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Geschichte

1926 - Herzschrittmacher

Die Geschichte des Herzschrittmachers zeigt beispielhaft, wie Fortschritt in der Medizin zustande kommt. Am Anfang steht die Not eines Arztes, der Wunsch nach besseren diagnostischen oder therapeutischen Möglichkeiten, vielleicht auch nur einfache Neugier. Dann fehlen noch die entsprechende Technik und das Genie der Ingenieure, die diese Technik beherrschen.
Im Fall des Herzschrittmachers kam noch ein weiteres Problem hinzu: das Herz galt Jahrhunderte lang als Sitz der Seele, und der Stillstand des Herzens bedeutete das Ende des Lebens. Wer versuchte, hier einzugreifen, machte sich des Frevels schuldig.

Die Pioniere

Diese Denkweise bekommt auch der australische Anästhesist Mark C. Lidwell zu spüren. 1926 erweckt er ein totgeborenes Kind durch elektrische Stimulation des Herzens zum Leben. Aufgrund von massiven Anschuldigungen führt er keine weiteren Experimente an Menschen durch.
1930 konstruiert der New Yorker Kardiologe Alfred Hyman einen 7,2 kg schweren Apparat zur künstlichen Elektrostimulation des Herzens. Kommt es zu einem Herzstillstand, wird eine Nadel durch die Brust in den rechten Vorhof gestochen. Mit Hilfe eines geringen elektrischen Stroms wird das Herz wieder in Gang gebracht. Die Frequenz der elektrischen Impulse pro Minute können dabei gesteuert werden. Nichts anderes macht der natürliche Taktgeber im Herzen, der Sinusknoten. Er sendet winzige elektrische Impulse an den Herzmuskel und bewirkt so das Schlagen des Herzens. Bis März 1932 setzt Hyman seinen Schrittmacher 43 Mal bei Patienten ein, in 14 Fällen mit Erfolg. Die Reaktion der Fachwelt und der Presse ist verheerend. Hyman wird vor Gericht gezerrt, man beschuldigt ihn der „frevelhaften Einmischung in die göttliche Vorsehung“. Daraufhin verzichtet Hyman auf eine Publikation seiner Reanimationsversuche bei Menschen und veröffentlicht nur die Ergebnisse von Tierversuchen. Er fälscht sogar – vermutlich absichtlich - eine Literaturangabe, um den Kollegen Lidwell zu schützen. Seine Arbeit ist Hyman bekannt, er zitiert den Kollegen jedoch unter dem Namen „Gould“. Dieser erfundene Kollege hat nachweislich nie existiert, ist aber noch heute in der Darstellung der Frühgeschichte des Herzschrittmachers zu finden.

Unblutige Methoden

1949 graben die beiden kanadischen Herzchirurgen John Callaghan und Wilfred Bigelow Hymans Methode wieder aus. Sie entwickeln zusammen mit dem Elektroingenieur John A. Hopps eine Elektrode, mit deren Hilfe ein Herzstillstand von einem externen Schrittmacher reanimiert werden kann.

Paul M. Zoll vom Beth Israel Hospital in Boston kommt 1952 auf seiner Suche nach einem unblutigen Weg zur Erkenntnis, dass eine Elektrostimulation des Herzens auch durch den Brustkorb hindurch mit 2 Plattenelektroden möglich ist. 1952 kann Zoll zum ersten Mal bei einem 75jährigen Mann mit einer schweren Herzrhythmusstörung für 25 Minuten eine wirksame Stimulation des Herzens durchführen. Versuche mit 2 weiteren Patienten sind erfolgreicher. Zoll veröffentlicht seine Ergebnisse im „New England Journal of Medicine“. Auch er bekommt den Zorn der Kollegen zu spüren, die ihm „Handeln wider Gottes Willen“ vorwerfen.

Zolls Methode hat Nachteile: sie ist schmerzhaft und zeitlich nur begrenzt anwendbar. Seymour Furman, Chirurg am Montefiore Hospital in New York, bastelt 1958 aus einem handelsüblichen Herzkatheter, einem Stahldraht und etwas Stanniol seine erste, über eine Vene einführbare Elektrode. 

Implantierbarer Herzschrittmacher 1958

Im Karolinska Hospital in Stockholm liegt der 43 Jahre alte Arne Larsson, der infolge einer akuten Myokarditis an einer schweren Herzrhythmusstörung (totaler AV- Block) leidet und nur durch wiederholte Faustschläge auf die Brust und Injektionen ins Herz reanimiert werden kann. Åke Senning, Chirurg am Karolinska Hospital, und Ingenieur und Erfinder Dr. Rune Elmquist arbeiten schon länger an der Entwicklung eines implantierbaren Schrittmachersystems. Die von ihnen durchgeführten Tierversuche konnten besonders die technischen Probleme nicht lösen. Gedrängt von der verzweifelten Ehefrau des Patienten baut Elmquist den ersten implantierbaren Schrittmacher, der nur 3 Stunden hält. Das 2. Aggregat hält etwas länger. 1961 erhält Arne Larsson einen Schrittmacher mit Quecksilberbatterien. Beim 7. Internationalen Schrittmacherkongress 1983 ist Larsson, der inzwischen den 23. Schrittmacher trägt, lebendiger Zeuge für 25 Jahre erfolgreiche Schrittmacherbehandlung. Er stirbt 2001 mit 86 Jahren.

In den Jahren nach diesem ersten Einsatz werden immer kleinere und leistungsstärkere implantierbare Schrittmacher entwickelt, die heute zahlreiche Leben retten.

3.9.2019
Katharina Feuerlein, Ärztin

Quellen

Mannebach, Hermann: Hundert Jahre Herzgeschichte - Entwicklung der Kardiologie 1887-1897. Springer Verlag 1988; S. 74-84
Beating heart is revived by electrified needle. In: Popular Mechanics Magazine, 1933, S. 360
GEO Chronik: 100 Triumphe der Medizin, Verlag Gruner + Jahr GmbH & Co KG, Hamburg 2017, S. 95

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