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Pressearchiv 2006 - 01. August 2006 - Haltungsbedingungen verfälschen Tierversuchsergebnisse

1. August 2006

Neue Studie aus Amerika:

Haltungsbedingen verfälschen Tierversuchsergebnisse

Die Standard-Haltungsbedingungen von Ratten, Mäusen und anderen Nagetieren verursachen körperliche und psychische Schäden bei den Tieren. Deshalb muss die Verwendung von Tieren zu Versuchszwecken aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen generell in Frage gestellt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Juli 2006 im Wissenschaftsjournal "Laboratory Animals" erschienene Studie*. Ärzte gegen Tierversuche sehen sich in ihrer Kritik am tierexperimentellen System bestätigt.

Verhaltensforscher Dr. Jonathan Balcombe vom Ärztekomitee für verantwortliche Medizin** in Washington untersuchte 200 Publikationen bezüglich der Haltungsbedingungen von Versuchsnagern. Normalerweise leben die Tiere in kleinen Plastikschachteln mit Drahtdeckel, die wie Schubladen über- und nebeneinander in großen Regalen stecken. In den Kästen befindet sich üblicherweise außer den Tieren nur Einstreu und sonst nichts. Balcombes Ergebnisse: Ratten und Mäuse sind bereit, für gewisse Annehmlichkeiten Anstrengungen auf sich zu nehmen, z.B. für eine interessantere Umgebung, die Möglichkeit Nester zu bauen und Sozialkontakt zu ihren Artgenossen zu pflegen. Ratten in steriler Haltung haben kleinere Gehirne als Tiere in einer abwechslungsreichen Umgebung. Einzeln gehaltene Ratten versuchen häufiger ihren Käfigen zu entkommen als in Gruppen lebende. Millionen Labormäuse in aller Welt kratzen, graben und drehen sich neurotisch jede Nacht im Kreis, während die Experimentatoren längst nach Hause gegangen sind.

"Diese Ergebnisse sind ein weiterer Beweis dafür, dass es keine harmlosen Tierversuche gibt", schließt Balcombe. "Die Qual der Tiere fängt schon bei der Haltung an", kommentiert Dr. med. vet. Corina Gericke, Fachreferentin bei Ärzte gegen Tierversuche.

Untersuchungen dieser Art gibt es bereits viele. Joseph Garner von der University of California in Davis fand heraus***, dass die reizarme Umgebung bei Nagetieren zu gestörten Verhaltensweisen, so genannten Stereotypien, führt. Ständiges Hin- und Herlaufen oder Im-Kreis-Drehen ist Ausdruck einer dauerhaften Hirnschädigung. "Experimente unter standardisierten Bedingungen sagen noch nicht einmal viel über Mäuse im Allgemeinen aus, geschweige denn über Menschen, die bekanntlich in einer extrem abwechslungsreichen Umwelt leben", erklärt Garner.

In einer anderen Studie legte Verhaltensforscher Balcombe dar, dass schon der Umgang mit Versuchstieren erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse von Tierversuchen hat****. Bloßes Anfassen ruft bei Mäusen bereits starke Stresserscheinungen hervor, was die Übertragung der Versuchsergebnisse auf den Menschen noch problematischer macht: die Stresshormone im Blut steigen, der Puls rast, der Blutdruck geht in die Höhe. "Solche Studien sind wichtig, um den Experimentatoren einen Spiegel ihres verwerflichen Handelns vorzuhalten," unterstreicht Gericke, "Allerdings darf daraus nicht gefolgert werden, dass ein paar Papprollen als Beschäftigungsmaterial und ein freundlicherer Umgang mit den Tieren die Lösung wären. Tierversuche sind ethisch nicht zu rechtfertigen und wissenschaftlich unsinnig. Sie müssen daher abgeschafft werden," so die Tierärztin.

Quellen
* Laboratory Animals, July 2006, 40(3), 217-235
** Physicians Committee for Responsible Medicine (PCRM), www.pcrm.org
*** Der Spiegel 33/2003, S. 132-133
**** Contemporary Topics in Laboratory Animal Science 2004, 43, 42-51

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