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Wissenschaftliche Studien

»Tiermodelle« können schädliche Wirkungen für den Menschen nicht vorhersagen

Eine im Januar 2009 veröffentlichte Studie untersuchte, ob sogenannte »Tiermodelle« potentielle Risiken für den Menschen vorhersagen können. Die Autoren gingen der Frage nach, ob es - insbesondere in den Bereichen Toxikologie und Pathophysiologie - zuverlässige Belege für die Brauchbarkeit von »Tiermodellen« für die Vorhersage möglicher Reaktionen von Menschen auf bestimmte Substanzen oder Therapien gibt. Das Ergebnis belegt, dass Mensch und Tier, sowie verschiedene Tierarten untereinander, nur unzureichende übereinstimmende Reaktionen zeigen, so dass »Tiermodelle« in der Vorhersage toxischer Wirkungen für den Menschen versagen.

Die Autoren führen verschiedene Studien an, in denen Aussagen zur Vorhersagekraft des »Tiermodells« für den Menschen getroffen werden und analysieren diese. Nicht berücksichtigt wurden dabei »Tiermodelle«, die in der Grundlagenforschung verwendet werden, da den Autoren zufolge hier von vornherein kein Anspruch auf ihre Vorhersagefähigkeit erhoben wird.

Die Untersuchung fordert, dass »Tiermodelle«, die der angeblichen Vorhersage der menschlichen Reaktion dienen, auch dahingehend überprüft werden müssen, ob und inwieweit sie diesen Anspruch erfüllen. Kann eine Versuchsanordnung, keine korrekten Vorhersagen für den Menschen treffen oder liefert sie nur ab und zu treffende Ergebnisse, dürfe diesem Modell keine Vorhersagefähigkeit zugebilligt werden.

Als Beispiel der Untersuchung des Vorhersagewertes eines »Tiermodells« für den Menschen wird eine Studie angeführt, in der die Wirkung von sechs Medikamenten im Tier und im Menschen verglichen wurde. Im Ergebnis zeigten Mensch und Tier in ca. 50% der Fälle eine ähnliche Empfindlichkeit, ein Ergebnis, das sich auch mit dem Werfen einer Münze erzielen lässt. Eine zuverlässige Vorhersage der Wirkung am Menschen konnte aus dem Tierversuch nicht getroffen werden.

In einer 1994 durchgeführten Studie wurden insgesamt 91 menschliche Vergiftungreaktionen, die durch die Einnahme von 64 bereits auf dem Markt befindlichen Arzneien auftraten, mit der Wirkung am Tier verglichen. Im Tierversuch konnten 39 der 91 (43 %) klinisch beobachteten Fälle toxischer Effekte im Tierversuch nicht bestätigt werden. Dabei wurde als positive Vorhersage bereits gewertet, wenn nur irgendein Tier eine dem Menschen vergleichbare Reaktion zeigte.

Im Fall von Thalidomid (Wirkstoff des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan) zeigte sich, dass die Vorhersage der missbildenden Wirkung am Menschen auch durch zahlreiche Versuche an verschiedenen Tierarten nicht zuverlässig getroffen werden konnte. Um rückwirkend die bekannten Effekte von Contergan zu beurteilen, wurde an verschiedenen »Tiermodellen« getestet. Neun Arten nicht-menschlicher Primaten zeigten die beim Menschen typischen Missbildungen von Armen und Beinen. Bei der Testung von 15 weiteren Substanzen, die beim Menschen als schädlich für das Ungeborene gelten, zeigten nur acht nicht-menschliche Primaten vergleichbare Missbildungen. Insgesamt ließen sich bei den unterschiedlichen getesteten »Tiermodelle« eine Vielfalt verschiedener Reaktionen beobachten, so dass zuverlässige Rückschlüsse für den Menschen nicht möglich waren.

Die sogenannte Olsen-Studie aus dem Jahr 2000 hatte zum Ziel, den Nutzen von »Tiermodellen« in der Vorhersage von Vergiftungen am Menschen nachzuweisen. Hierzu wurden von zwölf Pharmafirmen die Ergebnisse aus Versuchen an »Tiermodellen« dahingehend überprüft, ob sie mit der klinischen Beobachtung am Menschen übereinstimmten. Insgesamt wurden 150 Substanzen und 221 bekannte menschliche Vergiftungsfälle berücksichtigt. Im Ergebnis zeigte sich ein als positive Übereinstimmungsrate bezeichneter Wert von 63 % bei Nicht-Nagetieren und von 43 % bei Nagetieren.

Als Kritik an der Olsen Studie führen die Autoren an, dass diese im Auftrag der Industrie durchgeführt wurde, die möglicherweise ein besonderes Interesse daran hat, das »Tiermodell« als gute Wissenschaft zu bestätigen, so dass die Neutralität der Untersuchung nicht gewährleistet ist. Um die Ergebnisse aus Tierversuchen bezüglich der Relevanz für den Menschen positiver erscheinen zu lassen, wurden zudem neue Begriffe wie »positive Übereinstimmungsrate« erfunden, die kein Bestandteil der in der Wissenschaft üblichen statistischen Analysemethoden sind. Hiermit wird fälschlicherweise eine gute Vorhersagefähigkeit von »Tiermodellen« für den Menschen suggeriert. Darüber hinaus ging es in der Olsen-Studie um die Bestätigung von Effekten am Tier, die bei Menschen bereits bekannt waren. Dabei wurde jedes Tier, das dem Menschen vergleichbar reagierte, als positives Ergebnis gewertet – auch wenn von sechs untersuchten Tierarten nur eine die gleiche Reaktion zeigte wie der Mensch.

Zusammenfassend merken die Autoren an, dass Vorhersage aus wissenschaftlicher Sicht nicht bedeutet, rückwirkend im »Tiermodell« ähnliche Effekte wie beim Menschen nachzuweisen oder Daten so auszuwerten, dass man das »richtige« Ergebnis erhält. Auch würde es nicht ausreichen, nur ab und zu eine übereinstimmende Reaktion bei Tier und Mensch zu finden. »Tiermodelle« erfüllen das Kriterium der zuverlässigen Vorhersage schädlicher Wirkungen am Menschen nicht und stellen somit kein brauchbares Testkonzept dar. Die Autoren merken an, dass es unlogisch ist, in »Tiermodellen« Wirkungen am Menschen vorhersagen zu wollen, da schon Menschen untereinander beispielsweise auf Medikamente unterschiedlich reagieren.

 

Quelle:

Titel: Are animal models predictive for humans?
Autoren: Niall Shanks (1) Ray Greek* (2) and Jean Greek (2)
*Korrespondierender Autor
Institute: (1) Wichita State University, Department of History, 1845 N Fairmont, Fiske Hall, Wichita KS 67260, USA; (2) Americans For Medical Advancement, 2251 Refugio Rd Goleta, CA 93117, USA.
Zeitschrift: Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine 2009, 4:2
Online-Veröffentlichung 15. Januar 2009. doi: 10.1186/1747-5341-4-2
 
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