facebook
twitter
youtube

Humanmedizin

AIDS-Forschung auf dem Irrweg


Dr. med. vet. Corina Gericke

Anfang Dezember 2004 gingen Meldungen durch die Presse, denen zufolge Forscher der Ruhr-Universität Bochum einen AIDS-Impfstoff erfolgreich an Affen getestet hätten (1). »Ein Impfstoff könnte in zehn Jahren verfügbar sein«, prognostizierten die Bochumer Experimentatoren. Regelmäßig bescheren uns Wissenschaftler und die Medien Verheißungen dieser Art. Doch was ist von solchen Behauptungen zu halten? Und wie kann die AIDS-Forschung der Zukunft aussehen?

Meldungen über "sensationelle Entdeckungen", verbunden mit fantastischen Versprechungen begleiteten die AIDS-Forschung von Anfang an. »In einem Jahr werden wir den Erreger kennen, dann spricht niemand mehr von AIDS«, verkündete 1983 der inzwischen verstorbene Münchner Hygieneprofessor Friedrich Deinhardt (2). Ein Jahr später versprach die damalige amerikanische Gesundheitsministerin Margaret Heckler »In zwei Jahren ist der Impfstoff da« (2). »Ein hundertprozentiger Erfolg« meinte 1991 AIDS-Forscher Reinhard Kurth vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen zu seinem gerade entwickelten Impfstoff (3). Beim Affen funktionierte er, beim Menschen jedoch nicht. Immer wieder wurden Hoffnungen geweckt, die sich wenig später in Luft auflösten.

Kein Durchbruch in Sicht

Heute, nach fast einem Vierteljahrhundert AIDS-Forschung, warten wir immer noch vergebens auf einen Durchbruch. Millionen Affen, Mäuse und Ratten und Milliarden Euro wurden bereits verforscht. Doch die Seuche greift weiter um sich. Seit Ausbruch Anfang der 80er Jahre haben sich weltweit mehr als 60 Millionen Menschen mit dem AIDS-Erreger HIV infiziert, 20 Millionen sind bereits gestorben. 2004 haben sich weltweit etwa 5 Millionen Menschen neu mit HIV angesteckt. Davon verstarben 3 Millionen, mehr als zwei Drittel allein in Afrika. In Deutschland leben zurzeit rund 44.000 Menschen mit einer HIV-Infektion (4).
Zwar sind auch einige Fortschritte zu verzeichnen, doch erstens sind diese nicht zwangsläufig auf Tierversuche zurückzuführen und zweitens ist angesichts des immensen Aufwandes, der gerade im Bereich der AIDS-Forschung getrieben wird, das Ergebnis mehr als dürftig. Wie ist das zu erklären?

Tiere bekommen kein AIDS

In der tierexperimentellen Medizin werden Tiere künstlich krank gemacht, um dann potentielle Wirkstoffe an ihnen zu testen. Bei AIDS klappt schon der erste Schritt nicht. Denn es gibt praktisch keine Tierart, welche die menschliche Form der Immunschwäche entwickelt. Nach jahrelangen erfolglosen Versuchen, hat man Experimente an Schimpansen, die dem Menschen genetisch besonders nahe stehen, weitgehend aufgegeben, weil sie gegen den Erreger immun sind. Sie lassen sich zwar anstecken, AIDS-ähnliche Symptome treten bei ihnen aber nicht auf. Bei Rhesusaffen und anderen Makaken verhält es sich genauso, doch man kann diese Tiere mit SIV, dem Affen-AIDS-Erreger, infizieren. Affen-AIDS hat allerdings praktisch nichts mit der menschlichen Immunschwäche-Krankheit zu tun. Es wird also versucht, eine Therapie oder einen Impfstoff für den Menschen zu finden, indem man andere Tiere mit einem anderen Virus infiziert, das eine andere Krankheit hervorruft. Es verwundert nicht, dass bei einer solchen Vorgehensweise AIDS immer noch nicht heilbar ist.
»Von noch größerer Bedeutung ist, dass Versuche mit Impfstoffen und Medikamenten bei noch mehr Tieren letztendlich nicht hilfreich sein werden, weil diese Tiere dem Menschen nicht stark genug ähneln. Selbst ein Impfstoff, der bei [Primaten] ... 100%ige Wirkung zeigt, kann beim Menschen trotzdem wirkungslos sein. Umgekehrt kann ein aussichtsreicher, am Menschen entwickelter Impfstoff, bei Tieren nutzlos sein.« resümiert im Jahre 2000 AIDS-Forscher Brett M. Nath von der University of Pennsylvania (5).

Lebenslang in Einzelhaft

Einmal mit HIV oder SIV infiziert, werden die Affen isoliert gehalten, müssen den Rest ihres Lebens in Einzelkäfigen verbringen, die meist nur wenig größer sind, als sie selbst. Für die bewegungsaktiven und sozialen Tiere ist dies allein schon eine Tortur. Eine SIV-Infektion ruft bei Makaken oftmals schwerwiegende Krankheitserscheinungen hervor. Die Tiere leiden an Krebs oder an Erkrankungen von Magen, Darm und Lymphknoten. Viele von ihnen sterben daran. Bei anderen Affen zeigen sich überhaupt keine Symptome. Sie müssen oft jahrelang unter den qualvollen Haltungsbedingungen ihr Leben fristen.

AIDS-Forschung ohne Tierversuche

Wichtige Fortschritte in der AIDS-Forschung beruhen nicht auf Tierversuchen, sondern auf Erkenntnissen aus der Infektions- und Seuchenlehre, auf der klinischen Beobachtung von Patienten sowie auf Studien mit Zellkulturen. Wesentliche Erkenntnisse zu Übertragungswegen, Struktur, Isolierung, Untersuchung und Bekämpfung des AIDS-Erregers wurden so ohne Tierversuche gewonnen. Will man die Seuche endlich in den Griff bekommen, wird man um eine Intensivierung der tierversuchsfreien Forschung und insbesondere der Vorbeugung nicht herumkommen.

Studien am Menschen

Durch Beobachtung von Bevölkerungsgruppen (Epidemiologie) wurden die Übertragungswege der neuen Krankheit aufgedeckt. Dieses Wissen führte zu präventiven Strategien. Fragen, warum bei manchen HIV-positiven Personen AIDS nicht ausbricht, welchen Einfluss Ernährung, Hygiene, Umwelt, Drogenkonsum, Sexualverhalten und die psychische Verfassung auf Infektion, Ausbruch und Verlauf der Erkrankung haben, können nur anhand von Patientenstudien ergründet werden. Untersuchungen dieser Fragestellungen, können Aufschluss darüber geben, wie das Immunsystem die Viren abwehren kann. Keine noch so ausgedehnten Tierversuche können hierzu relevante Informationen erbringen.

Molekularbiologische und mikroskopische Techniken

Der AIDS-Erreger wurde schon 1984 aus betroffenen Patienten isoliert und mit mikroskopischen Techniken als Virus identifiziert. Die Entschlüsselung der molekularen Struktur des Virus machte es möglich, Substanzen zu seiner Bekämpfung zu entwickeln. Für Erkenntnisse darüber, wie sich das Virus immer wieder verändert, was dazu führt, dass Medikamente mit der Zeit ihre Wirkung verlieren, waren gentechnische Methoden ausschlaggebend. Mit Hilfe eines molekularbiologischen Nachweises des HIV im Blut von Patienten konnte der Infektionsverlauf beim Menschen nachgewiesen werden (6).

Computertechnik

Moderne, intelligente Computerprogramme wie (Q)SAR können anhand der molekularen Struktur des zu bekämpfenden Virus potentielle Medikamente »zuschneidern«. Mit Hilfe mathematischer Modelle konnten wichtige Details zur Virusvermehrung im Patienten entschlüsselt werden (7).

Zellkulturen

Neue Medikamente lassen sich am besten an menschlichen Zellkulturen testen. In einer Studie wurden beispielsweise Substanzen untersucht, die das HIV schon beim Geschlechtsakt abtöten können. Dazu wurden kleine Hautproben von Freiwilligen verwendet (8). Andere Untersuchungen erfolgten an Nabelschnurblut oder an Mandeln und Lymphknoten, die bei medizinisch notwendigen Operationen entfernt worden waren (9).

Aufklärung statt Tierqual

Die tierexperimentelle Forschung konnte bislang die Seuche nicht besiegen und ein Durchbruch ist auch in Zukunft nicht zu erwarten. Statt weiter Tiere zu quälen und zu töten, bedarf es neben einer Intensivierung der tierversuchsfreien Forschung vor allem einer flächendeckenden Aufklärung über die Schutzmöglichkeiten. Einer der Hauptgründe, weshalb die Ausbreitung von AIDS bisher nicht aufgehalten werden konnte, ist die mangelnde Information der wirtschaftlich benachteiligten Bevölkerung in den Entwicklungsländern. Die meisten Menschen in diesen Regionen können sich teure Pharmaprodukte auch gar nicht leisten. Vorbeugung ist hier nicht nur die bessere, sondern die einzige Chance.

Literatur

1 Westdeutsche Allgemeine Zeitung 01.12.2004
2 Der Spiegel 50/1995 S. 206-212
3 Der Spiegel 38/1991, S. 283
4 medicine worldwide
http://www.m-ww.de/krankheiten/infektionskrankheiten/aids.html 
5 Trends Microbiol. (2000) 8: 426-431
6 APMIS Suppl. (2003) 114: 1-37
7 Nature (1995) 373: 117-122
8 J. Exp. Med. (2000) 192: 1491-1500
9 J. Immunol. (2003) 171: 2812-2824

 

Stand: 02/2005


Drucken