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Tiermedizin

Veterinärmedizinische Doktorarbeiten unter der Lupe

Dr. med. vet. Corina Gericke / Dr. med. vet. Martina Kuhtz

Tierärzte sind als berufene Tierschützer zu einem besonders verantwortungsbewussten Umgang mit Tieren verpflichtet. Von diesem Berufsethos ist jedoch oftmals nichts zu spüren, wenn es um den Erwerb des begehrten Doktortitels geht. In dieser Studie wurden rund 500 veterinärmedizinischen Dissertationen ausgewertet, um erstmals Licht auf die Tierversuchspraxis beim akademischen Titelerwerb zu werfen.

Ein Drittel der veterinärmedizinischen Doktorarbeiten mit Tierversuchen
Um den Anteil der Dissertationen mit tierexperimentellem Inhalt an der Gesamtzahl der Doktorarbeiten ermitteln zu können, wurden nicht nur die Arbeiten aus der Datenbank ausgewertet, sondern auch solche, die ohne Tierversuche durchgeführt wurden. Insgesamt gelangten 1.534 in den Jahren 1996 bis 1998 veröffentlichte veterinärmedizinische Dissertationen aller fünf bundesdeutschen Fakultäten – Berlin, Gießen, Hannover, Leipzig und München – zur Auswertung. In Dissertationen ohne tierexperimentelle Inhalte wurden z.T. Patiententiere verwendet, ohne ihnen Schaden zuzufügen, sowie tote Tiere, die nicht extra für die Versuche getötet worden waren. Auch Untersuchungen an Schlachthofmaterial sowie Literaturarbeiten und Datenrecherchen wurden hierzu gezählt. Der Anteil von Arbeiten mit tierexperimentellem Inhalt betrug 32 % (493). In Leipzig waren prozentual die meisten Arbeiten, nämlich 36% mit Tierversuchen zu verzeichnen; in Hannover waren es 35%, in Gießen 34%, in München 31% und in Berlin nur 26%.

40.000 Tiere in Tierversuchen verwendet

In den 493 Arbeiten kamen mindestens 39.463 Tiere zum Einsatz. Zum Teil ging die Tieranzahl nicht klar hervor, so dass die tatsächliche Zahl der Tiere höher liegt. Etwa 67% der verwendeten Tiere überlebten die Versuche nicht. Eine Aufschlüsselung nach Tierarten ergab folgendes Bild: Die zahlenmäßig am stärksten eingesetzte Tierart war mit 8.222 Tieren (21%) die Ratte. Es folgten 5.485 Mäuse (14%), 4.663 Kaninchen (12%) und 4.593 Schweine (12%).

Große Schmerzen und Leiden bei zwei Dritteln der Tiere

Um eine Einschätzung zu bekommen, in welchem Maße die Tiere für die Versuche gelitten haben, erfolgte für die 493 Arbeiten eine Einteilung in Kategorien.

Geringgradige Eingriffe an Versuchstieren, wie z.B. Fütterungsversuche, machten 13% (67 von 493) der Versuche aus. Sie bedeuten in der Regel keine wesentliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Tiere. Tiertötungen z.B. zur Organentnahme sowie Operationen aus denen das Tier nicht mehr erwacht, sind zwar nur mit wenig Schmerzen und Leiden verbunden, doch erleiden die Tiere einen der größten Schäden, der einem Lebewesen zugefügt werden kann – den Tod. Einundzwanzig Prozent der ausgewerteten Dissertationen fielen in diese Kategorie. Weit mehr als die Hälfte der Experimente (324 = 66%), waren größtenteils mit erheblichen Schmerzen und Leiden für die Tiere verbunden. Hierzu zählen Operationen mit anschließendem Erwachen der Tiere, Infektionsversuche, Verabreichung von Giften oder anderen Substanzen, Krebsversuche sowie gentechnologische Versuche.

Weiterhin wurden die Dissertationen Bereichen zugeordnet. Die häufigsten Bereiche waren: Pathologie (46 Arbeiten = 9,3%), Reproduktionsmedizin (44 Arbeiten = 8,9%), Physiologie (37 Arbeiten = 7,3%), Tierernährung und Parasitologie (je 36 Arbeiten = 7,3%), Immunologie (35 Arbeiten = 7,1%). Weniger häufig vertreten waren die Bereiche Pharmakologie, Chirurgie, Toxikologie, Virologie, Neurologie, Anatomie, Versuchstierkunde, Herz-Kreislauf-Forschung, Anästhesiologie, Histologie, Intensivmedizin, Gentechnologie und Schockforschung.

Noch mehr Milch, Fleisch, Eier?

Besonders beliebt für veterinärmedizinische Dissertationen sind Arbeiten in den Bereichen Reproduktionsmedizin und Tierernährung. Bieten diese doch eine schier unerschöpflich scheinende Quelle für neue Themen zur Frage wie man Tiere noch effektiver »nutzen« kann. Hier geht es um rein wirtschaftliches Interesse, d.h. wie können mit minimalem Aufwand noch höhere Gewinne erzielt werden.

In einer Arbeit zur Tierernährung soll erforscht werden, inwieweit Milchkühen verdorbenes Futter gegeben werden kann. Dabei müssen 76 Milchkühe vergammelte Silage fressen. Die Autorin stellt fest, dass die Tiere weniger Futter aufnehmen, wenn ausschließlich stark verdorbenes Futter angeboten wird. Auf das Ergebnis hätte man auch ohne Tierversuche kommen können. Hier sollte lediglich getestet werden, ob sich auch Abfall zur Gewinnerzielung eignet.

Ein Beispiel aus der Reproduktionsmedizin: Fünfundzwanzig ältere Sauen, die wegen Fruchtbarkeitsstörungen aufgrund von Eierstockszysten geschlachtet werden sollen, werden für die Dissertation vom Schlachthof gekauft. Es folgen Ultraschalluntersuchungen und Blutentnahmen; schließlich werden die Tiere durch einen Eber gedeckt. Anhand der Ergebnisse kommt die Autorin zu dem Schluss, dass auch Altsauen mit Eierstockszysten durchaus noch fruchtbar sind. Für die Tiere ist diese Erkenntnis wahrlich kein Gewinn. Bedeutet dies doch eine möglicherweise verlängerte »Nutzungsdauer« der Tiere. Die übliche Form der Sauenhaltung besteht in der Einpferchung dieser intelligenten und sozialen Säugetiere in sogenannten Kastenständen. Lebenslang verdammt zu völliger Bewegungslosigkeit und unendlicher Langeweile, meist auf Spaltenböden stehend, müssen die Sauen einen Wurf nach dem anderen gebären, bis sie nicht mehr trächtig werden, woraufhin sie geschlachtet werden. Dissertationen, wie diese, tragen dazu bei, das Leid dieser unglückseligen Tiere zu verlängern.

Welches Organ wächst bei Enten am schnellsten?

Eine Reihe von Dissertationen beschäftigt sich mit dem Wachstum von Körpern bzw. Organen bestimmter Tierrassen. Zu diesem Zweck werden oft Hunderte von Tieren getötet. Entsprechende Arbeiten finden sich z.B. zu Kaninchen, Meerschweinchen, Enten, Hausschweinen etc.. In einer Arbeit müssen beispielsweise 229 Enten verschiedener Altersstufen und Rassen sterben, um ihre Verdauugsorgane ausmessen zu können. Wofür die Erkenntnisse genutzt werden sollen, ist unverständlich. Offensichtlich braucht es keine schwerwiegenden Gründe, um das Töten von Tieren zu rechtfertigen. Dem Ideenreichtum, welche Kombination und welcher Vergleich noch interessant sein könnte, scheinen keine Grenzen gesetzt.

Doppelt geforscht hält besser?

In einigen Arbeiten wird längst bekanntes Wissen »nachvollzogen«. Eine Autorin bestätigt und vergleicht die Nebenwirkungen zweier in der Humanmedizin seit langem im Einsatz befindlicher Medikamente. Einhundertachtzig Ratten leiden und sterben für diese Versuche. Ein weiteres Beispiel: Kombinationen verschiedener Injektionsanästhetika werden an 29 Kaninchen getestet. Diese Kombinationen werden bereits seit Jahren in der Kleintierpraxis verwendet. Zu welchen neuen Erkenntnissen die Autorin bei ihrer Arbeit kommen wollte, bleibt schleierhaft.

In einer Arbeit über Fischparasiten aus dem Jahr 1998 werden 60 Fische infiziert. Alle sterben qualvoll an der Infektion. Dass das passieren würde, weiß man schon lange. Es geht hier auch nicht um Diagnostik oder Therapie, sondern darum, wie ganz genau die Infektion im Körper abläuft. Schon 1979 wurde ein ähnlicher Versuch mit den gleichen Parasiten, allerdings mit einer anderen Fischart durchgeführt. Die Ergebnisse lesen sich ähnlich. Im Jahr 1996 wurde eine weitere Arbeit zu dem Thema veröffentlicht. Wieder musste eine große Anzahl, der diesmal der gleichen Fischart, sterben. Die Ergebnisse kommen einem bekannt vor – kein Wunder, sie sind von dem Autor von 1998 zum Teil wörtlich abgeschrieben worden, ohne einen Hinweis, dass hier zitiert wird. Wozu die Ergebnisse überhaupt – außer dem »wissenschaftlichen« Interesse – nützlich sein könnten, wird auch bei genauer Lektüre nicht klar.

Unter »Ziele« schriebt die Autorin einer weiteren Arbeit, dass die Ergebnisse einer anderen Forschergruppe, die bereits zum gleichen Thema mit Substanzen aus der gleichen Wirkstoffgruppe an der gleichen Tierart geforscht hat, nachvollzogen werden sollen. Es geht um die Verabreichung eines Mittels gegen Flöhe an Mäuse. Um vollständig nachvollziehen zu können, gibt sie in Vorversuchen erst einmal eine hohe Dosis, bei der alle Tiere unter Krämpfen sterben. Dann wird die Dosis schrittweise reduziert. Am Ende ist die Dosis, die den Mäusen unter die Haut injiziert wird, immer noch um ein vielfaches höher, als sie in der Praxis bei Hunden und Katzen auf die Haut aufgetragen wird. Es war mindestens aus der vorangegangenen Arbeit klar, dass die Mäuse sterben würden. Wie häufig bei Vorversuchen, scheint es auch hier völlig unwichtig zu sein, wie viele Tiere dabei umkommen. Versuche wie diese, haben für die Praxis ohnehin keinerlei Bedeutung. Dass ein Gift zur Insektenvernichtung so niedrig dosiert wird, dass die Wirkung eben noch ausreicht, erscheint logisch und dass man Nebenwirkungen bekommt, wenn man überdosiert, auch. Zudem waren von diesem Mittel die Nebenwirkungen sowieso bekannt.

Ist eine Dissertation ohne Tierversuche weniger wissenschaftlich?

Bei einer Anzahl Dissertationen wird man den Eindruck nicht los, dass manch ein Doktorvater offensichtlich die Meinung vertritt, zu einer wissenschaftlichen Arbeit gehören zwingend auch Tierversuche.

Eine Autorin untersucht zunächst Diskusfische, die wegen Kiemenschädigungen nach Überdosierung eines Parasitenmittels in die Klinik gebracht worden waren. Vor dem Hintergrund, dass in der Aquaristik viel Missbrauch mit diesem Mittel getrieben wird, soll mehr über dessen Auswirkungen herausgefunden werden. Bis hierhin erscheint die Arbeit sinnvoll. Dann folgen Versuche mit mindestens 79 gesunden Diskusfischen, die entweder mit dem Parasitenmittel behandelt werden oder als Kontrolle unbehandelt bleiben. Ein Teil der Fische stirbt aufgrund unzureichender Haltungsbedingungen an Parasitenbefall, die anderen werden in bestimmten Abständen getötet. Die Autorin bemerkt zum Abschluss der Arbeit, dass das Medikament starke Kiemenschädigungen hervorruft, die die Kiemenfunktion und damit das Wohlbefinden der Fische beeinträchtigt. Hat sie das nicht auch schon vorher gewusst?

Eine Doktorandin untersucht in einer epidemiologischen Studie das Vorkommen von Parasiten bei Hauskatzen und führt eine Befragung von Katzenbesitzern zur Toxoplasmose (einer bei Katzen vorkommenden parasitären Erkrankung) durch. Mit einer solchen sinnvollen, aber harmlosen Untersuchung, kann man anscheinend noch keinen Doktortitel bekommen. Also werden Tierversuche vorgenommen: Mäuse werden oral mit Toxoplasma infiziert, durch Genickbruch getötet und mit einem handelsüblichen Haushaltsmixer zerkleinert. Der Mäusebrei wird an Katzen verfüttert. Die Hälfte der Katzen erhält zudem ein Parasitenmittel, die andere bleibt unbehandelt. Der Kot der Tiere wird aufgefangen und untersucht. Auch hier fragt man sich, ob die Ergebnisse noch zu etwas anderem, als der Erlangung eines Titels, gut gewesen sind. Die Toxoplasmose verläuft bei Katzen meist symptomlos. Die Gefahr der Übertragung von Katzen auf den Menschen, insbesondere auf Schwangere, wird meist völlig übertrieben. Die tatsächliche Gefahrenquelle für eine mögliche Ansteckung mit Toxoplasma ist rohes Schweinefleisch. Eine Aufklärung von Patientenbesitzern, wie im ersten Teil der Arbeit mit der Befragung geschehen, erscheint sinnvoll. Eine medikamentöse Behandlung von Katzen sowie Versuche dazu sind jedoch überflüssig. Das Medikament, das hier getestet wurde, ist übrigens auch 4 Jahren nach der Veröffentlichung dieser Arbeit noch immer nicht auf dem Markt.

Tierversuche für den Tierschutz?

Das Prädikat »besonders verwerflich« verdienen Tierversuche, die im Namen des Tierschutzes gemacht werden. Zur Beurteilung der Tötung von Ratten mit Kohlendioxid (CO2) auf ihre »Tierschutzgerechtigkeit« werden insgesamt 107 Ratten vergast. Zu bestimmten Zeitabschnitten nach Einströmen des CO2 in eine Plastikbox werden die Tiere mit einer Guillotine geköpft. Das aus dem Körper strömende Blut wird aufgefangen, um es auf verschiedene Stressparameter zu untersuchen. Das Fazit lautet, dass die Ratten nicht gelitten haben, und dass die Tötung mit CO2 daher als »tierschutzgerecht« erachtet werden kann. Ob die Ratten bei diesem Experiment gelitten haben oder nicht, sei dahingestellt. Es mutet jedenfalls wie blanker Hohn an, wenn im Zusammenhang mit solchen Tierversuchen von »tierschutzgerechtem Töten« gesprochen wird. Abgesehen davon, dass ein solcher Ausdruck ein Widerspruch in sich ist, würde tatsächliche Tierschutzgerechtheit darin bestehen, auf derart fragwürdige Experimente zu verzichten. Der Tod dieser Ratten diente einzig und allein dazu die Tierversuchsmaschinerie noch ein wenig mehr zu optimieren und der Autorin ihren Titel zu verschaffen.

Aufgrund eines Erlasses wird Broilern (Hähnchen) in Niedersachsen etwas mehr Platz als anderswo gewährt. Im Rahmen einer Studie sollen die Auswirkungen dieser »verbesserten Haltungsbedingungen« untersucht werden. In die Untersuchung werden Broiler aus drei »Mastdurchgängen« in zwei Betrieben einbezogen. Jeweils eine Herde wird unter herkömmlichen Bedingungen oder nach den Bestimmungen des Erlasses gehalten. In einem Durchgang befinden sich in einem Stall beispielsweise 23.700 Tiere oder auf der gleichen Fläche »nur« 18.100. Der Autor nimmt zwischen dem 22. und 35. Masttag Stichproben. 360 Broiler werden getötet und auf Veränderungen an Gliedmaßen und Wirbelsäule untersucht. Am Ende der Mastperiode werden weitere 161 Tiere getötet, die Bewegungsstörungen zeigen. Auch sie werden untersucht. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass sich keine Unterschiede hinsichtlich der Knochenschäden zwischen den Vergleichsgruppen erkennen lassen. Wen wundert's. Wenn wir innerhalb von nur 6 Wochen ein »schlachtreifes« Hähnchen haben wollen, darf man sich nicht wundern, wenn die Gesundheit der Tiere auf der Strecke bleibt. Broiler nehmen in einem solchen Tempo zu, dass ihre Gliedmaßen- und Wirbelsäulenknochen im wahrsten Sinne des Wortes, unter der Last des eigenen Gewichts zusammenbrechen – daran ändern auch ein paar Quadratzentimeter mehr Platz nichts.

Grausam und sinnlos!

Einige Doktoranden schrecken offensichtlich nicht davor zurück, auch schwerste Schmerzen und Leiden der Versuchstiere in Kauf zu nehmen. Bei Schafen wird ein sogenanntes »multiples Organversagen« durch Einspritzen von Bakterien in die Blutbahn, Spülung der Lungen, Blutentzug und Infusion sowie Bohren eines Loches in den Oberschenkelknochen simuliert. Diese Maßnahmen werden zwar in Narkose ausgeführt, die Auswirkungen jedoch müssen die Tiere anschließend bei vollem Bewusstsein erleben. Nach 12 Tagen werden sie getötet. Bei der anschließenden Untersuchung werden hochgradige Veränderungen aller Organsysteme festgestellt, schwere Entzündungen der Gelenke und Blutgerinnsel, die die Blutgefäße teilweise verschließen. Die Leiden der Schafe kann man sich nur vorstellen, die Symptome werden in der Arbeit nicht einmal beschrieben.

In einer Arbeit aus der Immunologie geht es um die Newcastle-Disease, eine Virus-Erkrankung, die bei Hühnern vorkommt. Ein Teil der Versuchstiere wird geimpft und infiziert. Auch die ca. 70 ungeimpften Hühner bekommen das Virus verabreicht – ihr Sterben ist leidvoll: »Sie bewegen sich kaum noch, nehmen weder Futter noch Wasser auf. Schließlich läuft aus ihren Augen klare, schleimige Flüssigkeit. Die Atmung wird pumpend, deutliche Atemgeräusche sind zu hören. Der Kopf der Tiere sinkt kraftlos auf den Boden. Fünf Tage nach der Infektion sind die meisten der Tiere gestorben.« Den Verlauf der Krankheit kennen wir schon lange, auch die Virulenz (Aggressivität) des Erregers war bekannt – eine solche Quälerei war völlig überflüssig.

Untersuchungen am Menschen ergaben Hinweise darauf, dass außer dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr auch die Nieren an der Schwerkraftwahrnehmung beteiligt sind. Um der überaus wichtigen und interessanten Frage nachzugehen, ob dies bei Tauben auch der Fall ist, werden folgende Experimente durchgeführt: Unter Narkose wird der Glykogenkörper, ein bei Vögeln und Reptilien im hinteren Bereich des Rückenmarks befindliches Gewebe, freigelegt, indem von oben ein kleines Fenster in das Kreuzbeins gefräst wird. Die Taube wird nun in eine Aufhängevorrichtung gehängt, in der sie Flügel, Beine, Schwanz und Kopf frei bewegen kann, ohne jedoch wegfliegen zu können. Nachdem sie aus der Narkose aufwacht ist, wird durch das Fenster der Glykogenkörper mit einem Glasstab bewegt. Zum Teil wird dabei die Rückenmarkshaut durchstochen. Die Reaktion der Taube wird protokolliert. Bei anderen Tauben wird der Glykogenkörper abgesaugt. Wieder anderen Tieren werden kleine Stahlkugeln in den Glykogenkörper gepflanzt, die mit einem Magneten stimuliert werden. Bei mindestens einer Taube wird unter Narkose das Gleichgewichtsorgan des Innenohrs chirurgisch entfernt. Nach der Operation ist das Tier nicht in der Lage selbständig Nahrung und Wasser aufzunehmen. Es muss 6 bis 8 Wochen lang über einen in den Magen eingeführten Plastikschlauch zwangsernährt werden. Grausame Forschung um der Forschung Willen.

In gleich mehreren Arbeiten werden Hündinnen vor der Trächtigkeit mit je nach Arbeit verschiedenen Würmern infiziert. Ihre Welpen werden ab dem 28. Lebenstag einzeln in Drahtkäfigen auf Gitterrost gehalten. Nicht nur, dass die gerade einmal vier Wochen alten Tiere unter dem Entzug jeglicher mütterlicher Wärme und Zuwendung leiden, die meisten von ihnen erkranken zudem schwer an der Wurminfektion. Mit Symptomen wie blutigem Durchfall, Erbrechen, Abmagerung und Austrocknung werden sie schließlich im Endstadium der Erkrankung eingeschläfert. All diese Leiden wurden den Tieren zur Erprobung eines Medikaments zugefügt, obwohl es bereits eine ausreichende Anzahl wirksamer Wurmmittel gibt.

Berufene Tierschützer?

Schwerste Schmerzen, Leiden und Schäden – und Binsenweisheiten als Ergebnisse? Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Tierärzte – die berufenen Tierschützer? Beim Erwerb des begehrten Titels wird die Verantwortung für die Tiere bei eigenem tierärztlichen Handeln offensichtlich des öfteren außer Acht gelassen. Wir sind weit davon entfernt, alle Doktoranden zu verurteilen, dennoch war es bei der Durchsicht der Dissertationen auffällig, wie häufig Tierschutzaspekten anscheinend keine Bedeutung zugemessen worden war.

Kurzbeschreibungen aller 493 ausgewerteten Doktorarbeiten mit Quellenangaben finden sich in unserer Internet-Datenbank.

Siehe auch: 
Corina Gericke und Martina Kuhtz: »Tierleid für den Doktortitel?«, Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle, 8. Jahrgang, 1/2001, 27-29
Corina Gericke und Martina Kuhtz: »Tierärzte: Tierschützer auch bei der Promotion?«, VETimpulse, 9. Jahrgang, Ausgabe 11, 1. Juni 2000, 3-5


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