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Humanmedizin

Tierexperimente in der Kardiologie

Dr. med. Hans Udo Kessler (Kardiologe)

Von den Tierversuchsbefürwortern werden nicht oder kaum beherrschbare Krankheiten wie Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs, Allergien, AIDS oder Rheuma immer wieder als Grund für die Notwendigkeit von Tierexperimenten angeführt.

Tatsächlich leiden mindestens zwei Millionen Deutsche an chronischen Störungen des Herz- und Kreislaufsystems, rund 400.000 sterben an den Folgen.(1) Jedes Jahr erleiden in Deutschland 280.000 Menschen einen Herzinfarkt, den 180.000 nicht überleben.(2) Jeder zweite Todesfall geht bei uns und auch in den anderen Industrieländern auf das Konto von Herz- und Kreislauferkrankungen.(3) Jedoch ist der Kardiologie trotz erheblicher Investitionen in die tierexperimentelle Forschung der längst versprochene Durchbruch versagt geblieben. Weder Morbidität (Zahl der Erkrankungen) noch Mortalität (Zahl der Todesfälle) konnte in diesem Bereich gesenkt werden. Woran liegt das?

Tierexperimente in der Kardiologie

Ein Beispiel für einen typischen kardiologischen Tierversuch: Bei 20 Mischlingshunden wird unter Narkose der Brustkorb eröffnet und das Herz freigelegt. Verschiedene Messinstrumente werden am Herzen angebracht sowie eine Schlinge um eine Herzarterien gelegt. Die Kabel der Geräte werden unter der Haut am Schulterblatt nach außen geführt. Nach einer 7- bis 10-tägigen Erholungszeit beginnen die eigentlichen Experimente am wachen, unbetäubten Hund. Die Schlinge wird von außen zugezogen, so dass es zu einer Verengung der Herzkranzarterie und damit zu einem Herzinfarkt kommt. Es ist bekannt, dass die dabei auftretenden Herzschmerzen von außergewöhnlich schmerzhafter Belastung und mit Todesangst für die Tiere verbunden sind. Bei jedem Hund werden zwei Herzinfarkte im Abstand von 72 Stunden ausgelöst. Dann werden die Tiere getötet.(4)

Bei Experimenten dieser Art geht man nach dem üblichen Schema vor: Da das Tier weder zu Kettenrauchen, noch zu Alkoholgenuss, Stress bei vorwiegend sitzender Tätigkeit, völlig falscher Ernährung etc. neigt, werden die beim Menschen beobachteten Krankheitssymptome durch chemische oder mechanische Schädigung hervorgerufen. Seit vielen Jahren wird mit diesen und ähnlichen »Modellen« die Wirkung potentieller Medikamente erprobt. Hunde unterschiedlicher Rassen, Schweine, Ratten und Mäuse werden in großer Zahl für kardiologische Experimente »geopfert«. Die Tiere leben dabei je nach Experiment oft wochenlang mit schmerzhaftesten Herzrhythmusstörungen, Atemnot und Todesangst, wenn nicht noch zusätzlich Infektionen, Pneumothorax (Luft im Brustkorb), Kreislaufversagen und anderen Komplikationen auftreten. Das größte Hindernis für eine Übertragung der tierexperimentellen Ergebnisse auf den Menschen liegt in dem Problem, dass zwar am Herzen des Tieres eine der menschlichen Erkrankung ähnliche Lokalsituation geschaffen wird, es sich aber ansonsten um ein gesundes Gefäß-, Kreislauf- und Organsystem handelt. Somit sind kaum Resultate zu erhalten, die für den kranken Menschen verwertbar sind. In jedem Fall lässt sich das Ausmaß der Übertragbarkeit und Verwendbarkeit der Ergebnisse erst retrospektiv feststellen, wenn die gleichen Versuche am erkrankten Patienten gemacht wurden. Entsprechend zeigen die Verzeichnisse der Fachpublikationen der letzten Jahre, dass tierexperimentelle Studien im Bereich der Kardiologie erheblich an Bedeutung verloren haben.

Der Tierversuch in der kardiologischen Diagnostik und Therapie

Für diagnostische und therapeutische Anforderungen stehen der Kardiologie qualifizierte Maßnahmen zur Verfügung, die fast alle ohne jeden Tierversuch in der klinischen Praxis und am Krankenbett entwickelt wurden. Mittels Röntgen, EKG (Elektrokardiogramm) und Echokardiographie, Kernspintomographie, Thallium- und Technetiumszintigraphie etc. können nicht invasiv, das heißt ohne operativen Eingriff, Herzgröße, Zustand, Pump- und Klappenleistung, Durchblutungssituation, Erregung und Reizleitung beurteilt werden. Eine Reihe von enzymdiagnostischen Laboruntersuchungen ermöglicht die Erkennung von Schädigungen des Herzens.

Die Chirurgie bietet Bypass-Operationen, Klappenersatz, Kardiomyoplastie und Herztransplantation an. Ohne Zweifel wurden diese chirurgischen Maßnahmen an Versuchstieren entwickelt. Dies bedeutet jedoch absolut nicht, dass man diese Verfahren nicht auch ohne Tierversuch, z.B. mit größter Vorsicht am schwerstkranken Patienten, für den die Chirurgie eine letzte Chance ist, hätte entwickeln können. Abgesehen davon mussten alle chirurgischen Eingriffe, welche tierexperimentell entwickelt wurden, erst am Menschen auf ihre tatsächliche Durchführbarkeit getestet werden.

Dazu kommt noch, dass diese modernen Eingriffe in ihrer praktischen Relevanz für den kranken Menschen selbst in Fachkreisen umstritten sind und keinesfalls mit einer Heilung gleichgesetzt werden dürfen. Bypass-Operationen wurden als Wunder der Herzchirurgie gefeiert. Inzwischen hat sich Ernüchterung breitgemacht, weil die Bypass-Transplantate oft in relativ kurzer Zeit wieder verschlossen sind. Ein Großteil dieser Operationen ist schlichtweg überflüssig, in den wenigsten Fällen führt ein Bypass zu dauerhafter Heilung, abgesehen davon befasst sich der Chirurg mit so ausschlaggebenden Faktoren der Arterioskleroseentstehung wie falscher Ernährung, zu wenig Sport , ungünstigen Lebensgewohnheiten usw., gar nicht erst. Der Patient wird nach der Operation weitgehend sich selbst überlassen, so dass in den meisten Fällen erneute Verengungen der Gefäße auftreten. Die internistische Alternative zum Bypass, die Ballondilatation (Gefäßerweiterung durch einen kleinen Ballon) ist mit erheblichen Risiken verbunden, so kann es zu Rissen in der Arterienwand kommen. Da bei der Ballondilatation die arteriosklerotischen Plaques (Ablagerungen) in die Arterienwand hineingedrückt, also nicht entfernt werden, ist das erneute Verschließen der Arterie - oft schon nach wenigen Tagen - sehr häufig.

Herztransplantationen wurden zu Beginn der 60er Jahre als Triumph der medizinischen Technik über den Tod angesehen. Abgesehen davon, dass sich als Voraussetzung dazu üblicherweise erst ein gesunder Motorradfahrer zu Tode rasen muss, zeigt die Erfahrung, dass es längst nicht genügend verpflanzbare Herzen gibt, um den Bedarf auch nur einigermaßen zu decken. Dazu kommt, dass die Risiken durch die Medikamente, welche die Abstoßung des fremden Herzens verhindern sollen, erheblich sind.

So kann und muss rückblickend festgestellt werden, dass der Tierversuch für die Diagnostik und Therapie der Herz- und Kreislauferkrankungen letztlich keinen Durchbruch gebracht hat und für die Heilung der Herzpatienten weitgehend bedeutungslos geblieben ist.

In-vitro-Systeme in der Kardiologie

Zunehmend werden In-vitro-Systeme, also Methoden »im Reagenzglas« entwickelt und eingesetzt, bei denen die Problematik der Schädigung des Herzgewebes mit isolierten Herzen, mit Teilen des Herzens oder mit Herzzellen in Nährlösungen untersucht werden.
In der Arterioskleroseforschung werden an Gefäßmuskelzellen pharmakologische Substanzen getestet, die das überschießende Wachstum der Blutgefäßzellen verhindern könnten. Mittels isolierter Herzmuskelzellen, die im Reagenzglas wochenlang lebensfähig sind, wird nach herzwirksamen Medikamenten sowie nach Substanzen zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktionen nach einer Transplantation des Herzens gesucht. An isolierten Herzmuskelzellen werden auch elektrophysiologische Eigenschaften mittels der »patch-clamp-Methode« untersucht. Dazu werden an Elektroden an die Zellen angeschlossen, die die Ströme und elektrische Leitfähigkeit an der Zellmembran messen. Damit lassen sich Rückschlüsse auf Reizleitung und Kontraktion (Zusammenziehen) des Herzens ziehen. Alle diese Methoden ermöglichen es, in vitro schädigende Einflüsse auf das Herz und Medikamente zu testen.

Prävention und Untersuchungen am Menschen statt tierexperimenteller Forschung

In der Kardiologie setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass das tierexperimentelle »Modell« ein völlig unzureichendes Mittel im Kampf gegen die menschlichen Krankheiten darstellt. Letztlich kann immer nur der klinische Einsatz am erkrankten Patienten Informationen über den Wert neuer therapeutischer Möglichkeiten geben. Das Tierexperiment führt wegen der Problematik der Übertragbarkeit von Resultaten vom Tier auf den Menschen immer zu einem erheblichen Risiko und ist oft auch aus wissenschaftlicher Sicht sinnlos. Unzählige schwerstkranke Patienten sind bereit, in langfristigen Studien an der Erarbeitung neuer Therapiemöglichkeiten mitzuwirken. Übrigens legte sich der Vater des Herzkatheters, Prof. Forssman, 1929 in einem Selbstversuch erstmals einen Katheter. Für dieses ethisch verantwortungsvolle Experiment erhielt er den Nobelpreis.

Die Erforschung der tatsächlichen Ursachen der Herz- und Kreislauferkrankungen tritt heute mehr und mehr in den Vordergrund. Bei der Entstehung der Herzkrankheiten spielt die Lebensweise des Menschen eine zentrale Rolle. Eine Vielzahl von Faktoren wie Ernährung, Rauchen, Alkohol, fehlende Bewegung, Stress, kontinuierliche physische und psychische Belastungen, Veranlagung, Genetik, wirken allein oder in unterschiedlichsten Kombinationen über lange Zeit, oft über Jahrzehnte, ein und führen zur Entstehung eines organischen Schadens. Dazu kommt die anerkannte Tatsache, dass die menschlichen Krankheiten weitgehend psychosomatisch bedingt sind, d.h. immer etwas mit den Wechselwirkungen zwischen körperlichen und psychisch-seelischen Funktionen zu tun haben. Diese Umstände lassen sich auch aus wissenschaftlicher Sicht tierexperimentell nicht untersuchen.
In den letzten Jahren wurden in der Fachliteratur eine ganze Reihe von Studien publiziert, bei denen nach den tatsächlichen Ursachen der chronischen Herz- und Kreislauferkrankungen gefahndet wurde. Prinzipiell werden dabei besonders gefährdete Patienten oder ausgewählte Gruppen mit besonderen Ernährungs- oder Lebensgewohnheiten mit der Normalbevölkerung verglichen. Eine herausragende Rolle spielen dabei die Ernährung, das Rauchen und die körperliche Bewegung. Im folgenden werden einige repräsentative Studien dieser Art dargestellt:

  • Über 250 epidemiologische Studien beweisen, dass ein hoher Verzehr von Obst und Gemüse Herz- und Kreislaufserkrankungen vorbeugt.(5)
  • Die Heidelberger Vegetarierstudie des Deutschen Krebsforschungszentrums(6) und die Untersuchungen des Berliner Gesundheitsamtes zeigten beispielsweise, dass Todesfälle durch Herzinfarkt oder Schlaganfälle bei Vegetariern wesentlich seltener auftreten als bei Menschen, welche regelmäßig Fleisch verzehren.
  • Raucher jüngeren und mittleren Alters haben im Vergleich zu gleichaltrigen Nichtrauchern ein massiv erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.(7)
  • Bei Rauchern, die mit dem Rauchen wieder aufhören, nimmt das Risiko eines Schlaganfalls massiv ab.(8)
  • Rauchende Herzkranke haben deutlich häufiger Durchblutungsstörungen des Herzmuskels als nichtrauchende Patienten.(9)
  • Ehepartner von Rauchern haben allein schon durch Passivrauchen ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen.(10)
  • 100 wissenschaftliche Studien belegen: bei körperlich aktiven Menschen im mittleren Lebensalter ist das Herzinfarktrisiko um den Faktor 2 bis 3 niedriger als bei inaktiven Menschen.(11)
  • Besonders interessant sind Studien, welche die Auswirkungen einer umfassenden Änderung des Lebensstils in Form von fettarmer vegetarischer Diät, Verzicht auf Rauchen, Stressbewältigungstraining und leichten Bewegungsübungen untersuchen. In einer dieser Untersuchungen kam es nach nur einem Jahr ohne die Verabreichung von Medikamenten zu deutlichen Rückbildungen von schweren Verkalkungen der Herzkranzgefäße.(12)
  • Ein wenig mehr Bewegung und Verzicht auf das Rauchen reduziert das Risiko eines Schlaganfalls bereits um 40 Prozent. 10.000 Schlaganfälle könnten damit allein in Deutschland vermieden werden.(13)

Die Ergebnisse der Präventionsstudien können also ganz klar dahingehend interpretiert werden, dass Herz- und Kreislaufleiden kein tragisches Schicksal, sondern bei bewusster Lebensweise in erheblichem Maße vermeidbar sind - ohne Tierexperimente!

Zusammenfassung

Tierversuche in der Kardiologie sind - wie in allen anderen medizinischen Bereichen auch - ethisch nicht vertretbar, wissenschaftlich fragwürdig und methodisch falsch.
Zunehmend werden in der kardiologischen Forschung In-vitro-Systeme eingesetzt, weil sie aussagekräftiger, schneller und billiger als Tierversuche sind.
Präventionsstudien, mit denen nach den tatsächlichen Ursachen der menschlichen Herz- und Kreislauferkrankungen gesucht wird, sind wesentlich sinnvoller und aussichtsreicher als Experimente mit künstlich krank gemachten Tieren.

 

Literatur

 

1 Statistisches Bundesamt www.destatis.de
2 Deutsche Herzstiftung, www.herzstiftung.de/documents/hlw/main.shtml
3 Deutsches Forum Prävention und Gesundheitsförderung, www.bundesgesundheitsamt.de
4 British Journal of Anaesthesia 2001: 86(4), 545-549
5 GIT Labor-Fachzeitschrift 11/2001, S.1137
6 Bild der Wissenschaft 1991: 11, 12
7 New England Journal of Medicine 1988: 318, 937-941
8 JAMA 1993: 269, 232-236
9 JAMA 1989: 261, 398-402
10 JAMA 1992: 267, 94-99
11 MMW-Fortschr. Med. 2001: 4, 28-30
12 Lancet 1990: 336, 129-133
13 Barmer 1/03

 

Stand: 01/2003


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