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9. Weltkongress „Alternativmethoden“ 2014 in Prag

 

Zum 9. Weltkongress über „Alternativmethoden und Tierversuche“, der vom 24. bis 28. August 2014 in Prag stattfand, kamen Wissenschaftler, Politiker, Behördenvertreter sowie Teilnehmer aus der Industrie und dem Tierschutz, darunter unser Verein, aus allen Erdteilen angereist, um sich über neue Entwicklungen im Bereich der so genannten „Alternativmethoden“ zu informieren und auszutauschen.

Vorausgeschickt ist anzumerken, dass unsere Ärztevereinigung das 3R-Prinzp, also Ansätze, die Tierversuche reduzieren, das Leid verringern oder ersetzen sollen, kritisch sieht, da dieses das System Tierversuch und seine wissenschaftliche Irrelevanz nicht in Frage stellt, sondern es vielmehr darum geht, „bessere“ Tierversuche zu entwickeln. Unserer Auffassung nach muss aber ein rein tierversuchsfreier Weg gegangen werden, da nur so relevante Ergebnisse für den Menschen erzielt werden können. Dennoch ist es wichtig, den aktuellen Forschungsstand sowie politische Entwicklungen im Auge zu haben, um entscheidende Prozesse mitgestalten zu können und Argumente für eine rein tierversuchsfreie Forschung einbringen zu können.

In zahlreichen Sitzungen und Posterpräsentation und an Infoständen wurden aktuelle Sachstände zu Forschungsarbeiten präsentiert, so dass es möglich war, sich einen Überblick über die Aktivitäten in aller Welt zu verschaffen. Deutlich wurde hierbei nicht nur, welch großes Potential die tierversuchsfreie Forschung bietet, sondern auch, wie sehr tierversuchsbasiert die Forschung und wie groß der Einfallsreichtum ist, das schlechte System Tierversuch irgendwie „gut“ zu machen. Obwohl die Schwächen des Tierversuchs längst bekannt sind und auch auf dem Kongress in zahlreichen Beiträgen ganz offensichtlich zu erkennen waren, ist das Festhalten am tierexperimentellen System in vielen Köpfen noch fest verankert.

In zahlreichen Beiträgen wurden Informationen und Erfahrungen in der Umsetzung der neuen EU-Tierversuchsrichtlinie in den Mitgliedsländern ausgetauscht. Erforderlich sind künftig eine Projektevaluation, bei der u.a. der dem Tier zugefügte Schaden gegen den Nutzen abgewogen werden muss, die Veröffentlichung einer für jeden Bürger zugänglichen nicht-technischen Projektzusammenfassung und in manchen Fällen eine rückblickende Bewertung des Versuchs. In Deutschland befindet sich die Datenbank mit den Projektzusammenfassungen derzeit in der Testphase und soll ab Ende 2014 Bürgern die Recherche beispielsweise nach Tierarten oder Forschungsbereichen ermöglichen. In anderen Ländern herrscht bereits seit langem mehr Transparenz. So werden beispielsweise in Dänemark und Schweden nicht-technische Projektzusammenfassungen schon seit Jahrzehnten für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Referentin der Europäischen Kommission

Erfreuliche Entwicklungen gibt es in der Industrie. So hat die Firma TissUse, welche mit der TU Berlin kooperiert, einen 4-Organ und einen 7-Organ-Chip entwickelt, die Kombination von 10 Organen in einem  System ist in Arbeit. Auf diesen Modellen können Zellen aus u.a. Leber, Verdauungstrakt, Gefäßsystem, Haut, neuronalem Gewebe, Niere und Haarfollikel angesiedelt und Stoffwechselvorgänge lebensecht studiert werden. Künftig soll durch die Verwendung von Zellen männlicher und weiblicher Patienten noch realitätsnähere Forschung betrieben werden.

"Minimensch" auf einem Biochip

Die Schweriner Firma Primacyt stellt unter anderem Systeme aus menschlichen Leberzellen her, deren Funktionen über einige Wochen erhalten bleiben und beispielsweise Untersuchungen zur Giftigkeit einer Substanz erlauben. Die Schweizer Cellec Biotek AG hat ein Perfusionsmodell entwickelt, in dem dreidimensionale Zellverbände angesiedelt werden, um beispielsweise Gewebe zur Untersuchung potentieller neuer Medikamente zu züchten.

Dipl.-Biol. Silke Bitz informiert sich über die Funktionsweise des Perfusionsmodells

Zahlreiche Aussteller präsentieren ihre aktuellen Entwicklungen

Weder statistische Methoden, noch methodische Veränderungen am Tierversuch ändern etwas an der Tatsache, dass eine Übertragung auf den Menschen ein unkalkulierbares Risiko ist und die am Tier künstlich konstruierte Parallele zur menschlichen Situation die klinische Forschung fehlleitet. Dennoch ist es sicher noch ein weiter Weg, bis ein vollständiger Paradigmenwechsel in Wissenschaft und Politik hin zu einer ganz tierversuchsfreien Forschung erreicht wird, gilt es doch gegen die Interessen der einflussreichen Tierversuchslobby anzukämpfen.

Immerhin gibt es in aller Welt Aktivitäten in die richtige Richtung und unsere Ärztevereinigung wird weiter tatkräftig neben ethischen Aspekten wissenschaftliche Argumente in die Diskussion einbringen und so dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit über die Unzulänglichkeiten des Tierversuchs aufgeklärt wird sowie Wissenschaft und Politik zum Umdenken angeregt werden.

 

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