Tierversuche und eine ethisch vertretbare Medizin und Wissenschaft schließen sich aus. Selbst bei einem potenziellen Nutzen für den Menschen dürfen Tierversuche nicht zulässig sein. Eine moralisch verwerfliche Methode wird nicht dadurch akzeptabel, dass mit ihr ein hehres Ziel verfolgt wird. Mit der gleichen Begründung müssten sonst auch schmerzhafte oder tödlich endende Versuche an Menschen zulässig sein. Tatsächlich müssen Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben das höchste Gebot menschlichen und insbesondere auch ärztlichen und wissenschaftlichen Handelns sein. 

2. Was wird Tieren im Labor angetan?

Es liegt in der Natur der Tierversuche, dass sie untrennbar mit dem Leid und Tod von Tieren verknüpft sind. 

Pro-Tierversuchs-Lobbyisten wollen uns weismachen, dass die meisten Tierversuche nicht schlimmer als eine Blutentnahme beim Tierarzt seien. (1) Schließlich fallen etwa 65 % der Experimente unter Schweregrad „gering“. Hinzu kommen 6 %, bei denen die Tiere nicht aus der Narkose erwachen – im Fachjargon „Keine Wiederherstellung der Lebensfunktionen“ genannt. Nur 24 % seien dem Schwergrad „mittel“ und 5 % dem Schweregrad „schwer“ zugeordnet. (2) Dazu muss man wissen, dass die Schweregrade von den Experimentatoren selbst vorgenommen und diese Angaben von niemandem kontrolliert werden. Es überrascht nicht, dass die eigenen Experimente häufig als weniger schlimm eingestuft werden. (3) So wurden selbst die berüchtigten Affenhirnversuche von Experimentatoren als „mittel schwer“ beurteilt - bestätigt sogar durch ein Gericht. (4) Dabei werden Primaten mehrere große Löcher in den Schädel gebohrt, um Gerätschaften auf dem Kopf zu implantieren und Elektroden ins Gehirn einzulassen. Die Tiere werden jeden Tag durch Durst gezwungen, unbeweglich in einem Affenstuhl gezwängt, Aufgaben am Bildschirm zu absolvieren, um sich ein paar Tropfen Flüssigkeit zu „verdienen“. Ein jahrelanges Martyrium. Und das gilt nur als „mittel schwer“? Welche Torturen werden dann wohl unter „schwer“ kategorisiert? 

Die EU-Tierversuchsrichtlinie 2010/63/EU listet dazu in Anhang VIII einige Beispiele auf (5):

  • Schwimmen bis zur Verzweiflung
  • Elektroschocks, denen das Tier nicht entkommen kann
  • Tod durch Vergiftung
  • Bestrahlung mit Todesfolge
  • Tod durch Abstoßungsreaktion von Transplantaten
  • Xenotransplantation (Organtransplantation von einer Tierart auf eine andere)
  • Knochenbrüche
  • Metastasierende, fortschreitende Tumore 

Und viele weitere. Dabei hat die EU eine ganze Reihe von extrem grausamen, aber üblichen Tierversuchen gar nicht in der Liste aufgeführt:

  • Infektion (oft mit bis zu 100% Sterberate)
  • Entzündungen mit Todesfolge
  • Wasser- oder Futterentzug
  • Dauerstress
  • künstlich ausgelöster Schlaganfall
  • Herzinfarkt/Herzversagen am wachen Tier
  • Hirnversuche an u.a. Affen, Katzen und Mäusen 

Aber selbst Versuche, die als „gering“ eingestuft werden, sind keineswegs harmlos. Das Leid der Tiere im Labor fängt nämlich schon mit der Haltung an. Die Haltungsbedingungen von Tieren im Labor sind nach hygienischen und praktischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Hunde werden meist in Beton- oder Gitterboxen ohne Auslauf gehalten. Freundliche menschliche Zuwendung oder artgemäße Sozialkontakte fehlen meist. Alltägliche Verhaltensbedürfnisse wie Revier- und Erkundungsverhalten, das Benutzen der hoch entwickelten Nasen, Erdlöcher zu graben oder einfach mal loszurennen werden nicht erfüllt.

Kaninchen fristen ihr Leben in kleinen, sterilen Käfigen mit Lochblechboden, die gerade groß genug sind, um sich umzudrehen. Die Unterbringung von Ratten und Mäusen erinnert an ein Schrauben- oder Maschinenteilelager. Die Tiere leben in kleinen Plastikschachteln mit Drahtdeckel, die wie Schubladen über- und nebeneinander in großen Regalen stecken. 

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Tierversuche immer grausam sind! Schon allein aus diesem Grund müssten sie verboten werden. 

Beispiele von Tierversuchen >>

 
Die übliche Haltung: Mäuse in Plastikkästen gestapelt wie in einem Lagerregal. 

3. Werden Tiere für derartige Versuche benutzt, weil sie unempfindlicher sind als Menschen?

Noch vor einigen Jahrzehnten war es verpönt, galt es als „Vermenschlichung“, Tieren Leidensfähigkeit oder gar Emotionen zuzusprechen. Zurückzuführen ist diese Haltung auf den französischen Philosophen René Descartes, der vor rund 400 Jahren postulierte, Tiere seien nicht mehr als gefühllose Reflex-Automaten, ihre Schmerzensschreie seien mit dem Quietschen einer Maschine gleichzusetzen. Doch dieses Tierbild ist in der Verhaltensforschung inzwischen überholt. Schmerz hat beim Tier die gleiche Funktion wie beim Menschen, nämlich zu warnen und eine rasche Reaktion auf eine Gefahr hervorzurufen. Von Seiten der Verhaltensforschung bestehen heute keine Zweifel mehr, dass zumindest alle Wirbeltiere Schmerz, Stress und Angst empfinden können. Biologische Merkmale der Schmerzempfindung sind auch bei vielen Wirbellosen, vor allem Krebstieren wie Hummern, und Kopffüßern, wie Tintenfischen und Kraken, bekannt. Zunehmend werden Tiere als eigenständige Wesen, ja Persönlichkeiten wahrgenommen mit Gefühlen, Intelligenz und kognitiven Fähigkeiten, die weit über die reine Schmerzempfindung hinausgehen. Von Menschenaffen, Walen, Delphinen, Elefanten, Schweinen und Graupapageien weiß man, dass sie ein Ich-Bewusstsein haben. Sie erkennen sich selbst im Spiegel, eine Fähigkeit, die lange Zeit nur Menschen zugeschrieben wurde. Ebenso wie der Werkzeuggebrauch, der bei verschiedenen Tierarten wie Affen, Raben, Ottern und Elefanten bekannt ist. 

In der tierexperimentellen Forschung ist man jedoch weit entfernt von den Erkenntnissen der modernen Verhaltensforschung. Schon allein die Degradierung von fühlenden Lebewesen zu „Modellen“ oder „Modellorganismen“ - die bevorzugten Bezeichnungen der Experimentatoren für Tiere - macht den immer noch vorherrschenden Geist Descartes’ deutlich. 

4. Können Tiere außer körperlichem Schmerz überhaupt Leiden empfinden?

Man muss kein Verhaltensforscher sein, um zu wissen, dass Tiere ein komplexes Gefühlsleben haben. Jeder, der einmal gesehen hat, wie ein Hund leidet, wenn sein Mensch verreist oder gar gestorben ist; jeder, der einmal beobachtet hat, wie ein Muttertier leidet, dem die Jungen weggenommen wurden; jeder, der die angstvoll aufgerissenen Augen einer Kuh im Schlachthof gesehen hat oder das sich mit aller Kraft verzweifelt wehrende Äffchen in der Hand des Experimentators, wird diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Der Begriff Leiden umfasst dabei nicht nur Schmerzen, sondern auch Angst, Stress, Schreckzustände, Panik, starke Aufregung und Erschöpfung, Trauer, Unwohlsein, Hunger- und Durstqualen. Selbst wenn wir nicht wissen, wie Tiere sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen, die Fähigkeit zu leiden ist unbestritten vorhanden. Vielleicht sind Experimente für das Tier gerade deshalb besonders quälend, weil es die Zusammenhänge nicht begreift wie der Mensch, sondern bei jeder Bedrohung instinktiv Todesangst empfindet. 

5. Und was ist mit Insekten und anderen Wirbellosen? Wo soll man die Grenze ziehen?

Normalerweise wird die Grenze zwischen Mensch und Wirbeltier gezogen. Doch mit welcher Berechtigung wird sie gerade hier gezogen? Gibt es überhaupt eine Grenze? Oder müssen sich Achtung und respektvoller Umgang auf alle fühlenden Lebensformen erstrecken? Die biologischen Voraussetzungen für Schmerzempfindung sind bei vielen wirbellosen Tieren vorhanden. Dies ist vor allem bei Kopffüßern und Krebsen bekannt. Dem besonderen Status dieser Tiere wird sogar im deutschen Tierschutzgesetz Rechnung getragen. So müssen Versuche an Tintenfischen und Kraken – im Unterschied zu allen anderen Wirbellosen – den Behörden angezeigt werden. Dies schützt sie zwar nicht, zeigt aber, dass das Wissen um ihre Leidensfähigkeit selbst beim Gesetzgeber angekommen ist. Über die Empfindungsfähigkeit vieler wirbelloser Tiere wissen wir heute noch zu wenig. Für diese muss das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ gelten. Absichtlicher Missbrauch solcher Lebewesen ist moralisch nicht zu akzeptieren. 

6. Warum regen wir uns über ein paar Millionen „Versuchs“tiere auf, während jedes Jahr allein in Deutschland über 500 Millionen Tiere (Fische nicht mitgerechnet) zur Fleischproduktion getötet und Milliarden Tiere als „Schädlinge“ vernichtet werden?

Ein Unrecht kann nicht mit einem anderen aufgewogen werden. Die Tatsache, dass andere Tiere für welche Zwecke auch immer Jahr für Jahr, Tag für Tag leiden und getötet werden, kann keine Rechtfertigung für Leid und Tod weiterer Tiere sein. Auch mit der reinen Quantität der für Nahrungszwecke oder zur „Schädlingsbekämpfung“ getöteten Tiere gegenüber den Tieren im Labor zu argumentieren, ist vom ethischen Standpunkt aus betrachtet irrelevant, da es für das einzelne Tier keine Rolle spielt, ob es sein Schicksal noch mit fünf oder mit 500 Millionen anderen Tieren teilt. Im Übrigen engagieren sich Tierschützer und Tierrechtler eben auch gegen die Ausbeutung von Tieren in diesen Bereichen (Massentierhaltung, Zirkus, Zoo u.a.). 

7. Wenn Tierversuche moralisch nicht akzeptabel wären, müssten sie doch verboten sein.

Gesetzlich erlaubt bedeutet nicht automatisch gleichzeitig moralisch gerechtfertigt. Auch Kinderarbeit, Sklaverei und die Unterdrückung von Frauen waren in der westlichen Welt einst legal. Die Gesetzgebung ändert sich laufend, hinkt aber den ethischen Vorstellungen der Mehrheit der Bevölkerung oft hoffnungslos hinterher. Grund dafür sind im Bereich Tierrechte die mächtigen Interessen der Tierausbeutungsindustrie, die einen erheblichen Einfluss auf die Gesetzgebung hat. 

8. Gibt es nicht – angesichts des großen Elends auf der Welt – wichtigere Themen als Tierversuche?

Tierschutz ist ein Teil des allgemeinen Lebensschutzes, der sich gegen jede Art von Grausamkeit und Unterdrückung, ob gegen Minderheiten, Frauen, Kinder oder Tiere, wendet. Tierrechtler appellieren an das ethische Verantwortungsgefühl des Menschen gegenüber allen seinen Mitlebewesen. Gewalt und Grausamkeit bleiben Gewalt und Grausamkeit, egal gegen welches Opfer sie sich richten. Von Menschen begangenes Unrecht hat viele Gesichter, und jeder, der dagegen aktiv ist, nimmt eine wichtige Position ein. Was würde es nützen, wenn diejenigen, die sich gegen Gewalt engagieren, zum Beispiel alle im Kinderschutz tätig wären, ohne dabei in der Lage zu sein, diesen Kindern eine Welt zu hinterlassen, die für sie lebenswert ist? 

Der Mensch hat auf dieser Welt nur eine Überlebenschance, wenn es ihm gelingt, mit der Natur Frieden zu schließen. Tierversuche tragen nicht zum Frieden mit der Natur bei. Sie sind im Sinne des Faustrechts eine brutale Kriegserklärung an die Natur und das Leben. Oder um es mit Mahatma Gandhi zu sagen: „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.“ 

9. Sind Tiere dem Menschen unterlegene Lebewesen?

Oft wird in populärwissenschaftlichen Schriften die Evolution so dargestellt, dass wir uns aus anderen Tieren entwickelt haben, dass wir zum Beispiel von den Affen abstammen. Diese Sichtweise führt dazu, den Menschen an die Spitze einer Art natürlicher Hierarchie zu setzen. Und damit wiederum wird der Mensch zur „Krone der Schöpfung“, zu dem Wesen, das alle anderen unterordnen und ausnutzen darf. 

Diese hierarchische Vorstellung durchzieht unsere gesamte Kultur, obwohl sie auf einer falschen Annahme beruht. Sicher haben Menschen und Tiere gemeinsame Vorfahren, aber es ist nicht so, dass sich eine Linie von den einfachsten Einzellern bis zum Menschen zieht und der Mensch damit zum höchst entwickelten aller Lebewesen wird. Vielmehr muss man sich die Evolution als eine Art Baum vorstellen, von dem Äste abzweigen. Der Ast der Fische zweigte vor circa 400 Millionen Jahren ab, der der Vorgänger der Reptilien vor 280 Millionen Jahren. Vor 35 Millionen Jahren zweigte der Ast der heute lebenden Primaten ab, und vor vier Millionen Jahren trennten sich die Wege von Mensch und Schimpanse. Diese verschiedenen Entwicklungszweige haben zu einer enormen Artenvielfalt und zu erheblichen Unterschieden zwischen den einzelnen Arten geführt. Der Mensch ist damit nicht höher oder niedriger als andere Lebewesen, sondern einfach nur einer der Zweige des Evolutions-Baumes. 

Der Mensch ist eben nicht die „Krone der Schöpfung“, die er vorgibt zu sein, nicht der Herr über alle anderen Lebewesen, die er nach seinem Gutdünken nutzen und ausnutzen kann. Er ist tatsächlich nur eine Art unter vielen. Oft wird argumentiert, wir seien doch wohl höher entwickelt als eine Stechmücke. Natürlich haben wir Fähigkeiten und Eigenschaften, die andere Arten nicht entwickelt haben. Aber andere Arten haben ebenfalls Fähigkeiten und Eigenschaften, die wir nicht haben. Die Stechmücke hat Infrarotsensoren, mit denen sie die Wärmeausstrahlung von Lebewesen wahrnehmen kann. Das können wir nicht. Oder ein Spinnennetz, gewoben aus einem Material, das so dünn, so leicht und doch so reißfest und flexibel ist, dazu noch klebt, aber nur an den Beutetieren und nicht an der Spinne selbst – das soll der Mensch mit seinen ausgeklügelten Technologien einmal versuchen nachzumachen. Oder die Wale, die über Hunderte von Kilometern in den Meeren miteinander kommunizieren können, das Kamel, das Flüssigkeit speichern und so tagelang ohne Wasser auskommen kann, der Hund mit seiner feinen Nase. Sind nicht alle Tierarten die am höchsten entwickelten in ihrer ökologischen Nische? 

Indem wir unsere speziellen menschlichen Fähigkeiten über diejenigen stellen, die für andere Tierarten charakteristisch sind, nehmen wir eine rein subjektive Verzerrung vor. Diese Verzerrung steht im Widerspruch zu unserer Bedeutung im Lauf der Welt. Außerdem übersieht sie die Tatsache, dass eine Überlegenheit, die dazu führt, dass wir uns selbst und mit uns das gesamte Leben auf unserem Planeten gefährden, keine wirkliche Überlegenheit ist. 

Genauso wenig wie wir das Recht haben, Menschen anderer Hautfarbe oder anderen Geschlechts zu diskriminieren, genauso wenig haben wir das Recht, Tiere für eigennützige Zwecke auszubeuten, nur weil sie einer anderen Lebensform angehören. Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben muss für alle Lebewesen gelten. 

10. Für die Evolution mag das ja zutreffen, aber heißt es nicht schon in der Bibel „Macht euch die Erde untertan“?

Wohl kaum ein Bibelspruch ist so sehr missbraucht worden wie dieser. Er dient der Rechtfertigung jeglichen Unrechts, das der Mensch seinen Mitgeschöpfen antut. Doch ein König, der seine Untertanen bis aufs Letzte ausbeutet, ihre Umwelt zerstört, sie ausrottet, sie züchtet, schlachtet, isst, sie eines angeblichen Nutzens wegen zu Tode quält, ist kein König, sondern ein Tyrann. 

11. Haben Tierexperimentatoren Spaß am Quälen von Tieren?

Wir denken nicht, dass Tierexperimentatoren unbedingt Spaß am Quälen der Tiere haben. Allerdings scheinen Personen, die im Umfeld von Tierversuchen tätig sind (also auch Tierpfleger, „Versuchs“tierzüchter usw.), Schmerzen, Angst und Leid der Tiere nicht oder nur sehr eingeschränkt wahrnehmen zu können oder zu wollen. Dies wird von manchen Tierexperimentatoren selbst zugegeben, z.B. nachdem sie aus dem aktiven Experimentieralltag ausgeschieden sind. (6) Auch eine Studie, die sich mit Tierversuchen an deutschen Universitäten befasste, ergab, dass weit über die Hälfte der betreffenden Tierexperimentatoren die Leiden ihrer Tiere niedriger einstuften, als sie in Wirklichkeit waren. (3) 

Menschen, die jeden Tag leidende und sterbende Tiere beobachten oder ihnen selbst Schmerzen zufügen, stumpfen unweigerlich ab. Wenn Experimentatoren Mitgefühl mit den Tieren hätten, dann könnten sie diese Arbeit nicht jahre- oder jahrzehntelang machen, ohne selbst seelisch unter ihrer Arbeit zu leiden. Einer kanadischen Studie zufolge konnten Ärzte, nachdem sie einige Zeit Tierversuche gemacht hatten, das Leid ihrer menschlichen Patienten nicht mehr wahrnehmen. (7) Viele Experimentatoren sind überzeugt, sie würden etwas Gutes tun, glauben, dass das Leid der Tiere gerechtfertigt sei. Doch für das einzelne Tier spielt es keine Rolle, aus welchem Grund es gequält wird. 

Eine andere Bewältigungsstrategie besteht in der Verdinglichung der Tiere. Man muss sich von ihnen distanzieren, bis man sie nicht mehr als Mitgeschöpfe, sondern als Werkzeuge betrachtet. Sie sind nicht wie wir, somit sind sie weniger wert und daher können wir mit ihnen machen, was wir wollen. Entsprechend werden Tiere im Experimentatorenjargon als „Modelle“ oder „Modellorganismen“ bezeichnet, das Schreien als „Vokalisation“ oder das Töten als „Opfern“.


In der tierexperimentellen Forschung werden fühlende Lebewesen zu „Werkzeugen“ oder „Modellen“ degradiert. 

12. Welche Auswirkungen haben Tierversuche auf die medizinische Kultur?

Es ist ein logisches Paradoxon, zu glauben, durch Leid und Tod von Lebewesen Leid und Tod anderer Lebewesen lindern zu können. Tierversuche tragen dazu bei, dass sich die Medizin immer mehr von ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich Krankheiten vorzubeugen, sie zu behandeln und zu heilen, entfernt. Tierversuche können zu keinen Erkenntnissen über die Vorbeugung menschlicher Krankheiten, über ihre wirklichen Ursachen und psychosomatischen Zusammenhänge beitragen. Sie führen vielmehr zu einer Verrohung der medizinischen Kultur, in der Krankheiten oft lediglich als technisch behebbare Defekte verstanden werden.

Die sogenannten Zivilisationskrankheiten machen heute in der westlichen Welt rund drei Viertel aller Todesfälle aus. (8) Trotz unzähliger Tierversuche ist kein Durchbruch bei ihrer Bekämpfung in Sicht. Völlig neue Strategien sind notwendig im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rheuma, Diabetes, Demenz-Krankheiten, psychische Erkrankungen, Suchtkrankheiten wie Alkohol-, Nikotin- und Drogenabhängigkeit, Allergien usw. Die Entwicklung immer neuer, oft schädlicher meist wenig wirksamer Pharmaka, für deren Entwicklung Millionen von Tieren gequält und getötet wurden, führt immer tiefer in eine Sackgasse. 

13. Würden Sie lieber ein Kind sterben lassen, als ein paar Ratten zu opfern?

Diese Frage kann schon deshalb nicht beantwortet werden, weil es keinen Tierversuch gibt, bei dem sich diese Frage stellen würde. Eine direkte Beziehung zwischen einem Tierversuch und der Rettung eines Menschen existiert nicht. Zwar steht auf der einen Seite das ursprünglich gesunde Tier, welches sicher zu Tode gequält wird. Daraus resultiert aber nie die Rettung eines konkreten Menschen. Vielmehr stirbt das Tier für die vage Hoffnung eines Experimentators, der behauptet, es könnten sich daraus möglicherweise für den Menschen wichtige Erkenntnisse ergeben. Von daher stehen sich hier also zwei vollkommen unterschiedliche Werte gegenüber, anders als die Tierexperimentatoren uns häufig glauben machen wollen. 

Die Frage unterstellt Tierversuchsgegnern auch eine Menschenfeindlichkeit, die keineswegs gegeben ist. Im Gegenteil – wir möchten weder die Medizin noch Medikamente abschaffen, sondern wir fordern eine Medizin und Forschung, welche mit zuverlässigen und ethisch akzeptablen Methoden zu ihrem Ziel, nämlich der Heilung von Krankheiten und, noch besser, deren Vermeidung, führt. Die Frage „Wollen Sie lieber ein Kind oder eine Ratte retten?“ ist deswegen nicht nur bewusst falsch gestellt, sondern auch ethisch nicht zu akzeptieren. Es geht nicht darum, sich zwischen einem Menschen oder einem Tier zu entscheiden – es geht nur um die Entscheidung zwischen guter Wissenschaft und sinnloser Grausamkeit. 

21.09.2021
Dr. med. vet. Corina Gericke

Die Fragen 1-13 sind großenteils folgendem Buch entnommen: Corina Gericke: Was Sie schon immer über Tierversuche wissen wollten. ECHO-Verlag, Göttingen 2015

Quellen

(1) Tierversuche verstehen: Die 10 größten Mythen
(2) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Versuchstierdaten 2019
(3) Lindl T et al: Evaluation von genehmigten tierexperimentellen Versuchsvorhaben in Bezug auf das Forschungsziel, den wissenschaftlichen Nutzen und die medizinische Relevanz. Altex 2001; 18 (3); 171-178
(4) Oberverwaltungsgericht der Hansestadt Bremen: OVG: 1 A 180/10; 1 A 367/10. 11.12.2012
(5) Richtlinie 2010/63/EU des Europäischen Parlaments und des Rates 22. September 2010 zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere
(6) Locker, A.: Tierversuchsethik und der „Menschenversuch“. Gedanken zum Umgang mit dem Tier. Altex 2004; 21(4): 221-226
(7) Howall, D.A.: Antivivisection (letter). British Medical Journal 1983; 286(6381): 1894
(8) Uhlmann B: Global Burden Disease - Die Genesung der Welt erlahmt. SZ, 9.11.2019 

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