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Kosmetik / Chemikalien

Offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel

Medikamentenskandal in Frankreich Sechs schwerstkranke Probanden - einer davon bereits hirntot - nach Einnahme eines neuen Medikaments in der klinischen Phase I

Liebe Frau Dr. Merkel,

Sie beweisen jüngst in der Flüchtlingskrise wie auch zuvor in der Atompolitik Rückgrat und Standfestigkeit und verfolgen konsequent den aus Ihrer Sicht richtigen Weg. Ich bitte Sie, nun auch angesichts des Medikamentenskandals in Frankreich darum, sich in der Frage der Tierversuche unseren auf Fakten basierenden Argumenten zu öffnen und einen Paradigmenwechsel in Medizin und Wissenschaft zu forcieren.

Seit 1979 setzt sich unsere Organisation dafür ein, der Politik und Öffentlichkeit transparent zu machen, dass sich die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen, diese somit keine Lösungen für den Großteil unserer Krankheiten liefern, sondern im Gegenteil daraus massive Risiken erwachsen. Mittlerweile existieren zahlreiche wissenschaftliche Studien, die auf allen Gebieten, in denen Tierversuche zum vorgeblichen Wohl des Menschen durchgeführt werden, deren fehlende Humanrelevanz belegen. In Bezug auf die Medikamentenentwicklung beispielsweise ist die Fehlerquote in der klinischen Phase von 92% (2004) auf aktuell 95% angestiegen. Tierversuchsbefürworter sprechen regelmäßig davon, dass heute durch die Tierversuche besser bekannt sei, welche Tierarten für bestimmte Substanzen im Hinblick auf Übertragbarkeit verwendet werden sollten - diese Zahlen belegen jedoch das Gegenteil.

Der aktuelle Fall in Frankreich war aus unserer Sicht somit nur eine Frage der Zeit. In den nächsten Tagen und Wochen wird die Frage gestellt werden, ob so etwas auch bei uns in Deutschland passieren kann – diese Frage ist mit einem eindeutigen „Ja“ zu beantworten. Man wird dann weiterhin fragen, ob denn die Wissenschaft nicht mittlerweile bessere Methoden zur Verfügung hat, statt von Mäusen auf den Menschen zu schließen? Auch hier wäre die Antwort ein klares JA, mit einem großen ABER: Diese Methoden werden in Deutschland nur völlig unzureichend forciert und gefördert. Neben diesem Aspekt führen sie angesichts der Machbarkeit von Tiermanipulationen und daraus resultierenden Profitmöglichkeiten weiterhin ein Schattendasein. Man denke insbesondere an die Gentechnik, die längst die Sinnhaftigkeit hintenan und dafür das „Versuchstier“ als „Produkt“ in den Vordergrund gestellt hat.

Induzierte pluripotente Stammzellen (Nobelpreis 2012) und Bioinformatik (2013) sind nur zwei, dafür aber gewichtige Beispiele, was heute in der Forschung für uns Menschen möglich ist. Kein Tierversuchsbefürworter kann aktuell noch glaubwürdig argumentieren, der Tierversuch wäre mangels Alternative weiterhin der Goldstandard. Mit den aus Hautzellen von Alzheimer-Patienten ethisch völlig unfragwürdig gewonnen Stammzellen lassen sich beispielsweise Hirnzellen generieren und damit der Krankheitsverlauf studieren. Warum sollen hier weiterhin Tiere leiden und sterben und Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit verzweifeln? Noch ein Beispiel: Bei Ihnen in Berlin entwickelt die Firma TissUse um Dr. Uwe Marx zusammen mit der TU Berlin einen Multiorganchip mit dem Ziel, im Jahre 2018 zehn (oder mehr) menschliche Organe zu einem „Mini-Menschen“ zusammenzufügen. Die Möglichkeit, Zellen flexibel einzusetzen (Frau vs. Mann, jung vs. alt, krank vs. gesund), verspricht ungeahnte Möglichkeiten, bei unseren Krankheiten endlich entscheidende Schritte weiter zu kommen. Bereits jetzt zeigen Tests an solchen Systemen menschspezifische Ergebnisse, die mit Tierversuchen naturgemäß nicht erzielt werden können. In der beigefügten Broschüre finden darüber hinaus Informationen über die große Bandbreite humanrelevanter, tierversuchsfreier Forschungsmethoden.

Liebe Frau Bundeskanzlerin: Ich appelliere an Ihre Vernunft, Ihr Herz und Ihr Verantwortungsbewusstsein für die Bürger Deutschlands. Bitte lassen Sie nicht zu, dass weiterhin auf die veraltete Methode Tierversuch mit Gefahr für Leib und Leben der Menschen gesetzt wird. Uns ist natürlich bekannt, dass die Bundesregierung tierversuchsfreie Forschung fördert und wir honorieren dies. Jedoch sind die wenigen Millionen für diesen Forschungszweig verschwindend gering im Vergleich zu den Milliardensummen, die aus Steuergeldern immer noch in die tierexperimentelle Forschung fließen. Wir fordern eine Umschichtung dieser Gelder – nicht nur im Sinne der Tiere, sondern auch im Sinne einer besseren, wirksameren Medizin und eines zukunftsorientierten Forschungsstandorts Deutschland. Uns ist weiterhin bewusst, dass auch auf internationaler Ebene ein Umdenken stattfinden muss, doch Sie haben bekanntlich auch in anderen Fällen bewiesen, dass Deutschland als innovativer Treiber fungieren kann.

Uns geht es um die Abschaffung der Tierversuche zum Wohle von Mensch und Tier. Im Gegensatz zu den Tierversuchsbefürwortern erzielen wir aus unserer Argumentation keinerlei Vorteil, denn mit Erreichung unseres Ziels wird unserem Verein seine Daseinsberechtigung entzogen. Dieses Schreiben soll dazu dienen, Ihnen ggf. unbekannte Tatsachen aufzuzeigen und angesichts des Medikamentenskandals in Frankreich die Diskussion anzuregen.

Aufgrund der großen Tragweite des Medikamentenskandals haben wir eine Briefaktion gestartet, in der Sie von Bürgern gebeten werden, Regelungen zu schaffen, um eine moderne, sichere und ethische Medizin zu etablieren.

Für Rückfragen und Gespräche stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Herzlichst
Claus Kronaus
Geschäftsführer

Anlage
Broschüre „Woran soll man denn sonst testen?“

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