facebook
twitter
youtube
instagram

Tiermedizin

Tierversuche in der Tiermedizin


Dr. med vet. Corina Gericke

In vielen unserer Informationsschriften wird nachgewiesen, dass Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind, weil Mensch und Tier zu unterschiedlich sind, um gesicherte Rückschlüsse zuzulassen. Doch wie sieht es mit der Tiermedizin aus? Sollten nicht die Ergebnisse von Experimenten an Tieren auf andere Tiere übertragbar sein? Und muss nicht alles Erdenkliche getan werden, um das Wohlergehen unserer vierbeinigen Freunde zu sichern? Sind zu diesem Zweck nicht auch Tierversuche notwendig und ethisch vertretbar?

Zunächst muss mit der gängigen Vorstellung aufgeräumt werden, Tierversuche in der Tiermedizin würden nur zum Wohle von Tieren durchgeführt. Tatsächlich ist meist das Gegenteil der Fall und der tatsächliche und einzige Nutznießer solcher Experimente ist der Mensch. Wie alle Medikamente, werden auch Tierarzneimittel in unzähligen Tierversuchen getestet, bevor sie auf den Markt kommen. So genannte »Tiergesundheitsprodukte« sind ein stetig wachsender Wirtschaftszweig. Weltweit werden jährlich etwa 11 Milliarden Euro an Tierarzneimitteln umgesetzt, mit einer Steigerungsrate von jährlich 3-4%(1). Der Tierarzneimittelmarkt macht knapp 5% des gesamten Volumens der Pharmaindustrie aus1. Allein in Deutschland stieg der Umsatz der »Tiergesundheitsindustrie« von 379 Millionen Euro im Jahr 1995 auf 477 Millionen Euro im Jahr 20001,(2). Der Anteil der Medikamente für Heimtiere liegt bei nur 22% des Gesamtumsatzes, das heißt mehr als Dreiviertel der Arzneimittel werden für Rinder, Schweine, Schafe und Geflügel entwickelt und produziert1.

Gewinnstreben als Maxime

Das Ziel des Einsatzes von Arzneimitteln im landwirtschaftlichen Bereich ist, die »Leistung« der Tiere zu erhöhen und die Schäden durch die bekannten qualvollen Haltungsbedingungen zu begrenzen. »Gesundheit« hat hier kaum etwas mit dem Wohlbefinden der Tiere zu tun, sie wird vielmehr in Liter Milchproduktion oder täglicher Gewichtszunahme gemessen. Ohne die Verwendung der Pharmaprodukte müssten die europäischen Bauern 89% mehr Rinder, 45% mehr Schweine und 25% mehr Geflügel halten, um die gleiche Menge an Fleisch, Milch und Eiern aus ihnen herauszuholen1. Letztendlich geht es in der Landwirtschaft ausschließlich um die Maximierung der »Leistung« der Tiere und damit des Profits. Die Tiere müssen für dieses Ziel gleich in doppelter Hinsicht leiden, es sind einmal die Versuchstiere, an denen neue Produkte ausprobiert werden und natürlich die »Nutz«tiere selbst, die bis aufs Äußerste ausgebeutet werden, bevor sie schließlich auf dem Schlachthof enden.

»Schlachtreif« in 6 Wochen

In die gleiche Sparte fallen auch Tierversuche in der veterinärmedizinischen Grundlagenforschung. Besonders viele Experimente werden in den Bereichen durchgeführt, denen ein rein wirtschaftliches Interesse zugrunde liegt, nämlich der Reproduktionsforschung, Tierzucht und Tierernährung(3). Im Jahr 1950 gab eine Kuh noch durchschnittlich 2.500 Liter Milch jährlich. Durch moderne Zuchtmethoden und andere ausgeklügelte Maßnahmen, wie künstlicher Besamung, Embryotransfer und einem Hochleistungs-Fütterungssystem, kommt eine Kuh in Deutschland heute auf 6.500 Liter. In den USA und Japan gibt eine Kuh sogar doppelt so viel Milch. Schweine werden heute in sechs Monaten, Hähnchen in nur sechs Wochen zur »Schlachtreife« gemästet. Hühner legen heute 300 Eier im Jahr gegenüber 170 Eiern vor 50 Jahren. Doch auch das ist der modernen Landwirtschaft noch nicht genug. Sauen sollen mehr Ferkeln gebären, Mastschweine schneller mageres Fleisch ansetzen und Hühner mehr Eier legen.

Da Mäuse sich wesentlich schneller vermehren als Schweine oder Rinder, müssen sie oft als »Modelle« für die Tiere in der Landwirtschaft herhalten. So werden an ihnen Zuchtmethoden zur Steigerung von Fruchtbarkeit, Körpergewicht und Körperzusammensetzung getestet(4). Tierversuche in diesen Forschungsbereichen dienen einzig dazu, Tiere zu noch höherer »Leistung« zu treiben, um damit noch höhere Gewinne zu erzielen.

Alles was machbar ist

Das Aufkommen der Gentechnik weckte Träume vom »Riesenschwein« und von der »Turbokuh«. Unzählige Experimente wurden vorgenommen, um solche Tiere zu erzeugen. Doch die Ergebnisse entsprachen bislang nicht den Vorstellungen der Gen-Schöpfer. Die »Riesenschweine« boten ein Bild des Jammers: Die unglückseligen Tiere konnten nur auf ihren Gelenken rutschen, da ihre Beine zu schwach waren, ihr enormes Gewicht zu tragen. Außerdem litten die Tiere an Magengeschwüren, Gelenkentzündungen, Herz-, Haut- und Nierenerkrankungen(5). Eingriffe ins Erbgut werden bislang vor allem bei Fischen durchgeführt. So schufen die Möchtegern-Götter »Antifrost-Lachse«, die auch in kälteren Regionen die Enge der Aquafarmen überleben und »Turbo-Forellen«, die schneller ihr Schlachtgewicht erreichen. Deformationen von Kopf, Körper, Flossen und Kiemen sowie Bildung von Tumoren sind die Folge(6). Mithilfe der Gentechnik sollen Tier auch resistent gegen Krankheiten aller Art werden. Anstatt die züchtungs- und haltungsbedingten Ursachen dieser Krankheiten zu verändern, wird versucht, die Tiere dem krankmachenden Haltungssystem anzupassen. Auf den Wunschzetteln der Gen-Frankensteins stehen zum Beispiel auch Kühe, deren Milch einen erhöhten Eiweißgehalt ausweist, um eine gesteigerte Käseausbeute zu erzielen5. Ohne Tierversuche wären diese Auswüchse der Landwirtschaft gar nicht denkbar.

Impfstoffe - mit unendlich viel Tierleid verbunden

Stress, Enge und Leistungsdruck machen die Tiere der heutigen Intensivtierhaltung anfällig für alle Arten von Krankheiten, insbesondere auch Infektionskrankheiten. Durch Impfungen versucht man diese einigermaßen in Schach zu halten. Impfstoffe sind in der Tiermedizin mit 28% des Tierarzneimittelmarktes2 ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, während sie in der Humanmedizin lediglich 1-2% des Gesamtumsatzes ausmachen. Entwicklung, Herstellung und Prüfung von Impfstoffen sind unweigerlich mit unzähligen, besonders grausamen Tierversuchen verbunden. Die Triebfeder für solche Experimente ist rein wirtschaftlicher Natur. So war beispielsweise der Grund für die Forschung an einem Impfstoff gegen eine bakterielle Geflügelkrankheit die Verminderung der »Legeleistung«, die durch die Infektion hervorgerufen wird(7). Allein in Südkalifornien kam es dadurch 1984 zu einem Verlust von 127 Millionen Eiern und damit zu einer Einbuße von 7 Millionen Dollar. Die bei dieser Versuchsreihe infizierten Hühnerküken litten an Atembeschwerden, Lahmheiten und schweren Gelenksentzündungen.

Die Herstellung von Impfstoffen gegen Krankheiten wie Schweinepest oder Tollwut erfolgte früher fast generell in Tieren. Heute geschieht dies größtenteils in Zellkulturen, für die allerdings auch Tiere getötet werden, wenn auch viel weniger. Doch gibt es immer noch einige in lebenden Tieren produzierte Impfstoffe, wie das Vakzin gegen die Kaninchenseuche RHD. Tierversuche werden sogar noch für fertig entwickelte und markteingeführte Impfstoffe routinemäßig durchgeführt. Jede so genannte Charge (Produktionseinheit) muss einzeln auf Reinheit, Unschädlichkeit und Wirksamkeit getestet werden. Meist handelt es sich um äußerst schmerzhafte Tierversuche. Meerschweinchen, Mäuse, Kaninchen oder Hamster werden dabei mit Krankheiten wie Botulismus, Rauschbrand, Tollwut oder Schweinerotlauf infiziert. Ungeimpfte Tiere sterben elendiglich an der jeweiligen Infektion.

Krank gezüchtet

Tierarzneimittel und veterinärmedizinische Forschung kommen also in der Landwirtschaft gewiss nicht den Tieren zu Gute. Im Gegenteil, sie ermöglichen erst die grenzenlose Ausbeutung der »Nutz«tiere. Doch auch im Bereich der Heimtierhaltung dient die Tiermedizin nicht unbedingt dem Wohl der Tiere. Bei vielen Tierrassen sind Schäden genetisch vorprogrammiert. Die Dackellähme, die Hüftgelenksdysplasie des Schäferhundes und anderer großer Hunderassen, die Herzschwäche des King Charles Spaniels, die ständig tränenden und oft entzündeten Augen der Perserkatze oder die Zahnfehlstellungen der Zwergkaninchen sind auf einseitige Zuchtauswahl auf bestimmte Merkmale zurückzuführen. Bei vielen der heutigen Heimtierrassen werden solche menschgemachten Defekte zugunsten eines bestimmten Schönheitsideals oder Modetrends in Kauf genommen. Die Tiermedizin muss diese vermeidbaren Schäden dann wieder korrigieren. Nutznießer ist hier also wieder der Mensch in Gestalt von skrupellosen Züchtern und egoistischen Tierhaltern.

Unnatürliche Bedingungen

Sicher können Tiere auch bei bester Absicht und optimaler Haltung krank werden. In diesen Fällen ist es gut und wichtig, dass eine moderne Tiermedizin bereit steht, das Leid der Tiere zu lindern und die Krankheiten zu heilen. Doch Tierversuche sind hierfür der falsche Weg. Versuchstiere werden unter völlig unnatürlichen Bedingungen gehalten. Zudem werden die Krankheiten, die man untersuchen will, bei ihnen künstlich hervorgerufen. Beides führt dazu, dass Versuchstiere nicht als Stellvertreter ihrer außerhalb eines Labors lebenden Artgenossen angesehen werden können, selbst dann nicht, wenn sie der gleichen Spezies angehören. Die Übertragung von Ergebnissen aus einem Tierexperiment auf ein »normales« Tier ist nicht weniger problematisch als die Übertragung auf den Menschen. Ob Schmusekatze, Zwingerhund oder Punkratte - die durch Haltungsbedingungen, Ernährung, Umweltfaktoren sowie soziale und psychische Einflüsse geprägten Verhältnisse, in denen Heimtiere leben, können im Tierversuch nicht einmal annähernd nachgeahmt werden. Noch weniger kann ein komplexes Krankheitsgeschehen bei Versuchstieren erforscht werden. Wenn einem Versuchstier beispielsweise Krebszellen injiziert werden, so hat der dann entstehende Krebs nichts mit den vielschichtigen Ursachen dieser Krankheit zu tun. Auf diese Weise lassen sich weder die Ursachen von Tierkrankheiten erforschen noch sinnvolle Therapien finden. Ergebnisse aus Studien mit Tieren lassen daher auch für andere Tiere der gleichen Spezies keine gesicherten Rückschlüsse zu.

Für eine Tiermedizin ohne Tierversuche

Medizinischer Fortschritt ist natürlich auch in der Tiermedizin wichtig. Doch darf dies nicht auf Kosten von anderen Tieren geschehen. Mit empirischer Forschung, das heißt auf Erfahrung basierender Forschung am Patienten für den Patienten, schadet man Tieren nicht und kommt zu sinnvollen Erkenntnissen. Die Beobachtung von natürlich erkrankten Tieren und ihrer Reaktion auf bestimmte Therapiemaßnahmen führt zu tatsächlichen medizinischen Fortschritten. Wichtige Erkenntnisse werden so jeden Tag in der Praxis gewonnen. Auch in der Chirurgie geht es meist gar nicht um völlig neue, noch nie da gewesene Methoden. Meist handelt es sich um leichte Verbesserungen einer etablierten Methoden. Jeder Chirurg muss improvisieren können, denn keine Operation gleicht der anderen. So wurden und werden kleine Verbesserungen durch Ausprobieren geringfügiger Veränderungen einer etablierten Methode tagtäglich gewonnen. Werden diese publiziert, können auch andere Chirurgen/Patienten von den so erzielten Verbesserungen profitieren. Bedeutende Erkenntnisse lassen sich auch durch Obduktion gestorbener Tiere gewinnen. Weiterhin können viele Fragestellungen, zum Beispiel im Bereich der Arzneimittelentwicklung, durch den Einsatz von Zellkulturen und anderen tierversuchsfreien Forschungsmethoden erzielt werden. Auf diese Weise schreitet die Tiermedizin voran, nicht jedoch durch künstlich krank gemachte Tiere.

Abstumpfungsprozess schon im Studium

Dank unermüdlicher Proteste von Seiten der Studierenden sind tierverbrauchende Praktika und Übungen im Studium der Veterinärmedizin heute in Deutschland eher die Ausnahme als die Regel. Dennoch werden an einigen Fakultäten immer noch Ratten umgebracht, um etwas über den Leberstoffwechsel zu erfahren, werden für das Studium der Anatomie Schafe und Kühe getötet, und Kaninchen und Rinder werden Operationen unterzogen. Die Anatomie von Tieren kann genauso gut an natürlich gestorbenen Tieren erlernt werden, analog zur Humanmedizin, wo schließlich auch nicht extra Menschen umgebracht werden, um ihren inneren Aufbau zu studieren. Physiologische Zusammenhänge können mit Computersimulationen, Filmen oder schmerzlosen Selbstversuchen anschaulich dargestellt werden. Und Operieren lernt ein angehender Tierarzt zunächst durch Übungen an toten, auf natürliche Weise gestorbenen oder eingeschläferten Tieren, dann durch Zuschauen und Assistieren bei einem erfahrenen Chirurgen, bis er schließlich in der Lage ist, selbst Operationen am Patienten vorzunehmen. Nur so lernt ein Tierarzt das chirurgische Handwerk und nicht durch Übungen an Versuchstieren. Tierversuche und tierverbrauchende Praktika im Studium der Veterinärmedizin tragen nicht nur nichts zum Wohlergehen von Tieren bei, sie sind geradezu kontraproduktiv, denn die angehenden Tierärzte werden so für das Leid ihrer späteren Patienten desensibilisiert. Eine tierversuchsfreie Ausbildung ist dagegen der Grundstein für einen ethischen Umgang mit Tieren.

Das Recht auf Leben

Viele Menschen sind bereit, für die Operation ihres kranken Hundes viel Geld auszugeben, während sie beim Einkauf auf die billigsten Batterieeier zurückgreifen und damit unendliches Tierleid unterstützen. Diese Doppelmoral ist der Kernpunkt der ethischen Diskussion im Bereich der Tiermedizin. Wir haben kein Problem damit, ein Tier zum vermeintlichen Wohl eines anderen leiden und sterben zu lassen. Doch wer gibt uns eigentlich das Recht, die Tierwelt nach unserem Gutdünken einzuteilen in Schädlinge, die ohne Wenn und Aber vernichtet werden müssen, Wildtiere, die abgeschossen oder in Käfigen gehalten werden dürfen, außer wenn sie vielleicht einer geschützten Art angehören, Nutztiere, die gequält und gegessen oder in Versuchen missbraucht werden dürfen und Haustiere, denen gern Tiere der anderen Kategorien geopfert werden dürfen? Die Antwort ist, wir haben das Recht nicht, wir nehmen es uns einfach. Der Mensch ordnet die Dinge so, wie sie ihm am praktischsten und einträglichsten erscheinen. Doch ist ein Versuchshund wirklich weniger wert als der eigene Hund? Haben nicht beide ein Recht auf Leben, auf ein Leben in Unversehrtheit? Wir maßen uns an, darüber zu entscheiden, welches Tier zum vorgeblichen Wohl eines anderen getötet werden darf. Dieses Vorgehen ist nicht nur egoistisch, sondern vor allem auch zutiefst unethisch.

Fazit

Tierversuche in der Tiermedizin werden zum größten Teil nicht im Sinne die Tiere, sondern zur Verfeinerung der Tierausbeutung durchgeführt. Fast ausschließlich stehen dahinter finanzielle Interessen. Sie sind zudem ethisch nicht zu rechtfertigen und wissenschaftlich unsinnig und müssen daher auf schnellstem Wege abgeschafft werden.

Literatur

1. FEDESA: Facts and figures about the European Animal Health Industry, www.fedesa.be
2. Bundesverband für Tiergesundheit e.V., www.bft-online.de/tierarzneimittelmarkt.htm
3. Gericke, C, M Kuhtz: Veterinärmedizinische Doktorarbeiten unter der Lupe. Informationsschrift der Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche« e.V.
4. Renne, U, M Langhammer, G Dietl: Labormäuse als »Mitarbeiter« in der Tierzuchtwissenschaft. ForschungsReport 2/2001, S. 16-18
5. Selig, M: Die Maßgeschneiderte Tierwelt. tierrechte 3/02, S. 8-11
Teufel, J: Turbo-Forellen und Anti-Frostlachse. tierrechte 3/02, S. 14-15 6.
7. Odenthal, L: Zur Eignung der Mycoplasma gallisepticum-Mutante TS 100 als Lebendimpfstoff bei Hühnern. Dissertation, 1996, TiHoHannover

5.11.2008
Dr. med. vet. Corina Gericke


Drucken