facebook
twitter
youtube
instagram

Pressearchiv 2017


12.1.2017

Studie: Heilsversprechungen der tierexperimentellen Forschung

119 Versprechungen aus drei Jahrzehnten beleuchtet

Aids ist seit 1983 besiegt, Krebs seit 1990 und seit 2005 können routinemäßig Schweineherzen auf Menschen transplantiert werden – so zumindest die auf Tierversuchen basierenden Prognosen mancher Forscher. Wenn eine neue Behandlungsmethode im Tierversuch funktioniert, wird dies oft übertrieben positiv in der Öffentlichkeit dargestellt, doch tatsächlich bleibt die effektive Therapie für kranke Menschen aus. Eine heute veröffentlichte Untersuchung des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche wertet Medienartikel aus drei Jahrzehnten aus und geht der Frage der Ursache für die falschen Prognosen nach.

„Erstmals Affen von Diabetes geheilt! Neue Hoffnung für Aids-Patienten! Durchbruch bei Parkinson-Forschung! Im Tierversuch erfolgreich getestet! Querschnittsgelähmte Ratten laufen wieder! Blinde Mäuse wurden sehend!“ lauten einige typische Hoffnung schürende Schlagzeilen. Eine aktuelle Auswertung von 119 solcher Heilsversprechungen aus 110 Medienberichten aus drei Jahrzehnten des Vereins Ärzte gegen Tierversuche zeigt, dass Verheißungen dieser Art in der Presse Gang und Gäbe sind. Dabei werden Heilsversprechungen nicht erst durch die Medien aufgebauscht, sondern sie finden sich großenteils bereits in der akademischen Pressemitteilung, d.h. gehen auf die Forscher selbst zurück. Dass die Mittel und Methoden beim Menschen dann doch nicht wirken, ist jedoch keine Erwähnung mehr wert.

Der Auswertung zufolge ist die Xenotransplantationsforschung ein Zweig, der besonders zu übertriebenen Aussichten neigt. Dabei sollen Schweine als Ersatzteillager für defekte Organe von Menschen dienen. Erste Versprechungen, Schweineherzen und -lebern auf Patienten zu verpflanzen, aus dem Jahr 1987 visieren 2005 als Umsetzung an. „Doch auch heute – nach 30 Jahren Erfolglosigkeit – werden an der LMU München noch immer Schweineherzen auf Paviane transplantiert. Die Primaten sterben alle innerhalb weniger Minuten oder Tage an der Abstoßungsreaktion“, weiß Dr. med. vet. Corina Gericke, Autorin der Studie.

Der Ärzteverein sieht die Ursache, weshalb die Prognosen nicht eintreten, in der Verschiedenheit zwischen Tier und Mensch sowie dem Einsatz von „Tiermodellen“, bei denen versucht wird, Symptome menschlicher Erkrankungen nachzuahmen. So werden Alzheimer und Krebs bei Mäusen durch Genmanipulation ausgelöst, ein Schlaganfall wird durch Verstopfen einer Hirnarterie bei Ratten simuliert und Parkinson durch Injektion eines Nervengifts in das Gehirn von Ratten. Mäuse gelten als „depressiv“, wenn sie in einem Wasserbehälter aufhören zu schwimmen oder nicht hochspringen, wenn das Bodengitter unter Strom gesetzt wird. Nach Aussage des Ärztevereins sind solche künstlich bei Tieren ausgelösten Symptome nicht vergleichbar mit den komplexen Krankheitsvorgängen beim Menschen.

„Die Heilsversprechungen in den Medien sind für die tierexperimentell tätigen Forscher nötig, zum einen, um die Akzeptanz ihrer Tierforschungen in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Zum anderen sorgen die vermeintlichen "Erfolgsmeldungen" für eine Weiterfinanzierung, denn man steht ja kurz vor dem Durchbruch und braucht Geld, um ihn zu erreichen“, erklärt Tierärztin Gericke. „Erschreckend daran ist vor allem, dass in den Köpfen der Menschen so fälschlicherweise haften bleibt, dass Tierversuche für den Durchbruch bei der Bekämpfung unserer Krankheiten notwendig seien. Dabei ist das Gegenteil der Fall.“

Der Verein fordert eine Abkehr vom Tierversuch nicht nur aus Tierschutzgründen, sondern auch, um Patienten vor falschen Hoffnungen zu bewahren und um durch Umwidmung von Forschungsgeldern zugunsten einer auf den Menschen ausgerichteten medizinischen Forschung zu wirklichen Fortschritten bei der Behandlung und Heilung menschlicher Krankheiten zu kommen.

Weitere Informationen: Studie „Heilsversprechungen der tierexperimentellen Forschung“ als PDF >>

 


25.1.2017

Vorbildlich: Saarländisches Hochschulgesetz verankert Studium ohne Tierverbrauch und Förderung tierversuchsfreier Methoden

Erfolg für Ärzte gegen Tierversuche

Die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche zeigt sich hocherfreut, dass im neuen saarländischen Hochschulgesetz die Möglichkeit eines tierversuchsfreien Studiums eingeräumt wird und zudem den Hochschulen die Förderung der Entwicklung tierversuchsfreier Methoden zur Aufgabe gemacht wird. Damit wird wesentlichen Forderungen Rechnung getragen, die der Ärzteverein in den Prozess eingebracht hatte. Für ihn signalisiert das Saarland damit als einer der Pioniere unter den Bundesländern echten Fortschritt.

„Seit Jahrzehnten quälen unzählige Studenten Gewissenskonflikte, denn obwohl es bereits innovative Methoden gibt, ist studieren ohne dafür getötete Tiere in den Studiengängen Biologie, Human- und Tiermedizin kaum möglich. Das Saarland hat jetzt Fakten geschaffen – dies muss in den anderen Bundesländern Schule machen!“, so Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin der Ärzte gegen Tierversuche.

Im nun verabschiedeten Hochschulgesetz ist als Aufgabe der Hochschulen in einem neuen Passus explizit die Förderung der Entwicklung von Methoden, die die Verwendung von lebenden oder eigens hierfür getöteten Tieren verringern oder ganz ersetzen können, festgeschrieben. Zudem ist es Studierenden auf begründeten Antrag möglich, ihre Prüfungsleistungen tierverbrauchsfrei zu absolvieren. Damit hat der zuständige Wissenschaftsausschuss die Expertise der Ärztevereinigung zum Thema tierversuchsfreie Forschung, die er in einer Anhörung im August 2016 eingeholt hatte, berücksichtigt.

Als Begründung führt der Ausschuss an, dass das Staatsziel Tierschutz nach Artikel 20a des Grundgesetzes Eingang in den gesetzlichen Aufgabenkatalog der Hochschulen findet und Alternativen zur Verwendung von Tieren gefördert und zum Einsatz gebracht werden sollen.

In seiner Stellungnahme hatte der Ärzteverein von der Landesregierung gefordert, die Hochschulen zu verpflichten, ohne Einschränkung Studierenden tierverbrauchsfreie Praktika anzubieten. Zwar wird dies im Hochschulgesetz nur auf Antrag gewährt. „Dennoch ist es eine große Errungenschaft, dass ein Studium ohne den meist zwingenden Tierverbrauch Normalität werden kann. Schon heute gibt es zahlreiche, hervorragende Lehrmaterialien, wie z. B. Hightech-Computer-Simulationsprogramme, Plastinate, filmische Darstellungen, harmlose Selbstversuche, aber auch Tiere, die auf natürlichem Weg gestorben sind“, kommentiert Strittmatter.

Diese äußerst erfreuliche Entwicklung geht auf ein Gespräch des Ärztevereins mit der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im November 2015 zurück, in dem diese sich ernsthaft interessiert am Thema Tierversuche zeigte und einige Anregungen in die Praxis umsetzte, die nun Niederschlag im Hochschulgesetz gefunden haben. Vergleichbare wegweisende Regelungen gibt es bislang nur in Hessen.

Nachtrag:
Im Nachgang zu unserer Pressemitteilung ging uns erst die erfreuliche Information zu, dass neben Hessen auch Nordrhein-Westfalen zwischenzeitlich sein Hochschulgesetz geändert hat; der Wortlaut entspricht dem des Saarländischen Hochschulgesetzes.

Weitere Information:

Saarländisches Hochschulgesetz >>

Anhörung im Saarländischen Landtag >>

Treffen mit saarländischer Ministerpräsidentin >>


Foto: P.O.P. Operations-Trainer, Quelle: InterNICHE.org

 


31.1.2017

Niederlande will Ausstieg aus dem Tierversuch

Deutschland hinkt um Lichtjahre hinterher

Die Niederlande wollen bis 2025 führend auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Forschung werden. Die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche zeigt sich hocherfreut über das kürzlich veröffentlichte Strategiepapier des niederländischen Agrarministeriums, das einen konkreten Fahrplan vorlegt und spricht von einem „wegweisenden Schritt auf dem Weg zur Abschaffung der Tierversuche“. Die deutsche Bundesregierung dagegen setze weiter auf „leere Worthülsen und althergebrachte tierexperimentelle Methoden.“

Klar gesetztes Ziel des niederländischen Agrarministers Marijn van Dam ist es, die weltweit führende Rolle im Bereich der Innovationen ohne Tierversuche zu werden – und zwar bis 2025. Vor diesem Hintergrund hat er das niederländische nationale Tierversuchskomitee beauftragt, einen Fahrplan zum Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung zu erarbeiten. Dabei herausgekommen ist ein Strategiepapier, das für unterschiedliche Forschungsbereiche konkrete Zeitschienen und Handlungsoptionen aufzeigt, Wege ohne oder zumindest mit deutlich weniger Tierversuchen zu gehen. Auch ethische Aspekte spielen eine Rolle, was nach Aussage des Ärztevereins von Seiten der Politik nicht selbstverständlich ist.

Für die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsprüfungen von Chemikalien, Pestiziden, Nahrungsinhaltsstoffen sowie Human- und Tierarzneimittel, ebenso wie für biologische Stoffe wie Impfstoffe, kann dem niederländischen Bericht zufolge bis 2025 vollständig auf Tierversuche verzichtet werden, ohne den Sicherheitsstandard zu gefährden. In der angewandten Forschung sieht das Komitee Möglichkeiten, viel schneller voranzukommen als das derzeit der Fall ist, beispielweise mittels der Konzentrierung auf tierversuchsfreie Methoden bei der Entwicklung von menschlichen Krankheitsmodellen. Bei der Grundlagenforschung empfiehlt das Komitee, für jeden Bereich einen Fahrplan mit einer 10-Jahres-Frist auszuarbeiten, um Tierversuche deutlich zu reduzieren.

Damit leitet das niederländische Agrarministerium als erstes europäisches Land und weltweit einzigartig klar die Abkehr vom System Tierversuch und die Fokussierung auf innovative, tierversuchsfreie Forschung ein.

Anders als Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der 2015 äußerte, sein langfristiges Ziel sei der vollständige Ersatz von Tierversuchen und Deutschland würde eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Alternativen einnehmen, setzt der niederländische Agrarminister nicht auf leere Versprechungen. Vielmehr hat dieser klare Ziele und insbesondere einen zeitlichen Ausstiegsplan mit Umsetzungsvorschlägen vorgelegt. „Während die Niederlande den Zeitgeist, das heißt, Tierversuche letztlich als Auslaufmodell erkannt haben, hinkt unsere deutsche Bundesregierung um Lichtjahre hinterher und beharrt weiterhin als Erfüllungsgehilfe der milliardenschweren Tierversuchslobby auf althergebrachten tierexperimentellen Methoden“ kommentiert Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin der Ärzte gegen Tierversuche.

„Wenn die Bundesregierung jetzt nicht nachzieht, verpasst Deutschland den Anschluss an eine innovative Forschung, die die Möglichkeiten unserer Zeit nutzt“, so Strittmatter abschließend.

Weitere Informationen
Stellungnahme Strategiepapier inkl. Link Original >>

Offener Brief an Bundesminister Schmidt >>

 


07.2.2017

Tierversuchsdaten intransparent und unvollständig

Ärzte gegen Tierversuche kritisieren Bundesstatistik - Negativranking der Bundesländer muss warten

Im ersten Quartal gibt der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche seit Jahren sein exklusives Negativranking der Bundesländer mit den meisten Tierversuchen heraus. Dies ist derzeit jedoch nicht möglich, denn die Ärztevereinigung kritisiert die vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) veröffentlichten Tierversuchszahlen für die Jahre 2014 und 2015 als „intransparent und willkürlich“. Der Verein fordert lückenlose Aufklärung, unter anderem was die Anzahl der Tiere und die Verwendungszwecke angeht.

Für das Jahr 2014 ist das BMEL auch anno 2017 noch immer eine aufgeschlüsselte Aufstellung der Tierversuchszahlen nach Bundesländern gemäß EU-Vorgabe säumig, kritisiert der Ärzteverein. Dem Verein liegen zwar die ursprünglich von den Bundesländern gemeldeten Zahlen von insgesamt 2.798.463 Tieren vor, welche jedoch nicht der nun nach EU-Vorgabe veröffentlichen Tierzahl von 3.361.863 entspricht, da die Zählweise der EU umfangreicher ist und unter anderem Fischlarven einbezieht. Ein Vergleich der Tierversuchszahlen der Länder von 2014 mit 2015 ist somit nicht möglich. Der Ärzteverein hat daher bislang auf Aktualisierung seiner Negativrangliste zu Tierversuchen im Bundesländervergleich, die er seit 2010 exklusiv führt, verzichtet, da er zunächst das BMEL um Korrektur der Zahlen gebeten hat. Bereits im Dezember 2016 hatte der Verein das Ministerium unter anderem auf gravierende Fehler in der Zusammenstellung der Versuche nach Schweregrad aufmerksam gemacht, welche daraufhin korrigiert wurde.

Die Ärzte gegen Tierversuche monieren die mangelnde Transparenz und Ungenauigkeit bei der Veröffentlichung der Tierversuchsdaten. „Wie willkürlich mit dem Leben jedes einzelnen, leidensfähigen Tieres umgegangen wird, zeigt allein schon die Tatsache, dass die Tierversuchsmeldeverordnung es erlaubt, die Zahl der Fische und Kopffüßer lediglich auf Basis von Schätzwerten anzugeben“, erläutert Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin der Ärzte gegen Tierversuche.

Nach Aussage der Ärzte gegen Tierversuche lassen die gemeldeten Tierversuchszahlen das tatsächliche Ausmaß der Tierversuche nur erahnen. Zu der Ungenauigkeit kommt die Unvollständigkeit der Statistik, da Tiere, die auf „Vorrat“ gehalten werden oder bei Genmanipulationen als „Ausschuss“ anfallen und getötet werden, nicht erfasst werden. Nach einer Recherche des Vereins ist mit mehreren Millionen verschwiegener Tieropfer zu rechnen.

Nach neuer EU-Vorschrift muss der Schweregrad des Tierversuchs erfasst werden, das heißt, ob dem Tier schweres, mittleres oder geringes Leid zugefügt wird, wobei die Einschätzung der Experimentator selbst vornimmt. Nach Angaben des BMEL fielen 2015 etwa 4 % der Versuche in die Rubrik „schwer“. Da geheim gehalten wird, wo in Deutschland welche Versuche stattfinden, macht der Ärzteverein in seiner Tierversuchsdatenbank dies auf Basis von tierexperimentellen Publikationen exemplarisch öffentlich. Darin enthalten sind auch Beispiele für Versuche, die laut der EU-Tierversuchsrichtlinie mit schwerem Leid verbunden sind.

So werden in der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg Ratten zahlreichen Stressversuchen ausgesetzt. Unter anderem wird der forcierte Schwimmtest durchgeführt, bei dem die Tiere in einem Wassergefäß schwimmen müssen, bis sie aufgeben und sich treiben lassen. Der Zeitpunkt des Aufgebens wird als Maß für eine Depression herangezogen. Am Institut für chirurgische Forschung der LMU München werden Xenotransplanatationsversuche durchgeführt, bei denen die Herzen genveränderter Ferkel in Affen eingesetzt werden, welche in den meisten Fällen aufgrund der Abstoßungsreaktion qualvoll sterben.

Versuche wie diese sind nach den Rechtsvorgaben der EU verboten, was die Bundesregierung jedoch nicht umgesetzt hat.

*Quelle und Beschreibung der genannten Tierversuche unter der jeweiligen Dokumenten-ID: 4743 www.datenbank-tierversuche.de Versuch in Freiburg i.Br.: Experimental Brain Research 2015; 233: 3073-3085 (Dokumenten-ID: 4743) Versuch in München: Xenotransplantation 2015: 22; 427–442 (Dokumenten-ID: 4683)

Weitere Information:

Stellungnahme Millionen verschwiegene Tieropfer >>

Kampagne Schwimmen bis zur Verzweiflung >>

Bundesländervergleich - Negativ-Rangliste zu Tierversuchen >>

 


16.2.2017

Genehmigungspraxis Tierversuche

„Farce mit Alibifunktion“

Gemeinsame Pressemitteilung
Ärzte gegen Tierversuche e.V. und
Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Baden-Württemberg e.V.

16. Februar 2017

Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche und die Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg kritisieren die Genehmigungspraxis von Tierversuchen als „Farce mit reiner Alibifunktion“. 98,6 % aller beantragten Tierversuche passieren das Prozedere, obwohl sie in gravierendem Konflikt mit dem Tierschutzgesetz stehen, wie eine Auswertung der Vereine ergibt.

Angefragt haben die Vereine auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes wie viele genehmigungspflichtige Tierversuche bei den vier zuständigen Regierungspräsidien in Baden-Württemberg im Jahr 2015 beantragt wurden und wie viele die Behörde abgelehnt oder genehmigt hat.

Beim Regierungspräsidium Tübingen wurden 209 Tierversuchsvorhaben beantragt. In 155 Fällen wurden die Anträge aufgrund von Rückfragen der Behörde modifiziert bzw. in vier Fällen neu gestellt. Zwei Anträge wurden zurückgezogen. Nach Aussage der Vereine wurde damit de facto kein Antrag von der Behörde abgelehnt. In Stuttgart hat das Regierungspräsidium alle 27 Anträge ohne Änderungen genehmigt. Von den 296 in Karlsruhe beantragten Tierversuchen wurden 187 überarbeitet, aber lediglich vier von der Behörde abgelehnt. Auch in Freiburg ist die Ablehnungsquote marginal, hier wurden von ursprünglich 171 Anträgen nur 6 behördlicherseits abgelehnt. 26 Anträge wurden vom Antragsteller zurückgezogen, so dass von den tatsächlich verbleibenden 145 Anträgen 139 genehmigt wurden.

Damit haben nach Auswertung der Vereine im Durchschnitt 98,6 % aller genehmigungspflichtigen Tierversuchsanträge in Baden-Württemberg, dem Land mit dem bundesweit höchsten Tierverbrauch in Tierversuchen, freie Bahn und lediglich 1,4 % werden abgelehnt. Stuttgart und Tübingen liegen hierbei mit einer Durchlassquote des Tierversuchs von 100 % an der traurigen Spitze, gefolgt von Karlsruhe mit 98,65 % und Freiburg mit 95,86 %.

Die Vereine beurteilen das Ergebnis ihrer Umfrage als höchst alarmierend. Denn in Baden-Württemberg sind die Tierversuchskommissionen, die den Regierungspräsidien beratend zur Seite stehen, seit Kurzem je zur Hälfte aus Tierschützern und Forschern besetzt. Üblich ist eine Besetzung von nur einem Drittel Tierschützern und zwei Drittel Forschern. Dass die Ablehnungsquote der Tierversuche trotzdem so verschwindend gering ist, sehen die Vereine als Beleg dafür, dass die Tierversuchskommission und die Genehmigungspraxis auch weiterhin lediglich eine Farce mit Alibifunktion darstellen, da sie keine wirkungsvolle Handhabe haben, Tierversuche mit Verweis auf die laut Tierschutzgesetz erforderliche „Unerlässlichkeit“ und „ethische Vertretbarkeit“ zu verhindern.

Denn die behördliche Prüfkompetenz wurde im Tierschutzgesetz auf eine bloße Plausibilitätsprüfung reduziert, das heißt, ein Tierversuch muss genehmigt werden, wenn der Antragsteller selbst die Unerlässlichkeit und ethische Vertretbarkeit wissenschaftlich darlegt. Das Bundesverwaltungsgericht hatte 2014 festgelegt, dass Behörden dessen Angaben nicht inhaltlich in Frage stellen dürfen, also keine eigenständige Prüfung vornehmen dürfen.

Da es demnach ausreicht, wenn das Antragsformular richtig ausgefüllt wurde, sehen die Ärzte gegen Tierversuche und Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg das Tierschutzgesetz und Staatsziel Tierschutz mit Füßen getreten und das Genehmigungsverfahren ad absurdum geführt. Zur Verdeutlichung führen sie Beispiele von in Baden-Württemberg genehmigten Tierversuchen an, die ihrer Expertise zu Folge eine ernsthafte inhaltliche und ethische Prüfung nicht bestehen würden.

So werden am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim in einem vom Regierungspräsidium Karlsruhe genehmigten Versuch Ratten wiederholt unausweichlichem Stromschock über das Bodengitter des Käfigs ausgesetzt. Das Tier kann durch Drücken eines Hebels den Elektroschock beenden. Tiere, die den Zusammenhang zwischen Drücken des Hebels und Nachlassen des Schmerzes nicht verstehen und die Stromstöße über sich ergehen lassen, gelten als „erlernt hilflos“, was als „Modell“ in der Depressionsforschung dient.

An der Universität Freiburg werden Mäuse für sechs Minuten am Schwanz mit Klebeband an einer Stange festgeklebt, um menschliche Schizophrenie und Depression zu simulieren. Wenn das Tier aufhört zu zappeln und sich hängen lässt, gilt es als depressiv. An der Universität Tübingen wird Krähen eine Steckdose auf dem Kopf installiert, aus der acht Messelektroden in das Hirngewebe ragen, um die Gedächtnisleistung erforschen. Die Tiere müssen lernen, Fotos auf einem Bildschirm wiederzuerkennen und durch Anpicken mit dem Schnabel ein Bild auszuwählen.

An der Universität Hohenheim wird aus Bevölkerungsstudien bekanntes Wissen, dass eine fettreiche Ernährung die Barrierefunktion des Darms verändern und die Entstehung einer Fettleber begünstigen kann, an Hühnern nachgestellt. Die Tiere erhalten verschiedene Futtermittel und werden am 24. Lebenstag durch Ersticken getötet, um den Dünndarm zu Untersuchungszwecken herauszuschneiden.

Diese und zahlreiche weitere Beispiele sind in der Tierversuchsdatenbank des Ärztevereins dokumentiert.

Weitere Information:
Datenbank Tierversuche >>

Versuch in Mannheim: PLOS ONE 2016: 11 (8); Dokumenten-ID: 4744
Versuch in Freiburg: Elife 2015; Dokumenten-ID: 4591
Versuch in Hohenheim/Stuttgart: Poultry Science 2015: 94; 1009-1017; Dokumenten-ID: 4648
Versuch in Tübingen: The Journal of Neuroscience 2014: 34 (23), 7778-7786; Dokumenten-ID: 4540

 


20.2.2017

Uni Gießen will Tierversuche zementieren

Neues 3R-Zentrum soll von Tierexperimentator geleitet werden

Hessen will die Zahl der Tiere in den Laboren spürbar verringern. Doch die bereitgestellten zwei Millionen Euro „fließen großenteils in die Zementierung des tierexperimentellen Systems“, kritisiert der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche. An der Justus-Liebig-Universität Gießen wird mit Landesmitteln ein 3R-Zentrum aufgebaut, bei dem Leiter und Lehrstuhlinhaber mit Tierexperimentatoren besetzt werden sollen.

Zwei neue Professuren an den Universitäten Frankfurt und Gießen sollen zur Vermeidung von Tierversuchen beitragen, so der vor rund anderthalb Jahren bekannt gegebene Plan des hessischen Wissenschaftsministers Boris Rhein. Über einen Zeitraum von fünf Jahren steckt das Land Hessen zwei Millionen Euro in dieses Projekt. „An sich ein sehr löbliches Vorhaben, doch der Teufel steckt im Detail“, weiß Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des Vereins Ärzte gegen Tierversuche.

Der Schwerpunkt der neuen 3R-Professur an der Universität Frankfurt liegt auf der Verringerung und dem Ersatz von Tierversuchen. Dagegen wird in der aktuellen Ausschreibung für den Koordinator des 3R-Zentrums in Gießen ein Fachtierarzt für Versuchstierkunde mit „mehrjähriger Erfahrung im Bereich biomedizinischer Forschung (Schwerpunkt Labornager)“ gesucht. Zu den Aufgaben des neuen Leiters zählen die Fortbildung der tierexperimentell tätigen Mitarbeiter und der Aufbau eines Masterstudiengangs “Laboratory Animal Medicine/Science“. Die bereits vor einem Jahr ausgeschriebene Stelle für die hier angesiedelte 3R-Tierschutzprofessur liest sich ähnlich. „3R“ steht für die englischen Begriffe „Reduce, Refine, Replace“, d. h. Reduzierung, Verfeinerung und Ersatz von Tierversuchen, wobei die Uni Gießen den Schwerpunkt auf die Verfeinerung legt. Darunter sind Maßnahmen zu verstehen, mit denen das Leid der Tiere verringert werden soll, etwa durch Gabe von Schmerzmitteln oder bessere Haltungsbedingungen.

Als „Augenwischerei“ bezeichnet Tierärztin Gericke das 3R-System. „Dass es in Gießen nicht um eine Abkehr vom Tierversuch geht, machen die Stellenausschreibungen mehr als deutlich. Das 3R-Konzept kratzt lediglich an der Fassade, stellt das falsche Wissenschaftssystem des Tierversuchs jedoch nicht in Frage. Nach außen wird Tierschutz verkauft, tatsächlich werden damit aber Tierversuche auf immer und ewig zementiert“, so Gericke. Nach Aussage des Ärztevereins sind Tierexperimente prinzipiell kein geeignetes Mittel des Erkenntnisgewinns für die medizinische Forschung und darüber hinaus moralisch verwerflich. „Es ist ein Skandal, dass ein an sich guter Schritt der Politik dermaßen ins Gegenteil verkehrt wird“, moniert Gericke.

Andere befänden sich hier längst auf der Überholspur. So treiben die Niederlande einen stufenweisen Ausstieg aus dem Tierversuch voran und wollen bis 2025 führend auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Forschung werden. Die Ärzte gegen Tierversuche kritisieren überdies, dass zwei Millionen Euro verteilt auf fünf Jahre ein Almosen sind verglichen mit den Milliarden Steuergelder, mit denen Tierversuche jährlich finanziert werden.

In Hessen wurden im Jahr 2015 mehr als 280.000 Tiere in Tierversuchen verwendet, das entspricht 10 % der insgesamt 2,8 Millionen Tiere.

Weitere Informationen
Tierversuche reduzieren, ersetzen oder abschaffen? >>


06.3.2017

Ärzteverband: Tierschutz-Verbandsklagerecht muss bleiben!

kritisiert das Vorhaben der nordrhein-westfälischen CDU, das Tierschutz-Verbandsklagerecht abzuschaffen. Gemeinsam mit anderen Verbänden protestiert der Verein am 8.3.2017 ab 15 Uhr vor dem Landtag in Düsseldorf.

In seiner Sitzung am kommenden Mittwoch berät der zuständige Ausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen über den Gesetzentwurf der CDU zur Aufhebung der Tierschutz-Verbandsklage. Die Ärztevereinigung hat in einer Stellungnahme an das Gremium appelliert, diesem nicht zuzustimmen.

„Kurz vor der Landtagswahl zeigt sich einmal mehr, dass für die CDU der Tierschutz keinen Stellenwert hat. Vielmehr setzt sie alles daran, sich schützend vor die Tiernutzer zu stellen und unterstellt sogar, das Verbandsklagerecht würde von den Verbänden genutzt werden, um Vorhaben zu verzögern oder zu verhindern“, erläutert Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin der Ärzte gegen Tierversuche.

Da Tiere nicht selbst gegen Unrecht, das ihnen angetan wird, klagen können, war das 2013 eingeführte Verbandsklagerecht für anerkannte Tierschutzverbände längst fällig, um das bestehende Ungleichgewicht zwischen Tiernutzern und Tierschützern zu beseitigen. Es ist vergleichbar mit dem schon lange etablierten Verbandsklagerecht für Naturschutzverbände, bei dem Verbände im Falle von naturschutzrechtlichen Verstößen stellvertretend korrigierend eingreifen können. Mit dem Gesetz über das Verbandsklagerecht und Mitwirkungsrechte für Tierschutzvereine wurde endlich auch dem Missverhältnis in der Kräfterelation zwischen Tiernutzern einerseits und dem Tierschutz andererseits entgegengewirkt. Da der Tierschutz seit 2002 im Grundgesetz steht, sind nach Meinung des Ärztevereins Politiker und Behörden gehalten, diesen Schutz nicht nur theoretisch zu gewähren, sondern in der Praxis umsetzen. Mit der Tierschutz-Verbandsklage wurde ein Instrument geschaffen, Missstände beispielsweise in der Forschung notfalls gerichtlich anzugehen.

Kundgebung
8. März 2017, 15 - 15:30 Uhr, Platz des Landtags 1, 40221 Düsseldorf (Haupteingang)

Weitere Information Stellungnahme der Ärzte gegen Tierversuche an den Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz >>


14.3.2017

Bundestagspetition gegen grausamste Tierversuche in Deutschland gestartet!

Pressemitteilung
Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
TASSO e.V.

14.03. 2017

Mindestens 50.000 Mitzeichner benötigt

Elektroschocks, schwimmen müssen bis zur Erschöpfung, tödliche Vergiftungen, mehrfaches Organversagen, tödliche Bestrahlungsschäden - diese und andere schwerste Leiden und Schäden dürfen Tieren in deutschen Versuchslaboren immer noch zugefügt werden, obwohl die EU solche erheblich belastenden Tierversuche verbietet. Diese Missstände sowie 17 weitere in einem Rechtsgutachten dokumentierten Verstöße Deutschlands gegen die EU-Tierversuchsrichtlinie prangern die bundesweiten Vereine Ärzte gegen Tierversuche, Bund gegen Missbrauch der Tiere und TASSO an und haben aktuell eine Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Bis zum 11. April werden jetzt mindestens 50.000 Mitzeichner benötigt, damit die Petition Gehör findet.

Tierversuche, die „starke Schmerzen, schwere Leiden oder schwere Ängste verursachen, die voraussichtlich lang anhalten und nicht gelindert werden können“ könnten in Deutschland längst der Vergangenheit angehören, wenn die 2010 novellierte EU-Tierversuchsrichtlinie korrekt in nationales Recht umgesetzt worden wäre. Denn die EU-Richtlinie verbietet besonders leidvolle Tierversuche, die im Schweregrad „schwer“ angesiedelt sind.

Deutschland nutzte jedoch bei der Umsetzung der EU-Richtlinie ein Schlupfloch, um dieses Verbot schwerstbelastender Tierversuche nicht in das nationale Recht übernehmen zu müssen.

Darüber hinaus belegt ein Rechtsgutachten* 18 tierschutzrechtliche Verstöße bei der Umsetzung der EU-Richtlinie in deutsches Recht. So sind in Deutschland Tierversuche zu Aus-, Fort-, Weiterbildungszwecken nicht wie von der EU verlangt genehmigungspflichtig, sondern müssen der Behörde nur angezeigt werden. Auch die Prüfkompetenz der Behörden beim Genehmigungsverfahren von Tierversuchen ist stark eingeschränkt, d.h. in Deutschland müssen die Behörden ein Versuchsvorhaben genehmigen, wenn alle formalen Vorgaben erfüllt sind, wenn etwa der Antrag korrekt ausgefüllt wurde. Die EU fordert aber eine unabhängige Abwägung zwischen dem Leid der Tiere und dem postulierten Nutzen des Versuchs. Nicht einmal eine solche Abwägung ist den deutschen Behörden erlaubt.

„Mit der mangelhaften Umsetzung der EU-Richtlinie zum Nachteil der Tiere hat die Bundesregierung nicht nur die Absicht des Unionsgesetzgebers sondern auch die eigene Staatszielbestimmung Tierschutz völlig außer Acht gelassen“, betonen die Vereine. Der seit 2002 gültige Verfassungsrang des Tierschutzes gebiete nämlich die Nutzung jedweden Spielraumes nach oben bei der Verwirklichung von mehr Tierschutz. Damit sich der Bundestag mit dieser rechtlichen Schieflage bei Tierversuchen beschäftigen muss, haben die Verbände dort eine Petition eingereicht.

Wenn innerhalb der nächsten vier Wochen mindestens 50.000 Menschen auf der Internetplattform des Petitionsausschusses für das Anliegen ihre Stimme abgeben, haben die Vereine die Möglichkeit, bei einer öffentlichen Anhörung ihre Forderung nach einem Verbot schwerstbelastender Tierversuche sowie der Beseitigung der tierschutzrechtlichen Verstöße persönlich vorzutragen. *Gutachten Dr. Maisack v. 18.1.16 zur Frage, ob und ggf. welche Bestimmungen der Richtlinie 2010/63/EU durch das Dritte Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes und die Tierschutz-Versuchstierverordnung nicht oder nicht ausreichend in deutsches Recht umgesetzt worden sind.

Weitere Informationen:
Petition >>

Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ >>

 


28.3.2017

Mainz: Mäuse 11 Wochen Dauerstress ausgesetzt!

…um Depressionen auszulösen

Am Institut für Physiologische Chemie der Universitätsmedizin Mainz werden Mäuse 11 Wochen lang in einen Zustand ständiger Angst und Schmerzen versetzt, um eine Depression zu simulieren und die Veränderungen im Gehirn zu untersuchen. Nach Aussage des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche sieht die EU-Tierversuchsrichtlinie ein Verbot solch besonders leidvoller Tierversuche vor. Die Bundesregierung hat jedoch die von der EU vorgesehene Schmerz-Leidens-Obergrenze nicht umgesetzt.

Über 11 Wochen werden Mäuse Stressversuchen ausgesetzt. Der Käfig mit den Tieren wird stundenlang geschüttelt, gekippt oder mit Wasser gefüllt, die Mäuse werden in eine enge Röhre gesteckt, mit lauten Geräuschen beschallt, der Licht-Dunkel-Zyklus wird umgekehrt und die Tiere werden mit einer aggressiven Maus zusammengebracht. Jeden Tag werden 2-3 dieser und anderer Stressoren in zufälliger Reihenfolge angewendet. Zudem wird den Tieren eine Substanz in einen Hinterbeinmuskel gespritzt, was zu starken, lang anhaltenden Schmerzen führt. Dann wird der forcierte Schwimmtest durchgeführt, bei dem eine Maus in einem wassergefüllten Behälter schwimmen muss. Je eher die Maus aufgibt und nicht mehr schwimmt, desto größer soll die Depression sein. Schließlich werden die Tiere getötet, um das Gehirn zu untersuchen. Ergebnis: chronisch gestresste Mäuse haben eher Angst und Depressionen und reagieren empfindlicher auf starke Schmerzen.

„Tierexperimentatoren verbreiten regelmäßig die Fake-News, Tieren im Labor würde es besser als Haustieren gehen. Tatsächlich ist das Leid der jährlich in Deutschland rund 2,8 Millionen Mäuse, Ratten, Kaninchen und anderer Tiere im Labor immens“, erklärt Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche. Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge fielen im letzten Jahr etwa 4 Prozent (112.000 Tiere) unter den Schweregrad „schwer“, wobei die Einteilung in Schweregrade von den Experimentatoren selbst vorgenommen wird. Der Ärzteverein betreibt seit drei Jahrzehnten eine öffentlich zugängliche Internet-Datenbank, in der über 4.600 in Deutschland durchgeführte Tierversuche dokumentiert sind. „Diese zufälligen Stichproben aus Fachartikeln zeigen das wahre Gesicht des Tierversuchs“, so Gericke. Neben den ethischen Gründen führt der Verein die fehlende Übertragbarkeit von Tierversuchsergebnissen an. „Was haben diese chronisch gestressten Mäuse mit der komplexen Depression des Menschen zu tun?“, fragt Gericke.

Die EU fordert in ihrer 2010 verabschiedeten Richtlinie 2010/63/EU, eine Schmerz-Leidens-Obergrenze einzuführen, ab der ein Tierversuch unter keinen Umständen durchgeführt werden sollte. Deutschland hat jedoch der Forschungsfreiheit Vorrang eingeräumt und ein juristisches Schlupfloch genutzt, um dieses Verbot zu umgehen und so auch besonders qualvolle Tierversuche zuzulassen.

Die Ärzte gegen Tierversuche haben eine Bundestagspetition gestartet, um ihre Minimalforderung eines gesetzlichen Verbots der allerschlimmsten Experimente zu erreichen. Wenn bis zum 11. April 50.000 Unterschriften zusammenkommen, kann der Verein sein Anliegen in einer öffentlichen Anhörung im Bundestags-Petitionsausschuss vortragen.

Quellen für den genannten Tierversuch

Ermelinda Lomazzo et al.: Chronic stress leads to epigenetic dysregulation in the neuropeptide-Y and cannabinoid CB1 receptor genes in the mouse cingulate cortex: Neuropharmacology 2016: 113; 301-313
Ermelinda Lomazzo et al.: Therapeutic potential of inhibitors of endocannabinoid degradation for the treatment of stress-related hyperalgesia in an animal model of chronic pain. Neuropsychopharmakologie 2015: 40, 488-501

Weitere Informationen

Bundestagspetition >>

Datenbank-Tierversuche >>

Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ >>

Ausführliche Beschreibung des o.g. Versuchs aus www.datenbank-tierversuche.de

Titel: Chronic stress leads to epigenetic dysregulation in the neuropeptide-Y and cannabinoid CB1 receptor genes in the mouse cingulate cortex

Übersetzter Titel: Chronischer Stress führt zu epigenetischer Dysregulation in den Neuropeptid-Y- und Cannabinoid-CB1-Rezeptor-Genen des cingulierten Kortex der Maus)

Zeitschrift: Neuropharmacology 2016: 113; 301-313

Autoren: Ermelinda Lomazzo, Florian König, Leila Abassi, Ruth Jelinek, Beat Lutz*

Institut: Institut für Physiologische Chemie, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Duesbergweg 6, 55128 Mainz

Tiere: Ca. 96 Mäuse

Versuch: Die Versuche werden vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz genehmigt. Die Herkunft der CB57BL/dJ-Mäuse wird nicht erwähnt. Die Tiere werden über 11 Wochen einem sogenannten CUS (chronic unpredictable stress) Protokoll ausgesetzt. Für Details wird auf eine ältere Studie derselben Autoren verwiesen:

1. Maus allein im Käfig für 2-4 Stunden oder über Nacht
2. Platznot (6 Mäuse pro Käfig)
3. Für 2-3 Stunden in eine enge Plastikröhre gesteckt
4. Leerer Käfig ohne Einstreu
5. Käfig wird auf 2 cm Höhe mit Wasser gefüllt
6. Schmutziger Käfig
7. Licht über Nacht
8. Umgekehrter Licht-Dunkel-Zyklus
9. Nahrungs- und Wasserentzug
10. Käfig wird um 30° gekippt (2-3h)
11. Käfig wird 1-2 Stunden lang geschüttelt
12. Lautes Geräusch (100 dB) für 5-10 Minuten
13. Eine Maus wird mit einer aggressiven Maus konfrontiert

Jeden Tag werden 2-3 dieser Stressoren in zufälliger Reihenfolge über einen Zeitraum von 11 Wochen angewendet. In diesem Zeitraum bekommen die Tiere dreimal den Nervenwachstumsfaktor NGF in einen Hinterbeinmuskel gespritzt, was zu starken, lang anhaltenden Schmerzen führt. Ab Woche 5 des CUS wird bei der Hälfte der Tiere täglich ein potentiell Angst lindernder Wirkstoff in die Bauchhohle gespritzt.

Bei allen Mäusen werden drei Tests zum Angst- und Depressionsverhalten durchgeführt, zu welchem Zeitpunkt genau, wird nicht erwähnt. Beim Elevated Plus Maze Test wird eine Maus in ein erhöhtes Plus-förmiges Labyrinth mit zwei offenen und zwei geschlossenen Armen gesetzt. Mäuse, die sich eher in den geschützten, geschlossenen Bereichen aufhalten, gelten als ängstlich. Im Hell-Dunkel-Test kann sich die Maus zwischen einer schützenden dunklen und einer Angst einflößenden hellen Kammer einer Box entscheiden. Beim forcierten Schwimmtest wird eine Maus an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in einen wassergefüllten Behälter gesetzt. Es wird am zweiten Tag die Zeit gemessen, die die Maus bewegungslos im Wasser treibt. Je eher die Maus aufgibt und nicht schwimmt, desto größer soll die Depression sein. Schließlich werden die Tiere unter Betäubung durch Enthauptung getötet, das Gehirn wird entnommen und untersucht.

Diese Arbeit wurde vom BMBF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Forschungsbereiche: Stressforschung, Neuropsychopharmakologie, Neuropharmakologie

Hintergrund: Mäuse werden 11 Wochen lang in einen Zustand ständiger Angst und Schmerzen versetzt, um die Veränderungen im Gehirn zu untersuchen.

Ergebnis: chronisch gestresste Mäuse haben eher Angst und Depressionen und reagieren empfindlicher auf starke Schmerzen.


06.4.2017

Forsa-Umfrage: Mehrheit will keine Tierversuche

Hochaktuelle Ergebnisse - vom März 2017

Der überwiegende Teil der Bevölkerung lehnt Tierversuche ab. Das geht aus einer im März durchgeführten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Ärzte gegen Tierversuche e.V. hervor.

Mehr als zwei Drittel der Befragten (71 %) befürworten ein gesetzliches Verbot besonders leidvoller Tierversuche. 23% halten ein solches Verbot nicht für erforderlich und finden, dass die Forschungsfreiheit unbeschränkt bestehen bleiben sollte.

41 % der Befragten halten Tierversuche in der Medikamentenforschung für unverzichtbar, da Risiken durch umfangreiche Tests an Tieren ausgeschlossen werden müssen. Eine Mehrheit von 52 % dagegen hält Tierversuche zur Erforschung neuer Medikamente für nicht erforderlich und grausam und findet, dass diese gestoppt werden sollten, da es bessere Forschungsmethoden gibt. Dabei sprechen sich überwiegend Frauen (60%) sowie Personen der Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen (58%) gegen Tierversuche für die Erforschung neuer Medikamente aus.

Eine stärkere Förderung von tierversuchsfreier Forschung, beispielsweise mit menschlichen Miniorganen oder Computersimulationen, begrüßen 75 %, 19 % nicht. Einen Ausstiegsplan aus Tierversuchen, wie ihn die Niederlande vorgelegt haben, wünschen sich 69 % auch von der Bundesregierung, 23 % lehnen dies ab. Die jeweils an 100 % fehlenden Angaben fallen unter die Antwort „weiß nicht“.

Datengrundlage für die Forsa-Umfrage sind telefonische Befragungen von 1.001 Personen zwischen dem 16. und 22. März 2017. Die Fragen waren so formuliert, dass sich die Teilnehmer für eine von zwei konträren Meinungen entscheiden oder alternativ mit „weiß nicht“ antworten mussten.

Die Ärzte gegen Tierversuche schlussfolgern aus der Umfrage, dass diese ein unüberhörbares Signal für die Politik ist, auf ihre Bürger zu hören, die sich mehrheitlich gegen Tierversuche aussprechen. Das heißt, Tierversuche mit Schweregrad „schwer“ sind sofort zu verbieten, die Förderung tierversuchsfreier Methoden ist massiv aufzustocken und es muss ein Masterplan für den Ausstieg aus dem Tierversuch entwickelt werden.

Die Ergebnisse stützen eine aktuelle Bundestagspetition des Ärzte-Vereins, bei der es unter anderem um ein von der EU ermöglichtes, aber von der Bundesregierung nicht umgesetztes Verbot besonders schwerwiegender Tierversuche geht. Die Petition kann noch bis zum 11. April mitgezeichnet werden.

Weitere Information
Details zur Umfrage >>
Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ und Petition >>


18.4.2017

Stille Protestaktion zum Internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche

Silent Triangle-Mahnwache in München, Münster und Tübingen

Anlässlich des Internationalen Tags zur Abschaffung der Tierversuche veranstaltet der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche am Samstag, den 22. April 2017, eine stille Protestaktion, die auf das Leid von Affen und Millionen anderen Tieren im Versuchslabor aufmerksam macht. Die Aktion wird in München, Münster und Tübingen organisiert, wo „grausame und medizinisch irrelevante Affenversuche“ stattfinden.

Die Akteure des Silent Triangle stehen in OP-Kittel gekleidet schweigend in der Form eines Dreiecks und halten Protestschilder in die Höhe. Passanten können die eindrucksvolle Formation und die Bilder auf sich wirken lassen und sich am Infostand über Hintergründe informieren.
Im Fokus der stillen Mahnwache steht das Leid der Affen in München, Münster und Tübingen, wo sie im Tierversuchslabor für unterschiedliche Forschungsvorhaben herhalten müssen.

An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität werden bei der Xenotransplantation Herzen von genmanipulierten Schweinen Pavianen in die Bauchhöhle verpflanzt. Die Primaten müssen die Abstoßungsreaktionen bei vollem Bewusstsein erleben und sterben qualvoll nach Stunden bis Tagen an Herz- bzw. Organversagen oder an überschießenden Immunreaktionen. Auch die Schweine bezahlen mit ihrem Leben.

Münster beherbergt den größten „Affenverbraucher“ Deutschlands, die Firma Covance. In grausamen Giftigkeitsprüfungen kommen im Auftrag der Pharmafirmen jedes Jahr hunderte Langschwanzmakaken zu Tode.

Am Tübinger Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik und an drei weiteren Einrichtungen in Tübingen müssen Rhesusaffen in der Hirnforschung leiden. Durch Flüssigkeitsentzug werden sie gezwungen, stundenlang mit angeschraubtem Kopf und eingepflanzten Elektroden im Gehirn Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen. Nur wenn sie nach Forscherwunsch richtig reagieren, erhalten sie über einen Schlauch etwas Flüssigkeit. Die Qual der Tiere kann Jahre dauern.

Die Ärzte gegen Tierversuche wollen mit ihrer stillen Protestaktion an das Leid aller Tiere erinnern, die im Labor unter dem Deckmantel des medizinischen Fortschritts leiden und sterben müssen. Sie fordern eine Abkehr vom ihrer Ansicht nach fehlgeleiteten tierexperimentellen System, bei dem allein in Deutschland jedes Jahr rund 3 Millionen Tiere wie Messinstrumente gebraucht und entsorgt werden.

Die Silent Triangle-Mahnwache ist Teil einer Aktionswoche. Jedes Jahr wird in der Woche um den 24. April weltweit auf das Leid der Tiere in den Laboren aufmerksam gemacht. Der Gedenk- und Aktionstag wurde 1979 in Großbritannien ins Leben gerufen und geht auf den Geburtstag von Lord Hugh Dowding zurück, der sich im Britischen Oberhaus für den Tierschutz einsetzte.

Silent Triangle, 22. April 2017:
München: Richard-Strauss-Brunnen/Neuhäuser Str. 8, 14-16 Uhr
Münster: Stubengassenplatz, 11-17 Uhr
Tübingen: Am Markt, 14-16 Uhr

Weitere Information
Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche >>
Infoblatt Münster (PDF) >>
Infoblatt Covance (PDF) >>
Infoblatt München (PDF) >>
Infoblatt Tübingen (PDF) >>


19.4.2017

Negativrangliste der Tierversuche im Bundesländervergleich

Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern größte „Tierverbraucher“

Zum Internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche (24. April) legt der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche sein Bundesländer-Ranking zu Tierversuchen vor. Diese exklusive Negativrangliste offenbart, in welchen Bundesländern die meisten Tierversuche stattfinden. Dem Ärzteverein liegen die nicht-öffentlichen Zahlen aller Bundesländer seit 2010 vor. Allein in den drei Bundesländern Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern fand auch 2015 fast die Hälfte aller Tierversuche in Deutschland statt.

Im Jahr 2015 mussten laut offizieller Bundesstatistik 2.799.961 Tiere in deutschen Laboren leiden und sterben. In der Negativrangliste der Ärzte gegen Tierversuche nimmt dabei Baden-Württemberg mit 461.538 Tieren und damit 16,5 % der Gesamttierzahl die Spitzenposition in Sachen grausamer und rückschrittlicher Forschung ein. Platz zwei belegt Nordrhein-Westfalen mit 432.006 bzw. 15,4 % und Bayern liegt mit 423.129 Tieren bzw. 15 % auf Platz drei. Negativrang vier wird in diesem Jahr von Niedersachsen belegt mit 338.747 Tieren bzw. 12 %, gefolgt von Hessen mit 280.787 Tieren bzw. 10 % und Berlin mit 259.986 Tieren bzw. 9,3 %.

Bei den offiziellen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass es eine Dunkelziffer gibt. Tiere, die „auf Vorrat“ gezüchtet, aber nicht gebraucht werden sowie Tiere, die im Rahmen einer Genmanipulation nicht die gewünschte Veränderung aufweisen, werden getötet, ohne dass sie in der Statistik auftauchen. Der Ärzteverein schätzt, dass die tatsächlichen Zahlen um das 2,5-fache höher liegen.

Die Ärzte gegen Tierversuche kritisieren, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) auch auf Antrag des Vereins die nach EU-Vorgabe vollständigen Tierversuchszahlen der Bundesländer für 2014 nicht zur Verfügung gestellt hat und daher nach wie vor kein Vergleich mit den nun aktuellen Länderzahlen möglich ist. Der Verein bezeichnet dies als skandalös, da bis jeweils 31. März des Folgejahres die Daten von den Tierversuchseinrichtungen an die Landesbehörden gemeldet werden, welche diese wiederum an das BMEL übermitteln.

„Während der Agrarminister unsers Nachbarlands Niederlande ein Ausstiegskonzept aus dem Tierversuch vorgelegt hat, bleibt es beim deutschen Bundeslandwirtschaftsminister bei lapidaren Floskeln. Informationen über die jährlich mit Steuermilliarden finanzierten Tierversuche werden zurückgehalten und gleichzeitig neue Tierversuchslabore gebaut“, so Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin der Ärzte gegen Tierversuche.

So ist in Baden-Württemberg an der Uniklinik Freiburg aktuell mit dem IMITATE ein 57 Millionen teures neues Großlabor geplant, an dem vor allem genmanipulierte Mäuse für die Grundlagenforschung herhalten sollen. In München wurden jüngst drei Tierversuchslabore in Betrieb genommen und ein weiteres, an dem voraussichtlich Tierversuche stattfinden werden, ist am Klinikum rechts der Isar in Planung. Bundesweit ist 2015 ein gravierender Anstieg der Tierversuche an Affen auf 3.141 Tiere im Vergleich zu 2.842 Tieren im Jahr 2014 zu verzeichnen. Von diesen hat Nordrhein-Westfalen, insbesondere das dort ansässige Auftragslabor Covance, 1.982 Affen und damit 63% zu verantworten, welche in Giftigkeitsprüfungen leiden. Bei der Erfassung der bundesweiten Zahl der Affen hatte das Ministerium im Jahr 2014 426 Tiere nicht erfasst. Auf Hinweis des Ärztevereins wurde dieser Fehler nun behoben. Der Anteil der Tierversuche des Schweregrads „schwer“ wurde von ursprünglich 4% auf 5,5% korrigiert.

Neben der weiterhin intransparenten Darlegung der Tierversuchsdaten hält nach Aussage der Ärzte gegen Tierversuche der Ausbau der tierexperimentellen Forschung ungebremst an und die von der derzeitigen Bundesregierung vielversprochene Reduzierung der Tierversuche ist auch wenige Monate vor der Bundestagswahl nicht in Sicht.

Der Internationale Tag zur Abschaffung der Tierversuche wird weltweit seit 1979 jedes Jahr am 24. April begangen, um auf das Leid der Tiere in den Laboren aufmerksam zu machen.

Weitere Information:
Bundesländervergleich - Negativ-Rangliste zu Tierversuchen >>

 


19.4.2017

MPI hört auf

...aber Affenleid geht weiter

Medienberichten zufolge hat das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik (MPI) in Tübingen seine Affenversuche auslaufen lassen. Die letzten zehn Primaten wurden entweder getötet oder an „Einrichtungen im europäischen Ausland“ abgegeben. Doch nach Informationen des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche geht die „leidvolle Affenhirnforschung“ an drei anderen Instituten in Tübingen weiter.

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT) führt seit 2009 eine Kampagne gegen die Hirnforschung an Affen insbesondere in Tübingen, bei der Makakenaffen in Primatenstühlen fixiert und durch Durst zum Mitmachen gezwungen werden. Über 110.000 Unterschriften hat der Verein gesammelt und an die Politik übergeben und unzählige Demos, Aktionen und Vorträge lanciert und unterstützt; zuletzt hatte sich die renommierte britische Primatenforscherin Dr. Jane Goodall gegen Hirnexperimente an Affen ausgesprochen.

„Die Nachricht bedeutet jedoch leider nicht das Ende des Tierleids in Tübingen“, erklärt Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche. Nach Informationen des Ärztevereins gehe das Affenleid weiter. Am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, an der Abteilung für Tierphysiologie des Instituts für Zoologie der Universität Tübingen sowie am Exzellenzcluster Werner Reichhardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften wird Hirnforschung an Primaten auf die gleiche Weise betrieben wie bis jetzt am MPI. Zudem hatte MPI-Direktor Nikos Logothetis angekündigt, in Zukunft an Ratten statt an Affen forschen zu wollen. „Das macht seine Forschung auch weiterhin weder ethisch noch wissenschaftlich akzeptabel. Tierversuche sind nicht nur grausam, sondern ihre Ergebnisse sind auch aus wissenschaftlicher Sicht irrelevant für den Menschen“, kommentiert Dr. Gericke.

Und weiter: „Dass das MPI zwar die Affenversuche beendet hat, aber keineswegs der archaischen Tierversuchsforschung den Rücken kehrt, zeigt auch, dass die letzten Affen nicht an Auffangstationen, sondern an andere „Einrichtungen“ abgegeben wurden, wo sie sehr wahrscheinlich in weiteren Experimenten leiden müssen.“ Zudem hatte sich die Max-Planck-Gesellschaft vorbehalten, ggf. Affenforschung auch wieder einzuführen.

Ärzte gegen Tierversuche organisiert am 22. April 2017 zum Internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche eine „Silent Triangle“ genannte, stille Protestaktion auf dem Marktplatz in Tübingen.

Weitere Informationen
Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“ >>

Dr. Jane Goodall sprach in Tübingen >>

Silent Triangle-Mahnwache >>


08.5.2017

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

So stehen die Parteien zu Tierversuchen

Anlässlich der am 14. Mai anstehenden Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche Parteien zu ihrer Position zu Tierversuchen befragt und die Antworten in einer übersichtlichen Tabelle zusammengestellt.

Die nordrhein-westfälische SPD hält derzeit die vollständige Abschaffung von Tierversuchen in Bund und Land für nicht umsetzbar. Jedoch steht sie der Förderung tierversuchsfreier Verfahren, einer Novellierung des Tierschutzgesetzes im Sinne der Tiere und der Tierschutz-Verbandsklage positiv gegenüber. Das von der EU gewollte Verbot von Tierversuchen, die eine Schmerz-Leidensgrenze überschreiten, unterstützt die SPD grundsätzlich, jedoch nur, wenn die Evaluation der EU-Kommission eine Notwendigkeit ergibt. Zur Frage nach konkreten Maßnahmen und Zeitschienen zum Ausstieg aus dem Tierversuch, wie die Niederlande sie vorgelegt haben, hält sich die SPD unverbindlich.

Die Grünen wollen die tierversuchsfreie Forschung massiv stärken, halten aber einen Verzicht auf Tierversuche für nicht möglich. Eine Überarbeitung des Tierschutzgesetzes, das das Staatsziel Tierschutz berücksichtigt, wollen die Grünen jedoch weiter vorantreiben. Auch das Verbandsklagerecht für anerkannte Tierschutzorganisationen will Bündnis90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen beibehalten und hält es auch auf Bundesebene für sinnvoll. Ein Verbot von Tierversuchen, die eine bestimmte Leidensgrenze überschreiten, unterstützen die Grünen und wollen sich über den Bundesrat und Bundestag dafür einsetzen. Einen Ausstiegsplan aus Tierversuchen mit konkreter Zeitschiene analog den Niederlanden, halten die Grünen für nicht seriös.

Bei CDU und FPD ist der Tierschutz vollständig Fehlanzeige. Die CDU macht sich gar nicht erst die Mühe, gezielt auf die Fragen der Ärztevereinigung einzugehen. Nur dem 3R-Prinzip, das heißt der Vermeidung, Verringerung oder Verbesserung von Tierversuchen, wird ein gewisser Stellenwert eingeräumt und damit pauschal an Tierversuchen festgehalten. Die FDP hält es für richtig, dass es die Wissenschaft selbst ist, die festlegt, welcher Erkenntnisgewinn die jeweiligen Tierversuchsverfahren rechtfertigen. Gleiches gilt für die Genmanipulation an Tieren. Ein Verbot besonders leidvoller Tierversuche lehnen die Freien Demokraten ab. Lediglich gegen die Förderung tierversuchsfreier Verfahren spricht sich die FDP nicht gänzlich aus, nennt jedoch keine konkreten Handlungsschritte. Das Tierschutz-Verbandsklagerecht wird von CDU und FDP weiterhin abgelehnt.

Nach Ansicht der Piraten sind Tierversuche eine veraltete Technik, die dringend abgelöst werden muss. Zudem gäbe es viele Beispiele, bei denen die Ergebnisse der Tierversuche nur mangelhaft auf Menschen übertragen werden konnten. Dementsprechend halten die Piraten die Förderung der Entwicklung von Ersatzmethoden für notwendig.

Klare und umfangreiche Bekenntnisse zur Notwendigkeit einer tierversuchsfreien Forschung und Wissenschaft sind nur seitens der Linken zu verzeichnen. Eine vollständige Abschaffung der Tierversuche und entsprechend alle zielführenden Schritte auf dem Weg dahin werden unterstützt.

Der Weg zur Etablierung einer Politik, die konsequent den gesellschaftlich hohen Stellenwert des Tierschutzes berücksichtigt, ist noch sehr lang und bedarf weiterhin umfassender Aufklärungs- und Lobbyarbeit, so die Einschätzung der Ärzte gegen Tierversuche. Eine Übersicht mit den wesentlichen Positionen der Parteien kann als pdf auf der Internetseite der Vereine heruntergeladen werden.

Weitere Information:
14. Mai 2017 Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen; Übersicht (PDF) >>


09.5.2017

Dr. Jane Goodall fordert Freilassung der überlebenden MPI-Affen

Die international anerkannte Ethologin Dr. Jane Goodall unterstützt die Forderung von drei Organisationen, dem bundesweiten Verein Ärzte gegen Tierversuche, der britischen Cruelty Free International und One Voice, Frankreich, die überlebenden Affen aus dem Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik (MPI) in Tübingen in eine Auffangstation abzugeben. Die UN-Friedensbotschafterin und die drei Organisationen begrüßen das kürzlich bekannt gegebene Ende der umstrittenen Hirnforschung an Affen am MPI.

Dank der jahrelangen Kampagne der Ärzte gegen Tierversuche und einer Undercover-Recherche im Jahr 2014 war das MPI seit Jahren im Fokus der öffentlichen Debatte. Die mit versteckter Kamera gemachten Videoaufnahmen brachten das immense Leid der Primaten zu Tage. Durch physischen und psychologischen Zwang sowie Wasserentzug wurden die Tiere gezwungen, bei den Hirnexperimenten zu kooperieren.

Zwei Jahre später, im Jahr 2016, kündigte das MPI an, die umstrittenen Experimente auslaufen zu lassen. Obwohl das Institut zunächst eine Vermittlung der überlebenden Affen an eine Auffangstation erwog, wurden jetzt keinerlei Informationen über den Verbleib der Tiere bekannt gegeben. Es ist zu befürchten, dass die letzten zehn Primaten an andere Labore in Europa abgegeben worden sind, wo sie weiter in Versuchen leiden müssen.

Dr. Jane Goodall, die im Dezember 2016 einen inspirierenden Vortrag an der Universität Tübingen, organisiert von Ärzte gegen Tierversuche, gehalten hat, bei dem sie sich leidenschaftlich gegen invasive und grausame Affenversuche ausgesprochen hat, erklärt: „Ich begrüße die Nachricht, dass die verstörenden Affenversuche am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik (MPI) in Tübingen nicht mehr stattfinden. Gleichzeitig bin ich traurig, zu erfahren, dass die Affen nicht an Auffangstationen, sondern an andere Labore abgegeben worden sind, wo sie vermutlich weiter in Versuchen verwendet werden. Ich unterstütze Ärzte gegen Tierversuche, Cruelty Free International und One Voice in ihrer Forderung, Informationen über den Verbleib der Tiere öffentlich bekannt zu geben und ich bitte das MPI eindringlich, eine sofortige Überstellung der Affen in eine Auffangstation in die Wege zu leiten. Diese armen Individuen haben genug gelitten und haben es verdient, wenigstens den Rest ihres Lebens frei von den Entbehrungen und der Gefangenschaft im Labor zu verbringen.“

Die drei Vereine haben ein Schreiben an den Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Tübingen, Klaus Tappeser, gerichtet und um Informationen über den Verbleib und das Schicksal der Affen gebeten.

Weitere Informationen:
Undercover-Recherche am MPI >>

Hintergrundinfos zur Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“ >>

Kontakt:
Ärzte gegen Tierversuche e.V., Goethestraße 6-8, 51143 Köln, Tel. 02203-9040990, info@aerzte-gegen-tierversuche.de
Cruelty Free International, Media Office: +44 (0) 207 619 6978 or +44 (0) 7850 510 955 or Email: media@crueltyfreeinternational.org
One Voice - Muriel Arnal, Présidente, Telephone: 00 33 6 79 83 1661

 


16.5.2017

Niedersachsen: Wissenschaftsministerin will Paradigmenwechsel in der Forschung

Ärzte gegen Tierversuche im Deutschlandfunk

Der Deutschlandfunk widmete sich am 10. Mai ausführlich dem Thema Forschung ohne Tierversuche. Diskussionsteilnehmer der von Michael Roehl moderierten Radiosendung „Länderzeit“ waren Gabriele Heinen-Kljajić, Ministerin für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen, Claus Kronaus, Geschäftsführer des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche und Prof. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen.

Anlass der Sendung war der in Niedersachsen neu gegründete Forschungsverbund „R2N - Replace und Reduce aus Niedersachsen - Ersatz und Ergänzungsmethoden für eine zukunftsweisende biomedizinische Forschung". Der Verein Ärzte gegen Tierversuche bewertet es als erfreulich, dass das sonst übliche dritte „R“, das für „Refine“ steht, hier entfällt. Darunter sind Maßnahmen zu verstehen, die das Leid der Tiere vermindern sollen. „Die „3 R“ sind ein Konzept, bei dem Tierversuche lediglich modifiziert, aber nicht als falsches Forschungssystem in Frage gestellt werden“, erläutert Claus Kronaus, „Wir erachten jedoch einen kompletten Paradigmenwechsel für überfällig - mit am Menschen orientierten wissenschaftlichen Hightech-Testmethoden, mit Ursachenforschung, klinischer Forschung und Prävention von Krankheiten.“

Wissenschaftsministerin Heinen-Kljajić hob in der Sendung den öffentlichen Druck hervor, der dazu führen kann, dass sich Systeme, in diesem Fall die Wissenschaft, bewegen.

Weiter betonte Heinen-Kljajić die hohe Bedeutung der Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz im Jahr 2002. Der Tierschutz müsse damit gleichrangig mit der Wissenschaftsfreiheit sein, de facto fehle es aber an der Umsetzung. So ist in Niedersachsen ein Anstieg der Tierversuchszahlen von rund 100.000 auf über 338.000 Tiere im Jahre 2015 zu verzeichnen. „Die Zahlen machen deutlich, dass wir handeln müssen“, so die Ministerin.

Heinen-Kljajić kritisierte weiterhin, dass bei der Genehmigung von Tierversuchen das deutsche Tierschutzgesetz lediglich die Erfüllung von Formalien vorsieht, während die EU-Vorgabe eine unabhängige Schaden-Nutzen-Analyse fordert. So liegt in Niedersachsen die Ablehnungsquote bei lediglich 0,3% der zur Genehmigung beantragten Tierversuche. Das Tierschutzgesetz müsse an dieser Stelle überarbeitet werden, meinte die Ministerin.

Sie stellte ferner heraus, dass die Suche nach Alternativmethoden oberstes Ziel sein müsse. Niedersachsen dürfe bei der Förderung dieser Methoden keine Nischenlösung sein und sie sprach von einem Paradigmenwechsel, der in der Forschung erreicht werden müsse.

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche bewertet den Vorstoß Niedersachsens als einen Schritt in die richtige Richtung, kritisiert aber gleichzeitig, dass Heinen-Kljajić in der Sendung die Ansicht vertrat, ein Verbot von Tierversuchen würde die menschliche Gesundheit auf’s Spiel setzen. „Ein echter Paradigmenwechsel, d.h., dass der Tierversuch nicht länger „Goldstandard“ ist, würde der menschlichen Gesundheit zugutekommen, denn Tierversuche halten wegen der mangelnden Übertragbarkeit auf den Menschen den medizinischen Fortschritt nur auf“, so Kronaus abschließend.

Weitere Informationen
Link zur Sendung >>


23.5.2017

Tierversuche sind Gesundheitsrisiko

Jedes dritte Medikament schadet Menschen

32 % der neu zugelassenen Medikamente bergen Gesundheitsrisiken und müssen mit Warnhinweisen versehen oder vom Markt genommen werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, in einem medizinischen Fachjournal veröffentlichte Studie. Die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche sieht darin einen weiteren Beleg, dass die noch immer auf Tierversuchen basierende Medikamententestung unkalkulierbare Gefahren für Menschen birgt und ein Richtungswechsel hin zu einem System, das auf Humanrelevanz mittels tierversuchsfreier Methoden setzt, dringend geboten ist.

Aus einer im Mai im Journal of the American Medical Association veröffentlichten Studie* geht hervor, dass 71 von 222 und damit 32 % der von der Amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) zwischen 2001 und 2010 zugelassenen neuen Medikamente aufgrund von unerwarteten Nebenwirkungen entweder vom Markt genommen oder mit Warnhinweisen versehen wurden. Bei Anwendung am Menschen zeigten sich nach Zulassung unerwünschte Nebenwirkungen wie schwere Hautreaktionen, Leberschäden, Krebs bis hin zur Todesfolge.

Betrachtet wurden 183 Arzneimittel und 39 Biopharmaka, d.h. mittels Biotechnologie hergestellte Arzneistoffe, zur Behandlung von weit verbreiteten Erkrankungen wie Krebs, des Herz-Kreislauf-Systems, psychiatrischen Leiden oder Infektionen. Davon wurden für 71 Arzneien insgesamt 123 Sicherheitswarnungen herausgegeben. In drei Fällen kam es zu einer Marktrücknahme aufgrund von lebensbedrohlichen Risiken; bei einem Entzündungshemmer sowie Medikamenten zur Behandlung von Schuppenflechte und einer Darmerkrankung. 61 Mal wurden Black-Box-Warnungen, bei denen im Beipackzettel vor schwerwiegenden Nebenwirkungen gewarnt wird, und 59 Mal Sicherheitswarnungen ausgesprochen. Besonders betroffen sind Biopharmaka und Medikamente zur Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen.

„Vor der Marktzulassung eines Medikamentes werden umfangreiche Tierversuche durchgeführt, welche jedoch keine Sicherheit für die potenzielle spätere Anwendung am Menschen bieten, da es einem Lotteriespiel gleicht, ob Mensch und Tier zufällig ähnlich auf eine Substanz reagieren“, erläutert Dipl.-Biol. Silke Strittmatter, Sprecherin von Ärzte gegen Tierversuche. Der Verein verweist auf jüngere Studien, die dem Tierversuch eine Versagensquote von rund 95 % attestieren. Die an Tieren für sicher und wirksam befundenen Arzneien wirkten in der klinischen Prüfung, bei der sie erstmals an menschlichen Probanden getestet werden, anders, gar nicht oder führten zu Schäden. Dass selbst von den 5 % der Medikamente, die eine Marktzulassung erhalten, ein Drittel schwerwiegende Schäden beim Menschen hervorruft, sieht der Verein als weiteren Beleg, dass sich der Tierversuch nicht eignet, sichere Medikamente zu entwickeln. Zudem würden im Tierversuch möglicherweise Wirkstoffe aussortiert, die für den Menschen nützlich sein könnten.

Die Ärztevereinigung warnt schon lange vor der Gefahr, Tierversuchsergebnisse auf den Menschen zu übertragen. Bereits die klinische Prüfung, d.h. Testung an Probanden und Kranken, die nach den Tierversuchen folgen, sei mit unvorhersehbaren Risiken für die Menschen behaftet, wie unter anderem der Medikamentenskandal 2016 in Frankreich zeigt. Beim Test eines Schmerzmittels kam ein Proband zu Tode und fünf weitere trugen schwerwiegende Schäden davon.

Der Verein fordert im Sinne von Mensch und Tier eine medizinische Forschung, die am Menschen orientierte, tierversuchsfreie Methoden nutzt wie Computersimulationen mit Humandaten und Organchips, mit denen sich lebensecht menschliche Stoffwechselvorgänge abbilden und Medikamententests durchführen lassen, um zu zuverlässigen Ergebnissen zu gelangen.

*Originalstudie: Downing N.S. et al.: Postmarket safety events among novel therapeutics approved by US Food and Drug Administration between 2001 and 2010. JAMA 2017: 317(18); 1854-1863 http://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2625319

Weitere Information:
Medikamenten-Durchfallquote 95 % >>


20.06.2017

Air France fliegt 120 Primaten von Mauritius ins Versuchslabor

37 Stunden-Tortur und am Ende steht der Tod

Der Tierschutzorganisation Cruelty Free International (CFI) ist es gelungen, Details einer Primatenlieferung von Mauritius über Paris bis nach Chicago aufzudecken. 120 Langschwanzmakaken wurden am 26. April in kleinen Holzkisten verpackt mit Air France-Passagierflügen 37 Stunden um den halben Globus verschickt, um im Tierversuchslabor zu Tode gequält zu werden. Die deutsche Partnerorganisation von CFI, Ärzte gegen Tierversuche, kämpft seit Jahren gegen den internationalen Handel mit Primaten.20.

Nach Informationen von Cruelty Free International wurden am 26. April 120 Langschwanzmakaken aus einer der zahlreichen Affenzuchtfarmen auf der Urlaubsinsel Mauritius in Holzkisten verpackt und am Internationalen Sir Seewoosagur Ramgoolam-Flughafen in den Frachtraum von Flug AF463 verbracht, dem täglichen Air France-Linienflug zum Charles De Gaulle-Flughafen in Paris.

Der Flug über die Strecke von rund 9.500 km nach Paris dauerte 11 ½ Stunden. Am Charles de Gaulle-Flughafen wurden die Tiere 9 Stunden zwischengelagert, bevor sie mit Air France-Flug AF6730 für weitere 9 Stunden die 6.600 km zum O'Hare-Flughafen in Chicago transportiert wurden. Ankunft war am 27. April. Die Affen waren für Charles River Laboratories bestimmt, einem Auftragsforschungslabor, das Giftigkeitstests an Tieren für Arzneimittel, Pestizide und Chemikalien durchführt.

"Kaum einem der Passagiere auf Air France-Flug 463 dürfte bewusste gewesen sein, was sich unter ihren Füßen im Frachtraum abspielt“, ist sich Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche, sicher. „Die Urlauber kehren von der idyllischen Insel Mauritius nach Hause zurück, während unter ihnen 120 nicht-menschliche Primaten als unfreiwillige Passagiere im dunklen und lärmenden Laderaum Todesängste durchstanden. Am Ende dieser Alptraumreise erwarten die intelligenten und sensiblen Tiere ein kurzes Leben im Metallkäfig und ein qualvoller Vergiftungstod.“

Air France ist die einzige bekannte Passagierfluggesellschaft, die immer noch das grausame Geschäft mit dem Primatentransport betreibt. Die Airline ist damit ein wichtiges Bindeglied zwischen Mauritius, einem der weltweit größten Affenexporteure, und den Laboren in Europa und den USA. Im Jahr 2016 wurden 8.425 Affen aus Mauritius nach Europa, den USA und Kanada exportiert, 295 davon nach Deutschland. Es ist wahrscheinlich, dass Air France die meisten, wenn nicht sogar alle Affen von Mauritius nach Paris fliegt, wo sie entweder auf einen anderen Air France-Flug in die USA geschickt oder auf dem Landweg zu den Laboren in Frankreich, Großbritannien, Spanien und Deutschland gebracht werden.

Dank jahrelanger Proteste von CFI, Ärzte gegen Tierversuche und vieler anderer Tierversuchsgegner haben alle Passagierfluglinien bis auf Air France den Transport von Affen ins Versuchslabor eingestellt.

„Ein Transportstopp würde den Nachschub für die Tierversuchsindustrie erheblich erschweren“, erklärt Tierärztin Gericke. Mauritius baut jedoch bereits vor, indem ein Gesetz auf den Weg gebracht wurde, das die Ansiedlung von Tierversuchseinrichtungen auf der Insel ermöglichen soll. „Eine erschreckende Entwicklung und völlig rückwärtsgewandt, denn Tierversuche sind ein Auslaufmodell. Hochmodernen und innovativen Systemen wie Multiorganchips gehört die Zukunft der biomedizinischen Forschung“, so Gericke abschließend.

Der Ärzteverein hat derzeit eine Briefaktion an deutsche Touristikunternehmen laufen, die als wichtiger Wirtschaftszeig ihren Einfluss auf die Regierung von Mauritius geltend machen sollen, um das neue Gesetz zu verhindern.

Weitere Infos und Mitmachaktionen:

- Kampagnenseite (inkl. Briefaktion): Rettet die Affen von Mauritius >>

- Online-Petition an Air France (Englisch) >>



22.6.2017

NRW will Tierversuche fördern!

Mit Schwarz-Gelb gehen die Uhren rückwärts

Die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will die biomedizinische Grundlagenforschung fördern und das Antragsverfahren für Tierversuche vereinfachen, es sogar noch beschleunigen. Das ohnehin schon EU-widrige Genehmigungsverfahren von Tierversuchen wird so noch verschlechtert, kritisiert der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche. Der Koalitionsvertrag der CDU und FDP trage eine deutliche Handschrift der Tierversuchslobbyisten.

Mit Entsetzen stellt die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche fest, dass der Koalitionsvertrag von CDU und FDP eine rückwärtsgewandte Forschungspolitik unterstützt. So heißt es im schwarz-gelben Koalitionsvertrag: „Zugleich erkennen wir an, dass insbesondere die biomedizinische Grundlagenforschung von größter Bedeutung für die Erforschung und Behandlung vor allem der großen Volkskrankheiten und damit für das menschliche Wohlergehen ist.“ Hierbei wird verkannt, dass gerade die Grundlagenforschung keine neuen Erkenntnisse in der Behandlung menschlicher Krankheiten liefert und es sich somit um eine reine Neugierforschung handelt. Tierversuche in der Grundlagenforschung machen fast 60 % der Gesamtzahl von rund 2,8 Millionen Tieren aus.

„Die Genehmigung solcher zweckfreien Forschungsvorhaben auch noch zu erleichtern, ist skandalös“, meint Tierärztin Julia Schulz, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Ärzte gegen Tierversuche. „Zumal das Genehmigungsverfahren von Tierversuchen ohnehin schon EU-widrig ist. Brüssel sieht nämlich eine unabhängige Abwägung zwischen dem Tierleid und dem potenziellen Nutzen vor, während nach deutschem Recht jeder formell korrekt gestellte Antrag genehmigt werden muss.“

Die rot-grüne Vorgängerregierung hat einige innovative Projekte angeschoben wie das im Januar 2016 in Düsseldorf eröffnete Zentrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch (CERST-NRW). „Unter Schwarz-Gelb ist jetzt Schluss mit Fortschritt“, befürchtet Tierärztin Schulz. So geben CDU und FDP an, „Initiativen von Wissenschaft und Wirtschaft zur Reduzierung von Tierversuchen unterstützen zu wollen“. Jedoch müsse es nach Auffassung des Ärztevereins Aufgabe der Landesregierung sein, hier eine deutliche Initiative zu zeigen. Beispielsweise in Form einer Förderung der Einrichtung von universitären Lehrstühlen und Professuren, um die Etablierung tierversuchsfreier Forschungsvorhaben voranzutreiben.

Während in NRW die Uhren nun rückwärts ticken, ist in Berlin genau das Gegenteil der Fall. Der Senat hat sich für eine deutliche Verringerung von Tierversuchen ausgesprochen. Dies soll schon in wenigen Wochen vertraglich festgeschrieben werden. Geplant ist der Aufbau eines eigenen Instituts an der Charité, welches an der Etablierung von tierversuchsfreien Methoden mitwirken soll. Die Koalition aus SPD, Linken und Grünen will von 2018 bis 2022 jährlich 1,2 bis 1,9 Millionen Euro in die neue Einrichtung investieren. „Berlin soll Hauptstadt der Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen werden“, heißt es im Koalitionsvertrag vom vergangenen November.

„NRW dürfte nun weit davon entfernt sein und die Chance verpassen, einen zukunftsorientierten Forschungsstandort NRW zu schaffen und Tierschutzrecht adäquat umzusetzen“, kommentiert Tierärztin Schulz.

Koalitionsvertrag NRW (Absatz S. 27) >>


26.6.2017

Nestlé für immenses Tierleid verantwortlich

Europaweiter Protest gegen Botox-Tierversuche

Der Schweizer Konzern Nestlé steigt in den lukrativen Botox-Markt ein und trägt damit die Schuld an immensem zusätzlichem Tierleid, hat der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche jetzt enthüllt. Während einige Botox-Hersteller bereits tierversuchsfreie Tests einsetzen, vertreibt Nestlé Präparate, für die es noch keinen anerkannten tierfreien Test gibt und steigert damit die Anzahl der Tierversuche. Mit einem europaweiten Protesttag am 1. Juli fordern der Ärzteverein und seine europäischen Partner den Konzern auf, das Botox-Geschäft auszusetzen, bis eine tierversuchsfreie Methode anerkannt ist.

Mit dem als „Botox“ bekannten Nervengift Botulinumtoxin werden Gesichtsfalten glatt gespritzt und diverse medizinische Probleme behandelt wie Schiefhals, übermäßiges Schwitzen oder Migräne. Bevor sie in den Verkauf gehen kann, wird jede Produktionseinheit Botulinumtoxin in einem qualvollen Tierversuch an Mäusen getestet, dem sogenannten LD50-Test. Gruppen von Mäusen wird das Gift in die Bauchhöhle injiziert, um die Dosis zu ermitteln, bei der die Hälfte der Tiere stirbt. Das von Bakterien produzierte Toxin lähmt die Atemmuskulatur, die Mäuse ersticken qualvoll.

Die Botox-Hersteller Allergan und Merz setzen mittlerweile selbstentwickelte tierversuchsfreie Zelltests zumindest zum großen Teil anstelle des LD50-Tests ein. Nestlé vertreibt die Botox-Produkte Dysport und Azzalure des britischen Herstellers Ipsen. „Ipsen behauptet seit Jahren, an einem tierfreien Test zu arbeiten, aber es ist immer noch keiner in Sicht“, weiß Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche.

Durch Komplett-Übernahme der Nestlé-L’Oreal-Tochter Galderma und den Kauf von Vertriebsrechten für Dysport in Amerika von der amerikanischen Firma Valeant Pharmaceuticals – der Hauptkonkurrentin des Marktführers Allergan - hat sich Nestlé einen riesigen lukrativen und stark wachsenden Markt erschlossen.

Der Schweizer Nahrungsmittelriese steht nun im Fokus eines europaweiten Protests der Europäischen Koalition zur Beendigung von Tierversuchen (ECEAE). Ihr deutsches Mitglied Ärzte gegen Tierversuche macht seit zehn Jahren gegen das Tierleid, das hinter dem Faltenkiller steckt, mobil. „Abgesehen von dem schrecklichen Tod Hunderttausender Mäuse ist ein Test mit menschlichen Nervenzellen wesentlich besser geeignet, die Giftigkeit zu bestimmen“, erläutert Tierärztin Gericke. Recherchen des Ärztevereins zufolge müssen allein in Europa mindestens 350.000 - 400.000 Mäuse für Botox-Spritzen leiden und sterben. „Weltweit dürfte es ein Vielfaches sein“, schätzt Gericke. „Durch seine schiere Größe trägt Nestlé maßgeblich zur Erhöhung dieses Tierleids bei“.

Der Verein hält auf seiner Website einen Musterbrief bereit, den Interessierte an Nestlé schicken können.

Weitere Infos:
www.botox-tierversuche.de
Botox-Tierzahlen – mindestens 350.000 Mäuse allein in Europa >>

 


28.6.2017

Illegale Tierversuche in Münster kein Einzelfall

„Erschütternde Skrupellosigkeit“

23. Juni 2017

An der Universität Münster wurde ein illegales Mäuselabor entdeckt und Strafanzeige gegen drei Verantwortliche gestellt. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche befürchtet, dass das Vergehen wie in vorangegangenen Fällen wieder nur als Kavaliersdelikt abgehandelt wird. Zudem spricht der Ärzteverein bei den bekannt gewordenen Fällen wie jetzt in Münster und unlängst in Jena und Bad Nauheim von „lediglich der Spitze des Eisbergs“.

An der Medizinischen Fakultät der Universität Münster führte ein anonymer Hinweis die Behörden zu einem illegalen Labor in einem Keller. Dort waren offensichtlich über Jahre Tierversuche ohne Genehmigung durchgeführt worden. Das Veterinäramt geht davon aus, dass die Mäuse über längere Zeit unter erheblichen Schmerzen gelitten haben. Wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz stellte die Stadt Münster Strafanzeige gegen drei Mitarbeiter.

Von „erschütternder Skrupellosigkeit“ spricht Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des Vereins Ärzte gegen Tierversuche im neuesten Fall von illegalen Tierversuchen und geht von einer Dunkelziffer aus. „Nur dank Whistleblowern oder engagierten Behördenvertretern kommen solche Praktiken ans Licht des Tages.“ In den letzten Jahren machten zwei andere Fälle Schlagzeilen:

Am zur hessischen Kerkhoff-Klinik gehörenden Franz-Groendel-Institut in Bad Nauheim wurde jahrelang systematisch gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Das Regierungspräsidium Darmstadt hatte zwei Jahre lang Beweise zusammengetragen und der Staatsanwaltschaft vorgelegt. Vier Forscher hatten wiederholt besonders grausame Tierversuche durchgeführt, die von den Behörden explizit untersagt worden waren. So wurden Mäuse einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt und an sieben aufeinanderfolgenden Tagen je 150 Minuten auf dem Rücken liegend fixiert, um Herzschäden durch Stress hervorzurufen. Trotz klarer Beweislage stellte die Staatsanwaltschaft Gießen das Verfahren Ende 2014 gegen eine Geldstrafe von 72.000 Euro ein, d.h. die Täter wurden nicht verurteilt und sind weiterhin in der Forschung tätig.

Im Mai 2016 sollen auch am Leibnitz-Institut für Altersforschung Jena nicht genehmigte Tierversuche durchgeführt worden sein, denen etwa 13.000 Tiere zum Opfer gefallen sein sollen. Das Landesamt für Verbraucherschutz Thüringen stellte Strafanzeige gegen vier Mitarbeiter. Obwohl die staatsanwaltlichen Ermittlungen auch ein Jahr später noch laufen, sind die Tierversuche wieder aufgenommen worden.

„Die rechtlichen Bestimmungen im Bereich Tierversuche sind ohnehin viel zu lasch“, moniert Gericke. So muss jeder formal korrekt gestellte Antrag von den Behörden genehmigt werden. „Nicht einmal eine ethische Abwägung zwischen dem Leid der Tiere und dem postulierten Nutzen des Versuchs wie von der EU gefordert, wird deutschen Behörden zugestanden.“ Die Tierärztin befürchtet, dass der Fall in Münster auch wieder als Bagatelle abgetan wird. „Wenn so ein skandalöser Tierschutzverstoß aufgedeckt wird, ist eine konsequente Verfolgung durch den Staat das Mindeste, was man erwarten kann.“

Weitere Infos:

Tiere in Hessen rechtswidrig zu Tode geforscht >>


11.7.2017

REACH-Chemikalien-Tierversuche: 60.000 Tiere vor Giftigkeitstests gerettet

Ärzte gegen Tierversuche blicken auf erfolgreiche Arbeit

Durch Expertenarbeit konnten Giftigkeitstests an fast 60.000 Ratten, Kaninchen und Fischen verhindert werden, berichtet der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche (ÄgT). Zusammen mit seinen Partnern von der Europäischen Koalition zur Beendigung von Tierversuchen engagiert (ECEAE) sich der Verein seit 8 Jahren gegen REACH-Chemikalien-Tierversuche. Nun liegt eine aktuelle Auswertung vor.

Die REACH-Verordnung fordert, dass etwa 30.000 Chemikalien, die schon lange auf dem Markt sind, auf ihre Gefährlichkeit getestet werden sollen – zum Teil in Tierversuchen. Geplante Tierversuche müssen aber zunächst bei der Chemikalienbehörde ECHA vorgeschlagen und können von Dritten jeweils 45 Tage lang kommentiert werden, d.h. darauf untersucht werden, ob die geforderten Daten schon vorhanden sind oder andere Gründe vorliegen, weshalb der Tierversuch nicht durchgeführt werden muss. Bis März 2017 hat die ECHA 1.557 Testvorschläge für 905 Substanzen auf ihrer Webseite zur Kommentierung veröffentlicht. Die Experten der Ärzte gegen Tierversuche und der ECEAE kommentierten 540 Testvorschläge (35%). In mindestens 50 Fällen waren sie erfolgreich, d.h. die vorgeschlagenen Tierversuche wurden nicht durchgeführt. Versuche an mindestens 35.752 Tieren konnten dadurch verhindert werden.

So wollte eine Firma eine Chemikalie in einer 90-Tage-Inhalationsstudie an 120 Kaninchen testen. Die Toxikologen der Tierversuchsgegner argumentierten, dass die Gefährlichkeit der Substanz bereits hinreichend bekannt ist. Der Hersteller zog seinen Antrag zurück. In einem anderen Fall sollte eine Chemikalie in einer Zwei-Generationen-Studie an 2.200 Ratten auf ihre Giftigkeit für die Nachkommen getestet werden. Die Experten der ÄgT und ECEAE fanden heraus, dass der Stoff gar nicht in der Menge produziert wird, für die dieser Test vorgeschrieben ist, so dass er aus juristischen Gründen entfallen konnte.

Tierversuche an weiteren 5.000 Tieren konnten durch die Unterstützung von Einspruchsfällen verhindert werden. Manche Firmen gingen gegen Auflagen der ECHA vor, bestimmte Tierversuche durchführen zu müssen. Die Tierschützer halfen den Firmen dabei und waren in mindestens 4 Fällen erfolgreich.

Jahrelange Interventionen der Wissenschaftler der ÄgT/ECEAE haben dazu geführt, dass im Mai 2016 die EU den Haut- und Augenreizungstest an Kaninchen aus REACH strich. Dieser grausame Test, bei dem Kaninchen die Substanz auf die geschorene Rückenhaut oder in die Augen gerieben wird, fand Eingang in REACH, obwohl seit 2009 tierversuchsfreie Testmethoden von der EU anerkannt sind. „Die erfolgreiche, wenn auch viel zu späte Streichung des Tests aus REACH wird etwa 18.000 Kaninchen Leid und Tod ersparen“, freut sich Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des Ärztevereins.

„Insgesamt blicken wir so auf eine Bilanz von mindestens 58.752 Ratten, Kaninchen und Fischen, die dank unseres ehrgeizigen Projekts vor Tierversuchen gerettet werden konnten. Bei der letzten Auswertung vor drei Jahren waren wir von 18.000 Tieren ausgegangen“, so die Tierärztin abschließend.


01.8.2017

Tierleid bei Tierversuchen heruntergespielt

Fachjournal ALTEX verbreitet ÄgT-Recherche

Extreme Abmagerung bei Mäusen mit künstlich ausgelösten Tumoren, infizierte Mäuse, deren Sterbeprozess tagelang dauert, Ratten, die bis zur Erschöpfung schwimmen müssen. Zwei Drittel solcher laut EU „schwer belastenden“ Tierversuche wurden von deutschen Forschern zu niedrig eingestuft. Das ist das Ergebnis einer aktuellen, in der Fachzeitschrift ALTEX erschienenen Studie des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche.

Seit 2014 müssen Tierforscher für jeden genehmigten Tierversuch eine sogenannte „Nicht technische Zusammenfassung“ (NTS) abliefern, die vom Bundesinstitut für Risikoforschung anonymisiert veröffentlicht wird. Unter anderem muss darin die „Belastung“ für die Tiere in vier Schweregraden angegeben werden: keine Wiederherstellung der Lebensfunktionen (Tod in Narkose), gering, mittel und schwer.

„Diese Zusammenfassungen der Experimentatoren selbst werden ohne jegliche Kontrolle ins Netz gestellt, d.h. es überprüft niemand, ob die Angaben zu den Versuchen und zum Schweregrad überhaupt stimmen“, kritisiert Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des Vereins Ärzte gegen Tierversuche.

Der Ärzteverein untersuchte nun, inwieweit Tierversuche mit dem Schweregrad „schwer“ tatsächlich als solche klassifiziert wurden. Dazu wurden 4.780 NTS aus den Jahren 2014 und 2015 nach Stichwörtern durchsucht, die nach einer EU-Auflistung auf schwere Schmerzen, Leiden, Schäden und Ängste hinweisen. Diese Kriterien wurden bei 235 NTS herausgefiltert. Von diesen waren jedoch nur 83 als „schwer“ gekennzeichnet; 152 (65 %) waren als „mittel“ oder „gering“, also zu niedrig, eingestuft worden.

Darunter waren mehrere Versuche, bei denen Mäuse aufgrund eines künstlich erzeugten Krebsgeschwürs extrem abmagerten (Tumor-Kachexie). Bei einem Impfstofftest wurden Mäuse mit dem Krim-Kongo-Fieber-Virus infiziert. Die ungeimpften Tiere der Kontrollgruppe starben innerhalb von 5-6 Tagen an der Infektion. Ratten mussten in einem Wasserbassin bis zur Erschöpfung schwimmen, was durch die Ausweglosigkeit zu erheblichem Stress bei den Tieren führt.

Von diesen Tierversuchen mit Schweregrad „schwer“ gibt es noch eine Steigerung, nämlich wenn sie mit erheblichen Schmerzen oder Leiden verbunden sind, die länger anhalten und nicht gelindert werden können. Um solche Versuche auf absolute Ausnahmefälle zu beschränken, schreibt die EU ein gesondertes Genehmigungsverfahren über EU-Instanzen vor. „Unsere Auswertung gibt Hinweise darauf, dass solche „schwersten“ Tierversuche, die im ursprünglichen Neuentwurf der EU-Tierversuchsrichtlinie sogar vollständig verboten sein sollten, in Deutschland stattfinden, ohne dass die EU hierfür eine Sondergenehmigung erteilt hätte“, erklärt Gericke.

So wurden Mäusen Stammzellen transplantiert und anschließend wurden sie einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt. Die Tiere litten mindestens zwei Wochen an der durch die Strahlenschäden hervorgerufenen Zerstörung der inneren Organe. Das erhebliche, nicht zu lindernde Leid der Tiere erstreckte sich also über einen längeren Zeitraum.

Der Ärzteverein sieht die Politik in der Verantwortung. „Die Beurteilung des Schweregrads darf nicht den Verursachern überlassen bleiben. Die Angaben in den NTS sind zudem sehr dürftig und keineswegs dazu geeignet, Transparenz zu schaffen“, moniert Gericke.

Ärzte gegen Tierversuche führt seit Anfang 2016 die Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“, die auf ein gesetzliches Verbot dieser schwerstbelastenden Versuche zielt.

Der Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge wurden im Jahr 2015 rund 2,8 Millionen Tiere in Experimenten verwendet, davon 4% mit dem Schweregrad „schwer“.

Quelle:
Strittmatter, S.: Undervaluation of suffering of experimental animals in Germany. ALTEX 2017: 34(3); 435-438

Weitere Infos:
Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ >>


16.8.2017

40 Jahre Affenqualzentrum DPZ Göttingen

Ärzteverein wirft „Tierversuchspropaganda“ vor

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) Göttingen wird 40 Jahre alt. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche bezeichnet die Institution als „ewig gestrig“ und wirft ihr vor, Tierversuche systematisch zu verharmlosen und zu verherrlichen.

Laut einer Auswertung der Ärzte gegen Tierversuche liegt Göttingen nach München und Berlin an dritter Stelle der Tierversuchshochburgen Deutschlands. Am DPZ werden rund 1.300 Affen verschiedener Arten gehalten und gezüchtet, um mit ihnen zu experimentieren oder sie an andere Tierversuchslabore abzugeben. Unter anderem werden Rhesusaffen oder Weißbüscheläffchen mit Bakterien und Viren infiziert, um Krankheiten wie „Affen-AIDS“ oder Hepatitis auszulösen. Wie auch in Tübingen, Bremen, Magdeburg und Frankfurt werden am DPZ Affenhirnversuche durchgeführt, bei denen die Tiere in einem Primatenstuhl fixiert werden. Mit unbeweglich angeschraubtem Kopf müssen sie Aufgaben am Bildschirm erledigen, während durch ein Bohrloch im Schädel in das Hirngewebe eingeführte Elektroden Hirnströme messen. Durst zwingt die intelligenten Primaten dazu, mitzumachen, denn nur, wenn sie den Forscherwunsch erfüllen, bekommen sie ein paar Tropfen Flüssigkeit.

Der Ärzteverein kritisiert nicht nur die Grausamkeit solcher Versuche, sondern auch deren fehlende medizinische Relevanz für den Menschen. „Tierversuche werden vorgeblich durchgeführt, um die Krankheiten des Menschen zu verstehen und zu heilen, doch die Erfolge bleiben aus, Hoffnungen kranker Menschen werden enttäuscht“, erklärt Claus Kronaus, Geschäftsführer von Ärzte gegen Tierversuche.

Zu verurteilen ist laut Ärzte gegen Tierversuche auch die Rolle des DPZ bei der „Propaganda für Tierversuche“. Kopf einer vor knapp einem Jahr gegründeten, durch verschiedene tierexperimentelle Einrichtungen unterstützten Plattform, ist der Leiter des DPZ, Prof. Stefan Treue.

„Es ist ein Skandal, dass eine solche Initiative mit öffentlichen Geldern gefördert wird, um das völlig überholte, grausame und für den Menschen gefährliche System Tierversuch mit irreführenden Aussagen und ständiger Verharmlosung weiterhin salonfähig zu halten“, so Kronaus.

Allein das DPZ erhält Dreiviertel seines jährlichen Gesamtbudgets von ca. 20 Millionen Euro aus öffentlicher Hand; das ist etwa doppelt so viel, wie der gesamten tierversuchsfreien Forschung in Deutschland zur Verfügung stehen.

Trotz der schlechten Förderung haben nach Aussage der Ärzte gegen Tierversuche hochinnovative Forschungsmethoden, die beispielsweise auf menschlichen Zellen basieren und eine leidfreie, menschbezogene Forschung ermöglichen, im Gegensatz zum Tierversuch beachtliche Erfolge vorzuweisen. So wurden mit Hilfe sogenannter Mini-Gehirne, die aus Hautzellen kranker Menschen gewonnen werden, Entwicklungsstörungen des menschlichen Gehirns bei Mikrozephalie oder Zika-Virus-Infektion erfolgreich nachvollzogen.

Prof. Treue bezeichnete die von führenden Neurologen entwickelten Mini-Gehirne, die für die Erforschung und Behandlung menschlicher, neurologischer Krankheiten ein großes Potential haben, despektierlich als „Zellklumpen“. Auch die Durstqualen der Primaten in der Hirnforschung werden von dem DPZ-Leiter heruntergespielt.

„Es ist angesichts dieser, für uns Menschen extrem gefährlichen Erfolglosigkeit des Tierversuchs an der Zeit, sich endlich den innovativen Forschungsmethoden wie Mini-Gehirnen, Multiorganchips, Computermodellen, bildgebende Verfahren usw. konsequent zu widmen, die Fördergelder in diese Richtung umzuschichten und die sinnlose und grausame Forschung an Tieren aufzugeben“, erklärt Kronaus abschließend.

Weitere Informationen
Tierversuchshochburgen in Deutschland >>

Quellen für die Aussagen von Prof. Treue
Deutschlandfunk: „Auf der Suche nach Alternativen“, 10.5.2017
Peter Hahne: „Leiden für die Wissenschaft“, ZDF, 10.4.2017


23.8.2017

Zur Bundestagswahl 2017:

So stehen die Parteien zu Tierversuchen

23. August 2017

Anlässlich der Bundestagswahl am 24. September hat der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche Parteien zu ihrer Position zu Tierversuchen befragt und die Antworten in einer übersichtlichen Tabelle zusammengestellt.


CDU/CSU gibt zwar an, dass die Abschaffung von Tierversuchen ihr langfristiges Ziel sei, benennt jedoch keinen Ausstiegszeitpunkt. Eine Umwidmung von Steuergeldern für eine verstärkte Förderung tierversuchsfreier Forschungsvorhaben oder gar eine Novellierung des Tierschutzgesetzes kommt für sie nicht infrage. Auch sieht sie keinen Anlass, besonders leidvolle Tierversuche zu verbieten, Genmanipulation von Tieren entgegenzuwirken und das Verbandsklagerecht zuzulassen.

Die SPD möchte sich lediglich für eine Reduktion von Tierversuchen einsetzen, indem sie die 3R-Forschung* verstärkt fördern will. Eine Novellierung des Tierschutzgesetzes soll insbesondere Versuche an Menschenaffen verbieten. Positiv ist, dass die SPD das Verbandsklagerecht einführen möchte und auch besonders leidvolle Tierversuche verbieten will.

Bündnis 90 / Die Grünen sprechen sich für eine vollständige Abschaffung von Tierversuchen aus, wollen eine Novellierung des Tierschutzgesetzes vorantreiben und besonders leidvolle Tierversuche abschaffen. Ebenso soll das Verbandsklagerecht kommen. Die Grünen möchten eine nationale Strategie samt Maßnahmenplan entwickeln, der Tierversuche endgültig der Vergangenheit angehörig machen soll.

Nicht so die FDP. So lehnt sie ein komplettes Verbot von Tierversuchen entschieden ab. Ebenso eine Novellierung des Tierschutzgesetzes oder eine Umwidmung von Steuergeldern für die Investition in tierversuchsfreie Forschung. Auch das Verbandsklagerecht hat bei ihnen keine Chance. Hingegen soll die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft künftig gestärkt werden, so dass die 3R-Forschung davon profitiert.

Die Linken haben bereits der jetzigen Regierung einen Antrag „Tierversuche beenden“ vorgelegt. Dieser fordert die komplette Abschaffung von Tierversuchen, die zuerst mit dem Verbot von Tierversuchen an Menschenaffen und Tierversuchen für Haushaltsprodukte einhergehen soll. Sie sprechen sich zudem für das Verbandsklagerecht aus und fordern die Umwidmung von Steuergeldern. Die Niederlande fungieren mit ihrem Ausstiegsplan aus dem Tierversuch als ein Vorbild.

Auch nach Ansicht der ÖDP und der Partei Mensch Umwelt Tierschutz müssen alle Tierversuche schnellstmöglich abgeschafft werden. So möchte die ÖPD beispielsweise den Neubau von Tierversuchslaborneubauten stoppen. Beide Parteien setzen sich für eine paritätische Besetzung der §15-Komission ein, für eine Umwidmung von Steuergeldern in Richtung tierversuchsfreier Forschung und die Einführung des Verbandklagerechtes.

Konkrete Pläne für einen Paradigmenwechsel, hin zu einer tierversuchsfreien Forschung und Wissenschaft, sind somit seitens der Grünen, der Linken, der ÖDP und der Partei Mensch Umwelt Tierschutz zu verzeichnen.

* 3R steht für Reduce, Replace, Refine (Reduzieren, Ersetzen, Verfeinern). Dabei wird der Tierversuch als Methode nicht in Frage gestellt, sondern soll lediglich etwas modifiziert werden

Weitere Informationen:

Ampeltabelle als PDF >>
Fragenkatalog als PDF >>


30.8.2017

Nahrung für Zellkulturen

Fetales Kälberserum für millionenfaches Tierleid verantwortlich

Fetales Kälberserum (FKS) wird als Nährlösung zur Kultivierung von Zellen genutzt. Seine Gewinnung ist extrem grausam. Dabei gibt es längst ethisch einwandfreie Nährmedien, die etwa aus abgelaufenen Blutspenden hergestellt werden. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche will auf diesen Missstand aufmerksam machen und Zellkulturforscher zum Umdenken bewegen.

Anstelle von Tierversuchen kommen zunehmend Kulturen und Organchips aus menschlichen Zellen zum Einsatz, die etwa bei Operationen als Abfall anfallen. Sie werden bei Giftigkeitsprüfungen von Chemikalien oder bei der Medikamentenentwicklung genutzt. Um diese Zellen am Leben zu halten und zum Wachsen zu bringen, benötigen sie ein Nährmedium, d.h. eine Flüssigkeit in der verschiedene Nährstoffe enthalten sind. Als „Goldstandard“ wird dafür bisher standardmäßig Blutserum von ungeborenen Kälbern genutzt.

Doch die Gewinnung dieses fetalen Kälberserums (FKS) ist grausam. Unmittelbar nach der Schlachtung einer schwangeren Kuh wird dieser der Fötus aus der Gebärmutter herausgeschnitten. Dann wird dem noch lebenden Kalb eine dicke Nadel direkt ins schlagende Herz gestoßen und Blut abgesaugt, bis es blutleer ist und das Kalb stirbt.

Obwohl laut wissenschaftlicher Studien davon auszugehen ist, dass Kälberfeten bereits leidensfähig sind, geschieht diese Prozedur ohne Betäubung. Weltweit werden etwa 800.000 Liter fetales Kälberserum verwendet. Pro Kalb wird ca. ein halber Liter Blut gewonnen. Dies bedeutet den qualvollen Tod von jährlich 1-2 Millionen Kälbern.

Die Herkunft des Kälberserums bestimmt dabei ebenso den Preis. Serum aus Neuseeland oder Australien ist besonders teuer, da das Blut der Inselkühe frei von Seuchen wie Maul- und Klauenseuche ist. Die Preise pro Liter FKS können deshalb von 100 Euro bis zu mehreren Tausend Euro schwanken und machen das Serum zu einem lukrativen Nebenprodukt der Fleischgewinnung.

Tierleidfreie Möglichkeiten gibt es längst. Beispielsweise bietet das humane Blutplättchen-Lysat (hPL), das aus abgelaufenen Blutspenden hergestellt wird, viele Vorteile gegenüber dem fetalen Kälberserum. Da es sich um Serum von Menschen handelt, ist es als Nährmedium für ebenfalls menschliche Zellen sehr gut geeignet.

„FKS-Medien werden zum großen Teil in der In-vitro-Forschung eingesetzt, d.h. von jenen Wissenschaftlern, die ohne Tierversuche forschen und meist auch einen hohen ethischen Anspruch haben. Wir möchten Zellkulturforscher zum Umstellen bewegen und haben jetzt Infos einschließlich Bezugsquellen unter fks-frei.de bereitgestellt“, so Julia Schulz, Tierärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche.

Weitere Informationen: www.fks-frei.de


05.9.2017

Wo sind die MPI-Affen?

Ärzte gegen Tierversuche fordern Transparenz über den Verbleib der Tübinger Primaten

Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche fordert zusammen mit seinen europäischen Partnern One Voice und Cruelty Free International (CFI) Aufklärung über den Verbleib der überlebenden Affen des Tübinger Max-Planck-Instituts (MPI) Tübingen. Die Organisationen haben von der zuständigen Behörde die Mitteilung erhalten, dass fünf der Affen an die Neurologische Abteilung der Katholischen Universität Leuven in Belgien abgegeben worden seien. Nur diese Institution hatte der Weitergabe der Information zugestimmt, während andere Empfänger der Affen diese verweigert hatten.

„Es ist absolut inakzeptabel, dass das Schicksal der Affen geheim gehalten wird“, erzürnt sich Dr. Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche. „Die Tierversuchsindustrie gibt sich gern den Anstrich, transparent zu sein, tatsächlich wird aber gemauert. Das MPI und damit die Affenversuche werden durch Steuergelder finanziert. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, was mit den Tieren geschehen ist.“

Nach einer jahrelangen Kampagne gegen die Affenhirnforschung in Tübingen durch Ärzte gegen Tierversuche stand das MPI 2014 im Fokus der medialen Aufmerksamkeit, als undercover gemachte Aufnahmen das Leid der Primaten dokumentierten. Bei dieser Art der Forschung werden die Affen seelischem und körperlichen Zwang unterworfen, indem ihnen Flüssigkeit vorenthalten wird. Nur wenn sie sich dem Forscherwunsch entsprechend verhalten, bekommen die Tiere etwas zu trinken. Manche Affen werden über Jahre eingesetzt.

2016 kündigte das MPI an, die Hirnforschung an Affen auslaufen zu lassen. Was mit den überlebenden Affen geschehen sollte, wurde nicht kommuniziert. Der Ärzteverein, One Voice und CFI riefen mit Unterstützung der international anerkannten Verhaltensforscherin und UN-Friedensbotschafterin Dr. Jane Goodall das MPI auf, die Tiere in Auffangstationen abzugeben. Die Affen hätten genug gelitten und hätten es verdient, wenigstens den Rest ihres Lebens frei von den Entbehrungen und der Gefangenschaft im Labor zu verbringen. „Doch stattdessen hat das MPI die Tiere offensichtlich an andere Labore verschachert, wo sie weiter in der grausamen Hirnforschung leiden müssen“, befürchtet Gericke.

Die Vereine stellen die Affenhirnforschung nicht nur aus ethischen Gründen in Frage, sondern auch wegen ihres fragwürdigen wissenschaftlichen Ansatzes. „Am MPI wird hauptsächlich Grundlagenforschung betrieben, d.h. Forschung, bei der es um die Befriedigung der Neugier einzelner Personen geht, nicht aber um die klinische Anwendung“, erklärt Tierärztin Gericke. Aufbau und Funktion des Gehirns von Affen und Menschen sind so verschieden, dass Ergebnisse aus solchen Tierversuchen irreführend und die Übertragung auf den Menschen reine Spekulation sind.

Einer wissenschaftlichen Studie zufolge wird von Affenhirnforschern der Nutzen ihrer Forschung stark übertrieben. Ihr Ergebnis: Ethisch vertretbare Forschung direkt am Menschen ist für den medizinischen Fortschritt sehr viel wertvoller, wird aber von Affenhirnforschern unterbewertet. Diese übertreiben hingegen die Wichtigkeit ihrer Forschung, indem sie fälschlicherweise als ausschlaggebend für einzelne medizinhistorische Durchbrüche dargestellt wird.

Weitere Informationen:
Bailey J & Taylor K.: Non-human Primates in Neuroscience Research: The Case Against its Scientific Necessity. ATLA 2016: 44; 43-69 https://www.crueltyfreeinternational.org/sites/default/files/Bailey_Taylor_primate%20neuroscience_ATLA_2016.pdf

Pressemitteilung vom 9.5.2017: Dr. Jane Goodall fordert Freilasung der überlebenden MPI-Affen >>


28.9.2017

Ärzte gegen Tierversuche: Geplante Tierversuche am Klinikum Nürnberg sind unsinnig

Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche zeigt sich entsetzt über die jetzt bekannt gewordene Ausweitung der Tierversuche in Nordbayern. Die private Paracelsus Universität will am Klinikum Nürnberg künstliche Knorpel und Sehnen an Ratten und Mäusen erforschen. Der Verein hält die für 2018 geplanten Tierversuche für wissenschaftlich unsinnig.

„Wie will man eine kleine, gesunde, junge Maus, die auf vier Beinen läuft und über eine schnelle Regenerationsfähigkeit verfügt, mit alternden Menschen, die oft noch an anderen Krankheiten oder Fettleibigkeit leiden und mit ihrem Zweibeinergang Knorpel und Sehnen ganz anders belasten, vergleichen?“, fragt Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende des Ärztevereins. Statik, Last-Kraft-Verhältnis, Biomechanik, Ernährung, Alter, Vorerkrankungen – nichts davon stimmt zwischen Maus und Mensch überein. Die Ergebnisse aus solchen Tierversuchen sind daher nicht auf die klinische Situation beim Menschen übertragbar. Dagegen könne man menschliche Knorpelzellen bereits sehr gut in vitro, also im Reagenzglas, züchten. „An solchen humanen Modellen macht Forschung Sinn“, erklärt Gericke.

Eine schriftliche Genehmigung gibt es noch nicht, aber 500.000 Euro wurden bereits in die Einrichtung des Labors investiert, in dem die Ratten und Mäuse gehalten werden sollen. Der Ärzteverein spricht von Geldverschwendung und einem völlig falschem Signal. „Während unsere Nachbarn in den Niederlanden mit einem innovativen Ausstiegskonzept auf tierversuchsfreie Forschung setzen, werden an einer seit Jahren tierversuchsfreien Uni Nordbayerns die Uhren zurückgedreht und altertümliche Tierversuche hervorgekramt“, kritisiert die Tierärztin.

Dabei spielt es nach Aussage des Ärztevereins keine Rolle, dass es sich um ein relativ kleines Labor mit einer Kapazität von 100 Mäusen und 20 Ratten handeln soll. „Jede Maus, die in unsinnigen Tierversuchen verforscht wird, ist eine zu viel“, so Gericke abschließend.

Online-Petition der Aktionsgruppe Tierrechte Bayern >>

Kampagne "Nürnberg muss tierversuchsfrei bleiben" >>


29.9.2017

Jetzt Weichen für Ausstieg aus Tierversuch stellen!

Forderung der Ärzte gegen Tierversuche zum Welttierschutztag

29. September 2017

Anlässlich des Welttierschutztages am 4. Oktober und der neuen Regierungsbildung fordert die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche erneut eine umfassende Strategie zum Ausstieg aus dem Tierversuch zugunsten der tierversuchsfreien Forschung. Die Niederlande haben diesen Fortschritt bereits eingeleitet und Deutschland dürfe den Anschluss nicht verpassen.

In den Wahlprüfsteinen des Ärztevereins betont CDU/CSU zwar die Abschaffung von Tierversuchen als ihr langfristiges Ziel, benennt jedoch weder Ausstiegszeitpunkt noch zielführende Maßnahmen. Es soll weiter an den „3R“ festgehalten werden, die für Tierversuche reduzieren, ersetzen, verfeinern stehen. „Das 3R-Konzept stellt den Tierversuch als Methode aber gar nicht in Frage, sondern er soll lediglich etwas modifiziert werden. Dabei sind Tierversuche nicht nur grausam, seit Jahren belegen immer mehr wissenschaftliche Studien ihr gefährliches Versagen“, kritisiert Dr. Corina Gericke, Vizevorsitzende der Ärzte gegen Tierversuche, „So ist die neue Bundesregierung gefordert, strategisch das Ende der Tierversuchs-Ära einzuleiten und eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Forschung voranzutreiben. Die Niederlande machen bereits vor, wie es gehen kann.“

Die Niederlande wollen bis 2025 führend auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Forschung werden und haben ein Strategiepapier zum Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung erarbeitet. Auf gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche wie die Prüfung von Chemikalien oder Impfstoffen soll demzufolge bis 2025 vollständig verzichtet werden, für andere Bereiche wie Grundlagenforschung gibt es einen Abbauplan.

Wiederholt kritisiert der Ärzteverein zudem die seit Jahren steigenden Tierversuchszahlen, laut Bundesstatistik mussten 2015 rund 2,8 Millionen Tiere in Versuchen leiden. „Die tatsächlichen Zahlen sind noch viel höher, hinzu kommen sogenannte Ausschusstiere aus Genmanipulationen und auf „Vorrat“ gezüchtete, die ungezählt getötet werden. Nach unseren Berechnungen sterben jährlich etwa 8 Millionen Tiere“, betont Gericke.

Weitere Informationen
Stellungnahme Strategiepapier inkl. Link Original >>


18.10.2017

Grausame Tierversuche müssen verboten werden

Gemeinsame Pressemitteilung
Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
TASSO e.V.
18. Oktober 2017

Rechtsgutachten belegt schwerwiegende Fehler zulasten der Tiere im deutschen Tierschutzrecht

„Es muss sichergestellt werden, dass Tiere in Deutschland nicht mehr Versuchen ausgesetzt werden, die eine ethisch begründete Belastungsgrenze überschreiten“ – so das Fazit des aktuellen Rechtsgutachtens der Juristin Dr. Davina Bruhn. Das von den drei Vereinen Ärzte gegen Tierversuche, TASSO und Bund gegen Missbrauch der Tiere in Auftrag gegebene Gutachten belegt, dass bei der Umsetzung der EU-Tierversuchsrichtlinie in deutsches Recht schwerwiegende Fehler zulasten der Tiere begangen worden sind.

In München sterben Paviane qualvoll, nachdem ihnen ein Schweineherz in den Bauch eingepflanzt worden ist, in Mannheim müssen Ratten in einem glattwandigen Gefäß schwimmen, bis sie vor Verzweiflung aufgeben – solche, von der EU mit dem Schweregrad „schwer“ eingestuften Tierversuche könnten nach den Vorgaben der EU verboten werden, die eine Schmerz-Leidens-Obergrenze vorsehen. Jedoch wurden bei der Umsetzung der EU-Tierversuchsrichtlinie in deutsches Recht „Handlungsspielräume hinsichtlich eines höheren Tierschutzniveaus ignoriert und tierliche Interessen nicht angemessen berücksichtigt“, heißt es in dem Gutachten. Bruhn moniert zudem, dass Experimentatoren die Einschätzung der Belastung für die Tiere selbst vornehmen und dabei die Gefahr besteht, dass Schmerzen und Leiden zu niedrig eingestuft würden.

Zwar würde ein Verbot schwerstbelastender Versuche einen Eingriff in die Forschungsfreiheit darstellen, dies sei „jedoch verhältnismäßig und sowohl verfassungsmäßig geboten als auch mit den unionsrechtlichen Vorgaben zu vereinbaren“. Tiere unerträglichen Leiden auszusetzen, würde sie zu bloßen Versuchsobjekten herabstufen, was ihrem „verfassungsrechtlich geschützten Eigenwert auf eklatante Weise zuwider laufen“ würde.

Ein Verbot von „schwerstbelastenden“ Tierversuchen ist von der EU eindeutig beabsichtigt, wurde aber von der Bundesregierung ignoriert. Allerdings ist „eine Abgrenzung zwischen schwer und schwerst leidvollen Tierversuchen kaum möglich“, erklärt Bruhn in ihrem Gutachten. Die Tierschützer fordern daher generell ein Verbot von Tierversuchen mit Schweregrad „schwer“.

Im deutschen Tierversuchsrecht ist außerdem der Begriff der Ängste komplett unter den Tisch gefallen, den die EU als eigenständige Belastungskategorie erfasst wissen wollte.

Schon Anfang 2016 hatte ein durch die Bundestagsfraktion B90/Die Grünen vorgelegtes Rechtsgutachten belegt, dass bei der Regelung von Tierversuchen EU-Recht fehlerhaft zulasten der Tiere in deutsches Recht umgesetzt worden war.

Das aktuelle Gutachten unterstreicht einmal mehr die Forderung der drei Verbände nach einem gesetzlichen Verbot zumindest der grausamsten Tierversuche.

Diese Forderung wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland unterstützt. Einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom März 2017 zufolge sprechen sich 71 % der Befragten für ein gesetzliches Verbot der schlimmsten Tierversuche aus.

Weitere Informationen:
• Kampagnen-Seite http://www.schwimmen-bis-zur-verzweiflung.de
• Dr. Davina Bruhn: Rechtsgutachten zum Verbot schwerstbelastender Tierversuche, 11.10.2017 >>
• Dr. Christoph Maisack: Gutachten zur Frage, ob und ggf. welche Bestimmungen der Richtlinie 2010/63/EU (EU-Tierversuchs-Richtlinie) durch das Dritte Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes und die Tierschutz-Versuchstierverordnung nicht oder nicht ausreichend in deutsches Recht umgesetzt worden sind, 18.1.2016
• Forsa: Meinungen zu Tierversuchen in der Medikamentenforschung, März 2017 >>


15.11.2017

Plakataktion gegen Tierversuche in Berlin

Gemeinsame Pressemitteilung
Ärzte gegen Tierversuche e.V.
Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
TASSO e.V.
15. November 2017

Grausame Depressionsforschung an Tieren im Fokus

„Stell dir vor, du schwimmst in einem Eimer und es gibt kein Entrinnen“ – dazu das Bild einer Ratte, die mit ihren Pfötchen an der glatten Wand eines Wasserglases abrutscht. Mit diesem Plakat in 28 Berliner U-Bahn-Stationen machen drei bundesweite Vereine auf das Leid der Tiere im Labor und die wissenschaftliche Fragwürdigkeit von Tierversuchen aufmerksam und fordern zur Unterstützungsunterschrift auf. Ein neues juristisches Gutachten untermauert jetzt die Verbotsforderung für besonders leidvolle Tierversuche.

Ziel der Ärzte gegen Tierversuche, Bund gegen Missbrauch der Tiere und TASSO ist es, ein gesetzliches Verbot von Tierversuchen mit Schweregrad „schwer“ zu erreichen. Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge, fielen 2015 Versuche an etwa 154.000 Tieren – das sind 5,5% der insgesamt 2,8 Millionen Tiere – in diese Kategorie. Die EU sieht eine Schmerz-Leidens-Obergrenze bei Tierversuchen vor, die im deutschen Tierschutzrecht jedoch ignoriert wird. Diese mangelhafte Auslegung EU-Rechts zulasten der Tiere wird durch ein aktuelles juristisches Gutachten bestätigt.

Auch in Berlin werden Tierversuche durchgeführt, die die EU mit Schweregrad „schwer“ einstuft. So wird an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Charité bei Mäusen ein künstlicher Schlaganfall ausgelöst, indem mit einem Faden eine Hirnarterie verstopft wird. Um zu ergründen, ob dies bei den Tieren Depressionen auslöst, müssen sie in einem Wasserglas schwimmen. Es wird die Zeit gemessen, bis die Maus sich aufgibt und nicht mehr schwimmt. Dies wird als depressives Verhalten gewertet. Am Institut für Tierernährung der Tiermedizinischen Fakultät der FU werden Katzen 8 Tage lang einzeln in kleinen Käfigen gehalten, in denen sich die Tiere kaum bewegen können, um ihre Ausscheidungen auf Harnsteine zu untersuchen. Am Institut für Immunologie der Charité Campus Benjamin Franklin werden Mäuse mit einem Krebsmittel vergiftet, das zwar den Tumor eindämmt, aber die Tiere tötet.

Neben der offenkundigen Grausamkeit kritisieren die Verbände die wissenschaftlich mangelnde Relevanz solcher Versuche. So heißt es auf dem Plakat anschaulich: „Dir wird ein Antidepressivum gegeben. Schwimmst du im nächsten Versuch länger, gilt das Mittel als wirksam. So geht Medikamentenforschung!“

Die Forderung der Vereine wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland unterstützt. Einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom März 2017 zufolge, sprechen sich 71 % der Befragten für ein gesetzliches Verbot der schlimmsten Tierversuche aus.

Unter www.petition-tierversuche.de sammeln die Verbände Unterschriften.

Weitere Informationen:
Kampagnen-Seite www.schwimmen-bis-zur-verzweiflung.de
Petition: www.petition-tierversuche.de


21.11.2017

Ärzte gegen Tierversuche starten Schulprojekt

Angebote an Schulleitungen und Lehrer

Das Thema Tierversuche und moderne, tierversuchsfreie Forschungsmethoden sind nicht Gegenstand von Lehrplänen. Die Behandlung in der Schule erachtet die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche jedoch als essenziell und startet daher ihr neues Schulprojekt. Es richtet sich an Schulleitungen und Lehrer, für die ab sofort verschiedene Anregungen und Angebote bereitgestellt sind unter www.tierschutz-in-der-schule.de

„Die Schüler von heute sind die Wissenschaftler von morgen. Daher sehen wir es als unsere Verpflichtung an, die heranwachsende Generation über Fakten aufzuklären, Lösungsansätze aufzuzeigen und Anregungen für eigene Aktivitäten zu geben“, so Eva Nimtschek, Leiterin des Schulprojektes bei Ärzte gegen Tierversuche.

Die Webseite www.tierschutz-in-der-schule.de wendet sich an engagierte Lehrer. Für deren Unterricht haben Pädagogen gemeinsam mit Wissenschaftlern der Ärztevereinigung Arbeitsmaterial für unterschiedliche Altersstufen didaktisch ausgearbeitet und zum kostenlosen Download bereitgestellt. Passend zum Unterrichtsfach können Inhalte ausgewählt werden, z.B. Biologische Unterschiede zwischen Mensch und Tier, Ethik, Recht und tierversuchsfreie Forschung. Angeboten werden Arbeitsblätter für Einzel- und Gruppenarbeit, Vorschläge für Diskussionen, Projektarbeiten und Theateraufführungen, Filme und Broschüren.

Zudem bietet der Ärzteverein an, Tierschutzlehrer an Schulen einzuladen, um stundenweise oder an Projekttagen den Themenkomplex zu behandeln. Zurzeit stehen 10 speziell ausgebildete, bundesweit in verschiedenen Regionen aktive Tierschutzlehrer dem Verein ehrenamtlich zur Verfügung. Wer ebenfalls Interesse hat, sich hier einzubringen, dessen Kontaktaufnahme wird sehr begrüßt.

„Mit der neuen Website führen wir unser Schul- und Jugendprojekt fort, das aus einer Website für Kinder sowie gedruckten Infomaterialien besteht. Unser Ziel ist dabei, Jugendliche für das Leid hilfloser Lebewesen zu sensibilisieren und Oberstufenschülern spannende neue Perspektiven für ihre berufliche Laufbahn mitzugeben – und so schließlich den Boden für eine Forschung und Medizin ohne Tierversuche zu bereiten“, schließt Nimtschek.

Weitere Information
Lehrerwebseite Schulprojekt www.tierschutz-in-der-schule.de


28.11.2017

LEIDbild für die Forschung

Uni Münster setzt weiter auf den Tierversuch

Pressemitteilung - lokal
28. November 2017

Die Universität Münster hat ein Leitbild für die Ethik im Umgang mit Tieren in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre formuliert. Es soll als Orientierungsrahmen dienen und eine Sensibilisierung aller am Tierversuch beteiligten Personen bewirken. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche bezeichnet es als „LEIDbild“, da das Prinzip Tierversuch nicht ansatzweise infrage gestellt wird und die Formulierungen lediglich der Verfeinerung (Refinement) und Reduzierung (Reduction) von Tierversuchen dienen.

Im Leitbild der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) wird festgehalten, dass im Sinne einer Selbstbeschränkung Tierversuche, die eine bestimmte Belastungsobergrenze übersteigen, nicht durchgeführt werden sollen. Darunter fielen Versuche, die langanhaltende starke Schmerzen, schwere Leiden oder Ängste hervorrufen. Ferner soll nach dem Versuchsende abgewogen werden, „ob den Tieren eine Lebensperspektive ermöglicht werden kann“. Die WWU möchte sich mit ihrem Leitbild für einen Ersatz, eine Verfeinerung und eine Reduktion (sogenannte 3R) von Tierversuchen in der Forschung und Lehre einsetzen. Formuliert wurde es von einer Kommission und Vertretern verschiedener Fachrichtungen.

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche moniert, dass viele entscheidende Fragen offen bleiben. Was bedeutet „langanhaltend“? Ist es „langanhaltend“, wenn eine Ratte im Wasserglas 2, 5 oder 10 Minuten schwimmen muss, bis sie vor Verzweiflung aufgibt? Wer bestimmt, ob die Versuchstiere nach dem Versuchsende weiterleben dürfen und anhand welcher Kriterien wird diese Entscheidung getroffen? Hier bleiben die Formulierungen des Leitbildes wage und lassen einen großen Interpretationsspielraum zu. „Das Leitbild erfüllt nicht mehr als eine Alibifunktion“, so Tierärztin Julia Schulz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Vereins. „Einmal mehr wird die sogenannte 3R-Forschung unterstützt, die letztendlich dazu dient, Tierversuche unter dem Vorwand des Tierschutzes zu zementieren, jedoch keineswegs auf diese zu verzichten“, erklärt Schulz. Zwar wird eine Vision formuliert, in der eine wissenschaftliche Forschung und Lehre ohne Versuche an empfindungsfähigen Tieren auskommt, doch ist dem Ärzteverein angesichts verfügbarerer moderner Verfahren wie Multiorganchips eine Vision zu wenig.

Tierärztin Schulz äußert sich dementsprechend kritisch: „Das Leitbild bietet keine positiven Neuerungen in Hinblick auf eine zukunftsorientierte tierversuchsfreie Forschung. Vielmehr dient es dazu, den Tierversuch in der Öffentlichkeit hoffähig zu machen.“

Der Ärzteverein war im Vorfeld von der Uni Münster angefragt worden, an dem Papier mitzuarbeiten, hätte aber nur ein Leitbild mittragen können, das sich an einer fortschrittlichen Forschung und Lehre ohne Tierversuche orientiert.


30.11.2017

Tierversuche verschleiern Gefahr von Glyphosat

Die fatale Unzuverlässigkeit von Tierversuchen am Beispiel des Unkrautvernichters

Glyphosat darf für fünf weitere Jahre in der EU eingesetzt werden. Laut Ärzte gegen Tierversuche ist dies unter anderem auf die nicht vorhandene Aussagekraft von Tierversuchsstudien zurückzuführen, welche eine eindeutige Beweisfindung für die gesundheitsschädigende Wirkung des Herbizids verhinderte.

Am vergangenen Montag stimmten 28 EU-Staaten im Brüsseler Berufungsausschuss über eine weitere Zulassung von Glyphosat ab, unter ihnen Agrarminister Christian Schmidt (CSU), der sich für eine Zulassung aussprach, obwohl sich die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) im Vorfeld klar dagegen geäußert hatte.

Das Gift tötet nicht nur „Unkraut“ ab, sondern auch andere Pflanzen und ist so ein Hauptverursacher des massiven Artensterbens, da Tieren die Lebensgrundlage entzogen wird. Von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (International Agency for Research on Cancer (IARC)) wurde es in einem Bericht von März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend beim Menschen" eingestuft. Das WHO/FAO-Gremium „Joint Meeting on Pesticide Residues“ (JMPR) war jedoch aufgrund eigener in Auftrag gegebener Studien der Meinung, dass die Chemikalie keine Gefahr für den Menschen darstellen würde.

Die unterschiedlichen Einschätzungen sind unter anderem auf unterschiedliche Ergebnisse aus Versuchen an Ratten zurückzuführen, laut denen das Mittel mal als krebserregend eingestuft wurde und mal nicht. Dabei zeigt sich im Fall Glyphosat einmal mehr: Ergebnisse aus Tierversuchen sind wertlos, weil sie extrem unzuverlässig sind. „Dagegen weisen epidemiologische Studien auf eine Gefahr des Unkrautvernichters hin und haben im Gegensatz zum Tierversuch eine sehr hohe Relevanz in ihrer Aussagekraft“, so Dr. med. vet. Gaby Neumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ärztevereinigung.

Die Zulassungsbehörden verlassen sich stattdessen auf Tierversuche - Tests, deren Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragbar sind, ja sogar eine Gefahr für ihn darstellen. Der Fall Glyphosat zeigt dies in aller Deutlichkeit. „So müssen sich Giftigkeitsprüfungen endlich an tierversuchsfreien Forschungsmethoden etwa mit menschlichen Zellkulturen orientieren, um verwertbare Ergebnisse zu erzielen“, schließt Dr. med. vet. Gaby Neumann.

Weitere Infos zu Chemikalien-Tierversuchen >>

 


29.12.2017

Aktuelle Statistik: 2.854.586 Tiere litten in deutschen Laboren

Anzahl der in Versuchen missbrauchten Tiere steigt wieder an!

Der aktuell vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) veröffentlichten Tierversuchsstatistik zufolge ist die Zahl der für Versuche verwendeten Tiere 2016 auf 2.854.586 Tiere angestiegen. 2015 waren es noch etwa 54.000 weniger Tieropfer, kritisiert der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche.

Mäuse haben mit knapp 2 Millionen (70,1 %) am häufigsten in den Laboren leiden müssen. Auf dem traurigen 2. Platz folgten 312.654 Ratten (11,2 %). Einen deutlichen Anstieg um 100.000 gab es beim Einsatz von Fischen in Versuchen auf mehr als 300.000 Tiere (10,9 %). Zudem litten 95.736 Kaninchen, 2.424 Affen, 2.008 Hunde und 485 Katzen in deutschen Tierlaboren.

Die vorliegenden Zahlen bestätigen wieder einmal, dass sich das hohe Niveau der Tierversuche weiter zementiert - zumal die Statistik noch nicht einmal alle für die Wissenschaft getöteten Tiere erfasst. Außer Acht gelassen werden nämlich die auf Vorrat gezüchteten Tiere, was vor allem bei Mäusen der Fall ist, und Tiere, die bei einer Genmanipulation nicht das gewünschte Merkmal aufweisen und getötet werden, ohne dass sie in der Statistik auftauchen. Bei den gezählten genmanipulierten Tieren ist die Anzahl um rund 93.000 Tiere auf etwa 1,2 Millionen gestiegen.

Eine weitere erschreckende Zahl ist nach Ansicht der Ärzte gegen Tierversuche der Anstieg der Tierversuche in der Schweregrad-Kategorie „schwer“ um 2.445 auf 114.824 Tiere. „Diese Versuche, bei denen die Tiere mit starken oder lang anhaltenden Schmerzen oder Leiden konfrontiert werden, dürfte es nämlich in Deutschland gar nicht geben, wenn die Bundesregierung die Vorgaben der EU-Tierversuchs-Richtlinie im Sinne unseres Staatsziels Tierschutz voll ausgeschöpft hätte“, kritisiert Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende der Ärzte gegen Tierversuche. „Dabei werden zum Beispiel Ratten mit Elektroschocks oder Mäuse durch Schwimmen bis zur Verzweiflung getrieben, um menschliche Depressionen zu simulieren und Affen sterben qualvoll an der Abstoßungsreaktion, nachdem ihnen ein Schweineherz in die Bauchhöhle eingepflanzt worden ist.“ Der Ärzteverein kämpft mit seiner Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ für ein gesetzliches Verbot zumindest dieser besonders grausamen Tierversuche.

Gericke moniert zudem den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Statistik: „Wochenlang haben wir ohne Erfolg immer wieder beim BMEL nachgehakt. Und jetzt kommen die aktuellen Zahlen am Nachmittag des 29. Dezembers raus. Soll so erreicht werden, dass die kritischen Wellen nicht so hoch schlagen wie üblich?“

Die Tierversuchsstatistik wird in Deutschland seit 1989 erfasst. Damals lag die Tierzahl bei 2,64 Millionen. In den 1990er Jahre sank die Zahl bis auf einen Tiefpunkt von 1,5 Millionen und steigt seither kontinuierlich an. Schuld daran ist nach Aussage der Ärzte gegen Tierversuche vor allem die zweckfreie Grundlagenforschung, die heute 53 % ausmacht – mit 1,2 Millionen Tieren viermal so viel wie vor 30 Jahren. Dabei wird etwa erforscht, wie lange Nacktmulle ohne Sauerstoff auskommen können oder wie sich ein Jetlag auf das Gehirn von Mäusen auswirkt. „Zu glauben, Tierversuche würden zum Wohle des Menschen gemacht werden, ist ein Trugschluss“, erklärt die Tierärztin.

Weitere Informationen

BMEL: Versuchstierzahlen 2016 >>
Kampagne „Schwimmen bis zur Verzweiflung“ >>

Beitragsseiten

Drucken