facebook
twitter
youtube

Kosmetik / Chemikalien

Kongress 2015 "Alternativmethoden zum Tierversuch"

 

Auf dem Kongress über „Alternativmethoden zum Tierversuch“ vom 20.-23. September 2015 in Linz, Österreich, wurden zahlreiche laufende Forschungsprojekte vorgestellt, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln einen Beitrag zu dem sogenannten 3R-Prinzip (Verminderung, Verfeinerung, Ersatz von Tierversuchen) leisten. Referenten aus 39 Ländern stellten in Vorträgen und Postern ihre Sichtweisen und Erkenntnisse vor.

Die Bandbreite an Projektvorstellungen war groß und reichte von innovativen Strategien mit klarer Wegbewegung vom Tierversuch bis hin zu lediglich Abwandlungen bestehender, alterherkömmlicher Tierversuche. Dies verdeutlicht zum einen den erfreulichen Trend, dass zunehmend Forscher die Schwächen des Tierversuchs erkennen und entsprechend humanbasierte Techniken entwickeln. Zum anderen war auch präsent, dass sich einige schwer tun, vom tierexperimentellen System abzukehren, obgleich die „Standard-Tiermodelle“ wie beispielsweise die EAE-Mausmodelle (Experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis), mit denen ähnliche Symptome simuliert werden, die menschliche Multiplen Sklerose darstellen sollen, ihr Versagen längst wissenschaftlich bewiesen haben. Insofern lehnt unser Verein das 3R-Prinzip als nicht zielführend ab, da wir wissenschaftsbasiert die Ansicht vertreten, dass weder ethisch, noch wissenschaftlich die Lösung in der bloßen Abwandlung des immanent unzuverlässigen Tierversuchs liegt, sondern vielmehr in einem konsequenten Begehen tierversuchsfreier, auf die menschliche Situation zugeschnittener Verfahrenswege.

Biochips, die lebensecht Stoffwechselvorgänge im menschlichen Körper abbilden können, sind derzeit regelrecht auf dem Vormarsch. Solche Modelle weisen eine Vielzahl von Vorteilen auf, auch vor dem Hintergrund, dass im Tierversuch artspezifische Unterschiede und der Stress der Tiere die Forschungsergebnisse beeinflussen. Es sind systemische Modelle, die bei Verwendung von Zellen, induziert pluripotenten Stammzellen oder Sphäroiden (3D-Zellverband) menschlicher Herkunft relevant als Krankheitsmodelle sind. Dementsprechend gibt es zahlreiche erfreuliche Entwicklungen, die vorgestellt wurden. Ein Projekt besteht aus der Entwicklung einer atmenden menschlichen Lunge auf einem Chip, der aus einer Zirkulationskammer und einer pneumatischen Kammer besteht, in der die Lunge sich lebensecht wie beim Atmungsvorgang dehnen und zusammenziehen kann.

Großen Raum nahm auch das vielfach unterrepräsentierte Potential der Nutzung vorhandener Daten ein. Das Verfügbarmachen und die Auswertung vorhandenen Wissens, insbesondere von Humandaten, sind unter anderem mit Blick auf die Chemikalien-Tierversuche nach der REACH-Verordnung bedeutsam. So können beispielsweise mittels In-silico-Methoden, d.h. computergestützt, aufgrund ähnlicher Molekülstruktur oder Metabolite bei Substanzen Rückschlüsse über die Toxizität gezogen werden (sog. QSAR - Quantitative Struktur-Wirkungs-Beziehung). In verschiedenen Projekten werden hier Datenbanken entwickelt, die Abfragen entsprechend spezifischer Fragestellungen ermöglichen.

Ein zentrales Thema waren auch rechtliche, ethische und politische Fragestellungen, mit besonderem Fokus auf verschiedene Anforderungen, die sich aus der EU-Tierversuchsrichtlinie ergeben. So zeigte sich in zahlreichen Beiträgen, dass auch nunmehr Jahre nach Inkrafttreten der Richtlinie in den einzelnen EU-Staaten unterschiedliche Arbeitsweisen und Zusammensetzungen beispielsweise in den Tierversuchskommissionen vorherrschen und entsprechend die von der EU auferlegte Schaden-Nutzen-Analyse (Gegenüberstellung des Leids der Tiere und des in Aussicht gestellten Nutzens) uneinheitlich gehandhabt wird. Es gibt zwar zahlreiche Leitfäden, unter anderem zu den Themen Projektevaluation, retrospektive Bewertung und Beurteilung des Schweregrads eines Versuchs. Inwieweit jedoch künftig tatsächlich der Verpflichtung nach einem Mehr an Tierschutz in der EU Rechnung getragen wird, bleibt unklar.

Insgesamt wurden auf dem Kongress vielseitige und innovative Projekte vorgestellt, die eine tierversuchsfreie Wissenschaft näher rücken lassen. Dennoch darf nicht aus dem Blick gelassen werden, dass Tierversuche, wenngleich ohne Fundament, vielfach noch als unumgänglich postuliert werden und fundierte Aufklärungsarbeit erforderlich ist, um diesen Irrglauben auszuräumen, worauf unsere Ärztevereinigung weiterhin mit Nachdruck hinwirken wird.

Innovative Hightech-Forschung ohne Tierleid


Zu den Vorträgen werden vertiefende Workshops angeboten

Wissenschaftliche Poster - informative Elemente auf dem Kongress

 

Drucken