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Stellungnahmen

Stellungnahme zum geplanten neuen Tierversuchslabor am UKE

Hintergrund

Hamburg ist eine Hochburg der Tierversuche. 2016 wurden offiziellen Angaben zufolge 166.147 Tiere in Experimenten „verbraucht“, rund 5 % der Gesamtzahl Deutschlands. (1) Im Städtevergleich liegt Hamburg auf Platz 10 der Tierversuchshochburgen. (2) Neben dem berüchtigten Labor für Pharmakologie und Toxikologie (LPT) in Hamburg Neugraben, das seit Jahren in der öffentlichen Kritik steht, werden Tierversuche noch an 10 weiteren Einrichtungen durchgeführt, die größte davon stellt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) dar. Nicht weniger als 21 Institute und Kliniken des UKE sind einer Recherche der Ärzte gegen Tierversuche zufolge tierexperimentell tätig. (3)

Nun will die Stadt ein neues Gebäude für die Laborhaltung von Tieren am UKE bauen und stellt dafür rund 32 Millionen Euro zur Verfügung. Der Senat hat das Vorhaben bereits genehmigt. Das Spezialgebäude soll hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt sein. Die Bauarbeiten sind von 2019 – 2021 geplant. (4)

Hamburgs Politik setzt damit in einer Zeit, in der die tierversuchsfreien Methoden enorme Erfolge verzeichnen, immer noch auf eine Methode, die man noch nicht mal nur veraltet, sondern nie zeitgemäß nennen kann: den Tierversuch.

Tierarten, bisherige Tierzahlen und Verwendungszweck

Am UKE werden tierbasierte Forschungsprojekte in den Forschungsschwerpunkten Herzkreislauf, Infektion & Immunologie, Krebs und Neurobiologie durchgeführt. Bei vielen der Forschungsvorhaben werden genetisch veränderte Mäuse verwendet. Neben Mäusen müssen am UKE auch Kleintiere wie Ratten, Kaninchen, Krallenfrösche, Meerschweinchen und Frettchen für die Forschung leiden.

Großtiere (Schweine und Schafe) werden in der Grundlagenforschung und translationalen/ angewandten Forschung sowie zur Weiterbildung und Schulung von Medizinern in Narkose- und Operationstechnik benutzt. (5)

Nach einer Antwort des Hamburger Senats auf eine große Anfrage der Linken Anfang 2017 (6) gab es am UKE folgenden „Tierverbrauch“, in Klammern: Maximale Kapazität in der Tierhaltung (Damit wird bezeichnet, wie viele Tiere maximal in den Käfigen Platz haben. Da die allermeisten Tierversuche mit dem vorzeitigen Tod der Tiere enden, können Käfigplätze mehrfach im Jahr belegt werden. Dadurch können mehr Tiere „verbraucht“ worden sein, als Käfigplätze vorhanden sind.):

  • 46.697 Mäuse (50.000)
  • 2.821 Ratten (2.000)
  • 5 Schafe (80)
  • 73 Schweine (30)
  • 69 Kaninchen (120)
  • 15 Krallenfrösche (1.000)
  • 82 Meerschweinchen (100)
  • 17 Frettchen (50)

Außerdem könnte das UKE noch 30 Katzen und 40 Zebrabärblinge halten. (6)

Geplante Baumaßnahmen

Momentan gibt es im UKE vier teilweise veraltete Gebäude, in denen Tiere gehalten und Tierversuche durchgeführt werden, sowie Personalräume untergebracht sind. Außerdem erfolgt die Haltung von 9.000 Mäusen außerhalb des Geländes. Bis 2021 soll in zwei Bauabschnitten durch Abriss von 3 Gebäuden, Modernisierung und Erweiterung eines Bestandsgebäudes und Neubau eines Büro- und Personalhauses eine Trennung von Tierräumen und Personalräumen erfolgen.

Im modernisierten und erweiterten Bestandsgebäude sind dann über vier Etagen Tierhaltung, Lager, Anlieferung, Käfigaufbereitung und Technikfläche geplant. Der Neubau beinhaltet Personal-, Seminar- und Büroräume.

Die aktuell vorhandene reine Nutzfläche reduziert sich von ca. 3.522 qm auf 2.918 qm. Da aber diese Flächen in den Altbauten ineffizient bzw. gar nicht genutzt werden, ist der Vergleich irrelevant. Laut Bauvorhaben soll nämlich trotz geringerer Fläche die Tierkapazität für Nagetiere erhalten bleiben. Und für die Großtiere ist im Kellergeschoss des Anbaus die Schaffung von zusätzlichen Tierhaltungsräumen für Schweine und Schafe geplant. (5)

Modernisierung oder Erweiterung?

Unter dem Deckmantel der Modernisierung gibt es im Haushaltsplan 2017-2018 der Stadt Hamburg mehrere Hinweise darauf, dass es sich nicht nur um eine Erneuerung handelt, sondern die Anzahl der in Versuchen leidenden Tiere vergrößert werden soll. Bisher wurden im UKE zu den Großtieren zählende Schweine und Schafe in Tierversuchen eingesetzt. Der Haushaltsplan deutet darauf hin, dass Haltungsboxen auch für andere Großtierarten geschaffen werden können.

An anderen Stellen wird mehrfach darauf hingewiesen, dass in einem 3. Bauabschnitt die Option einer späteren Erweiterung durch zusätzliche Neubauten besteht und damit „die Kapazität bedarfsgerecht ebenfalls erweitert werden kann“, falls „mit einer weiterhin erfolgreichen Einwerbung von Drittmitteln mehr Wissenschaftler(innen) an das UKE kommen und die Anzahl der Forschungsprojekte weiter wächst“. (5)

Damit liegt nahe, dass dieses Bauvorhaben nur der Startschuss für eine Vergrößerung des Tierleids am UKE sein wird. Die Forschungsvorhaben in Hamburg-Eppendorf werden also weiterhin schwerpunktmäßig mit Tierversuchen realisiert.

Finanzierung

Mit dem Haushaltsplan 2015-2016 der Stadt Hamburg wurden bereits rund 22 Millionen Euro für Modernisierung und Neubau der Gebäude am UKE genehmigt. Im Haushaltsplan 2017-2018 war aufgrund einer Neukalkulation der Kosten auch eine Nachbewilligung durch die Bürgerschaft notwendig. Dabei ergab sich aufgrund einer Kostenkalkulation von November 2017 die Summe von 32 Millionen, die auch bewilligt wurde. Die in der Presse zum Teil angegebenen 31 Millionen bezogen sich auf eine ältere Berechnung der Kosten von Juli 2017. Zusätzlich übernimmt das UKE u.a. die Herstellungs- und Nebenkosten, die durch die besondere Ausstattung der Tierräume anfallen. Das führt dazu, dass sich die Gesamtkosten des Bauvorhabens nochmal um etwa 1,8 Millionen erhöhen. (5)

Beispiele für Tierversuche am UKE

Details zu nachfolgenden Beispielen von Tierversuchen im UKE können unter www.datenbank-tierversuche.de durch Eingabe der Dokumenten-ID nachgelesen werden. Dort finden sich auch weitere Tierversuche, die im UKE oder unter Beteiligung des UKEs durchgeführt wurden. Die Versuche fallen großenteils unter die zweckfreie Grundlagenforschung.

In einer Studie an Kaninchen soll beobachtet werden, ob ein bei Osteoporose eingesetztes Medikament bei direkter Gabe auf eine künstliche Knochenverletzung die Heilung verbessert. Dafür werden den Kaninchen Löcher in die Schienbeine gebohrt, die anschließend mit herkömmlichem Material oder mit der zu testenden Substanz aufgefüllt werden. Nach verschiedenen Zeiträumen werden die Tiere getötet und die Knochen untersucht. (7)

Bei Mäusen wird eine Experimentelle Autoimmunenzephalitis (EAE) hervorgerufen, indem Freunds Adjuvans, ein reizendes Mineralöl mit abgetöteten Tuberkulosebakterien unter die Haut gespritzt wird. Zwei und 4 Tage später werden Keuchhustenbakterien in eine Vene injiziert. Das Immunsystem der Mäuse ist nun so sensibilisiert, dass es das eigene Nervengewebe angreift. Es kommt zu Lähmungen aller vier Beine. Zwischen 20 und 40 % der Tiere sterben. Überlebende Mäuse werden auf nicht genannte Weise getötet, um ihre Organe zu untersuchen. (8)

Um ein „Tiermodell“ für die Testung von Zahnimplantaten bei alten Menschen mit Knochenschwund zu entwickeln, werden 10 weiblichen Schafen aus der eigenen Haltung unter Narkose die Eierstöcke entnommen. Eine Woche später erfolgt eine zweite Operation, bei der eine Kamerasonde und ein Schneidewerkzeug über die Nasenlöcher der Schafe ins Gehirn eingeführt werden. Die Verbindung zwischen einem Hirnbereich (Hypothalamus) und der hormonproduzierenden Hirnanhangdrüse wird durchtrennt und ein Stück Alufolie wird dazwischen platziert, um sicherzustellen, dass die Hirnregionen getrennt bleiben. Beide regulieren durch ein Wechselspiel unter anderem den Knochenstoffwechsel. Durch die Abtrennung der beiden Strukturen voneinander kommt es bei den Tieren zu Knochenschwund. Nach sechs Monaten werden die Schafe mit einer Überdosis Schlafmittel getötet, um die Unterkieferknochen zu untersuchen. (9)

Die drei beschriebenen Studien zeigen beispielhaft, wie grausam und nutzlos Tierversuche sind. Tiere werden künstlich krank gemacht, um damit ein „Tiermodell“ zu schaffen, dessen Symptome der Erkrankung des Menschen am nächsten kommen. Anschließend wird versucht, diese künstlichen Symptome wieder zu heilen. Da diese aber absolut nichts mit der Krankheit beim Menschen gemein haben, kann man Erfolge aus Tierversuchen nicht im Menschen wiederholen. Hinzu kommt, dass das Ausbrechen einer Krankheit beim Menschen von sehr vielen Faktoren abhängt: u.a. Ernährung, Konsum von Genussmitteln, Stress, Bewegung. Tiere im Labor werden dagegen unter standardisierten Bedingungen gehalten: Temperatur, Lichtverhältnisse, Futter, Käfiggröße usw. Auch hier hinkt die Übertragbarkeit auf den Menschen, denn welcher Mensch lebt, isst und verhält sich wie unter Laborbedingungen?

Weitere Beispiele von am UKE durchgeführten Tierversuchen >>

Datenbank Tierversuche >>

Steinzeitmethode oder moderne Forschung?

Heutzutage gibt es viele humanbasierende innovative Forschungsmethoden. Nachfolgend hierzu zwei Beispiele:

  • Entnimmt man einem Patienten eine Hautzelle, lässt sich diese auf den Zustand einer Stammzelle (sog. Induzierte pluripotente Stammzelle, Nobelpreis 2012) zurückprogrammieren. Danach kann man diese Zelle dazu anregen, sich in verschiedene Körperzellen wie Nerven-, Darm-, Haut- oder Leberzellen zu entwickeln. Diese spezialisierten Zellen können sich weitervermehren und bilden dadurch kleine Miniorgane (sog. Organoide). Platziert man diese auf einen Chip und verbindet sie untereinander mit einem Flüssigkeitskreislauf, hat man den „Patient-auf-dem-Chip“. Jetzt kann man Medikamente ganz individuell für diesen Patienten testen, indem man sie zum Beispiel auf die Minihaut gibt. Was passiert nach Aufnahme des Medikaments mit der Leber? Oder wie erfolgt die Ausscheidung? (10)
  • Im Living Heart Project tragen internationale renommierte Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse zusammen. Forschungsinhalt sind Herzmuskelzellen aus menschlichen Stammzellen, die auf einen Chip gepflanzt werden. Dieser Chip zeichnet die elektrischen Signale der Zellen auf, die zur Kontraktion des Herzmuskels führen. Er misst also den Rhythmus des Herzschlages. Wird ein Wirkstoff auf die Zellen gegeben, erfasst der Chip, wie diese darauf reagieren und ob es zu Herz-Rhythmusstörungen kommt. Dieses Projekt ist ein aktuelles Beispiel dafür, welche wundervollen Methoden heute zur Verfügung stehen. Denn hier wird menschliche Stammzelltechnologie mit Computersimulation kombiniert. (11)

Natürlich bieten auch Bevölkerungs- oder Patientenstudien, Zellkulturen und bildgebende Verfahren weitere innovative Möglichkeiten, tierleidfrei im Sinne des Menschen zu forschen. Obwohl diese zeitgemäßen Methoden nur mit einem Bruchteil der Summe finanziert werden, die in Tierversuche fließen, wurden bereits eine unüberschaubare Fülle dieser modernen Verfahren entwickelt, die im Gegensatz zum Tierversuch für den Menschen relevante Ergebnisse liefern. Auf der anderen Seite verschlingen Neubauten von Tierversuchslaboren fast immer zweistellige Millionenbeträge (aktuelle Beispiele: Imitate in Freiburg 40 – 57 Millionen, Universität Hohenheim 16,8 Millionen). Hinzu kommen die Kosten für Tierversuchsstudien selbst. Eine genmanipulierte Maus kann bis zu einem 5-stelligen Betrag kosten. (12, 13, 14)

Hier ist die Politik gefordert! Eine Umschichtung der Förderung und ein Paradigmenwechsel in der Forschung sind dringend notwendig!

Doch davon ist Hamburg jedoch weit entfernt. Während 32 Millionen Euro für den Laborneubau locker gemacht werden, lobt die Stadt alle zwei Jahre einen Forschungspreis in Höhe von gerade einmal 20.000 € aus und das noch nicht einmal für rein tierversuchsfreie Forschung, sondern auch für Maßnahmen, die Tierversuche „verfeinern“ oder lediglich reduzieren. Bei dieser so genannten 3R-Forschung wird das System Tierversuch zementiert statt abgeschafft. (15) 2016 wurde der Preis das erste Mal vergeben und zwar für ein Verfahren, das zur Erforschung toxischer Wirkungen auf das Nervensystem menschliche Zellkulturen nutzt und für eine Methode zur „besseren Auswahl von Versuchsmodellen am Tier“, um den Einsatz von Tieren zu reduzieren. (16)

Besonders pikant: Ausgerechnet eine Grüne, die Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, befürwortet und fördert den Neubau. (4) Bündnis 90/Die Grünen schreibt sich gern den Tierschutz auf die Fahnen. In Hamburg erweist die Partei dem Tierschutz jedoch einen Bärendienst.

Fazit

Ärzte gegen Tierversuche fordern von der Hamburger Bürgerschaft, die 32 Millionen Euro für tierversuchsfreie Forschung zu investieren. In dem neuen Gebäude dürfen keine Tiere gequält, sondern es sollen innovative humanrelevante Methoden entwickelt werden.

Stand: 5. Februar 2018
Dr. med. vet. Gaby Neumann

Weitere Infos

Kampagnenseite “Kein Neues Tierversuchslabor am UKE” >>

Datenbank Tierversuche >>

Quellen:

(1) Ärzte gegen Tierversuche: Bundesländervergleich – Negativrangliste zu Tierversuchen, 2/2017 >>

(2) Ärzte gegen Tierversuche: Tierversuchshochburgen Deutschlands, 2.1.2018 >>

(3) Ärzte gegen Tierversuche: Adressliste Tierversuchslabore, 10.1.2018 >>

(4) Hamburger Abendblatt vom 28.11.2017: Grüne Wissenschaftssenatorin verteidigt 31 Millionen Investition für UKE-Neubau

(5) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, Haushaltsplan 2017/2018, Einzelplan 3.2 Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, Nachbewilligung nach § 35 Landeshaushaltsordnung (LHO), Neubau und Ertüchtigung der Forschungstierhaltung der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg/Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

(6) Große Anfrage der Partei Die Linke an den Senat Hamburg vom 18.01.2017 und die Antwort des Senats vom 14.02.2017

(7) Carsten W. Schlickewei et al.: Bone augmentation using a new injectable bone graft substitute by combining calcium phosphate and bisphosphonate as composite - an animal model. Journal of Orthopaedic Surgery and Research 2015: 10(1); 116. 10.1186/s13018-015-0263-z www.datenbank-tierversuche.de Dokumenten-ID 4678

(8) Quelle: Anna Gieras et al.: Prenatal administration of betamethasone causes changes in the T cell receptor repertoire influencing development of autoimmunity. Frontiers in Immunology 2017: 8; 1505. doi:10.3389/fimmu.2017.01505

www.datenbank-tierversuche.de Dokumenten-ID

(9) Ralf Oheim et al.: Mandibular bone loss in ewe induced by hypothalamic-pituitary disconnection. Clinical Oral Implants Reseach 2014: 25; 1239-1244 www.datenbank-tierversuche.de Dokumenten-ID 4676

(10) Donald Ingber (WYSS-Institut): Human Organs-on-Chips as replacements for animal testing with Donald Ingber, Link zu YouTube-Video vom 27.03.2017

(11) Medizin-aspekte.de vom 02.05.2017: Living Heart Project

(12) Ärzte gegen Tierversuche: Stellungnahme zum geplanten Neubau von Tierversuchslaboren an der Universität Hohenheim, 7/2014 >>

(13) Ärzte gegen Tierversuche: Stellungnahme zum geplanten Neubau eines Tierversuchslabors in Freiburg, 7/2016 >>

(14) Ärzte gegen Tierversuche: Skandalös, Milliarden Steuergelder fließen in Tierversuche, nur geringe Beträge in tierversuchsfreie Forschung, Pressemitteilung, 24.01.2018 >>

(15) Ärzte gegen Tierversuche: Tierversuche reduzieren, ersetzen oder abschaffen? >>

(16) SPD-Bürgerschaftsfraktion Hamburg: Forschungspreis „Alternativen zum Tierversuch“ erstmals verliehen – Hamburg prämiert wissenschaftliche Arbeiten für weniger Tierversuche, Pressemitteilung vom 9.12.2016 >>

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