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Stellungnahmen

Neue Beweise: So leiden Affen in Deutschland in der Hirnforschung

Behörden tun nichts gegen unhaltbare Zustände

Affen in der Hirnforschung wird unvorstellbares Leid angetan. Das offenbart ein Sektionsbericht, der Kopfverletzungen wie Bohrlöcher im Schädelknochen und Stichverletzungen im Gehirn solcher Tiere dokumentiert. Unserem Verein Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT) liegt diese interne, ausführliche Dokumentation der Ergebnisse (1) in Form von Fotos, Schriftwechsel und Beschreibungen vor. Die amtlichen Veterinärpathologen stellten bei den untersuchten Affen des Tübinger Max-Planck-Instituts für Biologische Kybernetik (MPI Tübingen) nicht nur schweres, sondern schwerstes Leid fest, was den zuständigen Stellen in vollem Umfang bekannt war.

ÄgT geht davon aus, dass dies kein Einzelfall in 2009 gewesen ist, sondern Affen, die in anderen Institutionen und Städten in Deutschland in der Hirnforschung eingesetzt werden, auf ähnliche Weise leiden. Dies bestätigt aufs Dringlichste die Forderung an die Entscheidungsträger, die lebensverachtende Affenhirnforschung in Deutschland nicht länger zu genehmigen, sondern endlich zu untersagen.

Sektion zeigt schwerstes Leid in der Affenhirnforschung

Das Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) erhielt 2009 insgesamt 6 Rhesusaffen aus Versuchen mit Neuroimplantaten des MPI Tübingen, um die Todesursache und Schwere der Kopfverletzungen festzustellen. Dabei wurden 3 Rhesusaffen ohne Kopf angeliefert, 1 Rhesusaffe mit Kopf, der jedoch nicht im Versuch verwendet worden war und 2 mit Kopf und Kopfverletzungen, auf die sich die Sektionsergebnisse beziehen (Affen „6/6 Jara“ und „2/6“). Darüber, warum 3 Rhesusaffen ohne Kopf an die untersuchende Einrichtung verbracht wurden und damit die Schwere der Kopfverletzung nicht mehr festgestellt werden konnte, kann nur spekuliert werden. 

Zu dem dokumentierten Leid der beiden untersuchten Affen gehören:

  • Wundnaht ohne Hautdefektabdeckung, unprofessionelle Wundversorgung (Bild 1).
  • Großflächig abgelöste Kopfhaut (Bild 2). Die Blutversorgung durch die Unterhaut fehlt. Dadurch stirbt zwangsläufig die Haut kreisförmig ab (Bild 7).
  • Knochenhaut großflächig entfernt (Bild 3), um das Abheilen der Bohrlöcher zu verhindern. Daraus folgt eine großflächige Osteoporose des Schädelknochens mit Bruchempfindlichkeit. Eine Schädelfraktur ist eingetreten (Bild 6 roter Pfeil)
  • Schädelkalotte durchsetzt von Bohrlöchern (Bild 6).
  • Gehirn durchsetzt von Stichverletzungen. Entzündung und Narbenbildung in den Hirnhäuten (Bild 4 und 5) und der Hirnsubstanz (histologisch nachgewiesen). Hieraus folgen neuropathische Schmerzen und Epilepsie.
  • Kaumuskeln am Ansatz abgetrennt und vernäht (Bild 3). Das Tier verliert seine Kaukraft. Durch die Naht wird das Heilungsbestreben der Muskelzellen unterbunden, neue Ansatzstellen zu finden. 

Die Fotos zeigen einen Auszug aus der Dokumentation der Veterinärpathologen: 

Affe 6/6 „Jara“: (verstorben)


Bild 1: Frischer Hautdefekt, mangelhafte Defektabdeckung, unprofessionelle Hautnaht

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 2: Großflächig abgelöste Kopfhaut

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 3: Bohrlöcher, Kaumuskelstumpf ohne Sehnenansatz

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 4: Bohrlöcher im Schädelknochen, korrespondierend dazu Stichverletzungen in Gehirn, Hirnhautentzündung

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 5: Stichverletzungen und ausgestanztes Gewebe in der weichen Hirnhaut und dem Gehirn

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 6: hochgradige Osteoporose des Schädelknochens und Schädelfraktur (roter Pfeil)

Affe 2/6

(getötet, nachdem er nach einer Narkose einen epileptischen Anfall bekam):

Affenleid in der Hirnforschung
Bild 7: großflächiges Absterben der Kopfhaut (vergl. Bild 2), als Folge der großflächigen Ablösung der Kopfhaut; daneben eine Schraube

Die Veterinärpathologen schließen aus ihren Befunden, dass die Forschung am MPI an schwer kranken Tieren mit kranken Gehirnen erfolgt. Es ist davon auszugehen, dass allen Tieren der Versuchsreihe ähnlich schwere Schäden zugefügt wurden, da sie alle der gleichen Versuchsanordnung unterworfen waren. Ihrer Beurteilung nach waren die „Belastungen für das Tier extrem hoch (besonders belastend)“ und „die gesetzten Verletzungen und ihre Folgen mit dem Weiterleben in Wohlbefinden nicht mehr vereinbar.“ 

Aus einem Schriftwechsel geht hervor, dass „die Operation dem normalen Vorgehen am Institut“ entsprach und „Der Operateur einer der kompetentesten für Neuroimplantate im MPI“ war. Informationen zufolge soll der Operateur weder Arzt, noch Tierarzt gewesen sein.

Einen der untersuchten Affen (6/6 „Jara“), dessen Todesursache festgestellt werden sollte, wollten die Experimentatoren „in eine mehrmonatige Urlaubs- und Regenerationsphase“ schicken.
Die Sektion ergab als Todesursache: „chronisch schweres Schädel-Hirntrauma, neurogener Schock unter anzunehmenden schwersten Schmerzen“. 

Zuständige Stellen akzeptieren schwerste Affenqual

Alle zuständigen Stellen hatten bereits frühzeitig (im Zeitraum zwischen 2009 und 2010) detailliert Kenntnis von den Sektionsergebnissen und hätten diesen nicht nur lebensverachtenden, sondern auch gesetzeswidrigen Torturen Einhalt gebieten können und müssen. Offenbar jedoch wurde die Angelegenheit unter den Teppich gekehrt. 

Unter den zuständigen Stellen mit Kenntnis der Missstände sind

  • das für den Tierschutz zuständige Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR)
  • das Veterinäramt Tübingen
  • das Regierungspräsidium Tübingen 

Auch die Staatsanwaltschaft Tübingen war informiert, stellte jedoch 2012 eine Strafanzeige mehrerer Veterinärpathologen sowie weiterer Tierärzte der Untersuchungseinrichtung mit lapidarer Begründung ein (2). 

Rückblickende Bewertungen aus den Jahren 2018 bis 2020 des Regierungspräsidiums Tübingen der Affenhirnversuche am MPI bestätigen schweres Leid der Affen (3, 4, 5), dennoch lässt die Behörde derartige Versuche weiterhin zu. 

Affenleid mit politischer Tragweite

2011 übernahmen die Grünen gemeinsam mit der SPD und 2016 sowie unverändert 2021 mit der CDU die Landesregierung in Baden-Württemberg - an der Spitze ist seitdem ein grüner Ministerpräsident. Von 2011 bis 2016 hatten die Grünen die für den Tierschutz wichtigen Ministerien Landwirtschaft (MLR) und Wissenschaft inne, danach weiterhin das Wissenschaftsministerium.

Vor der Wahl 2011 hatten die Grünen die Zielsetzung, Versuche an Primaten innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens zu beenden. Doch kaum an der Macht, wurde das Wahlversprechen nicht gehalten. Das ist umso gravierender, als nun bekannt geworden ist, dass den Entscheidungsträgern schon damals bekannt war, dass die Affen schwerstes Leid erfahren haben.

Auch drei Termine unseres Vereins (2011, 2015 und 2022) zur Unterschriftenübergabe und zum Gespräch mit Vertretern des MLR führten nicht zu einem Ende der Versuche oder zumindest Bestrebungen dahingehend. Während unser Verein von den schwerwiegenden Ergebnissen des Sektionsberichts bis dato keine Kenntnis hatte, sah sich das zuständige MLR trotz Wissen um das schwerste Affenleid offensichtlich nicht veranlasst zu handeln.

Ein politischer Skandal, der der Öffentlichkeit nicht länger vorenthalten bleiben darf. 

Ins Bild passt auch, dass kürzlich ein Ermittlungsverfahren gegen das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen, die größte Affenzucht in Deutschland, die auch Tiere an Universitäten liefert und selbst Experimente durchführt, eingestellt wurde. Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), das für die Genehmigung der Tierversuche zuständig ist, hatte aufgrund von mangelhafter Dokumentation bei Tierversuchen Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz erstattet. Auch der Verein PETA Deutschland hatte gegen die DPZ-Verantwortlichen Anzeige erstattet, da Weißbüschelaffen aus rein wirtschaftlichen Gründen getötet worden sein sollen. Weiter soll ein Affe trotz erheblicher Leiden nicht rechtzeitig von seinen Schmerzen erlöst worden sein (6). 

Es ist unfassbar, wie derart schweres Affenleid gepaart mit Verstößen gegen das Tierschutzgesetz bis in die obersten politischen Gremien in Abrede gestellt oder verschwiegen wird. 

Affenhirnforschung an 8 Instituten

Dass das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen 2017 die Primatenhirnforschung eingestellt hat (7), hat nichts mit den erschütternden Sektionsergebnissen zu tun, sondern erfolgte aufgrund des öffentlichen Drucks, der sich aus 2014 veröffentlichten verdeckten Filmaufnahmen und unserer seit 2009 geführten Kampagne gegen die Affenqual in Tübingen ergab. Zudem bedeutet dies keineswegs ein Ende der Affenqual. Vielmehr werden gleichartige Versuche weiterhin an folgenden Instituten in Deutschland durchgeführt: 

  • Institut für Hirnforschung, Universität Bremen
  • Deutsches Primatenzentrum, Göttingen
  • Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg
  • AG Neurophysik, Philipps-Universität Marburg
  • Ernst-Strüngmann-Institut, Frankfurt am Main
  • Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Tübingen
  • Institut für Neurophysiologie, Universität Tübingen, Tübingen
  • Exzellenzcluster Werner Reichhardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften, Tübingen 

An der Universität Bremen läuft die Genehmigung der Affenhirnversuche von Andreas Kreiter Ende November aus. Ein Bestreben der Universität auf Fortführung der quälerischen Versuche ist anzunehmen. Die seit 25 Jahren laufenden mehr oder weniger immer gleichen Experimente am Affenhirn waren bereits Gegenstand von langwierigen Gerichtsprozessen. Seinem schändlichen Tun konnte bislang kein Einhalt geboten werden. Wir setzen alles dran, das zu ändern. 

EU verbietet Versuche mit schwerstem Leid

Die EU-Tierversuchsrichtlinie gibt eine Obergrenze für Schmerzen und Leiden vor, ab der ein Tierversuch nicht mehr durchgeführt werden sollte. Dazu heißt es in der Richtlinie: „Aus ethischer Sicht sollte es eine Obergrenze für Schmerzen, Leiden und Ängste geben, die in wissenschaftlichen Verfahren nicht überschritten werden darf. Hierzu sollte die Durchführung von Verfahren, die voraussichtlich länger andauernde und nicht zu lindernde starke Schmerzen, schwere Leiden oder Ängste auslösen, untersagt werden.“

Zwar lässt die EU ein Schlupfloch, das es den Mitgliedstaaten in begründeten Ausnahmefällen ermöglicht, Tierversuche oberhalb der Schmerz-Leidens-Grenze zuzulassen. Da die Primatenhirnforschung jedoch standardmäßig maximal mit „mittlerem Schweregrad“ beantragt und genehmigt wird und auch das Bundesverwaltungsgericht den Versuchen nur eine „allenfalls mäßige Belastung“ einräumt (8, 9), entziehen sich Experimentatoren und Behörden von vornherein einer etwaigen Überprüfung durch die EU. 

Das Dokument des Schreckens

Ärzte gegen Tierversuche erlangte erst Mitte 2022 Kenntnis von dieser erschütternden Dokumentation. Sie darf nicht länger in der Schublade liegen, sondern die Öffentlichkeit muss davon erfahren. Wir gehen davon aus, dass die schwersten Schäden, die die untersuchten Affen erleiden mussten, kein Einzelfall, sondern Alltag in der Affenhirnforschung sind – zusätzlich zu den ohnehin schon extrem qualvollen Versuchsbedingungen, bei denen die Affen unter der Woche permanent durstig gehalten werden, damit sie sich für einen Tropfen lebensnotwendiger Flüssigkeit nach Forscherwunsch verhalten. Während der oft täglich mehrere Stunden dauernden Experimente müssen die Tiere mit unbeweglich angeschraubtem Kopf in einem Primatenstuhl ausharren und bestimmte Aufgaben am Bildschirm erfüllen.

Tiefste Abgründe in der tierexperimentellen Forschung

Diese Dokumentation offenbart tiefste Abgründe in der deutschen tierexperimentellen Forschungslandschaft und stellt unserer Überzeugung nach die gängige Praxis in der Affenhirnforschung in Deutschland und keinesfalls nur einen Einzelfall dar. Es ist ein schweres Vergehen der zuständigen Entscheidungsträger, dass sie derart schwerstes Tierleid, das unvereinbar mit dem Tierschutzgesetz ist, nicht sofort bei Bekanntwerden unterbunden und rechtliche Schritte gegen die Experimentatoren eingeleitet haben. Wir fordern von den zuständigen Stellen, die Affenhirnforschung sofort zu beenden. 

29.09.2022
Dipl. Biol. Silke Strittmatter

Bitte helfen Sie mit!  

Zur Mitmachaktion mit Online-Petition und Musterbriefen >> 

Quellen

(1) Sektionsbericht aus 2009 (der Redaktion bekannt) zu zwei Rhesusaffen aus Versuchen mit Neuroimplantaten des MPI Tübingen, Institut für biologische Kybernetik

(2) Staatsanwaltschaft Tübingen, Aktenzeichen 19 Js 6747ti1, Entscheidung vom 18.1.2012

(3) Kleine Anfrage des Abg. Dr. Wolfgang Gedeon fraktionslos und Antwort des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Nachfrage zur Kleinen Anfrage „Primatenversuche am Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik in Tübingen“ – Drucksache 16/2844. Drucksache 16/3610. 26.2.2018,

(4) Kleine Anfrage des Abg. Dr. Wolfgang Gedeon fraktionslos und Antwort des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Nachfrage zur Nachfrage zur Kleinen Anfrage „Primatenversuche am Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik in Tübingen“, Drucksache 16/3610 – Bezug nehmend auf die Antwort des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Drucksache 16/5689, 7.2.2019

(5) Kleine Anfrage der Abg. Thekla Walker, Daniel Lede Abal und Alexander Salomon GRÜNE und Antwort des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Potenzielle medizinische Komplikationen bei Primatenversuchen in Baden-Württemberg. Drucksache 16/7858, 10.3.2020

(6) Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA): Göttingen: Kein Prozess wegen Affen-Tötung, 16.05.2022

(7) Ärzte gegen Tierversuche e.V.: MPI hört auf...aber Affenleid geht weiter, Pressemitteilung vom 19.4.2017  [Abruf am 21.09.2022]

(8) Mitteilung des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg an Ärzte gegen Tierversuche e.V., 27.4.2022

(9) Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts BVerG 3 B 29, 13, OVG 1 A 180/10; 1 A 367/10 vom 20.1.2014 

 

Weitere Information

Kampagne „Die Realität hinter der Affenhirnforschung“ >>

Affenhirnforschung in Deutschland >>

Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen!“ (2009 bis 2022) >> 

Hirnforschung an Affen in Bremen >> 

 

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