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Pressearchiv 2009 - 27.08.2009 Zahl der Tieropfer für Chemikalientest erhöht sich auf 54 Millionen


27. August 2009

Zahl der Tieropfer für Chemikalientest erhöht sich auf 54 Millionen

Eine soeben vorgelegte Neuberechnung* für die EU-Chemikalienverordnung REACH ergibt, dass mindestens 54 Millionen Tiere für die Testung von Altchemikalien sterben müssen, wesentlich mehr als angenommen. Ursprüngliche Schätzungen gingen von 10 bis zu 45 Millionen Tieren aus. Die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche fordert von der Politik die Reißleine zu ziehen und nicht 54 Millionen Tiere einen sinnlosen Tod sterben zu lassen.

Nach aktueller Sachlage sollen statt der ursprünglich angenommenen 30.000 Substanzen mindestens 68.000 Chemikalien getestet werden. Mindestens 54 Millionen Tiere müssen dafür ihr Leben lassen. Diese Zahl könnte sich im schlimmsten Fall um ein Vielfaches erhöhen, wenn tatsächlich alle Stoffe in allen vorgesehenen Tierversuchen getestet werden würden. Die Kosten für REACH belaufen sich auf fast zehn Milliarden Euro. Bei den bisherigen Schätzungen der Tierzahlen infolge der Umsetzung von REACH wurden Faktoren wie die EU-Erweiterung und die wachsende chemische Industrie nicht berücksichtigt.

Pro Jahr werden in der EU rund 12 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt. Schon die allein für REACH ursprünglich maximal 45 Millionen veranschlagten »Versuchs«tiere sind nach Ansicht der Ärztevereinigung ein nicht zu verantwortbares Ausmaß an zusätzlichen Tierversuchen. Die nun vorgelegten Berechnungen würden alles Vorstellbare sprengen.

Die Autoren der noch unveröffentlichten Studie, auf die sich der Artikel in der Fachzeitschrift Nature bezieht, halten REACH wegen der ungeheuren Anzahl Tiertests für undurchführbar. Die Kapazitäten der EU würden dafür gar nicht ausreichen. Wenigstens die Zwei-Generationen-Studie, die besonders hohe Tierzahlen kostet, könnte auf die Hälfte reduziert werden, indem die Substanzen statt in zwei nur in einer Tiergeneration getestet würde. Mit dem Beginn der Tierversuche ist nicht vor Dezember 2010 zu rechnen.

Die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche stellt die gesamte Vorgehensweise bei REACH in Frage. Eine wirklich sinnvolle Abschätzung von Gefahren durch Chemikalien könne nur durch Verfahren erfolgen, die u.a. berücksichtigen, inwiefern ein Mensch einer Chemikalie tatsächlich ausgesetzt ist und oder indem menschliche Vergiftungsfälle ausgewertet werden. Bei REACH jedoch wird anhand der produzierten Jahresmenge einer Chemikalie festgelegt, welche Sicherheitsprüfungen verlangt werden. Dies ist nach Einschätzung der Ärztevereinigung unsinnig, da die Menge einer Substanz nichts über deren Gefährlichkeit aussagt. So könne eine winzige Menge einer wenig produzierten Chemikalie viel giftiger sein als eine größere Menge einer massenweise produzierten Substanz.

Die Ärztevereinigung kritisiert auch, dass bei REACH auf althergebrachten Methoden beharrt wird, wie zum Beispiel dem Draize-Test aus den 1930er Jahren, der schon seit 40 Jahren wegen seiner extremen Schwankungen in Wissenschaftskreisen kritisiert wird. »Durch Tierversuche werden Chemikalien keinen Deut sicherer« erläutert Diplom-Biologin Silke Bitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ärzte gegen Tierversuche. »Im Gegenteil, dem Verbraucher wird eine Sicherheit vorgespielt, die nicht vorhanden ist, da schon verschiedene Tierarten ganz anders auf eine Substanz reagieren. Die Übertragung auf den Menschen ist daher unverantwortlich«, so Bitz weiter.

Der Verein begrüßt, dass die Chemikalienverordnung vorsieht, zunächst alle vorhandenen Daten auszuwerten und erst dann Tierversuche durchzuführen. Dennoch fordern die Ärzte gegen Tierversuche ein REACH, das gänzlich ohne Tierversuche vorgeht. Nur eine moderne Chemikalienpolitik, die tierversuchsfreie Prüfstrategien konsequent nutzt, kann zuverlässige Ergebnisse liefern. Das Festhalten an überalterten Denkmustern, nach denen ein sturer Katalog an Tierversuchen abgearbeitet wird, bietet nach Aussage der Ärztevereinigung nachweislich keine Sicherheit für den Verbraucher.

* Chemical-safety costs uncertain, nature, 26.08.2009 >>

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