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Wissenschaftliche Studien

Contergan: Eines der wohl traurigsten Beispiele für die Unzulänglichkeit von Tierversuchen

Der Artikel aus dem Jahr 2011 thematisiert die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Tierversuchen am historischen Beispiel Thalidomid. Thalidomid wurde 1957 als Contergan (bzw. Softenon) vom Pharmaunternehmen Grünenthal auf den Markt gebracht. Es galt als harmloses Schlaf- und Beruhigungsmittel und wurde u.a. zur Behandlung von morgendlicher Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. Dies führte in nur vier Jahren zu teils schweren Missbildungen bei rund 10.000 Neugeborenen.

Das Ziel des Artikels ist es, an Hand der Analyse von konkreten historischen Belegen und Forschungsarbeiten folgende gängige Argumente wissenschaftlich zu widerlegen:

  • Thalidomid wurde im Tierversuch nicht auf mögliche teratogene Schäden getestet. (D.h. es wurde nicht getestet, ob die Einnahme des Wirkstoffes bei Schwangeren mögliche Nebenwirkungen auf das Un- bzw. Neugeborene haben könnte.)
  • Wäre Thalidomid an schwangeren Tieren getestet worden, hätten deren Nachkommen dieselben Missbildungen gezeigt wie der Mensch und das Desaster hätte verhindert werden können.

Vier zentrale Punkte werden von den Autoren untersucht und wissenschaftlich nachgewiesen:

1. Die Tatsache, dass diaplazentarer Transfer möglich ist, also dass Wirkstoffe von der Mutter über die Plazenta auf das Kind übertragen werden können, gilt seit den 1930er Jahren als wissenschaftlich anerkannt. Nach dem Wissensstand der 1950er Jahre konnte Thalidomid als klarer Kandidat für möglichen diaplazentaren Transfer gelten.

2. Tests zur Teratogenität von neuen Wirkstoffen gehörten in den späten 1950er Jahren zur gängigen Praxis innerhalb von präklinischen Versuchsreihen. Ob auch Thalidomid nach dem damals üblichen Prozedere an schwangeren Tieren getestet wurde, werden wir nie mit Sicherheit erfahren: Sämtliche Versuchsprotokolle der Firma Grünenthal wurden zerstört.

3. Mehr Tierversuche hätten die „Contergan-Tragödie“ nicht verhindern können. Nachdem die Folgen von Thalidomid bewiesen waren, begannen intensive Forschungsarbeiten zur Teratogenität von Thalidomid bei unterschiedlichen Tierarten:

  • Die Firma Grünenthal selbst versuchte 1962, die teratogenen Effekte von Thalidomid an Mäusen, Ratten und Kaninchen nachzuweisen. Die Ergebnisse waren negativ.
  • Zahlreiche Forschungsarbeiten der Folgejahre bestätigen, dass Mäuse, Ratten oder Hamster auf den Wirkstoff nicht in gleicher Weise reagieren wie der Mensch. Kongenitale Schäden treten nur sporadisch und unspezifisch auf und liefern keinen Hinweis auf das Krankheitsbild der Phokomelie (Missbildungen der Gliedmaßen), das für menschliche Thalidomid-geschädigte Neugeborene charakteristisch ist. Mäuse, denen Thalidomid in einer Konzentration von 4000 mg/kg verabreicht wurde, zeigten keine Thalidomid-spezifischen teratogenen Effekte. Beim Mensch reichten 0,5 mg/kg.
  • Nicht-menschliche Primaten reagierten auf die Verabreichung von Thalidomid dem Menschen ähnlich: Phokomelie konnte als fruchtschädigende Folge nachgewiesen werden. Weiterführende Untersuchungen mit 15 bekannten menschlichen Teratogenen an nicht-menschlichen Primaten zeigten allerdings deren Unzulänglichkeit als Modell für den Menschen: Nur 8 dieser Wirkstoffe erzeugten auch in mindestens einer Primatenspezies teratogene Effekte. Die anderen 7 für den Menschen fruchtschädigenden Wirkstoffe zeigten keine derartigen Folgen für die nicht-menschlichen Primaten.
  • Die wohl meist zitierte Tierrasse, welche die Teratogenität von Thalidomid im Tierversuch widerspiegelte, ist die Kaninchenrasse „Weißer Neuseeländer“: Phokomelie im Nachwuchs trat allerdings erst dann auf, wenn der Mutter die 25 bis 300fache Dosis verabreicht wurde, die beim Menschen zu Fruchtschäden führte. Was jegliche Forschungserkenntnisse zum Thalidomid-Skandal relativiert, ist die Tatsache, dass die intensive Forschung am Tier NACH der „Contergan-Tragödie“ stattfand. D.h. die Forscher konnten gezielt am Tier nach Mensch-ähnlichen teratogenen Schäden suchen und fanden diese in nur einigen wenigen Spezies. D.h. zugleich: Im Vorfeld diese möglicherweise EINE richtige Spezies zu finden, die auf einen Wirkstoff in ähnlicher Form reagiert wie der Mensch, bleibt reiner Zufall. Ein Mehr an Tierversuchen hätte folglich in den 1950er Jahren zu einem Durcheinander an Daten geführt. Auch mit dem heutigem Wissensstand und den heutigen technischen Möglichkeiten hätten die fruchtschädigenden Folgen im Tierversuch nicht vorhergesagt werden können. 

4. Und: Heutige Teratogenitätstests basieren immer noch auf der irrtümlichen Annahme, Forschungsergebnisse aus Tierversuchen wären auf den Menschen übertragbar. Allein die Tatsache, dass neun von zehn neuen Wirkstoffen in klinischen Versuchen versagen, da die Ergebnisse aus den Tierversuchen nicht die Reaktionen des menschlichen Organismus widerspiegeln, spricht Bände. Der Schluss, den die Autoren daraus ziehen, ist, dass das ideale Modell für den Menschen nur der Mensch selbst sein kann. Dies verhindere auch, dass möglicherweise für den Menschen hochwirksame Wirkstoffe durch „falsche“ Ergebnisse am Tier verloren gehen.

Quelle: Greek, R.; Shanks, N. and Rice, M. J. (2011): The History and Implications of Testing Thalidomide on Animals. The Journal of Philosophy, Science & Law, Vol. 11, p. 1-32.

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