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"Falsch und verwirrend"

Tierexperimentator der JKU Linz aus eigenen Forscherreihen kritisiert

09.09.2020

Die Berufung eines deutschen Tierexperimentators von der Charité Berlin an die Johannes-Kepler-Universität (JKU) Linz hat viel öffentliche Kritik hervorgerufen. Nun zweifeln sogar renommierte Gutachter an den Ergebnissen seiner Tierversuche. Der deutsche Verein Ärzte gegen Tierversuche fordert von der Unileitung erneut, dem Experimentator den Laufpass zu geben und stattdessen auf rein tierversuchsfreie Forschung zu setzen.

Die bisher tierversuchsfreie Johannes-Kepler-Universität (JKU) in Linz baut momentan eine Tierhaltung für „Versuchs“tiere und hat den Krebsforscher Prof. Dr. Clemens Schmitt von der Charité Berlin berufen, der Versuche an Mäusen durchführt. Der Verein Ärzte gegen Tierversuche hat einen kürzlich in der hochrangigen Fachzeitschrift Nature Communications (1) erschienenen und von der JKU hochgelobten Artikel (2) von Schmitt und Co-Autoren unter die Lupe genommen. Bei den in Berlin durchgeführten Versuchen mit mehr als 130 Mäusen wurden verschiedene Gendefekte erzeugt, um sie anfälliger für die Entwicklung von Lymphomen (bösartiger Blutkrebs) zu machen. Manche Mäuse wurden getötet, um von ihnen isolierte Lymphom-Zellen anderen jungen, gesunden Mäusen zu spritzen, die kurz danach auch an der Erkrankung litten. Die Mäuse wurden einem oder mehreren Chemotherapie-Zyklen ausgesetzt, viele starben qualvoll an den Tumoren. Überlebende Mäuse wurden nach 100 Tagen getötet. Gleichzeitig wurden Daten von Lymphom-Patienten untersucht und die Veränderungen der Genexpression bei Mäusen und Patienten, bei denen die Chemotherapie nicht gewirkt hat, analysiert.

„Diese künstlich hervorgerufenen Symptome sind mit der komplexen Krebsentstehung beim Menschen nicht vergleichbar. Im Gegensatz zu den jungen, genetisch einheitlichen Mäusen sind die meisten Lymphom-Patienten älter, haben diverse genetische Merkmale und werden nicht durch das Injizieren fremder Krebszellen krank“, sagt Dr. Dilyana Filipova, Genetikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche.

Es ist bekannt, dass die übliche Chemotherapie bei ca. 40% der Lymphom-Patienten nicht wirkt. Großflächige Bevölkerungsstudien haben spezifische genetische Merkmale bei solchen Patienten bereits identifiziert (3). „Trotzdem werden in der Veröffentlichung von Schmitt, Tiere schwerstem Leiden ausgesetzt, um nach den von Patienten bekannten genetischen Merkmalen bei Mäusen zu suchen,“ erklärt Filipova.

Scharfe Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen der Krebsforscher. Die Studie wurde vor Veröffentlichung von drei anonymen Wissenschaftlern für das Journal begutachtet (4). Zwei der drei Gutachter kritisieren die Tatsache, dass die riesigen Unterschiede zwischen den benutzten Mäusen und Lymphom-Patienten seit Jahrzehnten bekannt sind. So schreibt einer der Gutachter, dass die Arbeit auf der falschen Annahme basiere, dass das verwendete „Mausmodell“ ein Modell für das untersuchte menschliche Lymphom sei. Dies sei ein bedeutender Fehler und die Behauptung, der Mäusekrebs spiegele die klinischen und genetischen Eigenschaften von menschlichen Tumoren wider, sei „falsch und verwirrend“. Ähnlich kritisch äußert sich der zweite Gutachter. In der Regel können nur etablierte Wissenschaftler mit jahrelanger Erfahrung im entsprechendem Bereich Gutachter bei renommierten Journalen wie Nature Communications sein. Das bedeutet, dass selbst große Experten der Lymphom-Forschung sehr skeptisch gegenüber den publizierten Mausergebnissen sind. „Dass die JKU diese Studie trotzdem aktiv lobt und behauptet, die Erkenntnisse würden eine präzise Prognose für Lymphom-Patienten ermöglichen, ist äußerst unwissenschaftlich und schafft eine falsche Hoffnung für Patienten und deren Familien“, so Filipova.

Ärzte gegen Tierversuche warnt seit langem vor der fehlenden Übertragbarkeit tierexperimenteller Daten auf den Menschen. So ist es nicht überraschend, dass bis zu 95% aller Medikamente, die im Tierversuch wirksam und verträglich sind, in den darauffolgenden Menschen-Studien scheitern, d.h. nicht auf dem Markt kommen, vor allem, weil sie nicht wirken oder schwerwiegende Nebenwirkungen haben. Bei Krebserkrankungen liegt diese Fehlerquote sogar bei fast 97% (5).

Der Verein fordert von der Universitätsleitung den Verzicht auf die vorgesehenen Tierversuche und eine Umwidmung des geplanten Tierhaltungsgebäudes zugunsten innovativer, tierversuchsfreier Forschung, die sich mittlerweile weltweit etabliert.

Quellen:

(1) Schleich K. et al.: H3K9me3-mediated epigenetic regulation of senescence in mice predicts outcome of lymphoma patients. Nature Communications 2020: 11; 3651

(2) JKU: Neue Forschungs-Erkenntnisse ermöglichen präzise Prognose für Lymphom-Patienten, https://www.jku.at/news-events/news/detail/news/neue-forschungs-erkenntnisse-ermoeglichen-praezise-prognose-fuer-lymphom-patientinnen/, aufgerufen am 01.09.2020

(3) Chapuy B. et al.: Molecular subtypes of diffuse large B cell lymphoma are associated with distinct pathogenic mechanisms and outcomes. Nature Medicine 2018: 24; 679-690

(4) Schleich K. et al.: H3K9me3-mediated epigenetic regulation of senescence in mice predicts outcome of lymphoma patients. Nature Communications 2020: 11; 3651; Peer Review: https://static-content.springer.com/esm/art%3A10.1038%2Fs41467-020-17467-z/MediaObjects/41467_2020_17467_MOESM2_ESM.pdf, aufgerufen am 01.09.2020

(5) Wong C. H.et al.: Estimation of clinical trial success rates and related parameters. Biostatistics 2019: 20(2); 273-286

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