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Strategiepapier der Niederlande zum Ausstieg aus dem Tierversuch

Wegweisend: Niederlande will führend bei tierversuchsfreier Forschung werden

Klar gesetztes Ziel des niederländischen Agrarministers ist es, die weltweit führende Rolle im Bereich der Innovationen ohne Tierversuche zu werden – und zwar bis 2025. Vor diesem Hintergrund hatte der Landwirtschaftsminister Marijn van Dam 2016 dem niederländischen nationalen Tierversuchskomitee aufgetragen, einen Fahrplan zum Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung zu erarbeiten. Dabei herausgekommen ist ein Strategiepapier, das für unterschiedliche Forschungsbereiche konkrete Zeitschienen und Handlungsoptionen aufzeigt, Wege ohne oder zumindest mit deutlich weniger Tierversuchen zu gehen. Auch ethische Aspekte spielen eine Rolle, was von Seiten der Politik nicht selbstverständlich ist.

Hintergrund

Das niederländische nationale Tierversuchskomitee, das zuständig ist für den Schutz von für Tierversuche verwendeten Tieren, hat im Dezember 2016 das Strategiepapier „Transition to non-animal research – on opportunities for the phasing out of animal procedures and the stimulation of innovation without laboratory animals“ (Wechsel zu tierversuchsfreier Forschung – über Möglichkeiten, Tierversuche auslaufen zu lassen und Innovationen ohne Tierversuche voranzutreiben) vorgelegt. Damit erfüllt es den Auftrag des Landwirtschaftsministers Marijn van Dam, der das Komitee gebeten hatte, einen Fahrplan zum Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung zu erarbeiten. Sein gesetztes Ziel ist es, bis 2025 die weltweit führende Rolle im Bereich der Innovationen ohne Tierversuche zu werden. Eingeflossen in den Bericht sind zahlreiche Anregungen von Interessensvertretern aus allen Bereichen wie tierexperimentelle Einrichtungen und Tierschutzorganisationen, die vom Ministerium angehört wurden.

Nach Ansicht des Komitees haben sich Tierversuche unter anderem deshalb als „Goldstandard“ in den Köpfen festgesetzt, weil bei der Veröffentlichung von Ergebnissen aus tierversuchsfreien Studien erwartet wird, dass die Daten mit Tierversuchen abgeglichen werden. Außerdem sind in einigen Testvorschriften und Gesetzen Tierversuche verankert. Dieser Umstand könne nur verbannt werden, wenn alle Beteiligten erkennen, dass Tierversuche nicht länger als „Goldstandard“ betrachtet werden können und nicht die richtigen Ergebnisse liefern.

Tierversuche in den Niederlanden

Im Jahr 2014 wurden laut Angaben des Agrarministeriums in niederländischen Laboren 563.769 Tiere in Tierversuchen eingesetzt. Davon u.a. 25,8 % für gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche (u.a. 9,5 % toxikologische Tests für Tierarzneien, 8,5 % für Humanarzneien, 5,4 % für Industriechemikalien), in der angewandten Forschung waren es 32,1 %, in der Grundlagenforschung 27,6 % und in der Lehre und Ausbildung 3,2 %, bei der Zucht von Tieren, die für diese mit Leid verbunden ist, 10,5 %. Im europaweiten Vergleich liegen die Niederlande mit Platz 5 auf einem der vorderen Ränge, was den Tierverbrauch für Tierversuche angeht.

Ziele des Strategiepapiers

Das Komitee will mit seinem Strategiepapier einen wesentlichen Beitrag zur Reduzierung von Tierversuchen leisten, sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene, wie es in dem Bericht heißt. Zwar wird darin nicht in aller Konsequenz die flächendeckende Abkehr vom Tierversuch geebnet, dennoch ausgesprochen wegweisend und fortschrittlich ein klares Ausstiegsszenario und in manchen Bereichen zumindest eine deutliche Reduzierung von Tierversuchen festgeschrieben. Eine zentrale Bedeutung soll dabei die ethische Bewertung von Tierversuchen spielen. In dem Papier heißt es, dass zwar wissenschaftlich und wirtschaftlich ein Potential für tierversuchfreie Entwicklungen vorhanden ist, dieses aber viel zu wenig vorangetrieben wird, um den Prozess des Ausstiegs aus dem Tierversuch zu beschleunigen. So hat das Komitee zur Zielerreichung Empfehlungen zu drei Themenkomplexen festgeschrieben.

Zielsetzung

Der erste Komplex ist die Formulierung einer klaren Zielsetzung. So heißt es seitens des Komitees, dass für die Umwandlung der Forschung in eine tierversuchfreie ein Paradigmenwechsel weg von der vorherrschenden Denkweise und von Praktiken notwendig ist. So könne man in einigen Bereichen bis 2025 ganz verstärkt auf tierversuchfreie Innovationen fokussieren.

Das Komitee konkretisiert die Zielsetzung jeweils für unterschiedliche Bereiche. Für die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsprüfungen von Chemikalien, Pestiziden, Nahrungsinhaltsstoffen und Human- und Tierarzneimittel, ebenso wie für biologische Stoffe wie Impfstoffe, kann dem Bericht zufolge bis 2025 vollständig auf Tierversuche verzichtet werden, ohne den Sicherheitsstandard zu gefährden.

Bei der Grundlagenforschung sieht das Komitee kurzfristig keine Möglichkeit, Tierversuche zu reduzieren oder gar ganz davon abzusehen und hält dies sogar derzeit nicht für sinnvoll. Je nach Bereich sieht das Komitee aber unterschiedliche Optionen. Es geht insgesamt von einer weitreichenden Reduzierung der Tierversuche aus und schlägt vor, einen Fahrplan mit einer 10-Jahres-Frist für jeden Grundlagenbereich auszuarbeiten. Von einem vollständigen Ende der Tierversuche ist hier nicht die Rede, jedoch sollen die Möglichkeiten der tierversuchsfreien Forschung berücksichtigt werden.

In der angewandten Forschung sieht das Komitee Möglichkeiten, viel schneller voranzukommen als das derzeit der Fall ist. Konkret empfiehlt es, sich beispielsweise im Bereich der Entwicklung von menschlichen Krankheitsmodellen auf tierversuchsfreie Methoden zu konzentrieren. So können die Niederlande auch in diesem Bereich bis 2025 führend sein. Im Bericht wird die Bedeutung humanbasierter Methoden und der personalisierten Medizin betont, wie beispielsweise epidemiologische Studien oder Microdosing. Mit Blick auf die Entwicklungen im Bereich der Organchips wird die Möglichkeit gesehen, Tierversuche innerhalb von 50 Jahren zu reduzieren oder auch ganz zu ersetzen.

Für den Bereich der Lehre und Ausbildung bewertet das Komitee die Verwendung von Tieren in gewissem Umfang als notwendig und ein vollständiges Ausstiegsszenario wird hier nicht formuliert. Jedoch betont es die zahlreichen vorhandenen tierversuchsfreien Lehrmethoden sowie die Notwendigkeit, ethische Überlegungen anzustellen und gerade bei Jungwissenschaftlern ein Umdenken anzuregen. Auf diese Art hält das Komitee eine Reduzierung der Tierzahl auf ein Minimum für möglich. Was Hunde und Katzen anbelangt, wird ein vollständiger Verzicht in veterinärmedizinischen Kursen empfohlen. Für biomedizinische Kurse sieht das Komitee das Potential ganz auf tierfreie Methoden umzusteigen.

Erreichung der Zielsetzung

In einem zweiten Schritt werden als Strategie zur Erreichung der Zielsetzung bis 2025 führend in der tierversuchsfreien Forschung zu werden eine Reihe an notwendigen Handlungen empfohlen. Unter anderem soll auf internationaler Ebene der Prozess der Risikobewertung analysiert und ein neuer Ansatz verfolgt werden. Ein effektiver Schutz von Mensch und Tier würde von einer modernen Risikobewertung profitieren, weshalb das Komitee einen radikal anderen Weg vorschlägt. Dabei muss transparent gemacht werden, inwieweit die ausgesuchte Forschungsmethode tatsächlich vor Risiken schützt.

Das Wirtschaftsministerium soll einbezogen werden, um die Förderung tierversuchsfreier Modelle von der Entwicklung bis zur Anwendung voranzutreiben. In die Aufwertung und Akzeptanz tierversuchsfreier Methoden muss investiert werden, beispielsweise mittels rückwirkender Validierungsstudien. Hierbei hinterfragt das Komitee das gängige Regime, dass neue Methoden, also in diesem Fall tierversuchsfreie, ihre Zuverlässigkeit unter Beweis stellen müssen, indem sie gleichwertige oder bessere Ergebnisse liefern als der herkömmliche Tierversuch. Das Komitee erkennt die Notwendigkeit sicherzustellen, dass Humandaten sehr viel effektiver genutzt werden müssen. Explizit hebt der Bericht darauf ab, dass innovative tierversuchsfreie Modelle mit am menschlichen Patienten gewonnenen Daten verglichen werden sollen, im Gegensatz zu der sonst üblichen Validierung einer tierversuchsfreien Methode auf Basis von tierexperimentellen Daten. Das Komitee empfiehlt sogar, dass, sofern keine Humandaten vorliegen, diese parallel gewonnen werden können, beispielsweise im Rahmen von Studien zur Medikamentenentwicklung. Das Komitee empfiehlt dem Minister, dem Monitoring und der Bewertung des Ausstiegs aus dem Tierversuch Priorität einzuräumen und eine Art Datenlager einzurichten, auch um die Transparenz zu fördern.

Umsetzung

Was den dritten Schritt, die Umsetzung angeht, betont das Komitee, dass ein Wandel hin zu tierversuchsfreier Forschung nicht alleine von statten geht, sondern Management und Fokussierung braucht. Internationale Zusammenarbeit unter Einbezug aller Beteiligten sei der Schlüssel zum Erfolg. Auf nationaler Ebene lautet die Empfehlung, einen Fahrplan in Richtung tierversuchsfreie Forschung auszuarbeiten als neuen Weg innerhalb der nationalen Wissenschaftslandschaft. Hierbei sollen ambitiöse wie auch erreichbare Ziele verfolgt werden. Das Komitee betont, dass die Niederlande in einer einzigartigen Position sind, sich international als führende Nation im Bereich der tierversuchsfreien Forschung zu etablieren und hervorzutun. Eine wichtige Rolle dabei spielen international anerkannte Institute, die Fülle an innovativen Möglichkeiten und der Wunsch der Öffentlichkeit nach Nachhaltigkeit.

Kommentar

Während 2001 die Niederlande von der EU noch wegen mangelhafter Regelungen zum Schutz von Tieren bei Tierversuchen vor den Europäischen Gerichtshof gebracht wurden, leitet das niederländische Agrarministerium mit seinem Strategiepapier als erstes europäisches Land und weltweit einzigartig klar die Abkehr vom System Tierversuch und die Fokussierung auf innovative, tierversuchsfreie Forschung ein – ein absolutes Novum und gemessen an den sonst üblichen pauschalisierten und unkonkreten Floskeln der Politik ein verbindlich erscheinender Plan. Dass eine Forschung und Wissenschaft ohne Tierversuche nicht nur möglich, sondern im Sinne einer modernen und mit Blick auf medizinische Errungenschaften, die für Menschen zuverlässige Ergebnisse liefern, unbedingt geboten ist, ist längst bekannt. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche begrüßt, trotz der vom niederländischen Komitee formulierten Einschränkungen und langen Umsetzungszeiträume, den Sinneswandel des niederländischen Agrarministeriums als Meilenstein auf dem Weg zu einer längst fälligen tierversuchsfreien Wissenschaftswelt. Denn insgesamt ist in dem Bericht nicht wie standardmäßig üblich von der Bedeutung der 3R (Tierversuche reduzieren, Leid minimieren, ersetzen) die Rede, sondern der klare Fokus liegt auf dem Ersatz. Während also die Niederlande den Zeitgeist, das heißt, Tierversuche letztlich als Auslaufmodell erkennen, hinkt unsere deutsche Bundesregierung um Lichtjahre hinterher und beharrt weiterhin als Erfüllungsgehilfe der milliardenschweren Tierversuchslobby auf althergebrachten tierexperimentellen Methoden, die nicht nur ethisch untragbar sind, sondern von renommierten Wissenschaftskreisen längst auf den Prüfstand gestellt wurden. Wenn die Bundesregierung jetzt nicht nachzieht, hat Deutschland den Anschluss an eine innovative Forschung, die die Möglichkeiten unserer Zeit nutzt, verpasst.

31. Januar 2017
Dipl. Biol. Silke Strittmatter

Weitere Informationen

Strategiepapier „Transition to non-animal research – on opportunities for the phasing out of animal procedures and the stimulation of innovation without laboratory animals“ >>

Positionspapier Ärzte gegen Tierversuche e.V. zum 3R-Konzept >>

Kongress WIST – Wissenschaft statt Tierversuche mit Kurzvideo >>

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