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Zutritt verboten

Er ballte seine schlanken Hände so stark zu Fäusten, dass das Weiße seiner Fingergelenke sichtbar wurde. Sein Atem ging stoßweise und verzweifelt blickte er zu einem blassblauen Himmel, an dem sich dunkle Wolken zusammenballten. Dann schlug er mit seiner rechten Faust auf die Parkbank. Der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Schlag. Doch was war dieser Schmerz im Vergleich zu einem anderen? Zu dem Schmerz anderer Lebewesen … dort, in diesem grauen Gebäude, das dicht hinter ihm in den Himmel ragte, so düster und bedrohlich wie die Wolken, die gerade aufzogen. Warum war ihm das erst jetzt bewusst geworden? 

Als Martin mit dem Medizinstudium begonnen hatte, war er voller Hoffnung und Freude gewesen. Menschen zu helfen, das war sein innigster Wunsch, sich dem Dienst einer ehrenvollen Aufgabe zu verschreiben. Auch der Tod seines Vaters hatte ihn beeinflusst. Er war an einem Herzinfarkt verstorben und seine Doktorarbeit wollte er über Herzkreislauferkrankungen schreiben. Als Martin zu Beginn des fünften Semesters eine Praktikumsstelle für Grundlagenforschung auf diesem Fachgebiet entdeckte, hatte er sich sofort beworben und kurze Zeit später eine Zusage erhalten. 

An seinem ersten Tag war Martin aufgeregt und nervös gewesen. Er wurde von einer freundlichen Mitarbeiterin der Verwaltung mit allen Vorschriften vertraut gemacht, erhielt einen Ausweis und eine Chipkarte. „Die dürfen Sie auf keinen Fall verlieren, das ist die Sesam-öffne-dich-Karte für alle Bereiche in diesem Gebäude“, hatte sie augenzwinkernd gemeint. „Und jetzt begeben Sie sich bitte auf Zimmer 212, dort erhalten Sie Ihre Einweisung von Frau Professor Etrom, der Sie unterstellt sind. Viel Glück.“

Das „viel Glück“ hatte wie ein schlechtes Omen in Martins Kopf nachgehallt, während er mit dem Aufzug in den zweiten Stock gefahren und rechts einen Gang entlang gelaufen war, dessen Geruch nach Desinfektionsmitteln den Atem stocken ließ.

Zaghaft hatte er an die Tür von Zimmer 212 geklopft. Die Begrüßung von Frau Professor Etrom war distanziert gewesen, seine ausgestreckte Hand wurde fast vorwurfsvoll abgelehnt. „Corona ist noch nicht vorbei.“ Ihre graublauen Augen hatten ihn kritisch gemustert, von der Fußsohle bis zum Scheitel. Verlegen hatte er auf das Namensschild an ihrem weißen Kittel gestarrt und sich gefragt, welcher Name sich hinter dem H. verbarg.

Kurz und knapp hatte Martin erklärt bekommen, was er vorerst tun musste. Frau Professor Etrom hatte auf die Karteikarten gedeutet, die in einer grauen Box auf einem stählernen Rollwagen standen. „In ein paar Tagen beginnen wir mit den Versuchen. Ihre Aufzeichnungen bis dahin sollten exakt sein. Größe, Gewicht, Appetit, Krankheitserscheinungen, Verhaltensauffälligkeiten … Sie verstehen? Im Übrigen finden Sie alle Kriterien auf den Karten – die Daten übertragen Sie anschließend in das Computerprogramm. Die Mäuse sind alle durchnummeriert, anders geht es nicht, die Dinger sehen ja alle gleich aus.“ 

Natürlich hatte Martin gewusst, dass in dem Forschungszentrum Tierversuche gemacht wurden – schließlich war in der Ausschreibung für sein Praktikum u.a. von Überprüfung der Versuchstiere die Rede gewesen. Tierversuche mussten eben sein, hatte er wieder einmal gedacht, wie sonst könnten wichtige Erkenntnisse gewonnen und Arzneimittel sicher für den Menschen zugelassen werden; das schrieb die Gesetzgebung schließlich vor. Es war bedauerlich für die Tiere, aber so war es nun mal, und stand der Mensch nicht über den Tieren? 

An der grauen Tür prangte ein großes Schild. ‚Zutritt strengstens verboten – nur für Fachpersonal.‘ Vorsichtig schob Martin an diesem ersten Tag den Rollwagen über die Schwelle und blieb stirnrunzelnd stehen. So viele Käfige, so viele Mäuse … Auf den ersten Blick sahen sie wirklich alle gleich aus. Schneeweiß mit kugelrunden roten Augen. Gewissenhaft erledigte er zwei Mal seinen Kontrollgang; er musste die Mäuse nicht anfassen oder aus dem Käfig holen, dafür war jemand anderer zuständig, der die entsprechenden Daten wie Gewicht und Größe auf ein Schild am Käfig schrieb. Professor Etrom hatte ihm jedoch auch eingeprägt, die Mäuse zu beobachten und etwaige Auffälligkeiten in ihrem Verhalten zu dokumentieren. 

Als Martin an dem Tag vor Beginn der Experimente wieder durch die Reihen lief, blieb sein Blick länger als sonst an Nummer 87 hängen. Er hatte bis jetzt keine nennenswerten Unterschiede zwischen den einzelnen Mäusen erkennen können, nur dass einige zutraulicher waren, während andere im hinteren Winkel ihres kleinen Käfigs oft träge herumlagen. Manche schienen aufgeweckter und turnten öfters in ihren Käfigen herum, viele nagten aus Langeweile an den schmalen Gitterstäben. Es gab Mäusegruppen, aber auch Einzelhaltung. „Weibchen kommen gut miteinander aus“, hatte ihm Sven, der Tierschutzbeauftragte, erklärt. „Bei den Männchen ist es etwas problematischer.“

Auch gestern war er schon einmal über diese Nummer gestolpert, genau in dem Augenblick, als er sich wie ein Wärter vorgekommen war, der Gefangene überwacht. Diesen unangenehmen Gedanken hatte er jedoch sofort verdrängt – schließlich diente er hier einer ehrenvollen Wissenschaft mit einem höheren Ziel.

Die Maus steckte ihre kleine Schnauze so gut es ging durch die Gitterstäbe und Martin hatte das Gefühl, als würde ihn 87 eindringlich ansehen. ‚So ein Unsinn‘, dachte er, beugte sich aber trotzdem zu ihr hin. Die Schnauze bewegte sich ohne Unterlass, die winzigen Barthaare zitterten dabei mit. Martin musste lächeln. Ganz vorsichtig streckte er seinen linken Zeigefinger aus und Nummer 87 schnupperte neugierig daran. „Du hast ja gar keine Angst“, flüsterte Martin, obwohl niemand im Raum war. Er betrachtete die Maus eingehend und sah auf einmal, dass sie einen winzigen braunen Fleck auf der Innenseite des rechten Ohres hatte. „Du bist doch anders“, schmunzelte er. „Ein possierliches Federgewicht mit einer Laune der Natur.“ 

Martin zog sich an diesem Abend früh in sein Zimmer in der WG zurück, nahm seinen Laptop zur Hand und studierte verschiedene Webseiten über Mäuse. Staunend las er, dass es weltweit vierzig verschiedene Arten gab, ihr Geruchssinn sogar den von Hunden übertraf, und sie hochsoziale und reinliche Tiere waren.

Als er im Bett lag, dachte er an Nummer 87. Er wusste, welches Schicksal die Maus erwartete, Frau Professor Etrom hatte ihm die Versuche für die Grundlagenforschung über Herzkreislauferkrankungen heute genau erklärt. Mit einem beklemmenden Gefühl schlief er ein und wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her. 

Der Raum roch steriler als sonst. Ein OP-Tisch blitzte im Licht greller Leuchten und Martin zuckte zusammen, als der Assistent von Frau Professor Etrom die Maus Nummer 1 mit einem groben Griff aus ihrem Käfig holte. Sie bekam eine Narkose und es dauerte nicht lang, bis ihr ein gezielter Schnitt den Brustraum öffnete. Das winzige Herz wurde herausgestülpt und im nächsten Schritt eine der Herzkranzarterien mit einem Faden abgebunden, um so einen Herzinfarkt herbeizuführen.

Martin spürte Übelkeit aufsteigen, obwohl er in seinem bisherigen Studium schon einiges erlebt und gesehen hatte. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er fragte sich, wie er die nächsten Stunden überstehen sollte.

Er überstand sie nicht – bei Maus Nummer 8 lief er aus dem Raum und zur nächsten Toilette, wo er sich übergab.

Schwitzend stand er vor dem Waschbecken und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. ‚Vielleicht werde ich krank?‘, dachte er. Doch Martin spürte, dass der Grund ein anderer war. Als Nummer 6 auf dem Stahltisch gelegen war und ihr die Arterie abgebunden wurde, hatte er plötzlich seinen Vater gesehen, der nach Luft ringend auf dem Wohnzimmerboden lag, den entsetzten Aufschrei seiner Mutter gehört und die Sirene des Krankenwagens. Doch da war bereits alles zu spät gewesen. „Schwerer Herzinfarkt“, hatte der Notarzt gemeint. Fassungslos war er mit seinen zehn Jahren daneben gestanden. Martin hatte es nicht begreifen können und auch nicht wollen. Und all die Mäuse erlitten jetzt das gleiche Schicksal, nur mit dem Unterschied, dass der Infarkt künstlich herbeigeführt wurde und nicht zum Herzstillstand führte, damit man so erforschen konnte, wie und in welchem Ausmaß sie nach dem Infarkt betroffen waren.

Martin sah in den Spiegel und wischte sich ein paar nasse Haarsträhnen aus der Stirn. In seinen braunen Augen lag Abscheu. 

Frau Professor Etrom schickte ihn ohne viel Mitgefühl in der Pause nach Hause. „Und morgen reißen Sie sich bitte zusammen. Ich dachte, Sie wollen Arzt werden?“

Martin erwiderte nichts und begab sich auf dem schnellsten Weg nach Hause. Er wusste nicht, wie er den morgigen Tag überstehen sollte. Sollte er sich krankmelden?

Er schlief kaum in dieser Nacht. Und immer wieder musste er an Nummer 87 denken, an die Maus mit dem winzigen braunen Fleck im Ohr. Wie viele Mäuse waren heute aufgeschnitten worden? War 87 auch dabei gewesen?

Irgendwann im Morgengrauen schaltete er die Nachttischlampe ein. An Schlaf war nicht mehr zu denken und er musste sowieso bald aufstehen. Sein Blick fiel auf einen kleinen weißen Stoffhund den ihm sein Vater geschenkt hatte; er war das einzige Stofftier, das er aus seiner Kindheit behalten hatte. ‚Uli‘ hatte er ihn damals genannt, warum, das wusste er nicht mehr. 

Mit klopfendem Herzen betrat er an diesem Morgen das graue Gebäude und erfuhr, dass die OPs bis auf weiteres ausgesetzt worden waren, weil Frau Professor Etrom an Corona erkrankt war. Er wurde sofort getestet, war aber negativ.

Wie gewohnt schob er seinen Rollwagen wieder durch den Raum. „Die operierten Mäuse leiden jetzt nach den Eingriffen an Herzinsuffizienz mit allem was dazu gehört. Beobachten Sie das jeweilige Verhalten und dokumentieren sie es“, war die knappe Anweisung des wissenschaftlichen Assistenten gewesen.

Martin standen bald die Tränen in den Augen. Die meisten der operierten Mäuse lagen schwer atmend in irgendeiner Ecke ihres Käfigs, keine von ihnen turnte noch an irgendwelchen Gitterstäben herum. Bei vielen war die Futterschüssel unberührt und einige schienen sich vor Schmerzen zu krümmen. Ihre kleinen roten Augen blickten teilnahmslos und matt – als hätte eine schreckliche Macht ihren Lebenswillen gebrochen und sie jeglicher Lebensfreude beraubt. Keine einzige Maus kam mehr neugierig angelaufen, als Martin mit dem Rollwagen vor ihren Käfigen anhielt.

„Euer Martyrium wird aufhören“, sagte er schließlich zu Maus Nummer 39 und begann zu weinen. Er wusste, dass die Mäuse in zehn Wochen getötet werden würden, wenn sie ihren Zweck im Namen der Wissenschaft erfüllt hatten. ‚Es kann nicht richtig sein“, dachte Martin. ‚Menschen bekommen wegen allen möglichen Ursachen Herzerkrankungen, was hat das mit eigentlich gesunden Mäusen zu tun?‘

Bei seinem Vater waren es das Übergewicht und der ungesunde Lebensstil gewesen, das wusste er heute. 

Erleichtert stellte er fest, dass Nummer 87 noch nicht operiert worden war, es war kein roter Punk auf dem Schild an ihrem Käfig. Tatsächlich schob die Maus ihre Schnauze gleich wieder aufgeregt durch die Gitterstäbe und Martin beugte sich hinab. „Du bist keine Nummer und auch kein Ding. Was hältst du von Uli?“

Einige Stunden später verließ er das Gebäude schweren Herzens. Er war bedrückt und unruhig. Seine Welt war ins Wanken geraten, der Boden unter seinen Füßen nicht mehr sicher. Er wollte nicht im Dienste einer Wissenschaft stehen, die so schreckliches und unnötiges Leid verursachte; dennoch wollte er unbedingt Arzt werden.

‚Später‘, dachte er, während er auf der Parkbank saß. ‚Ich werde mir später darüber Gedanken machen.‘ 

Seine schlanken Hände ballten sich zu Fäusten …

In diesem Augenblick, als seine rechte Hand auf die Parkbank schlug, stand sein Entschluss plötzlich fest. Er würde dieses Gebäude noch ein einziges Mal betreten, jetzt gleich, aber nur um Uli herauszuholen und ihm ein grausames Schicksal zu ersparen. Er würde ihn in seine Jackentasche stecken; niemand würde etwas bemerken, und dann gleich zur nächsten Tierhandlung fahren, um einen Käfig mit Zubehör zu kaufen.

Morgen würde er sich erst einmal krankmelden und irgendwann einen Brief an Frau Professor Etrom schreiben. Natürlich würde das Fehlen von Uli bemerkt werden, aber er würde einfach die Käfigtür offen lassen; jeder würde denken, dass er oder Sven vergessen hatten, sie zu schließen und Uli sich irgendwo versteckte. Es tat ihm leid, dass Sven deshalb wohl einen ordentlichen Rüffel bekommen würde, aber das war eben nicht zu ändern. 

Wenn es einen Himmel gab, überlegte er, während er fest entschlossen auf das Gebäude zulief, müsste es dort auch eine Tür mit dem Schild ‚Zutritt verboten‘ geben, die all jenen den Eintritt verwehrte, die unschuldigen Geschöpfen im Namen einer vermeintlichen Wissenschaft so viel Leid und Schmerz zufügten. 

© Daniela Böhm 2022

www.danielaböhm.com 

*Etwaige Ähnlichkeiten mit den Namen lebender/verstorbener Personen dieser Geschichte wären rein zufällig.

Podiumsdiskussion zur Zukunft der Forschung in Europa

Die Landestierschutzbeauftragte von Berlin, Dr. Kathrin Herrmann, lädt ein zu einer hochkarätigen Podiumsdiskussion: 

"Expert Panel Discussion on the Future of Research and Testing in the European Union & Beyond"

Experten auf dem Podium: 

  • Prof. Dr. Dr. Thomas Hartung, Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, Baltimore, USA
  • Dr. Gavin Maxwell, Unilever
  • Prof. Merel Ritskes-Hoitinga, Universität Utrecht, Niederlande

Termin: Do., 25. August, 19.00-21.30 Uhr CET

Ort: Online

Weitere Infos und Anmeldung >>

Schnelle Impfstoffentwicklung dank weniger Tierversuchen

Weniger und kürzere Tierversuche und verstärkter Einsatz von tierversuchsfreien Methoden erlaubten die beispiellos schnelle Corona-Impfstoffentwicklung.

In einer umfangreichen Literaturanalyse und nach Befragungen von 11 Experten aus relevanten Interessensgruppen untersuchen die Autoren, warum die Entwicklung des Pfizer/BioNTech Corona-Vakzines viel schneller als die übliche Impfstoffentwicklung erfolgt ist. In der Studie stellt sich heraus, dass die Anzahl der durchgeführten Tierversuche reduziert wurde und mehr tierversuchsfreie Methoden verwendet und akzeptiert wurden. Außerdem begannen Studien am Menschen früher und wurden nicht erst nach den Tierversuchen durchgeführt, sondern parallel dazu. Die Aufsichtsbehörden akzeptierten zudem historische Daten aus früheren Impfstoffforschungen.

Durchschnittlich dauert es 10 bis 15 Jahre bis ein neuer Impfstoff entwickelt und zugelassen wird. Zwei bis vier Jahre davon braucht man nur für die gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuche, in denen die Sicherheit und die Fähigkeit des Impfstoffs, eine Immunantwort zu erzeugen, an mehreren Tierarten getestet wird. In der Regel werden diese Tierversuche abgeschlossen und ausgewertet, bevor der Impfstoff an menschlichen Probanden in der ersten Phase der klinischen Studien erprobt wird. Auch nach der Zulassung müssen Sicherheit und Wirksamkeit jeder Produktionseinheit des Impfstoffs in den sogenannten Chargenprüfungen getestet werden, was häufig mit mehreren Tierversuchen verbunden ist.

Der erste Corona-Impfstoff in Europa, Comirnaty der Pharmaunternehmen Pfizer und BioNTech, wurde innerhalb von weniger als 12 Monaten nach dem ersten dokumentierten Fall einer Corona-Erkrankung zugelassen. Dies steht im krassen Gegensatz zu den üblichen 10-15 Jahren, die für die Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen benötigt werden. Nach Beginn der Corona-Pandemie dokumentierten mehrere Medienberichte schon sehr bald, dass viele der sonst üblichen Tierversuche bei der Entwicklung der Corona-Impfstoffe übersprungen würden.

In dieser Studie nehmen die Autoren den Pfizer/BioNTech Corona-Impfstoff als Beispiel und analysieren dabei, wie sich die gesetzlichen Anforderungen für die obligatorischen Tierversuche im Gegensatz zu dem präpandemischen „Normalfall“ unterschieden. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, wie verschiedene Interessensgruppen, einschließlich Zulassungsbehörden und Pharmaunternehmen, das Potenzial für nachhaltige Auswirkungen auf zukünftige Impfstoffentwicklungen sehen.

Hierzu analysierten die Autoren 171 relevante Dokumente, wie z.B. Richtlinien und Anforderungen zur Entwicklung von COVID-19-Impfstoffen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA), EU-Regularien, Protokolle internationaler Treffen von Interessensgruppen, Peer-Review-Artikel zur Impfstoffentwicklung u.a. Weiterhin führten sie Interviews mit 11 Experten aus den folgenden Interessensgruppen: Vertreter niederländischer und europäischer Zulassungsbehörden, Impfstoffentwickler (Pharmaunternehmen), (Bio-)-Medizinwissenschaftler/Virologen, die an Tierversuchen oder tierversuchsfreien Methoden arbeiten, Tierrechtsorganisationen und niederländische und europäische Politiker.

Weniger Tierversuche, mehr tierversuchsfreie Methoden

Schon am Anfang des Impfstoffentwicklungsprozesses wurden verstärkt schnelle, tierversuchsfreie In-vitro- (d.h. im Reagenzglas) und In-silico- (d.h. computergestürzte) Verfahren sowie menschliche Studien eingesetzt, um die Struktur und die Eigenschaften möglicher Impfstoffkandidaten zu bestimmen. Gleichzeitig wurden deutlich weniger Tierversuche zu diesen Zwecken gemacht. Dabei erlaubte die EMA den Pharmafirmen, viele sonst übliche Tierversuche mit Daten aus menschenrelevanten Methoden zu ersetzen und nur als „essenziell“ betrachtete Tierversuche zur Impfstoffsicherheit durchzuführen. Die Tierversuche zur Prüfung der Wirksamkeit der (Corona-)Impfstoffe wurden laut einer Befragten nicht als „essenziell“ angesehen und die Wirksamkeit konnte deswegen direkt am Menschen getestet werden. Auch spezielle Sicherheitstestungen an Tieren, wie. z.B. zu Karzinogenität, mussten für Comirnaty nicht gemacht werden, weil der Impfstoff bereits ausgiebig genug charakterisiert war. Einige der Befragten sind der Meinung, dass diese Reduktion oder gar die Abschaffung einiger Tierversuche eine nachhaltige Praxis auch für die Zeiten nach der Corona-Pandemie darstellen können.

Tierversuche erst nach Versuchen am Menschen oder parallel dazu

Um die Zulassung der Corona-Impfstoffe weiter zu beschleunigen, hat die EMA den sogenannten „Rolling Review“ verwendet, d.h. alle Testergebnisse wurden umgehend von der Zulassungsbehörde begutachtet. Im Laufe des Rolling Review wurden einige Tierversuche, die üblicherweise vor den Versuchen am Menschen gemacht werden, erst während der klinischen Phase 3 durchgeführt, bei der der Impfstoff bereits an Tausenden Menschen erprobt wurde. Teilweise wurden die Tierversuche sogar erst nach der abgeschlossenen Impfstoffzulassung durchgeführt.

Tierversuchsfreie Chargenprüfungen

Eine weitere Besonderheit von Comirnaty und anderen Corona-Impfstoffen ist, dass alle Chargenprüfungen völlig tierversuchsfrei sind und stattdessen auf modernen In-vitro-Methoden basieren. Laut der Autoren sind diese Techniken präziser, robuster, billiger und haben eine kürzere Bearbeitungszeit als Tierversuche.

Noch ein Unterschied zu der präpandemischen Impfstoffentwicklung ist, dass die EMA Daten aus Tierversuchen akzeptierte, die für andere Impfstoffe mit dem gleichen Wirkmechanismus gemacht wurden. So wurden viele zusätzliche Tierversuche umgangen, was die Geschwindigkeit der Impfstoff-Entwicklung deutlich gesteigert hat.

Pharmaunternehmen: tierversuchsfreie Methoden sind besser, billiger, schneller

Diese Studie befasst sich auch mit der kritischen Frage, inwiefern die hier beschriebene Vorgehensweise bei der Impfstoffentwicklung auch nach der Pandemie etabliert werden könnte - sowohl bei mRNA-basierten, als auch anderen Impfstoffen. Pharmaunternehmen sind bereit, den nächsten Schritt zu tun: Sie halten tierversuchsfreie Methoden für besser, billiger, schneller und wissenschaftlich bedeutsamer. Auf die Frage nach Hürden bei der Umsetzung nannten Befragte aus allen Interessensgruppen die Risikoaversion der Aufsichtsbehörden als Hauptgrund dafür, dass Tierversuche immer noch gefordert und als notwendig erachtet werden.

Fazit

Die Studie zeigt, wie die EMA ihre Zulassungsfrist in Krisenzeiten verkürzte, indem sie die Zahl der Tierversuche reduzierte und tierversuchsfreie Methoden förderte. Sie unterstreicht auch die Bereitschaft der Pharmaunternehmen, zu diesen Veränderungen beizutragen. Ein ständiger Dialog mit den Aufsichtsbehörden ist notwendig, um weniger Tierversuche und mehr tierversuchsfreie Methoden auch zukünftig bei der Impfstoff- und Medikamentenentwicklung einzusetzen. Die Sinnhaftigkeit der Tierversuche, die parallel oder sogar erst nach den Humanstudien durchgeführt wurden, ist mehr als fragwürdig. Abgesehen davon sollte die Vorgehensweise bei den Corona-Impfstoffen jedoch als Präzedenzfall gesehen werden, für eine erfolgreiche Impfstoff- und Medikamententestung ohne Tierversuche.

Quelle:

Ritskes-Hoitinga, M. et al.: The promises of speeding up: Changes in requirements for animal studies and alternatives during COVID-19 vaccine approval – A case study. Animals 2022; 12(13):1735

Zusammenfassung:
Dr. rer. nat. Dilyana Filipova

 

Mangelhafte Reproduzierbarkeit von Tierversuchsergebnissen im Tierversuch bestätigt

10. August 2022

Eine im Mai 2022 in der Fachzeitschrift PLOS Biology erschienene Studie attestiert den Ergebnissen von Tierversuchen mangelhafte Reproduzierbarkeit, also Wiederholbarkeit. Das heißt, die Ergebnisse aus identisch aufgebauten Tierversuchen können vollkommen unterschiedlich sein. Um das herauszufinden, wurden Tierversuche zum Angstverhalten an Mäusen durchgeführt.

In der tierexperimentellen Wissenschaftswelt gilt es als Goldstandard, das Setup eines Versuchs so homogen wie möglich zu gestalten, indem genetisch identische Tiere, meist gleichen Geschlechts und Alters, verwendet werden und die Ausstattung der Käfige sowie das Prozedere in der Versuchsdurchführung einheitlich sind. So sollen Ergebnisse generiert werden, die stets reproduzierbar, d.h., wiederholbar, sind.

Da dies in der Praxis aber häufig nicht gelingt und es vielmehr trotz standardisierter Bedingungen in einem anderen Labor oder bei Wiederholung des Versuchs zu einem anderen Zeitpunkt zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, sollen Ursachen dafür gesucht werden. Die Versagensquote, bereits publizierte Ergebnisse in Wiederholungsexperimenten zu bestätigen, liegt bei 50 bis 90 %.

Aus zahlreichen Studien ist bereits bekannt, dass der Experimentator wie u.a. dessen Geschlecht oder sein Umgang mit den Tieren im Labor, Einfluss auf die Versuchsergebnisse haben. Unter Federführung von Wissenschaftlern der Universität Münster wurde nun dieser Einfluss in drei Laboren an unterschiedlichen Standorten (Münster, Oldenburg, Bern in der Schweiz) untersucht. Zwölf Experimentatoren führten dabei in den drei Laboren an mindestens 288 weiblichen Inzucht-Mäusen Verhaltensversuche, wie den Open-Field-Test zur Untersuchung des Angstverhaltens, durch. Eine Maus wird als ängstlich eingestuft, wenn sie sich vorwiegend im geschützten, dunklen Bereich eines Versuchsfelds aufhält und als mutig, wenn sie die offenen, hellen Bereiche betritt.

Hierbei wurde verglichen, ob ein Versuch unter standardisierten Bedingungen mit nur einem Experimentator sich in der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse von einem Versuchsaufbau unterscheidet, der von mehreren Experimentatoren durchgeführt wird.

Im Ergebnis zeigte sich, dass zwischen den drei Standorten einige Ergebnisse nicht reproduzierbar waren, und zwar sowohl hinsichtlich des Versuchsaufbaus mit nur einem Experimentator, als auch des unter Beteiligung mehrerer Experimentatoren. Der Einfluss des Experimentators war mit durchschnittlich 5 % verantwortlich für die Unterschiede in den Ergebnissen, spielte also nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr war der Standort entscheidend, also in welchem Labor der Versuch durchgeführt wurde, was durchschnittlich 25 % der Variation ausmachte.

Überraschung äußern die Autoren zudem darüber, dass zu 41 bis 72 % nicht erklärbare Unterschiede zwischen den einzelnen Mäusen für die große Varianz der Ergebnisse verantwortlich ist. Unterschiede zeigten sich beispielsweise darin, wie lange eine Maus sich jeweils im ungeschützten Bereich des Versuchsfelds aufhält. Auch vollkommen widersprüchliche Schlussfolgerungen bezüglich des Aufzuchtverhaltens waren zu beobachten, was die Autoren als Beispiel für eine stark eingeschränkte Reproduzierbarkeit bezeichnen. 

Die Erkenntnis der Autoren ist, dass die biologischen Variationen eine große Rolle bei Tierversuchen spielen. Sie räumen ein, dass bei Tierversuchen außer Acht gelassen wird, dass ein lebender Organismus auf seine Umgebung reagiert, was ein Grund für die mangelnde Reproduzierbarkeit sein kann. Sie folgern daraus, dass man zukünftig bessere Strategien braucht, um diese Variation kontrolliert im Versuchsdesign zu integrieren, anstatt sie wie bisher zu eliminieren, um auf diese Weise eine bessere Reproduzierbarkeit der Ergebnisse zu erzielen. Die Autoren halten weitere Studien für erforderlich. Gefördert wurde die Arbeit von der DFG, also auch vom Steuerzahler.

In dieser Studie geht es noch nicht einmal um die Frage nach der Validität, also die wissenschaftliche Aussagekraft und die Übertragbarkeit von tierexperimentellen Ergebnissen auf den Menschen. Der Tierversuch als systemimmanente Störung wird nicht in Frage gestellt. Dennoch wird deutlich, dass selbst Ergebnisse aus Versuchen innerhalb einer Spezies nicht reproduzierbar sind und damit auch nicht von einer Maus auf eine andere übertragbar sind und ebenso wenig eine Aussagekraft für den Menschen haben können. Ein Tier ist nun einmal keine Maschine, sondern ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Vorlieben und Gefühlen. Dieses Wissen ist natürlich schon lange bekannt, was es umso fragwürdiger macht, warum hier eigens ein Tierversuch konstruiert wurde, indem zahlreiche Mäuse leiden mussten. Anstatt per se unzuverlässige Tierversuche zu optimieren, wäre es sinnvoll, humanbasierte Modelle zu nutzen, die reproduzierbar sind und zudem relevante Ergebnisse liefern. 

Originalstudie

Vanessa Tabea von Kortzfleisch, Oliver Ambrée, Natasha A. Karp, Neele Meyer, Janja Novak, Rupert Palme, Marianna Rosso, Chadi Touma, Hanno Würbel, Sylvia Kaiser, Norbert Sachser und S. Helene Richter (2022): Do multiple experimenters improve the reproducibility of animal studies? PLOS Biology 20(5): e3001564 

Zusammenfassung: Dipl.-Biol. Silke Strittmatter

Tierversuchs-Beispiele Berlin

Dokument 1 – Nacktmulle und Mäuse erstickt

Tiere: mindestens 57 Nacktmulle und 66 Mäuse 

Versuchsbeschreibung: Die Versuche werden am Max-Dellbrück-Center Berlin, in Chicago und Pretoria, Südafrika durchgeführt, wobei aus dem Artikel nicht hervorgeht, wo welcher Versuchsteil stattfindet. Es wird eine Vielzahl verschiedener Versuche jeweils mit einigen Mäusen und einigen Nacktmullen (Heterocephalus glaber) durchgeführt. Die Mäuse sind 2-4 Monate alt, die Nacktmulle 1 – 11 Jahre (sie können bis 30 Jahre alt werden).

- Mäuse und Nacktmulle werden in einer Kammer Luft mit 5% Sauerstoff ausgesetzt (normal sind 21%). Die Mäuse sind nach 15 Minuten alle tot, während die Mulle 5 Stunden überleben.

- Es wird 2,5%, dann 5%, dann 10% CO2 in eine Kammer eingeleitet, um das Vermeideverhalten zu beobachten. Die Mäuse meiden das CO2-Gas schon in einer Konzentration von 2,5%, die Mulle erst bei 10%. Normal sind 0,03% CO2 in der Luft.

- Bei 80% CO2 und 20% Sauerstoff sterben die Mäuse nach wenigen Minuten, die Mulle überleben 5 Stunden.

- Mäuse und Nacktmulle werden einer Luft mit 0% Sauerstoff ausgesetzt. Die Mäuse hören nach 45 Sekunden ohne Sauerstoff auf zu atmen. Wenn 20 Sekunden später Sauerstoff in die Kammer eingeleitet wird, erholen sich die Mäuse nicht, sondern sterben. Die Mulle verlieren ebenfalls nach 20 Sekunden das Bewusstsein, atmen aber sporadisch und der Herzschlag verlangsamt sich drastisch. Nach 10 Minuten wird der Sauerstoffgehalt auf normale 21% gesetzt, die Mulle erwachen und zeigen keinerlei Spätfolgen. 30 Minuten ohne Sauerstoff überleben die Nacktmulle jedoch nicht.

- Mulle, die bei 0% Sauerstoff auf eine Körpertemperatur von 37°C erwärmt werden, sterben nach 6 Minuten. Bei einer normalen Körpertemperatur von 30°C überleben sie 18 Minuten.

- Mehrere Mulle und Mäuse werden geköpft, um ihre Gehirne und Herzen zu untersuchen.

- Mulle und Mäuse werden nach 15 Minuten in verschiedenen Gasgemischen durch Genickbruch (Mäuse) oder Köpfen (Mulle) getötet, um ihre Lungen zu untersuchen.

Die Arbeit wurde unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Europäischen Forschungsrat, NSF und NIH. 

Bereich: Biologische Grundlagenforschung 

Hintergrund: Wie lange können Nacktmulle ohne Sauerstoff auskommen? Die Überlebensraten von Nacktmullen und Mäusen bei verschiedenen Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalten in der Luft werden untersucht. Die Autoren begründen die Wichtigkeit ihrer Forschung zum Verständnis des Fruktosestoffwechsels bei Nacktmullen mit der Perspektive, Strategien zur Behandlung von Schlaganfall und Herzinfarkt entwickeln zu können.

Originaltitel: Fructose-driven glycolysis supports anoxia resistance in the naked mole-rat 

Autoren: Thomas J. Park (1)*, Jane Reznick (2), Bethany L. Peterson (1), Gregory Blass (1), Damir Omerbasic (2), Nigel C. Bennett (3), P. Henning J. L. Kuich (4), Christin Zasada (4), Brigitte M. Browe (1), Wiebke Hamann (5), Daniel T. Applegate (1), Michael H. Radke (5,6), Tetiana Kosten (2), Heike Lutermann (3), Victoria Gavaghan (1), Ole Eigenbrod (2), Valerie Bégay (2), Vince G. Amoroso (1), Vidya Govind (1), Richard D. Minshall (7), Ewan St. J. Smith (8), John Larson (9), Michael Gotthardt (5,6), Stefan Kempa (4), Gary R. Lewin (2,1) 

Institute: (1) Laboratory of Integrative Neuroscience, Department of Biological Sciences, University of Illinois at Chicago, Chicago, USA, (2) Molecular Physiology of Somatic Sensation, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Robert-Rössle-Str. 10, 13125 Berlin, (3) Department of Zoology and Entomology, University of Pretoria, Pretoria, Südafrika, (4) Integrative Proteomics and Metabolomics, Berlin Institut für Medizinische Systembiologie, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Berlin, (5) Neuromuskuläre und Kardiovaskuläre Zellbiologie, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Berlin, (6) Deutsches Zentrum für Herz-Kreislaufkrankheiten (DZHK), Berlin, (7), Departments of Anesthesiology and Pharmacology, University of Illinois at Chicago, Chicago, IL, USA, (8) Department of Pharmacology, University of Cambridge, Cambridge, Großbritannien, (9) Department of Psychiatry, University of Illinois at Chicago, Chicago, IL, USA, (10) Exzellenz-Cluster Neurocure, Charité Universitätsmedizin Berlin, Berlin 

Zeitschrift: Science 2017: 356; 307-311 

Dokumenten-ID: 4803

Dokument 2: Atemnot bei Ratten und Mäusen

Tiere: mindestens 129 Mäuse, mindestens 143 Mäuseembryonen, 6 Ratten 

Versuchsbeschreibung: Die Versuche werden durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) Berlin unter den Nummern T0018/17, T0046/20, T0063/20 und T-CH0019/20 sowie der Nummer G0133/18 genehmigt. Es werden Mäuse verschiedener Entwicklungsstadien vom 12 Tage alten Embryo bis zum erwachsenen Tier und erwachsene Ratten in verschiedenen Versuchen eingesetzt. Gruppen von erwachsene 10 bis 12 Wochen alte Mäuse werden für 8 Stunden entweder einem normalen Sauerstoffgehalt von 21 % oder einem reduzierten Sauerstoffgehalt von 8 % in der Atemluft ausgesetzt. Dadurch leiden die Tiere unter einem extremen Sauerstoffmangel und Atemnot. Ebenso werden Gruppen von Ratten für 6 Stunden einem normalen oder einem reduzierten Sauerstoffgehalt von 8 % ausgesetzt. Die Tiere werden im Anschluss auf nicht genannte Art getötet, ihre Lungen entnommen und untersucht.

In einem weiteren Versuch wird erwachsenen Mäusen ein Wirkstoff in Nussnougatcreme oder aber Nussnougatcreme ohne den Wirkstoff gegeben. Nach 8 Stunden werden die Mäuse auf nichtgenannte Art getötet und ihr Lungengewebe untersucht.

Junge Mäuse verschiedenen Alters (vom Tag der Geburt bis 30 Tage nach der Geburt) werden mit einer Injektion in die Bauchhöhle in Narkose versetzt. Dann wird ihr Brustkorb aufgeschnitten, ihr Herz freigelegt und eine Nadel in das Herz gestoßen, durch die eine Flüssigkeit in das schlagende Herz gepumpt wird. Die Tiere sterben während des Eingriffs und ihre Lungen werden entnommen und untersucht. Weitere Tiere verschiedenen Alters - von neugeboren bis zu erwachsenen Tieren - werden auf nicht genannte Art getötet, ihre Lunge wird entnommen und in kleine Stücke geschnitten, die anschließend in Zellkulturmedium kultiviert und untersucht werden. Ebenso werden Mäuseembryonen verwendet. Wie diese gewonnen werden und was mit den Muttertieren geschieht, wird nicht erwähnt.

Die Arbeiten wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und den Förderverein für frühgeborene Kinder an der Charité e. V. unterstützt. 

Bereiche: Lungenforschung, Neugeborenenkunde 

Hintergrund: Die Entwicklung der Fähigkeit der Lunge auf Änderungen der Sauerstoffkonzentration zu reagieren, wird für Mäuse verschiedenen Alters, Mäuseembryonen und Ratten untersucht. 

Originaltitel: Adaptation of the oxygen sensing system during lung development 

Autoren: Karin M. Kirschner (1), Simon Kelterborn (1), Herrmann Stehr (2), Johanna L. T. Penzlin (2), Charlotte L. J. Jacobi (2), Stefanie Endesfelder (2), Miriam Sieg (3), Jochen Kruppa (4), Christof Dame (2), Lina K. Sciesielski (2)* 

Institute: (1)* Institut für Translationale Physiologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Virchowweg 6, 10117 Berlin, (2) Klinik für Neonatologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, (3) Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, (4) Institut für Medizinische Informatik, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 

Zeitschrift: Oxidative Medicine and Cellular Longevity 2022; 9714669 

Dokumenten-ID: 5422 

Dokument 3 – Mäuse sterben an Krebs 

Tiere: mindestens 117 Mäuse 

Versuchsbeschreibung: Die Versuche werden vom Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin genehmigt. Die Herkunft der Mäuse wird nicht genannt. Bei den Tieren werden verschiedene Gendefekte (Knock-out) erzeugt, die sie besonders anfällig für die Entwicklung eines Lymphoms (Lymphdrüsenkrebs) machen. Diese Mäuse werden mit nicht genmanipulierten Mäusen der Zuchtlinie C57BL/6 verpaart. Üblicherweise geschieht dies über mehrere Generationen. Von den Nachkommen werden sowohl Mäuse mit gewünschten Genveränderung und ihre nicht veränderten Geschwister („Wild-Typ“) für die eigentlichen Versuche verwendet.

39 genmodifizierte Mäuse werden auf nicht genannte Art getötet. Krebszellen werden von ihnen isoliert und in der Schwanzvene von 78 Wild-Typ (nicht genetisch veränderten) Mäusen gespritzt. Das führt zu einer Tumorentwicklung in den Lymphknoten der Tiere. Eine Gruppe von Mäusen erhält das bekannte Chemotherapeutikum Cyclophosphamid in die Bauchhöhle gespritzt. Eine zweite Gruppe Mäuse erhält eine Kombination von 4 Medikamenten einmalig und täglich über 4 Tage Kortison gespritzt. Eine Gruppe von Mäusen bleibt unbehandelt. Der Krankheitsverlauf wird bis zu 100 Tagen nach der Chemotherapie beobachtet. Bei 35 der 78 Mäuse wird eine erneute Tumorentwicklung beobachtet und die Chemotherapie wird bei ihnen ein- bis zweimal wiederholt. Viele Mäuse sterben an ihren Tumoren oder müssen wegen eines sehr schlechten Gesundheitszustandes getötet werden. Spätestens 100 Tage nach der ersten Verwendung der Chemotherapeutika werden alle überlebenden Mäuse mittels CO2 getötet. Ihre Lymphknoten und andere Organe werden für weiteren Analysen entnommen.

Diese Arbeit wurde von der Deutschen Krebshilfe, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Helmholtz Gemeinschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Förderverein Hämatologie und internistische Onkologie, der Stiftung Charité und der Volkswagenstiftung finanziell unterstützt. 

Bereich: Krebsforschung 

Hintergrund: Um die Prognose über die Erfolgsrate gängiger Chemotherapeutika für einzelne Lymphom-Patienten zu verbessern, werden schon bekannte genetische Merkmale mehrerer Patienten mit den Genaktivitätsveränderungen bei Mäusen verglichen, denen genmodifizierte Krebszellen anderer Mäuse gespritzt werden. 

Originaltitel: H3K9me3-mediated epigenetic regulation of senescence in mice predicts outcome of lymphoma patients 

Autoren: Kolja Schleich (1), Julia Kase (1), Jan R. Dörr (1), Saskia Trescher (2), Animesh Bhattacharya (1), Yong Yu (3), Elizabeth M. Wailes (1), Dorothy N. Y. Fan (1,4), Philipp Lohneis (5), Maja Milanovic (1), Andrea Lau (1), Dido Lenze (6), Michael Hummel (4,6), Bjoern Chapuy (7), Ulf Leser (2), Maurice Reimann (1), Soyoung Lee (1,3,4), Clemens A. Schmitt (1,3,4,8,9)* 

Institute: (1)* Charité – Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie (CVK) und Molekulares Krebsforschungszentrum (MKFZ), Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin, (2) Institut für Informatik, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, (3) Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin der Helmholtz Gemeinschaft, Robert-Rössle-Straße 10, 13125 Berlin, (4) Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung, Standort Berlin, Berlin, (5) Institut für Pathologie, Uniklinik Köln, (6) Charité – Institut für Pathologie, Berlin, (7) Abteilung für Hämatologie und Onkologie, Universitätsmedizin Göttingen, Göttingen, (8) Hämatologie und Internistische Onkologie, Johannes Kepler Universität, Krankenhausstraße 9, 4020 Linz, Österreich, (9) Berliner Institut für Gesundheitsforschung, Anna-Louisa-Karsch-Straße 2, 10178 Berlin 

Zeitschrift: Nature Communications 2020; 11: 3651 

Dokumenten-ID: 5199 

Dokument 4 – Mäusen die Beine gelähmt 

Tiere: 70 Mäuse 

Versuchsbeschreibung: Die Versuche werden vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) Berlin unter der Nummer G106/19 genehmigt. Die männlichen und weiblichen Mäuse stammen aus der Versuchstierzucht Janvier (Le Genest Saint Isle, Frankreich) und gehören einer Inzuchtlinie an, von der bekannt ist, dass sie besonders anfällig für eine geschlechtsabhängige experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis sind. Dabei handelt es sich um eine künstlich herbeigeführte entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die als „Modell“ in der Multiplen-Sklerose-Forschung eingesetzt wird. Im Alter von 10 bis 15 Wochen werden die Mäuse in zwei Gruppen eingeteilt. Um bei den Mäusen die experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis auszulösen, wird ihnen der Eiweißbaustein in einer Wasser-in-Öl Emulsion, die zusätzlich abgetötete Krankheitserreger enthält, gespritzt. Zusätzlich wird ihnen zweimal ein Bakteriengift in die Bauchhöhle gespritzt.

Die Entwicklung der Symptome der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis wird beobachtet. Sie reicht von einer Lähmung des Schwanzes über eine Lähmung der Hinterbeine bis zu einer Lähmung der Vorderbeine, bevor die Tiere schließlich im Sterben liegen. Mäuse, die eine Querschnittslähmung zeigen oder deren Vorderbeine gelähmt sind, werden auf nicht genannte Weise getötet; dies betrifft in diesem Versuch drei Tiere. Der Höhepunkt der Erkrankung ist nach 10 bis 12 Tagen erreicht. Zu diesem Zeitpunkt werden erkrankte sowie die gesunden Mäuse in einen speziellen Halter gegeben und durch ein gasförmiges Narkosemittel betäubt. Der Kopf der Tiere wird in Vibration versetzt und mit einem bildgebenden Verfahren untersucht. Im Anschluss an die Untersuchung werden die Mäuse mit einer Überdosis Narkosemittel getötet und das Blut in ihrem Körper durch eine konservierende Lösung ersetzt. Ihr Gehirn wird entnommen und untersucht.

Die Arbeiten wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Hertie-Stiftung gefördert. 

Bereich: Multiple-Sklerose-Forschung 

Hintergrund: Mäusen werden Substanzen gespritzt, um eine Entzündung des Gehirns hervorzurufen, die als sogenanntes Modell für die Multiple Sklerose beim Menschen dienen soll. Geprüft wird, ob die Gehirne von männlichen und weiblichen Mäusen durch die Erkrankung in unterschiedlichem Ausmaß weicher werden.

Originaltitel: Sexual dimorphism in extracellular matrix composition and viscoelasticity of the healthy and inflamed mouse brain 

Autoren: Clara Sophie Batzdorf (1), Anna Sophie Morr (2), Gergely Bertalan (2), Ingolf Sack (2), Rafaela Vieira Silva (1,3), Carmen Infante-Duarte (1)* 

Institute: (1) Experimental and Clinical Research Center, Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin und Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Lindenberger Weg 80, 13125 Berlin, (2) Klinik für Radiologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, (3) Einstein Center for Neurosciences Berlin, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 

Zeitschrift: Biology 2022; 11(2): 230 

Dokumenten-ID: 5421 

Dokument 5 – Mäuse müssen bis zur Erschöpfung laufen 

Tiere: 38 Mäuse
Versuchsbeschreibung: Eine Genehmigung der Versuche erfolgt durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) in Berlin. Die 6-8 Wochen alten Mäuse, die von Janvier Labs in Frankreich stammen, werden in 2 Gruppen eingeteilt (Kontroll- und Medikamentengruppe). Je nach Gruppen-Zugehörigkeit bekommen die Tiere an vier aufeinanderfolgenden Tagen entweder Kochsalzlösung oder ein Medikament unter die Haut gespritzt, welches die Herzmuskelzellen schädigt und dadurch zu Vernarbungen im Gewebe und zum Infarkt führen kann. Zwei Tiere der Medikamentengruppe sterben innerhalb der ersten Tage, eines davon durch einen Herzinfarkt. Innerhalb der Woche nach der letzten Spritze werden die Tiere Belastungstests unterzogen. Dafür werden sie auf ein Laufband gesetzt, dessen Geschwindigkeit und Neigungswinkel ständig erhöht werden. Jede Maus muss dort bis zur Erschöpfung laufen. Dies ist bei beiden Gruppen nach etwa 21-22 Minuten der Fall. Erneut eine Woche später werden bei allen Tieren EKGs durchgeführt und die Mäuse anschließend auf nicht genannte Weise getötet. Die Herzen werden für weitere Untersuchungen entnommen.

Gefördert wurde die Studie vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. 

Bereich: Herz-Kreislauf-Forschung 

Hintergrund: An Mäusen, deren Herzmuskelzellen künstlich geschädigt werden, sollen feinste Gewebeveränderungen nachgewiesen werden, die einen Hinweise auf beginnende Herzprobleme geben könnten.

Originaltitel: Characterization of myocardial microstructure and function in an experimental model of isolated subendocardial damage 

Autoren:Niklas Beyhoff (1,2), David Lohr (3), Anna Foryst-Ludwig (1,2), Robert Klopfleisch (4), Sarah Brix (1,2), Jana Grune (1,2,5), Arne Thiele (1,2), Lasti Erfinanda (2,5), Arata Tabuchi (2,5), Wolfgang M. Kuebler (2,5), Burkert Pieske (2,6), Laura M. Schreiber (3), Ulrich Kintscher (1,2)* 

Institute: (1) Institut für Pharmakologie, Center for Cardiovascular Research (CCR), Charite - Universitätsmedizin Berlin, Hessische Str. 3-4, 10115 Berlin, (2) Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Standort Berlin, (3) Lehrstuhl für Zelluläre und Molekulare Bildgebung, Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz, Universitätsklinikum Würzburg, Würzburg, (4) Institut für Tierpathologie, Fachbereich Veterinärmedizin, Freie Universität Berlin, Berlin, (5) Institut für Physiologie, Charite - Universitätsmedizin Berlin, Berlin, (6) Klinik für Innere Medizin – Kardiologie, Campus Virchow Klinikum, Charité - Universitätsmedizin Berlin und Deutsches Herzzentrum Berlin (DHZB), Berlin 

Zeitschrift: AHA Journals Hypertension 2019; 74: 295-304 

Dokumenten-ID: 5018 

Dokument 6 – Schafen Löcher in die Knochen gebohrt

Tiere: 16 Schafe 

Versuchsbeschreibung: Die Studie wurde vom Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin (LaGeSo) unter der Nummer G0341/12 genehmigt. Den Schafen werden unter Narkose mehrere Löcher (Durchmesser 6 mm, Tiefe 15 mm) in Oberarm- und Oberschenkelknochen sowie in Mittelfuß- und Mittelhandknochen gebohrt. Einige Löcher werden mit kommerziell erhältlichem Knochenmaterial gefüllt, andere mit Knochenmaterial vermischt mit dem Antibiotikum Gentamicin und andere werden unbehandelt gelassen. In einer ersten Operation werden die Löcher in die rechten Beine gebohrt und gefüllt, nach sechs Wochen werden Löcher in die linken Beine gebohrt und gefüllt. Nach weiteren drei Wochen werden die Tiere unter Narkose durch Injektion von Kaliumchlorid getötet.

Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. 

Bereich: Knochenchirurgie 

Hintergrund: Untersuchung an Schafen, ob hohe Konzentrationen von Antibiotika die Knochenregeneration beeinträchtigen können. 

Originaltitel: Impact of gentamicin-loaded bone graft on defect healing in a sheep model 

Autoren: Elisabeth Beuttel (1), Nicole Bormann (1), Anne-Marie Pobloth (1), Georg N. Duda (1), Britt Wildemann (1,2)* 

Institute: (1) Julius-Wolff-Institut für Biomechanik und Muskuloskeletale Regeneration, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Freie Universität Berlin, Föhrer Str. 15, 13353 Berlin und Berliner Institut für Gesundheitsforschung, Berlin, (2) Experimentelle Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Jena, Friedrich-Schiller-Universität, Jena 

Zeitschrift: Materials 2019; 12(7): 1116. doi: 10.3390/ma12071116 

Dokumenten-ID: 4998 

 

Unter der Dokumenten-ID können alle Beschreibungen in der Datenbank-Tierversuche gefunden werden.

Zusammenstellung:
1. August 2022
Dr. Corina Gericke

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Systematische Beurteilungen verdeutlichen die Grenzen von Tierversuchen in der Medikamentenentwicklung

Präklinische Forschung bezeichnet den Abschnitt der Medikamentenentwicklung, der den klinischen Studien am Menschen vorausgeht. Dieser Abschnitt umfasst sowohl In-vitro-Studien, etwa mit Zellkulturen oder Organoiden, als auch Tierversuche.

Während Tiere und Tiermodelle bereits lange in dieser präklinischen Forschung verwendet werden, war bis vor gut 20 Jahren eine systematische Analyse verschiedener Tierversuchsstudien zu einem bestimmten (potenziellen) Medikament nicht üblich. Ausschlaggebend war der Fall Horn und Limburg, die feststellten, dass die Tierversuchsstudien bei genauer Analyse gar keine vorteilhafte Wirkung zeigten, obwohl diese Annahme der ursprüngliche Grund war, weshalb die Substanz in die klinische Phase eintrat. Neben der Übertragbarkeitsproblematik tat sich nun ein weiteres Problem auf: die Aussagekraft von Tierversuchsstudien in Abhängigkeit von der Durchführung und Interpretation.

UK

Bei 1 von 1000 klinischen Studien wurde eine Meta-Analyse durchgeführt, aber nur bei 1 von 10.000 Tierversuchsstudien. Hieraus ergeben sich 22 klinische Studien mit 6.400 Teilnehmern, die durch eine systematische Bewertung der Tierversuche den Risiken potenzieller Nebenwirkungen hätten entgehen können, zudem hätte dies eine Menge Kosten gespart.

Die Fachpublikation Pound et al. 2004 stellte fest, dass es wenig belastbare Daten dafür gibt, dass Tiere geeignet für präklinische Forschung sind und dass eine systematische Analyse von Tierversuchsdaten dazu beitragen kann, diesen Sachverhalt besser zu beurteilen. In der Wissenschaftswelt sorgte diese Publikation für Unruhe, von Abraten der Publizierung bis hin zu fachlicher Diskreditierung der Autoren. Parallel veröffentlichte die Royal Society eine Art Gegenentwurf, dass Tierversuche einen großen Beitrag zu den medizinischen Erfolgen geleistet hätten – ohne diese Aussagen anhand von Quellen und Referenzen zu belegen.

Nichtsdestotrotz zog dies einige präklinische systematische Reviews nach sich, die finanziell gefördert wurden und auch die CAMARADES-Kollaboration hervorbrachten.

CAMARADES 

CAMARADES (Collaborative Approach to Meta-Analysis and Review of Animal Data from Experimental Studies) koordiniert systematische Reviews und unterstützt Wissenschaftler bei selbigen. Zudem gibt sie Empfehlungen zu präklinischer Studienkonzeption. 2007 stellte sie fest, dass von 6 Therapien, die im Menschen einen positiven Effekt hatten, die zugehörigen Tierstudien in nur 2 Fällen im Ergebnis übereinstimmten, in einem Fall die Ergebnisse teilweise übereinstimmten und in 3 Fällen die Ergebnisse von Tier und Mensch nicht übereinstimmten. Dies läge entweder an der Konzeption der Tierstudien oder daran, dass Tiermodelle menschliche Krankheiten und Therapieansprache nicht adäquat widerspiegeln.

Niederlande

2012 wurde von Ritskes-Hoitinga SYRCLE (Systematic Review Centre for Laboratory Animal Experimentation) gegründet, da sie zu der Überzeugung gelangte, dass präklinische systematische Reviews besser geeignet sind, die Ziele des 3R-Konzepts zu erreichen, als dem 3R-Konzept selber zu folgen. Das zuvor von ihr gegründete 3R-Zentrum hatte nicht die erhofften Effekte gezeigt. Durch diese Bemühungen nahm das niederländische Parlament einen Antrag an, der systematische Überprüfungen als verpflichtenden Lerninhalt bei Versuchstierumgang festlegt.

SYRCLE

Das erste Symposium 2012 ging der Frage nach, warum präklinische Tierversuchsstudien niedrigere Standards zu haben schienen, obwohl diese Voraussetzung für die anschließenden Studien in Menschen sind. In Kollaboration mit der Evidence-Based Toxicology Collaboration, die zur ähnlichen Zeit in den USA gegründet wurde, entstand eine Datenbank zu systematischen Reviews von Tierversuchsstudien. Mittels des Anschlusses an Evidence Synthesis International entstand ein weltumspannendes Netzwerk.

SYRCLE erarbeitete Richtlinien, Empfehlungen und Checklisten als Training für Wissenschaftler für größtmögliche Transparenz zur Vermeidung von Mehrfachtestungen. Eine Untersuchung im Auftrag des niederländischen Parlaments zeigte 2014 auf, dass die meisten Wissenschaftler gar nicht mit der Methode der systematischen Reviews vertraut sind, so dass daraufhin ein Workshop gefördert wurde; in 8 Jahren nahmen 400 Wissenschaftler teil. Durch ein e-Learning-Angebot konnten zudem 4.000 Wissenschaftler aus 65 Ländern erreicht werden. Es zeigte sich, dass der Tierverbrauch an der Radbound University, an der SYRCLE gegründet wurde, seit Gründung um 35% zurückging, während im gleichen Zeitraum in den Niederlanden ein Rückgang von lediglich 15 % zu verzeichnen war.

Ergebnisse der systematischen Reviews

Insbesondere im Bereich der neurologischen präklinischen Forschung und in der Schlaganfallforschung, aber auch in anderen Bereichen wurde belegt, dass der Wert der Tierversuchsergebnisse viel zu hoch eingeschätzt wird. Ein schlechtes experimentelles Design, kleine Tierkohorten, fehlende Basisinformationen und die Ignoranz negativer Versuchsergebnisse wurden u.a. als Begründungen angeführt, warum die Ergebnisse aus Tierversuchsstudien keine belastbaren Daten ergeben. Die ARRIVE Richtlinie und die Initiative EQIPD (European Quality in Preclinical Data), letztere mit 58 verfassten Empfehlungen, sollen hier gegensteuern.

Entwicklungen der letzten Zeit

Ritskes-Hoitinga wurde stark aus den eigenen Reihen kritisiert für ihre Meinung, dass Tierversuche um 80 % reduziert werden könnten. Ioannidis bekräftigte aber dies, sprach sogar von 90 %.

Selbst wenn alle möglichen Fehler in tierexperimentellen Studien beseitigt werden könnten, wären aber immer noch die Speziesunterschiede zwischen Tier und Mensch für eine unzuverlässige Übertragung der Ergebnisse verantwortlich. Wird der Nutzen für den Menschen mit dem Leid der Tiere aufgewogen, sind nur weniger als 7 % von insgesamt 212 untersuchten Tierversuchsstudien positiv zu verargumentieren.

Trotz des großen Nutzens der Reviews können auch diese nur eine Bewertung darüber abgeben, wie hoch die Qualität von Tierversuchsstudien ist. Das bedeutet aber nicht, dass dies eine verlässliche Aussage darüber sein muss, wie gut sich diese Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen in Hinblick auf die Sicherheit der Probanden und/oder die Effektivität gegen eine Krankheit.

Obwohl die Anzahl systematischer Reviews nach wie vor sehr niedrig ist und es lediglich 2 weitere Symposien gab, wurden SYRCLE 2021 alle Gelder eingestellt.

Nichtsdestotrotz haben die Bemühungen eine Debatte angestoßen, präklinische Tierversuche nicht ethisch, sondern wissenschaftlich offen in Frage zu stellen. Die systematischen Reviews haben nicht nur die Nachteile der Tierversuche an sich offenbart, sondern auch deren Unvermögen, die Reaktion des Menschen vorherzusagen.

Da die Tiermodelle nicht oder nur ungenügend menschliche komplexe Krankheitsbilder widerspiegeln und zudem die Speziesunterschiede bestehen, stellen die Autoren die Frage in den Raum, ob es tatsächlich sinnvoll ist, so viele Gelder in die Verfeinerung der Modelle zu investieren, wenn die Speziesunterschiede und damit die Übertragbarkeitsprobleme sowieso bestehen bleiben.

Größeres Potenzial ohne die translationalen Hindernisse bieten die humanbasierten Forschungsmethoden wie Organoide, Multi-Organ-Chips sowie In-silico-Methoden, die bereits bessere Ergebnisse als Tierversuche liefern. Anscheinend trennt sich die wissenschaftliche Landschaft aber nur ungern von den althergebrachten Methoden: während 80 Autoren von Schlaganfallstudien die Speziesunterschiede als ernstes Problem zugeben, spricht sich nur ein Autor für die Verwendung von humanrelevanten Methoden aus.

Positive Strömungen sind aber zu beobachten: CAMARADES ist nach wie vor aktiv, in Großbritannien schließen einige Tierversuchslabore und das neue Programm „Experimental Medicine“ fokussiert sich auf humanrelevante Methoden. Die Niederlande möchten durch ihren „Transitionsplan“ Vorreiter für humanrelevante Methoden werden und die USA will aus der Verwendung von Säugetieren bei Chemikalientestungen aussteigen. 2021 beschloss das EU-Parlament mit 667 zu 4 Stimmen, dass ein Ausstiegsplan entwickelt werden soll. 

Fazit

Selbst, wenn sämtliche tierexperimentelle Studien vermeintlich optimiert werden würden, stehen die Speziesunterschiede einer verlässlichen, sicheren Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen im Wege. Anstatt sich auf die Verfeinerung unzulänglicher Tiermodelle zu konzentrieren, sollten lieber humanrelevante Methoden weiterentwickelt und eingesetzt werden, da so das Problem der Übertragbarkeit vermieden wird. 

28.07.2022
Dipl. Biol. Julia Radzwill

Originalartikel

Merel Ritskes-Hoitinga, Pandora Pound. The role of systematic reviews in identifying the limitations of preclinical animal research, 2000 – 2022. JLL Bulletin: Commentaries on the history of treatment evaluation 2022

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Aktionstag 2022

1 Million Unterschriften für die Europäische Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics – Für ein Europa ohne Tierversuche“!

In diesem Jahr galt es, Unterschriften für die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Save Cruelty Free Cosmetics - Für ein Europa ohne Tierversuche“ zu sammeln. Denn die EBI ist eine große Chance, endlich etwas für die Tiere zu bewegen. Ob mit Infostand, Silent Line oder Demo - unserer AGs und befreundeten Vereine waren in Augsburg, Berlin, Erlangen, Frankfurt/M., Gütersloh, Hamburg, Hannover, Krefeld, Leipzig, Münster und München engagiert.

engagiert in Augsburg
Augsburg
Die AG Augsburg erneuerte zudem die Forderung „Augsburg muss tierversuchsfrei bleiben!“. Und Lauri, der noch nach Jahren verstörte Ex-Laborbeagle, schockte viele.

engagiert in Berlin
Berlin 
Unsere AG Berlin informierte sowohl beim Laden von Lush („tierversuchsfreie Kosmetik“) als auch zentral beim Fernsehturm.

engagiert in Erlangen
Erlangen
Spontan umdisponieren musste die AG Erlangen, doch konnte ebenfalls etliche Bürger erreichen. 

engagiert in Frankfurt
Frankfurt
Direkt auf der Zeil war die AG Frankfurt/Rhein-Main zusammen mit „Aktiv gegen Speziesismus“ (AgeSpe) und „Animal Liberators Frankfurt“ präsent.

engagiert in Gütersloh
Gütersloh
Unüberseh- und hörbar war die Demo des Vereins Achtung für Tiere e.V.. 

engagiert in Hamburg
Hamburg
Ansprechend: nicht nur dieses Gruppenbild der Damen der AG Hamburg, sondern ihre Art, auf die Passanten zuzugehen. 

engagiert in Hannover
Hannover
Gut sichtbar in der City stellte die AG Hannover eine Silent Triangle als Mahnwache und ihren Infostand.  

engagiert in Krefeld
Krefeld
Die AG Düsseldorf/Krefeld war mit einer Silent Line, Infostand sowie einer Ausstellung über Tierversuche und tierversuchsfreie Methoden breit aufgestellt.

engagiert in Leipzig
Leipzig
Innovativ: Da die EBI leichter online zu unterstützen ist als auf dem Papierdokument, sammelte die AG Leipzig viele Unterschriften per Tablet.  

engagiert in München
München
Unüberhörbar: Aufklärende und einladende Worte der AG München und Animals United e.V..

engagiert in Münster
Münster
Vielseitig war die AG Münster im Einsatz, mit einer Mahwache, mobil mit Flyern auf der Straße und einem Infostand beim Kosmetik-Geschäft Lush („tierversuchsfreie Kosmetik“).