
Der Tierversuch in der Humanmedizin
Der Tierversuch in der Humanmedizin
von Dr. med. Werner Hartinger †Das Thema Tierversuche ist so komplex und vielschichtig, weil sich hier die verschiedensten Interessen treffen und überlagern: Die Politik legalisiert die quälerische Verwertung der Tiere, kirchliche Institutionen liefern die moralische Rechtfertigung, die Wissenschaft begründet sie »zum Wohle des Menschen«, die Industrie droht mit Arbeitsplatzverlusten, die Wirtschaft erklärt sie für unerlässlich, die Forscher warnen vor Abwanderung ins Ausland, die Medien verkünden bei Abschaffung ein Chaos in der Medizinversorgung, Interessenverbände bangen um Milliardensubventionen und alle rechtfertigen Tierversuche mit einem Gewinn, Nutzen oder Vorteilserhalt.
Berechtigung, Notwendigkeit und Verwertbarkeit der Tierexperimente werden also mit Aussagen der Kreise begründet, die aus dieser »Verwertung« unserer Mitgeschöpfe persönliche, berufliche, wirtschaftliche und politische Vorteile erzielen. Doch ebenso wie man die Auffassung eines Metzgermeisters über die vegetarische Lebensweise nicht unkritisch übernimmt, sollte man sich auch über diesen Forschungsbereich eine eigene, unvoreingenommene Meinung bilden. Dazu sind drei Fragen zu beantworten:
1. Ist der Mensch berechtigt, zu seinem Vorteil und Gewinn Milliarden Tiere leidvoll leben zu lassen, nicht artgerecht zu halten und zu ernähren sowie qualvoll zu töten, und worauf sollte diese Berechtigung beruhen?
2. Können die Erfolge in der Medizin, wie behauptet, wirklich auf Tierversuche zurückgeführt werden und sind diese überhaupt in der Lage, Wissen über menschliche Erkrankungen zu vermitteln sowie Wirkungsvoraussagen und Anwendungssicherheiten von Substanzen beim Menschen zu liefern?
3. Kann eine naturwissenschaftlich ausgerichtete Tierversuchsmedizin langfristig zu einer Verbesserung des allgemeinen Gesundheitsstandards beitragen und ist es möglich, eine durch jahrelanges Fehlverhalten, ungeeignete Ernährung und Lebensweise sowie Umwelteinflüsse entstandene Erkrankung mit einer chemischen Substanz ursächlich zu heilen?
Die »3M« der Tierversuchsgegner
Die Antworten auf diese Fragen lassen sich mit den drei »M« der Tierversuchsgegner zusammenfassen.
»M« wie moralisch
Zur ersten Frage, bzw. zum ersten »M« ist festzustellen, dass alle Religionen und Moralphilosophien das Quälen und leidvolle Töten der Tiere - ja das Töten überhaupt - als unmoralisch bezeichnen und untersagen. Eine unmoralische Handlung wird aber nicht dadurch moralisch, indem man sie mit einem Gewinn oder Vorteilserhalt begründet. Es kommt auch nicht darauf an, ob der Experimentator seine Handlungen mit seinem Gewissen vereinbaren kann, sondern ob sie von der Allgemeinheit geduldet werden können, zu deren angeblichem Wohl sie vorgenommen werden. Wenn jede mit dem eigenen Gewissen zu vereinbarende Handlungsweise automatisch auch integer wäre, müsste jede Gesetzesübertretung ebenso geduldet werden. Hier ist der Betreffende ja auch der Meinung, die Taten mit seinem Gewissen vereinbaren zu können. »M« wie methodisch
Das »M« als Antwort auf die zweite Frage steht für die Ablehnung der Tierversuche aus methodischen Gründen. In keinem Forschungsbereich kann das Tierexperiment eine verwertbare Aussage darüber machen, ob und inwieweit sich der menschliche wie der tierische Organismus verhält. In jedem Fall muss der gleiche Versuch mit einem unkalkulierbaren Risiko und einem unvorhersehbaren Ergebnis am Menschen wiederholt werden. Erst wenn die humanmedizinischen Experimentwerte vorliegen und mit den Tierversuchsresultaten verglichen werden können, ist im Nachhinein beurteilbar, ob der Mensch überhaupt, und wenn ja, in welchem Ausmaß wie das Tier reagiert. Vorher ist jede Aussage eine Spekulation. Bestenfalls eine Hypothese mit unbeurteilbarer Verwertbarkeit für den Menschen, denn der Übertragungsquotient ist weder bekannt noch berechenbar. Man kann das Tier auch nicht als »Modell« bezeichnen, denn dafür müsste zumindest eine berechenbare Vergleichbarkeit gegeben sein, was ebenso wenig der Fall ist.Auch der Gesetzgeber hält die einfache Wertübertragung vom Tier auf den Menschen für ein zu großes Risiko. Deshalb fordert er für die Zulassung eines jeden Medikamentes und eines jeden medizinischen Verfahrens den Nachweis über Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Unschädlichkeit beim Menschen.
Entgegen anderslautenden Behauptungen sind somit weder der relativ risikofreie Einsatz der Medikamente noch die Anwendung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen auf Tierversuche zurückzuführen, sondern ausschließlich auf die notwendigerweise gesetzlich geforderte klinische Erprobung am Menschen. Auch die Vorerprobung wirkungsunbekannter Substanzen für neue Medikamente am Tier kann keine Anwendungssicherheit für den Verbraucher bringen. Ist nämlich eine solche Substanz am Tier wirksam und gut verträglich, heißt das nicht, dass es auch beim Menschen so wäre. Dort kann sie eine ähnliche, eine entgegengesetzte, eine ganz andere oder auch gar keine Wirkung haben. Eine »Anwendungssicherheit« wird somit nur für den Produkt-Hersteller erreicht, indem er für mögliche Nebenschäden seines Produktes de facto nicht mehr haftbar gemacht werden kann.
Viele Erkrankungen haben ihre Ursache im Versagen der Abwehrfunktionen und der Regenerationskräfte des Organismus. Beide können aber am »Tiermodell« nicht simuliert werden, da das ursprünglich gesunde Tier für seine Heilung eine ganz andere Ausgangslage hat als ein kranker Mensch. Weil außerdem im Experiment die vielschichtigen Erkrankungsursachen auf eine einzige reduziert werden, erlaubt es auch unter diesem Gesichtspunkt keine übertragbaren Rückschlüsse auf den Menschen.
Die Behauptung einer ethischen Abwägung zwischen der Belastung des Tieres beziehungsweise seinem Tod und dem angeblich berechtigten Interesse des Menschen verschleiert einerseits, dass zwischen dem Leid, Schmerz und Tod des Tieres und dem Vorteil und Gewinn des Menschen ehrlicherweise überhaupt nicht abgewogen werden kann und impliziert andererseits die unzutreffende Unterstellung, im Tierversuch humanmedizinische Erkenntnisse zu erhalten.
»M« wie medizinisch
Das dritte »M« steht für medizinische Ablehnungsgründe und bezieht sich dabei auf die naturwissenschaftlichen Medizinvorstellungen und ihre Aussagemöglichkeiten über den Erkrankungs- und Heilungsprozess eines Lebewesens. Nun hat alles in unserer Welt zwar materielle Strukturen, auch die Lebewesen, doch an der Entstehung von Krankheit und Gesundheit eines Organismus haben sie den geringsten Anteil. Dessen artspezifische, zum großen Teil geistig-seelisch gesteuerte Funktionen und Reaktionen können auf physikalisch-chemischer Ebene nicht erfasst und noch weniger quantifiziert werden. Auf diese Weise können nur die eingetretenen funktionalen und strukturellen krankhaften Veränderungen analysiert werden, nicht aber die Vorgänge, die vor der erkennbaren Krankheitssymptomatik zu diesen Veränderungen geführt haben.
Deshalb kann diese materiebezogene Erforschung der biomedizinischen Lebensvorgänge weder Erkenntnisse über die eigentlichen Erkrankungsursachen vermitteln noch die Symptombehandlung der Krankheiten zu einer Beseitigung ihrer Ursachen führen. Eine nachhaltige Besserung des Gesundheitszustands ist also mit diesem Medizin-Konzept kaum zu erwarten. Dies wäre nur mit einer Verhinderung der Erkrankung erreichbar, jedoch gerade über diese Vorgänge kann die naturwissenschaftliche Medizin kaum Erkenntnisse erarbeiten.
Mit solchen auf rein materielle Aspekte reduzierten Betrachtung wird das Lebewesen als eine Art biologische Maschine angesehen und die Behandlung der Krankheiten fast auf das Niveau reduziert, das der Mechaniker dem zu reparierenden Objekt entgegenbringt. Die sozialen, seelischen und geistigen Bezugsebenen des Menschen werden ausgeklammert, obwohl sie für die Schädigung seines Immunsystems ebenso ausschlaggebend sind wie für den Heilungsprozess. Darüber hinaus ist es unwahrscheinlich, eine durch langfristiges Fehlverhalten, falsche Ernährung, ungeeigneten Lebensstil und durch unzählige Umwelteinwirkungen ausgelöste Krankheitssymptomatik mittels einer chemischen Wirksubstanz ursächlich heilen zu können.
Wenn diese Tierversuchsideologie vor ca. 150 Jahren von Claude Bernard mit der Begründung in die Medizin eingeführt wurde, warum denken, wenn experimentiert werden kann, dann erscheint es im Interesse von Mensch und Tier höchste Zeit, diese auf Tierversuchen und Denkverzicht beruhende Medizin- und Moralauffassung durch Denken und Verzicht auf Tierversuche zu ersetzen.
Der Autor
Dr. med. Werner Hartinger (1925-2000)Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie
Dr. med. Werner Hartinger absolvierte sein Medizinstudium an der Universität München. Nach dem Examen und der Promotion im Jahr 1953 folgten 1969 und 1970 die Anerkennungen als Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie. Seit seinem Examen war Dr. Hartinger an verschiedenen Krankenhäusern und ab 1970 in seiner eigenen chirurgischen und unfallchirurgischen Facharztpraxis tätig.
Dr. Hartinger war seit 1981 aktives Mitglied der Ärzte gegen Tierversuche e.V. und wurde 1988 zum 1. Vorsitzenden gewählt. In zahllosen fundierten Publikationen, Informationsschriften, Artikeln, Stellungsnahmen sowie in unzähligen Fernsehauftritten und Vortragsreisen, die ihn quer durch Deutschland und auch in viele andere Länder führten, prangerte Dr. Hartinger unermüdlich die Unwissenschaftlichkeit des Tierversuchs an. Durch seine Kompetenz, seine Überzeugungskraft und seinen unermüdlicher Einsatz für die Tiere war er eine treibende Kraft innerhalb der Bewegung der Tierversuchsgegner.
http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/infos/humanmedizin/17-der-tierversuch-in-der-humanmedizin.html






