
Tierexperimentatoren nehmen Kurs auf Schüler
Tierexperimentatoren nehmen Kurs auf Schüler
06. April 2006
Die Kritik am Tierversuch nimmt rasant zu. Studien beweisen Gefahren und Misserfolge - Meldungen über Steuerverschwendung, sinnlose Versuche und brutale Übergriffe in Laboren reißen nicht ab. Verstärkte Werbemaßnahmen der Tierexperimentatoren zeigen, dass sie um bislang großzügig fließende Forschungsmittel und die Verfügbarkeit ihrer Versuchstiere bangen. Nun strecken sie ihre Arme sogar nach Jugendlichen aus und führen ein viele Monate dauerndes Schülerprojekt durch. Im Interesse von Mensch und Tier möchten wir Sie über die in Hannover stattfindenden Aktivitäten informieren und auf die damit verbundenen Gefahren aufmerksam machen.Am 4. Februar 2006 wurde das Projekt "Herzschlag" Wirtschafts- und Pressevertretern vorgestellt. An der Informationsveranstaltung und Posterausstellung in der Medizinischen Hochschule nahmen auch Pressereferenten von Tierschutzorganisationen, so auch der Ärzte gegen Tierversuche e.V., teil. Der Initiator, Prof. Haverich, Tierexperimentator und Herzchirurg, leitet gemeinsam mit anderen Kollegen ein Oberstufenprojekt, bei dem SchülerInnen versuchen Herzmuskelzellen zu züchten. Haverich behauptet, herausfinden zu wollen, wie weit man Forschung in die Schule vorverlegen kann. Die SchülerInnen benötigen für ihre Versuche Rattensäuglinge, die durch Abschneiden des Kopfes getötet und deren Herzen entnommen und zerkleinert werden, um Herzmuskelzellen zu gewinnen.
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit von Prof. Haverich, Direktor der Abteilung Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit dem Niedersächsischen Kultusministerium, der Universität Hannover und der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Der Verein Deutscher Ingenieure organisiert Medienauftritte der Teilnehmer.
Folgende Statements sollen einen Eindruck vermitteln:
Ein Schüler antwortete auf die Frage nach dem Grund für das Köpfen der Rattensäuglinge: »In diesem Alter ist die Wahrnehmung noch nicht so ausgebildet. Die Augen sind noch geschlossen, ein extrem stressfreier Tod also. Außerdem überleben die Herzmuskelzellen einer so jungen Ratte länger.«Eine Schülerin antwortete auf die Frage, ob es ihr etwas ausmache, dass Ratten für das Projekt sterben: »Am Anfang war es komisch, dass die Ratten extra für unsere Versuche gezüchtet werden. Wir haben mit unseren Betreuern darüber gesprochen. Die haben uns gefragt, ob das für uns in Ordnung ist. Aber ich sag mal so, irgendwann gewöhnt man sich dran. Und außerdem ist es ja für ein gutes Ziel.«
Eine andere Schülerin beantwortete die Frage, warum Menschen Tiere quälen dürften, lachend mit: »Alles für die Wissenschaft«.
Tierexperimentatoren betreuen SchülerInnen in der sensibelsten Phase ihrer Entwicklung zu Erwachsenen. Das Köpfen von Menschen gilt mit Recht als der Inbegriff von Grausamkeit und Gewalttätigkeit. Im Geschichtsunterricht wird vermittelt, dass die Nationalsozialisten bewusst diese Tötungsart wählten, als sie Sophie Scholl und ihre Mitstreiter verurteilten. Wir halten es für verantwortungslos, SchülerInnen zu verleiten, Gewalt gegen wehrlose Tiere zu verharmlosen und dabei ganz nebenbei die Grausamkeit eines Todes durch Köpfen zu leugnen. Und sollten wir nicht hochschrecken, wenn uns eine Schülerin »alles für die Wissenschaft« als Rechtfertigung für das Quälen und Töten von Lebewesen anbietet? Dem kritischen Beobachter drängt sich der Verdacht auf, dass die Jugendlichen für die Interessen der Tierexperimentatoren eingenommen und als Sympathieträger und Multiplikatoren instrumentalisiert werden sollen.
Unsere Gespräche mit den TeilnehmerInnen wurden von Haverich und seinem Assistenten konsequent unterbrochen. Obwohl dazu aufgefordert worden war, mit den Schülern über deren Poster zu diskutieren, waren kritische und Gewissensfragen offenbar nicht erwünscht. Ein Poster trug den Titel »Ethik der Tierversuche«. Die mehrmonatige Einflussnahme auf die SchülerInnen war deutlich: Sie verteidigten Tierversuche mit den üblichen Formulierungen von Tierexperimentatoren. Wollte man wirklich nur wissen, ob Schüler wissenschaftlich arbeiten können, so stünden dafür moralisch unbelastete Fragestellungen zur Verfügung. Wir sehen die Gefahr, dass Jugendliche verleitet werden, Leiden von Lebewesen zu leugnen, Grausamkeit schrittweise aus ihrem Denken auszublenden und emotional abzustumpfen. Das ist gefährlich - vor allem für Heranwachsende.
Fast ein Jahr den Moralvorstellungen von Tierexperimentatoren ausgesetzt, lässt dieses einseitig vorbelastete Umfeld den SchülerInnen fast keine Chance mehr, sich eine unabhängige Meinung zu bilden. Ein Schüler verteidigte bereits nach drei Monaten vehement die Tatsache, dass mit Steuergeldern bezahlte Tierversuche vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Dem Projekt »Herzschlag« muss aber auch der Vorwurf mangelnder Sorgfalt gemacht werden. Laut Untersuchungen z.B. aus dem Jahre 2004 trifft diese Kritik Tierexperimentatoren ohnehin häufig. Die Aussagen und Poster der SchülerInnen wiesen sowohl Definitionsfehler als auch unlogische Schlussfolgerungen auf. Den TeilnehmerInnen werden offensichtlich wesentliche Grundlagen naturwissenschaftlichen Arbeitens nicht vermittelt: die Verpflichtung zu Selbstkritik und Genauigkeit.
Die SchülerInnen schneiden den Ratten die Köpfe vermutlich noch nicht selbst ab, beschreiben diesen Vorgang jedoch fachmännisch und emotionslos. Wir halten es für gefährlich und unmoralisch, sie langfristig dem Einfluss von Tierexperimentatoren auszusetzen und subtil in Tierleid zu verwickeln. Kann Haverich garantieren, dass die Jungforscher nicht eines Tages aus ihrem Forscherrausch erwachen und an ihrer moralischen Bürde zerbrechen? Überall wird Gewalttätigkeit beklagt. Bei »Herzschlag« wird Gewalt verharmlost und Töten zur Routine. Abstumpfung und das Ausblenden von Leiden werden gefördert und Mitgefühl vernichtet. Das Projekt ist ein Schlag ins Gesicht jener Menschen, die sich mit aller Kraft gegen Gewalttendenzen engagieren!
Hintergrundinformationen zu Veranstaltung und Postern sind auf Anfrage erhältlich.
Astrid Reinke
Protestadressen (bitte unbedingt höflich schreiben):
Verein Deutscher Ingenieure e.V.
Graf-Recke-Str. 84
40239 Düsseldorf
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Niedersächsisches Kultusministerium
Schiffgraben 12 (Postfach 161)
30159 Hannover
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http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/projekte/stellungnahme/88-tierexperimentatoren-nehmen-kurs-auf-schueler







