facebook
twitter
youtube

Allgemein

Über Hoffnungslosigkeit, Sklaverei und die Hoffnung

Moderner Sklavenhandel
Der transatlantische Sklavenhandel wurde erst im Jahre 1870 ganz beendet und erstreckte sich über einen Zeitraum von fast vierhundert Jahren. Dieses menschenverachtende und ausbeuterische System einst herrschender Kolonialmächte gehört zum Glück einer längst vergangenen Epoche an. Es waren die sogenannten Weißen, die sich das Recht gaben, Menschen mit einer dunklen Hautfarbe zu versklaven; Menschen, die sie als Wilde und minderwertig ansahen. Sie drangen in ihre Länder ein, trieben Handel mit den dortigen Stammesfürsten und kauften Menschen, um sie auszubeuten.

Doch der Sklavenhandel ist in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht verschwunden. Die heutigen Kolonialherren sind Vorstände bei Pharmakonzernen, Wissenschaftler, Politiker und Forscher, die in einem anthropozentrischen System verharren, das sich anmaßt, über andere Wesen auf diesem Planeten zu herrschen.

Moderner Sklavenhandel wird mit Wesen betrieben, die uns in ihrer Art und ihrem Aussehen überhaupt nicht fremd sind. Die meisten Wissenschaftler, Forscher und Ärzte sind mit Sicherheit Befürworter von Darwins Lehre. Und eigentlich reicht ein Blick, um unsere Verwandtschaft mit den Affen zu erkennen. Es ist schwer vorstellbar, wie diese Forscher, die ihnen Gifte spritzen, den Bauch oder das Gehirn aufschneiden, nach einem Arbeitstag ruhig schlafen können, wenn sie in die hilflosen und entsetzten Augen jener Wesen geblickt haben, die uns Menschen so offensichtlich widerspiegeln und mit denen wir verbunden sind – ganz gleich, um welche Art von Primaten es sich nun handelt.

Irrglaube wurde zum Mythos Der Mensch hat im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte viele Irrwege eingeschlagen. Die Vivisektion ist einer der finstersten und die tierexperimentelle Forschung auch gleichzeitig einer der absurdesten: So wurden beispielsweise Skorpione über zwanzig Jahre von einem deutschen Wissenschaftler in den Weltraum geschickt, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Entwicklung der Tiere zu er-forschen. Sie wurden auf einer Platte festgetackert und zusätzlich wurden ihnen Elektroden in die Augen, Beine und ins Gehirn gestochen. Manfred Kyber, ein Schriftsteller der zwanziger Jahre, setzte sich mit einer Vehemenz für die Tiere ein, welche für die damalige Zeit bemerkenswert und außergewöhnlich war. Kyber nannte Tierversuche eine abendländische Kulturschande. Fast hundert Jahre sind seitdem vergangen, doch dieser Schandfleck ist größer und größer geworden, seine Ausmaße ins Ungeheuerliche gewachsen.

Wie können wir als Menschen erwarten, dass uns etwas wirklich heilt, wenn es mit dem Leid anderer Lebewesen verbunden ist? Dass Tierversuche nicht auf den Menschen übertragbar sind, wurde schon unzählige Male bewiesen. Der menschliche Organismus in seiner Gesamtheit ist ganz anders als der eines Tieres. So viele verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, warum eine Krankheit entsteht und ebenso viele, damit ein Gesundungsprozess in Gang gesetzt wird. Genetische Voraussetzungen, Umwelteinflüsse, Ernährungsgewohnheiten, das seelische Befinden etc. Doch die Pharmaindustrie macht weiter mit Heilsversprechen und grausamen Tests. Sie hält beharrlich an dem Irrglauben der Tierexperimente fest, eines der größten Unrechte des Menschen gegenüber Lebewesen, die sich nicht wehren können. Aus diesem Irrglauben ist ein Mythos entstanden, mit dem sich Pharmakonzerne jedoch absichern (mit der Vorgabe und dem Segen des Gesetzgebers) und dem Konsumenten vorgaukeln, dass ein Arzneimittel sicher sei, weil es ja an Tieren getestet wurde. Aber wie könnte es das jemals sein?

Verbrechen – eine Definitionsfrage
Eine Wissenschaft, die wissentlich Leiden schafft, ist unethisch, verwerflich und untragbar. Sie ist einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig, einer Gesellschaft, in der sich die meisten Menschen hierzulande gegen Folter und Todesstrafe einsetzen. Die Verbrechen der europäischen Einwanderer an den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents wurden in dem Zeitraum, in dem sie begangen wurden, nicht als Verbrechen geahndet. Auch sie wurden vom Herrschaftsanspruch des „weißen“ Menschen gegenüber den sogenannten Wilden gerechtfertigt. Erst später wurden sie offiziell zu den Gräueltaten der Geschichte gezählt und die Opfer als solche anerkannt. Nur, weil etwas zu einer gegebenen Zeit noch nicht von der Allgemeinheit oder einer Jurisdiktion als Verbrechen bezeichnet wird, bedeutet dies bei Weitem nicht, dass es sich nicht um ein solches handelt.

Das deutsche Tierschutzgesetz „garantiert“ Tieren einen weitgehenden Schutz – laut Gesetzestext sind sie Mitgeschöpfe. Lässt man Mitgeschöpfe unter dem Deckmantel fragwürdiger Wissenschaft sinnlos foltern und töten? Als im Jahre 2004 die Folter gleichkommenden Methoden in dem amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo bekannt wurden, ging ein Aufschrei durch die Welt und durch die Medien. Wieso bleibt dieser weitgehend aus, wenn doch bekannt ist, dass Abermillionen von Tieren auf dem Altar der Wissenschaft gefoltert und geopfert werden? Und mit welcher Berechtigung? Zum Wohle der Menschheit, der „Rasse“ Mensch? Wieso sollten Tiere für den Menschen leiden und sterben? Weil sie die „Wilden“ der heutigen Zeit sind, niedrige Kreaturen? Weil der Mensch „höher“ steht als das Tier, weil er die Krone der Schöpfung ist oder ein vernunftbegabtes Wesen? Mit Vernunft haben Tierversuche wenig zu tun und die Unterschiede zu dem Wesen Tier, deren sich das Wesen Mensch so gerne rühmt, haben im Verlauf der Menschheitsgeschichte nicht nur Gutes hervorgebracht. Tiere haben keine Atomwaffen erfunden, sie foltern andere Tiere nicht oder züchten sie und halten sie in Gefängnissen.

Das Wesen Tier leidet genauso wie das Wesen Mensch, den vermeintlich gerechtfertigten Unterschied und die Begründung, warum sie leiden müssen, erhebt in diesem Fall allein der Mensch: Was und zu welchem Zeitpunkt ein Verbrechen ist, wird vom Menschen definiert.

Hoffnung – friedlicher Widerstand und neue Wissenschaft
Während zufriedene Urlauber mit Air France zurück in ihre Heimat fliegen, müssen unschuldige Wesen zwangsweise ihre Heimat verlassen und einem grausamen, menschgemachten Schicksal entgegenfliegen. Welches Entsetzen muss ein kleines Äffchen überfallen, wenn sich seine Transportkiste wieder öffnet und es in einen Käfig gesteckt wird, aus dem es nicht entkommen kann. Wenn es in ein Labor gebracht wird, in dem es das Leid seiner Artgenossen mit jeder Faser seines Körpers wahrnimmt. Welches Grauen und wie viel Angst muss es spüren, sobald die ersten Testversuche oder Operationen beginnen. Und irgendwann: Die Hoffnungslosigkeit und das Wissen, dass es kein Entrinnen aus diesen Qualen geben wird und die einzige Freiheit, die es sich noch wünschen kann, der Tod ist.

Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, diesen Satz, der Berthold Brecht zugeschrieben ist, kennen die meisten Menschen hierzulande. Der friedliche Widerstand gegen das Unrecht an den Tieren, dem sich immer mehr Menschen anschließen – das ist Hoffnung. All die vielen Menschen, die mittlerweile gegen diese moderne Art der Sklaverei und todbringende Ausbeutung protestieren. Hoffnung, das sind die Menschen mit fühlenden und sehenden Herzen, denen die Qualen der Tiere nicht gleichgültig sind und die mit ihnen leiden und für sie auf die Straße gehen. Hoffnung macht auch eine neue Form der Wissenschaft, die sich für tierversuchsfreie Methoden einsetzt; eine Forschung, deren Grundlage nicht mehr der Milliardenfache Tod anderer Lebewesen ist.

Dass all die unzähligen, noch nicht geahndeten Verbrechen des Menschen an den Tieren eines Tages als ein Verbrechen im juristischen Sinne definiert werden, ist auch eine persönliche Hoffnung. Der Weg dorthin ist sehr weit, aber es werden immer mehr Menschen, denen die Leiden unserer jüngeren Brüder und Schwestern, wie Manfred Kyber die Tiere liebevoll genannt hat, nicht gleichgültig sind. Und hoffentlich werden es auch immer mehr Ärzte, Forscher und Wissenschaftler die sich für die Tiere einsetzen, damit dieses finstere Kapitel der Menschheitsgeschichte bald zu einem Ende kommt.

(c) Daniela Böhm
Autorin und Tierrechtlerin, www.danielaböhm.com

Drucken