Linz-Kongress 2016

Linz-Kongress 2016

Der 20. Kongress über „Alternativmethoden zum Tierversuch“ in Linz, Österreich, fand im August 2016 statt. Wie in jedem Jahr wurde ein großes Spektrum an aktuellen Entwicklungen in der sogenannten 3R-Forschung (Verminderung, Verfeinerung, Ersatz von Tierversuchen) vorgestellt. Unser Verein begrüßt jede Initiative, die sich wegbewegt vom altertümlichen System Tierversuch, aus methodenkritischen Gründen stehen wir jedoch dem 3R-System ablehnend gegenüber, da es den Tierversuch nicht in Frage stellt. Stattdessen bedarf es einer vollständigen Umgestaltung der wissenschaftlichen Landschaft.

In dieser Zielsetzung sehen wir uns durch moderne Forschung bestärkt, die genau in diese Richtung geht. So entwickelt das Fraunhofer-Institut in Hannover verschiedene Modelle aus humanen Lungenschnitten, die die Untersuchung menschlicher Krankheiten wie Asthma oder Lungenfibrose ermöglichen. Die Firma In-vitro-Technologies bietet einen Bioreaktor an, bei dem mit einer peristaltischen Pumpe das Kulturmedium über Schläuche in Lebendkammern gebracht wird, wo es die dort angesiedelten Zellen durchströmt und Tests potentieller Arzneiwirkstoffe erlaubt.

Ein zentrales Thema des Kongresses, mit dem sich unser Verein seit vielen Jahren befasst, war die EU-Tierversuchsrichtlinie. Berichtet wurde, dass manche Länder nicht einmal den Minimalstandard der EU umgesetzt haben, wie Frankreich oder Deutschland, wo einige Vorgaben sogar richtlinienwidrig umgesetzt wurden. Wie sehr unsere Bundesregierung von der Tierversuchslobby gesteuert wird, wird mit Blick auf andere Länder immer wieder deutlich. Während hierzulande die aus Steuergeldern finanzierten Tierversuche streng geheim gehalten und die Transparenz sowie der Schutz der Tiere auf niedrigstem Niveau gehalten werden, steht es in Schweden jedem Interessierten frei, Daten zu Tierversuchen einschließlich Informationen über Institute und Forscher einzusehen. Auch werden dort alle Tierversuche evaluiert, unabhängig davon, welchem Leid die Tiere ausgesetzt werden. Seit 1979 gibt es eine verpflichtende ethische Bewertung, während man das Wort Ethik in der deutschen Interpretation der EU-Richtlinie vergeblich sucht.

Großen Raum nahm auch das fötale Kälberserum ein, für dessen Gewinnung dem ungeborenen Kalb im Mutterleib in fortgeschrittenem Entwicklungsstadium eine Nadel in das schlagende Herz gestochen wird, um Blut abzusaugen. Das Serum wird standardmäßig als Nährmedium für Zellen verwendet. Unserem Verein ist es seit Langem ein Anliegen, die Forschung dahin zu bewegen, auf die zahlreich vorhandenen tierleidfreien Nährmedien zurückzugreifen. Umso erfreulicher war es zu hören, dass einige Wissenschaftler in ihren Vorträgen und im persönlichen Gespräch ethische Aspekte wie auch die wissenschaftliche Problematik bei der Verwendung des Kälberserums thematisierten. So hat das wissenschaftliche Beratungsgremium von ECVAM (Europäisches Zentrum für die Validierung von Alternativmethoden) schon 2008 einen Leitfaden herausgegeben, der empfiehlt, kein fötales Kälberserum zu verwenden. Obwohl es mit chemisch definierten Nährmedien oder Extrakten aus menschlichem Gewebe eine große Bandbreite an tierleidfreien Medien gibt, die zudem den Vorteil haben, keine quantitative und qualitative Variabilität aufzuweisen, sind die Hindernisse in deren Verwendung oft wirtschaftlicher Natur, auch ist es mit Aufwand verbunden, vom herkömmlichen Versuchsausbau abzuweichen.

Es gibt also viele tolle Entwicklungen und ein Umdenken in Richtung tierversuchsfreie Wissenschaft, dennoch ist es ein beschwerlicher Weg, der altanhaftenden Tradition Tierversuch endlich in Gänze den Rücken zu kehren.


Informative Fachvorträge


Innovationen zum Vor-Ort-Kennenlernen, wie diese In-silico-Entwicklung...

 


...oder dieser Bioreaktor

 


Silke Strittmatter (li., Pressesprecherin und wiss. Mitarbeiterin Ärzte gegen Tierversuche)
im Gespräch mit Susanne Louhimies (EU-Kommission) über den WIST-Kongress.

 

 

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