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Wissenschaftliche Studien

„Tiermodelle“ liefern keine zuverlässige Information für klinische Studien

Nach Ansicht der Autoren einer im Jahr 2010 in der Zeitschrift PlosMedicine veröffentlichten Studie bleibt der Nutzen von Tierversuchen für die Vorhersage therapeutischer Möglichkeiten in der Klinik umstritten. Obwohl Tierversuche zur Aufklärung von Krankheitsmechanismen beigetragen hätten, versagten Behandlungserfolge aus Tierversuchen bei der Übertragung auf den Menschen. Eine Auswertung von rund 900 als hochrangig geltenden Publikationen ergab, dass bei nur rund einem Drittel eine mögliche klinische Relevanz gegeben ist und nur bei 10 % eine klinische Anwendung erfolgt, 90 % also nutzlos in der Übertragung auf den Menschen sind. So versagten unter anderem potentielle Therapien in den Bereichen Schlaganfall, Bauchspeicheldrüsenentzündung oder Herzinfarkt in der Anwendung beim Menschen. Beim Schlaganfall etwa zeigten sich rund 500 Medikamente im Tierversuch als vielversprechend, beim Patienten dagegen blieben nur zwei übrig (Anmerkung: darunter Aspirin, welches ohne Tierversuche entwickelt und erst im Nachhinein an Tieren getestet wurde).

Nach Ansicht der Autoren kann diese mangelhafte Übertragbarkeit zum Teil durch methodische Fehler, aber auch aufgrund von erheblichen, meist Krankheits-spezifischen Unterschieden zwischen dem „Tiermodell“ und der darauf folgenden klinischen Studie am Menschen erklärt werden. Eine verzerrte, zu positive Darstellung der Datenlage könne ebenfalls verantwortlich sein und wahrscheinlich auch in anderen Krankheitsmodellen eine Rolle spielen (Publikationsbias). Eine systematische Durchsicht der Tierstudien (Meta-Analyse) könnte nach Ansicht der Autoren helfen, um eventuell vielversprechende Ansätze für die Klinik herauszufiltern. Weiter geben die Autoren Empfehlungen, welche Punkte einer Tierstudie im Ergebnisprotokoll besser beschrieben sein sollten. An dieser Stelle möchten wir einräumen, dass unserer Meinung nach das „Tiermodell“ generell nicht zuverlässig ist und das Bestreben eher dahin gehen sollte, tierversuchsfreie Methoden weiter zu fördern!

Gründe für die mangelnde Übertragbarkeit
Zu einem gewissen Teil könne dies mit Ausführungsmängeln klinischer Studien erklärt werden, was zu einer geringen statistischen Aussagekraft führe. Unzureichende Daten und eine zu optimistische Interpretation der Ergebnisse aus Tierversuchen seien weitere Gründe für eine fehlende Übertragbarkeit (Internal validity). Das Fehlen einer „externen“ Gültigkeit bzw. die Tatsache, dass „Tiermodelle“ die entsprechende Krankheit im Menschen nur mangelhaft widerspiegeln (External validity), trage ebenfalls dazu bei. Außerdem würden neutrale oder negative Ergebnisse aus Tierstudien oft nicht veröffentlicht, im Gegensatz zu negativen Ergebnissen aus klinischen Studien. Dies erwecke den Eindruck, dass die Tierversuche öfter positiv sind als die entsprechenden Studien am Menschen.

Verbesserungsstrategien
Folgende Aspekte sollten nach Ansicht der Autoren bei der Durchführung von Tierstudien besser berücksichtigt und dokumentiert werden, um die Übertragung in die Klinik zu optimieren. Die Anzahl der Tiere pro Versuchsgruppe, die Auswahlkriterien, der Ausschluss einzelner Tiere, das Verblinden der Durchführung, die Überwachung physiologischer Parameter, die Kontrolle der Versuchsdurchführung wie auch die Anwendung statistischer Methoden. Diese Strategien berücksichtigen aber leider in keiner Weise die völlig sterilen, nicht artgerechten Haltungsbedingungen der „Versuchstiere“ sowie die Tatsache, dass Tier und Mensch z.B. ganz unterschiedlich auf ein und dieselbe Substanz reagieren. Unserer Meinung nach ist schon deshalb mit Tierversuchen kein klinisch aussagekräftiges Ergebnis zu erzielen.

Fünf wegweisende Veröffentlichungen
Nach Angaben der Autoren gäbe es fünf Studien, welche die Problematik der Übertragbarkeit von Tierversuchen deutlich machen. Die Veröffentlichung von Hackam im Jahr 2006 zeigte, dass nur etwa ein Drittel der hochrangig publizierten Tierversuchsergebnisse zu klinischen Studien, d.h. zu Tests am Menschen, führt (Anmerkung: Anderen Untersuchungen zufolge erweisen sich in der klinischen Phase 92-95 % der „erfolgreich“ im Tierversuche getesteten Wirkstoffkandidaten als nicht erfolgreich beim Menschen). Sena fordert im Jahr 2007 Minimalstandards für präklinische Tierversuche und Dirksen diskutierte über die Diskrepanz zwischen vielversprechenden präklinischen Daten aus Tierversuchen und enttäuschenden Ergebnissen entsprechender klinischer Studien am Menschen. Scott postulierte 2008, dass Behandlungseffekte im Fall der Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) eher unspezifisch sind als tatsächlich durch die verwendeten Wirkstoffe hervorgerufen. Weiter veröffentlichte Sena 2010 die erste Studie über den Einfluss einer verzerrten Darstellung der Daten aus Tierversuchen (Publikationsbias), was natürlich zu falschen Interpretationen führe.

Quelle: Van der Worp,B. H., Howells, D.W., Sena, E.S., Porritt, M.J., Rewell, S., O`Collins, V. and Macleod, M.R.: Can Animal Models of Disease Reliably Inform Human Studies? 2010 PlosMedicine 7: e10000245
Originalpublikation >>

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